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StartseiteHintergrundChance für einen Neuanfang23.05.2007

Chance für einen Neuanfang

Der deutsche Leistungssport nach den Dopinggeständnissen

Der Radsport muss erst am Boden liegen, dann ist der Druck auf Politik und Funktionäre so groß, dass sich was ändern kann. National scheint der Boden für eine Erneuerung bereitet

Von Heinz-Peter Kreuzer

Eine Laborantin untersucht im Kölner Institut für Biochemie eine Dopingprobe. (AP)
Eine Laborantin untersucht im Kölner Institut für Biochemie eine Dopingprobe. (AP)
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"Ich beende heute meine aktive Karriere, das war nicht leicht für mich. Wenn man erkannt hat, was danach kommt, wenn man erkannt hat, was man geschaffen hat, wenn die innere Stimme sagt, es ist soweit, dann sollte man darauf hören. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe in meiner Karriere keinen betrogen und auch keinen geschädigt","

sagte der unter starkem Dopingverdacht stehende Jan Ullrich. Der frühere Radsport-Held bestreitet trotz erdrückender Beweise gedopt zu haben. Er folgt dem alten Muster der Szene: nichts zugeben und sich hinter der Mauer des Schweigens verstecken. Sieht der einstige Top-Held seine Lebensleistung in Gefahr, falls er zugibt, dass er den Sieg bei der Tour de France 1997 nur mit Doping errang? Nach den Doping-Geständnissen der ehemaligen Team-Telekom-Fahrer Bert Dietz und Christian Henn, das bei dem Bonner Rennstall von 1995 bis 1999 systematisch mit Epo gedopt wurde, ist Doping auch bei Ulrich sehr wahrscheinlich.

In anderen Ländern haben Fahrer schon früher ausgepackt, zum Beispiel in Italien. Da machte zwar Ivan Basso einen Rückzieher von seinem Geständnis. Doch sein Landsmann Michele Scarponi gab vor der Anti-Doping-Kommission des italienischen Nationalen Olympischen Komitees Epo-Doping und andere Praktiken zu. In Deutschland war es der frühere Radprofi Bert Dietz, der mit seinem Auftritt in der Fernseh-Talkshow "Beckmann" die Lawine lostrat. Er antwortete auf die Frage, ob im damaligen Team Telekom mit dem Blutdopingmittel Erythropoietin, kurz Epo, betrogen wurde:

""Eigentlich bei mir das erste Mal '95, als ich mehr oder weniger, als ich über die Freiburger Ärzte die Sache angeboten bekommen hatte. Es war im Trainingslager auf Mallorca, was im Frühjahr immer als gemeinsames Trainingslager abgehalten wurde. Die Ärzte wurden dann halt auch immer mehr in die Trainingsplanung mit einbezogen, auch auf Wunsch von Telekom, dass das halt alles zentral gesteuert wurde. Und die Freiburger Ärzte hatten sich dann da ein bisschen mehr mit reingehängt. Und so wurde ein Plan besprochen. Und in diesem Zusammenhang mit diesem individuellen Gespräch, was jeder dort geführt hatte, wurde die Gesamtsituation im Radsport erst einmal beschrieben - wie gesagt, Italiener fahren schnell und da und so -, und dass es halt damit zusammenhängen könnte, dass es da ein neues Mittel gibt, was halt das EPO ist. Und in dem Zusammenhang habe ich es eigentlich das erste Mal gehört."

Dieses Geständnis löste eine Kettenreaktion im deutschen Sport aus, nicht nur im Radsport. Dabei war es nicht das erste Mal, das ein deutscher Radprofi über Dopingpraktiken ausgepackt hatte. Vor fast zehn Jahren schon hatte der Kölner Fahrer Jörg Paffrath im "Spiegel" über seine Erfahrung mit den verbotenen Substanzen berichtet. Der Lohn für seine Offenheit: Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sperrte ihn lebenslang, erst 2002 wurde der Kölner begnadigt. Denn 1997 war die Zeit noch nicht reif für ein Dopinggeständnis. Damals reagierte die Radsport-Welt trotz übereinstimmender belastender Aussagen wie der heutige Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) Rudolf Scharping.

"Solange niemand einen mit dem leisesten Indiz versehenen Hinweis darauf gibt, das in anderen Bereichen des Radsports gedopt werde oder sogar systematisch gedopt werde, hat das Züge der Hexenjagd."

Der ehemalige Verteidigungsminister hat diese Meinung mittlerweile exklusiv. Andere Funktionäre, Sponsoren und Sportler stellen sich der Realität: Mit dem spanischen Dopingskandal um den Mediziner Eufemiano Fuentes, auch als Operacion Puerto bekannt, sind so viele Beweise für kriminelle Machenschaften und Doping ans Tageslicht befördert worden, dass nur noch wenige die Augen verschließen können. Deshalb bröckelt jetzt die Mauer des Schweigens. Keine 24 Stunden nach Dietz' Geständnis hatte sich schon ein ehemaliger Mannschaftskollege beim Team Telekom, Christian Henn, selbst des Dopings bezichtigt. Henn ist heute sportlicher Leiter beim Team Gerolsteiner. Sein Teammanager Hans-Michael Holczer bestätigte das Geständnis seines Angestellten.

"Also Christian hat mich angerufen. Wir haben beide die Sendung bei 'Beckmann' gesehen, er hat mir in weiten Teilen, nicht explizit und auch nicht sehr lange, in groben Zügen bestätigt, das er das ähnlich erlebt hat, wie es geschildert wurde. Ja, er hat dann auch heute definitiv gegenüber Journalisten zugegeben, dass er in seiner Zeit beim Team Telekom Epo gebraucht hat."

Dietz und Henn bestätigten damit die vor Wochen veröffentlichten Enthüllungen des Masseurs und Pfleger Jeff d' Hondt. Der Belgier war ebenfalls in den 90er Jahren beim Team Telekom angestellt gewesen. Und: Beide bestätigen die Rolle der Mannschaftsärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid, die selbst die Epo-Spritzen gesetzt haben sollen. Nicht nur das: Über die Apotheke der Universitätsklinik wurden die Medikamente, die als Dopingmittel missbraucht wurden, den Sportlern auch nach Hause geschickt. Bert Dietz erläutert:

"Der Weg war eigentlich immer so, wie es der Jeff d'Hondt beschrieben hat. Das heißt, man hat beim Arzt gesagt, ich brauche was, und der Pfleger hat es einem dann das nächste Mal mitgebracht oder man hat es nach Hause geschickt bekommen. Eine Styroporverpackung mit zwei Eispacks, drunter und drüber, teilweise wurde es später geschickt von Freiburg. Und wenn man es so bekommen hat, dann über die Pfleger."

Für den engagierten Anti-Doping-Kämpfer Professor Werner Franke ein bisher unvorstellbares Szenario.

"Das Neue ist, wie solche Mittel an die Sportler geraten, dass dabei, das hätte ich mir nie gedacht, eine deutsche Universitätsapotheke mit ihrem Personal direkt an diesem kriminellen Geschehen beteiligt ist."

Zum Vergleich: In Spanien handelte es sich um privat aufgezogenes Netzwerk. Die Universitätsklinik Freiburg aber ist eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Einrichtung. Ist ihre sportmedizinische Abteilung ein mit Steuergeldern subventioniertes Dopingzentrum? Schon werden Erinnerungen an die Vergangenheit wach: Dem Freiburger Orthopäden Professor Armin Klümper werden ebenso Doping-Verstrickungen vorgeworfen wie dem ehemaligen Leiter der sportmedizinischen Abteilung, Professor Joseph Keul. Nach den Vorwürfen des ehemaligen Telekom-Profis Dietz sah die Klinik-Leitung nur noch einen Ausweg. Dazu der Rektor Professor Wolfgang Jäger:

"Aufgrund der neuerlichen Vorwürfe des Radprofis Dietz hielten Rektor, Dekan und Klinikumvorstand es für angezeigt, die beiden betroffenen Ärzte von ihrer Tätigkeit bis zur Klärung der Vorwürfe freizustellen. Hierüber wurde mit beiden Ärzten, für die weiter die Unschuldsvermutung gilt, Einvernehmen erzielt."

Die Uniklinik hat jetzt die Ärzte, die das Team Telekom betreut haben, zurückgezogen und eine Expertenkommission eingesetzt, um die Vorfälle aufzuklären. Der Imageschaden ist aber gewaltig, und Rektor Jäger fürchtet um die Bewerbung als Eliteuni. In diesem Fall kann der Schaden zwar eventuell begrenzt werden, doch die Beziehungen zwischen Universitätsklinik und Team T-Mobile sind gespannt. Unternehmenssprecher Christian Frommert:

"Wir haben schon Konsequenzen gezogen, mit den Ärzten arbeiten wir schon nicht mehr zusammen. Eine weitere Zusammenarbeit ist jetzt nach diesen Worten nicht mehr denkbar, und wir suchen eine Alternative zur medizinischen Betreuung der Universitätsklinik Freiburg. Und wir sind sehr sicher, da bald fündig zu werden."

In den Augen der Universitätsklinik ein heuchlerischer Vorgang: Rektor Wolfgang Jäger fühlt sich von der Telekom unfair behandelt.

"Wir sind ja bereit, die gegen uns erhobenen Vorwürfe wirklich aufzuklären, wir sind nur etwas überrascht, über die Reaktion der Telekom, die so tut, als habe sie mit alldem nichts zu tun."

Darum kümmert sich nun auch die Freiburger Staatsanwaltschaft. Sie hat die Ermittlungen aufgenommen. Staatsanwalt Wolfgang Maier:

"Richtig ist, dass wir nur das verfolgen können, was in nicht verjährter Zeit stattgefunden hat. Das betrifft den Zeitraum ab 2002 bis zum heutigen Tage. Was davor liegt, rechtfertigt zwar einen gewissen Anfangsverdacht dafür, dass auch in nicht verjährter Zeit eine derartige Praxis gehandhabt wurde, aber dafür sind wir auf die weiteren Ermittlungen für diesen Zeitraum angewiesen."

Neue Anhaltspunkte könnten der Staatsanwaltschaft ehemalige Mannschaftskollegen von Dietz geben. Aber Udo Bölts, Rolf Aldag und Jens Heppner schweigen bisher beharrlich. Vor allen Dingen Aldag, heute Sportlicher Leiter beim Team T-Mobile, steht im Fokus. Er hat bisher geleugnet, von der offensichtlich flächendeckenden Dopingpraxis in den 90er Jahren etwas mitbekommen zu haben. Für den Neuanfang nach dem Ullrich-Eklat war der treue Vasall zum Teamchef der "neuen" und "sauberen" T-Mobile-Mannschaft berufen worden. Jetzt steht Aldag auf dem Prüfstand, vielleicht schon vor der Ablösung.

Die Ablösung Aldags wäre eine Konsequenz, ein Ausstieg der Telekom als Sponsor die andere. Aus Unternehmenskreisen heißt es, die Dopingaffäre sei schlecht für das Image des Konzerns. Dagegen beschwört Frommert, die Telekom werde das Team weiter unterstützen.

"Wir bleiben momentan in diesem Sport, sich jetzt zu verabschieden wäre auch wirklich eine Flucht aus diesem Sport. Aber wir überprüfen es ständig, und dann treffen wir jedes Mal diese Entscheidung aufs Neue, das ist keine Sache für die Ewigkeit. Wir geben dafür keine Garantie, das können wir nicht tun, das werden wir nicht tun. Aber momentan gibt es dazu keine Veranlassung, erst einmal rauszugehen."

Der Radsport hat in Sachen Doping momentan das schlechteste Image, aber die Manipulationen mit verbotenen Substanzen betreffen den gesamten Sportbereich. So war die Universitätsklinik Freiburg ein Treffpunkt des deutschen Hochleistungssports. Der Deutsche Ski-Verband, die Ringer-Nationalmannschaft, die Zehnkämpfer und andere Leichtathleten sowie Fußball-Zweitligist SC Freiburg nutzten das Know-how der Uniklinik. Während der Sport-Club der Einrichtung treu bleibt, hat der Deutsche Behinderten-Sportverband die Zusammenarbeit nach den Doping-Enthüllungen aufgekündigt. Und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) will zukünftig nur noch unbelastete Freiburger Ärzte für Olympia nominieren. DOSB-Präsident Thomas Bach;

"Die Null-Toleranz-Politik gilt auch in dieser Sache: Wer in ein Dopingvergehen verwickelt ist, sei es als Athlet oder als Arzt, überführt ist, der hat in der Olympiamannschaft Deutschlands nicht zu suchen."

Eigentlich sollte eine genaue Prüfung der Olympiaärzte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber in der langen, in den Köpfen verwurzelten Dopingmentalität haben sich ethische Werte verschoben. Die Frage war nicht: Tue ich etwas Falsches, betrüge ich? Sondern: Wie groß sind die Chancen, erwischt zu werden?

Und in den 90er Jahren sei die Gefahr, bei Kontrollen überführt zu werden, sehr gering gewesen, erklärte Bert Dietz. Zu diesem Zeitpunkt war der Nachweis von Epo nicht möglich, heutzutage werden nicht alle Möglichkeiten der Dopinganalytik ausgeschöpft, sagt Hans Geyer, der stellvertretende Institutsleiter des Kölner Doping-Kontroll-Labors.

"Wir könnten zum Beispiel die Methoden, die wir heute schon haben in den Laboratorien, einsetzen, um neue Substanzen nachzuweisen. Die werden noch nicht eingesetzt, weil die WADA warten will, bis alle Labors die Methoden können, obwohl wir die Dinge in Köln schon seit einem Jahr können. Wir können Insuline nachweisen, wir können Synacthen nachweisen, wir können viele Dinge nachweisen, die andere Labore nicht können."

Der stellvertretende Laborleiter will die Sportler auf diese Substanzen testen und bei verdächtigen Befunden die Proben lagern und warten, bis die Welt-Doping-Agentur (Wada) diese Methoden endgültig anerkennt. Dann könne man diese Analysen wiederholen.

"Die Sportler lachen sich ja mittlerweile kaputt. Seit Jahren wird Synacthen genommen, in jeder Beschlagnahung wird Synacthen gefunden bei Radsportlern, obwohl wir solch eine Methode schon haben. Ich glaube, dass das eine der effektivsten Methoden ist, um Doping zu bekämpfen im Spitzensport, nämlich Abschreckung."

Außerdem fordert Geyer intelligente Kontrollen, bei den Radsportlern zum Beispiel am Morgen eines Etappenrennens. Dann könne man die Substanzen entdecken, die genommen würden, um die Regeneration zu beschleunigen: Insulin und Testosteron.

Eine weitere Lösungsmöglichkeit ist die von Bert Dietz vorgeschlagene Amnestie für reuige Sportbetrüger. Bei ihrer Umsetzung seien Politiker, Funktionäre und der Weltverband gefragt. Man müsse einfach einen Weg finden, den Rennfahrern, die heute wirklich ohne Doping auskommen wollen und ernsthaft diesen neuen Weg gehen wollen, eine neue Chance zu geben.

"Sie müssen sich vorstellen, jeder Rennfahrer will natürlich jetzt ohne Doping auskommen. Aber jeder wird morgens aufwachen und denken, hoffentlich wird heute nicht meine Geschichte von früher publik. Da bin ich sofort meinen Arbeitsplatz los."

Für einen ähnlichen Weg hat sich das Team Gerolsteiner entschieden. Manager Hans-Michael Holczer will nach dem Dopinggeständnis seinem sportlichen Leiter Christian Henn eine zweite Chance geben.

"Wir haben natürlich zwei Möglichkeiten: Man kann Christian Henn weiter beschäftigen oder ihn suspendieren oder entlassen. Letzteres würde vor allem das Kartell des Schweigens, wie das ja immer genannt wird, stützen, und das ist etwas, was wir nicht wollen. Wir stehen für einen neuen Radsport, für eine neue Grundhaltung, und da hat Christian Henn ganz Hervorragendes geleistet in den letzten Jahren. Ich gehe davon aus, dass er bei uns bleibt. Wo es kein Pardon gibt, wenn in irgendeiner Weise in seiner Zeit bei Gerolsteiner irgendetwas auftauchen würde oder es belastende Elemente gäbe."

Unterstützung kommt in dieser Sache von dem SPD-Politiker Peter Danckert, dem Vorsitzenden im Sportausschuss des Bundestages.

"Eine solche Handlungsempfehlung wäre eben auch, sich eben zu einem Amnestie-Panel zusammenzufinden und zu sagen, wir müssen mal sehen, was wir verantworten können, um die aus der Reserve zu locken, die ja eigentlich bereit sind zu reden."

Der Vorschlag trifft in der Sportwelt auf wenig Gegenliebe. BDR-Präsident Scharping meint:

"Diese Art von Kronzeugenregelung, glaube ich, sollte sich der Sport sehr genau überlegen."

Und Thomas Bach, Vize-Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, will den Geständigen keinen Freibrief ausstellen:

"Wir plädieren sehr dafür, von den bestehenden Regelung der Kronzeugenregelung im Wada-Code Gebrauch zu machen, der sieht weitgehende Straferleichterungen vor, die können von den internationalen Verbänden großzügig angewendet werden. Ob eine Amnestie sinnvoll und zielführend ist, werden wir mit den dafür zuständigen Verbänden in den nächsten Tagen und Wochen erörtern. Sinn macht das nur, wenn das auch auf internationaler Ebene abgesichert ist, und die Verbände sind dafür zuständig hier, da kann der DOSB nicht alleine agieren und die Verbände auch nicht."

So zerstritten wie in dieser Frage sind Politik und Sportfunktionäre auch bei der dritten Lösungsmöglichkeit, einem Anti-Doping-Gesetz. Die Politik will ein hartes Gesetz, das auch Sportler strafen kann. Der Sport möchte die Gerichtshoheit bei Athleten für sich behalten.

Mittlerweile hat das Bundesinnenministerium einen entsprechenden Kompromissentwurf vorgelegt. Wann ein solches Gesetz in Kraft tritt, ist noch ungewiss, ob vor der Sommerpause oder erst im Herbst. Der Bundesrat hatte vergangene Woche zwei Änderungen des vom Bundesinnenministerium vorgelegten Entwurfes gefordert. So sollen Dopingsünder durch die Einführung der Kronzeugenregelung Strafminderung erhalten, falls sie zur Tataufklärung beitragen. Zudem soll auch die Einfuhr oder Verschreibung von Dopingmitteln unter Strafe gestellt werden. Das Gesetz sieht Haft- und Vermögensstrafen für banden- oder gewerbsmäßigen Handel vor, sowie die Einschaltung des Bundeskriminalamtes bei den Ermittlungen mit der Möglichkeit der Telekommunikationsüberwachung. Sportler werden dann belangt, wenn sie verbotene Substanzen "in nicht geringer Menge" besitzen, also nicht nur zum Eigengebrauch. Die Bestrafung gedopter Athleten bleibt ansonsten weiter allein der Sportgerichtsbarkeit überlassen. Die Grenzwerte für "nicht geringe Mengen" sollen in einer Rechtsverordnung festgelegt werden. Die bayerische Justizministerin Beate Merk sieht aber noch Verbesserungsbedarf.

"Unsere drei Forderungen sind nicht zum Zug gekommen. Die eine ist, das wir nicht nur gefährliche Dopingmittel unter Strafe stellen, die andere Forderung ist, das wir nicht nur größere Mengen von Besitz unter Strafe stellen, und das wir vor allen Dingen auch den Sportbetrug ins Gesetz nehmen, das ist nicht durchgegangen."

Peter Dankert, der Vorsitzende des Sportausschusses, ist zufrieden mit den Entwicklungen der letzten Zeit. Die vielen Affären hätten Dynamik in die Diskussion gebracht.

"Wir haben die Thematik wirklich vorangebracht. Das ist dem Umstand geschuldet, dass es viele spektakuläre Dopingereignisse gibt, die muss ich hier gar nicht aufzählen. Und es hat eine heftige politische, sportpolitische Debatte gegeben. Es hat eine Auseinandersetzung mit den Deutschen olympischen Sportbund gegeben, insgesamt war die Debatte so intensiv, wie sie in den Jahren zuvor nie gewesen ist. Auf dem können wir aufsetzen."

Das beweist: Der Sport, in diesem Falle der Radsport, muss erst am Boden liegen. Ein Dopingskandal internationalen Ausmaßes reicht da nicht aus, die nationalen Helden müssen fallen. Dann ist der Druck auf Politik und Funktionäre so groß, dass sich was ändern kann. National scheint der Boden für eine Erneuerung bereitet. Auch in Italien, Spanien und den USA hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Jetzt kommt es darauf an, ob die Welt-Anti-Doping-Agentur gemeinsam mit den Regierungen die nationalen Vorlagen international verwandeln kann.

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