Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteKalenderblattForscher mit Herz für Blattläuse und Würmer20.05.2018

Charles Bonnet vor 225 Jahren gestorbenForscher mit Herz für Blattläuse und Würmer

Charles Bonnet bedeutete seine Naturforschung alles - nicht nur seine Zeit, sein Geld, sondern auch seine Gesundheit und sein Augenlicht wurden von ihr eingenommen. Schier unverdroßen widmete er sich unter anderem der Jungfernzeugung bei Blattläusen und der Regenerationsfähigkeit von Würmern.

Von Irene Meichsner

Charles Bonnet (1720-1793)  (imago)
Charles Bonnet, 1720-1793 (imago)
Mehr zum Thema

Vor 130 Jahren Das Ende der Sklaverei in Brasilien

Charlotte von Kalb vor 175 Jahren gestorben Femme fatale der Weimarer Klassik

Vor 100 Jahren geboren Der Meeresgeologe Eugen Seibold

Vor 175 Jahren Schriftsteller Benito Pérez Galdós geboren

Vor 60 Jahren Premiere von Jacques Tatis "Mon oncle"

"In unsren Tagen ist es mit den Naturforschern nicht mehr so, als mit denen im Altherthume. Diese, nur für Abentheuer eingenommen, glaubten die seltsamsten Dinge, ohne sich die Mühe zu geben, solche richtig zu beweisen. ... Aber heutzutage begnügt sich der Naturforscher nicht damit, nur die Versuche zu machen, die ihm die Wahrheit entdecken können. Er kann es nicht einmal ertragen, daß der leichteste Verdacht, das kleinste Wölkchen ihren Glanz schwächen darf."

Charles Bonnet hat in seine große Leidenschaft, das Studium der Natur, alles investiert – seine Zeit, sein Geld und auch seine Gesundheit.

"Er war zum Beobachten gebohren und zum Denken über das, was er beobachtet hatte", schrieb sein früher Biograph, Jean Trembley, über den Sohn einer Genfer Patrizierfamilie, der von sich selber einmal sagte, er habe erst wirklich zu leben begonnen, als er als Jugendlicher seine Liebe zu den Insekten entdeckte. 1740, im Alter von 20 Jahren, lieferte Bonnet den ersten experimentellen Beweis für die so genannte Jungfernzeugung oder Parthenogenese, das heißt: für das eigenartige Phänomen, dass sich manche Tiere, wie zum Beispiel die Blattlaus, auch eingeschlechtlich fortpflanzen können, ohne dass eine Befruchtung stattgefunden hätte. Einige Forscher, darunter der Franzose René-Antoine Ferchault de Réaumur, Bonnets großes Vorbild, hatten diese Möglichkeit schon erwogen. Aber erst Bonnet war es gelungen, eine isolierte Blattlaus in einem Glasgefäß groß zu ziehen.

"Von der Zeit an war ich darauf bedacht, ein genaues Tagebuch ihres Lebens zu halten. Darin habe ich alles, bis auf ihre geringsten Bewegungen angemerkt. Nicht ein einziger von ihren Schritten schien mir gleichgültig zu seyn. Ich habe sie nicht nur alle Tage, Stunde vor Stunde beobachtet; so daß ich gewöhnlich von vier oder fünf Uhr des Morgens anfing, und nicht eher als gegen neun oder zehn Uhr des Abends aufhörete; sondern selbst jede Stunde sahe ich mehrmal, und zwar beständig mit der Lupe nach, um mich von den geheimsten Handlungen meines kleinen Eremiten zu unterrichten."

Auf väterlichen Druck ein Jurastudium begonnen

Anfang Juni, nach zwölf Tagen, war es so weit:

"Ohngefähr des Abends gegen sieben, sahe ich mit dem grösten Vergnügen, daß meine Blattlaus niedergekommen war,. ... Von diesem Tage an ... brachte sie fünf und neunzig Junge, alle ganz lebendig, und die meisten vor meinen Augen zur Welt."

Nur widerwillig hatte Bonnet auf väterlichen Druck ein Jurastudium begonnen. Nebenher setzte er seine Versuche fort. 1742 verfolgte er die Jungfernzeugung der Blattlaus bis in die sechste, 1743 sogar bis in die neunte Generation. Danach beschäftigte er sich mit der Regenerationsfähigkeit von Würmern, die zu neuen Organismen heranwuchsen, wenn er sie mit dem Messer in mehrere Stücke zerteilte. Bonnet wurde in die Londoner Royal Society aufgenommen - sozusagen der akademische Ritterschlag für den Autodidakten. Aber:

"Die Folgen dieser unglaublich unverdroßnen Beharrlichkeit mußte er leider ... auf das unangenehmste empfinden ... Seine Augen, durch den beständigen Gebrauch des Mikroskops ermüdet, machten ihm heftige Schmerzen."

Abhandlungen aus dem Kopf diktiert

Seit 1745 konnte Bonnet kaum noch etwas sehen. Eine Zeitlang widmete er sich, von Hilfskräften unterstützt, noch der Pflanzenphysiologie. Danach blieb ihm nur noch die spekulative Naturbetrachtung.

"Ganze Abhandlungen gingen vollständig aus seinem Kopf hervor, und er diktierte sie, ohne zu stocken und auszustreichen."

Bonnet entwickelte die Idee einer "Stufenleiter der Natur", die vom Einfachen zum Komplexen, von den Mineralien zu den Säugetieren und dem Menschen als höchstem Wesen führte. Als Mitglied des "Grossen Rats von Genf", in den er 1752 gewählt worden war, befasste er sich mit Fragen der menschlichen Moral und politischen Ordnung. In seinem "Analytischen Versuch über die Seelenkräfte" beschrieb er am Beispiel seines Großvaters die typischen Merkmale des später nach ihm benannten "Charles-Bonnet-Syndroms". Es handelt sich um optische Halluzinationen von blinden, psychisch unauffälligen Patienten. Bonnet beobachtete die Symptome im fortgeschrittenen Alter auch an sich selber. 1768 zog er sich auf sein Landgut in Genthod am Genfersee zurück, wo er am 20. Mai 1793 starb – auf den Tag genau 53 Jahre, nachdem er mit seinen berühmten Experimenten an Blattläusen begonnen hatte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk