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StartseiteBüchermarktProvokationen in Briefform27.12.2017

Charles Bukowski: "Über das Schreiben"Provokationen in Briefform

Charles Bukowski inszenierte sich gerne als Außenseiter des Literaturbetriebs, der kein Blatt vor den Mund nahm. Das ist auch in seinen Briefen nicht anders, in denen er gegen ihm verhasste Literaten wettert. Die penetrante Wiederholung eines Ressentiments in zahlreichen Variationen kann jedoch ermüden.

Von Martin Krumbholz

Charles Bukowski 1978 in der französischen TV show "Apostrophes". (imago / Zuma Press / Ulf Andersen)
Der Schriftsteller Charles Bukowski (1926-1994) provozierte gern - nicht nur in seinen Briefen (imago / Zuma Press / Ulf Andersen)
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In den 70ern des letzten Jahrhunderts schwappte der Ruhm des 1920 in Andernach geborenen Charles Bukowski bis nach Deutschland. Es bildete sich eine Fangemeinde, die seine Bücher geradezu kultisch verehrte, wohl nicht zuletzt wegen ihrer kruden, unbekümmerten Art, die Dinge des Lebens - vor allem, wenn sie die Sexualität betrafen - beim Namen zu nennen.

Außenseiter des Literatur-Betriebs

Bukowski war Autodidakt, die Liebe zur Literatur hatte er als junger Mann in der Stadtbücherei von Los Angeles entdeckt. Er gerierte sich bewusst als Außenseiter des Betriebs, seine Bücher erschienen in einem kleinen Verlag, der "Black Sparrow Press", und sein Verleger John Martin ist mit Abstand der häufigste seiner Briefpartner. Denn Bukowski musste heftig um Anerkennung kämpfen.

Am Schluss, ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1994, wurde ihm die Ehre zuteil, im renommierten "Poetry"-Magazin zu erscheinen.

Aber regelrecht kanonisiert wurde dieser Autor nie, und das hat seine Gründe. Bukowski weigerte sich, an seinen Texten zu feilen. Er betrachtete sich als Originalgenie, Arbeit an der Form erschien ihm geradezu als unanständig. "Unbekümmertheit und Klarheit" betrachtete er als Ausweis "echter Künstlerschaft", auf "Verve und Tempo" kam es an, man könnte ohne weiteres auch Authentizität in diese Reihe einbinden.

Ressentiment als roter Faden

Umgekehrt waren ihm seine Antipoden, namentlich William Faulkner, aber auch Henry Miller und etliche andere, regelrecht verhasst. Dieses Ressentiment bildet in den Briefen einen unverkennbaren roten Faden.

"Faulkner, so verlogen wie geöltes Wachspapier. Hemingway kam zumindest zeitweise ran, orgelte dann aber nur noch dieselbe verpupste Melodie aus seinem großen Leierkasten. Celine schrieb ein unsterbliches Buch, über das ich Tag und Nacht gelacht habe, dann entwickelte er sich mehr und mehr zur bloßen Meckertante."

Der Grund dafür, warum der Briefschreiber Faulkner für verlogen hält, ist ein sehr schlichter: Faulkner ist ihm zu kompliziert. Gegen den vermeintlichen Formalismus und Akademismus seiner erklärten Antipoden inszeniert Bukowski den Mythos der Naivität, Direktheit und stolzen Ignoranz.

"Es-ist-mir-auch-egal"-Haltung

"Wenn ich heute schreibe, dann aus Liebe zu Wörtern, ihrer Farbe und wie man sie auf die Leinwand klatscht (…). Normalerweise klappt das ganz gut, aber eigentlich habe ich keine Ahnung, wie Sprache funktioniert, es ist mir auch egal."

Nonchalance als Markenzeichen, rein markttechnisch hat das irgendwann erstaunlich gut funktioniert, wenn auch nur vorübergehend. Aus der "Es-ist-mir-auch-egal"-Haltung folgt indes für diese Briefausgabe, dass sie als Poetologie kaum zu gebrauchen ist.

"Ich kann weder Schriftsteller noch Verlagsleute noch überhaupt jemanden leiden, der sich groß über Kunst verbreitet."

Gleichwohl verbreitet Bukowski sich permanent über Kunst beziehungsweise "echte Künstlerschaft", er will ja einen Gegenzauber inszenieren zu dem, was er für dekadent oder intellektuell verdorben hält; bloß erschöpft dieser Gegenzauber sich in einer äußerst schlichten Opposition aus "Kunst" und "Leben".

Unterschied zwischen Literatur und Leben

In einem Brief vom 1. Mai 1964, also mit knapp 44 Jahren, resümiert Bukowski bei Tschaikowski-Musik und einem kleinen Bier: "Ich habe in Schlachthöfen gearbeitet und als Tellerwäscher; ich habe in der New Yorker U-Bahn Plakate geklebt, Güterwaggons geschrubbt und ganze Personenzüge; ich habe im Lager gearbeitet und im Versand, ich war Postbote und Penner und Tankwart, ich war Kokosnuss-Mann in einer Keksfabrik, war Tubenausdrücker fürs Rote Kreuz."

Wir verstehen schon, er hat das rohe Leben in seiner ganzen Härte geschmeckt, anders als all die verklemmten Akademiker, und seine schlichte Folgerung daraus lautet:

"Meiner Meinung nach lag das Hauptproblem immer in dem Unterschied zwischen Literatur und Leben und dass die, die Literatur schrieben, nicht das Leben beschrieben, sodass die anderen, die nur ihr Leben lebten, von der Literatur ausgeschlossen waren."

Inszenierung als dichtender Prolet

Wer "Literatur" schreibt, so die simple Gleichung, versteht nichts vom Leben, und wer das "Leben" beschreibt, gehört nicht zum offiziellen Betrieb. Bukowski nennt ein paar Ausnahmen, etwa Dostojewski - er selbst bezeichnet sich einmal halb scherzhaft als "Dostojewski der Siebziger" -, Kafka, Gorki, den frühen Hemingway, aber das Meiste davon findet er dann doch so langweilig wie die erste kritische Monografie über seine, Bukowskis, Gedichte aus der Feder eines gewissen Hugh Fox, eines "hundertprozentigen Akademikers".

Übrigens wurde Bukowski zwar in der Zeit nach 1968 berühmt, aber von der Studentenrevolte und der Flower-Power-Bewegung hielt er wenig: Er war damit beschäftigt, sich als dichtender Prolet und als "dirty old man" zu inszenieren. Dies alles ereignete sich ja lange vor dem Würgegriff der "political correctness", aber man muss doch zugeben, mit einigem zeitlichen Abstand betrachtet, wirken Bukowskis Provokationen einigermaßen billig.

Die Lizenz, ungeschminkt zu schreiben

"Frauen lieben starke Stiere, Kinder und Affen. Die Prettyboys und Welterklärer hingegen haben keine Schnitte, sie müssen sich am Ende einsam einen runterholen. Auf der Arbeit gibt es einen Typ, der sagt: 'Ich lese ihnen immer Shakespeare vor.' Er ist immer noch Jungfrau."

Sicher, Briefe bieten allemal die Lizenz, ungeschminkt zu schreiben, es gibt ja nur den einen persönlichen Empfänger. Aber die penetrante Wiederholung eines bestimmten Ressentiments in zahlreichen Variationen ermüdet rasch, und so ist diese Briefausgabe eine doch eher exzentrische Angelegenheit und jedenfalls nur etwas für unverbesserliche Liebhaber.

Charles Bukowski: "Über das Schreiben - Briefe an meine Weggefährten und Gönner." Herausgegeben von Abel Debritto, übersetzt von Marcus Ingendaay.
Kiepenheuer & Witsch, 2017, 288 Seiten, 18 Euro.

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