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Charlie HebdoBericht eines Überlebenden

Der Journalist Laurent Léger überlebte das Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo", bei dem der Großteil seiner Kollegen getötet wurde. Dem Sender "France Info" hat er in einem Interview im Detail vom Ablauf der Ereignisse berichtet. Zitat: "Das war Barbarei, die da in die Zeitungsredaktion einzog."

Von Ursula Welter

Feuerwehrleute und Polizisten vor der Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" (AFP /Kenzo Tribouillard )
Polizei und Krankenwagen vor dem Redaktionsgebäude kurz nach dem Anschlag - für viele kam jede Hilfe zu spät (AFP /Kenzo Tribouillard )
Weiterführende Information

Reaktionen auf Anschlag - "Das war Selbstjustiz"
(Deutschlandfunk, Interview, 09.01.2015)

Presseschau - "Das entspricht dem 11. September"
(Deutschlandfunk, Aktuell, 08.01.2015)

Anschlag auf "Charlie Hebdo" - Medien werden zu Zielscheiben
(Deutschlandfunk, Kommentar, 08.01.2015)

Der Streit über die Mohammed-Karikaturen - "Charlie Hebdo" war konfrontativer als "Jyllands Posten"
(Deutschlandfunk, Interview, 08.01.2015)

"Es war das Ende der Redaktionssitzung, wie jeden Mittwochmorgen, und plötzlich hörte man Knallgeräusche. Wir wussten nicht genau, was das war, und plötzlich öffnete sich die Tür. Der vermummte Man rief "Allah ist groß", er sah aus wie ein Typ von den Spezialeinheiten der Polizei: vermummt, ganz in Schwarz, die Waffe in beiden Hände. Dann fielen die Schüsse, der Pulverrauch, ich habe mich unter einen Tisch werfen können in der Ecke, er konnte mich da nicht sehen. "

Die Kollegen fielen zu  Boden, dann habe ich den Mann nicht mehr sehen können. Ich verstand, dass das kein Witz war, wissen Sie, in der Redaktion war stets viel Schalk im Spiel, aber da spielte uns keiner einen Streich: Das war Barbarei, die da in die Zeitungsredaktion einzog.

Es stimmt, sie haben einmal den Namen Charb (des Chefredakteurs) gerufen. Ich denke, dass sie ihn suchten. Aber die Schüsse wurden derart rasch abgefeuert - und alle lagen auf dem Bode. Es stimmt nicht, was man lesen kann, dass sie jeden Einzelnen nach der Identität gefragt haben, sie haben einfach in die Menge geschossen. Ich weiß immer noch nicht, wie ich mich unter diesen Tisch werfen konnte, ich blieb da zusammenkauert hocken, sah die Körper der anderen auf dem Boden, hörte die Schüsse und plötzlich Stille.

Lange Stille, dann Schritte, ich dachte der Mörder kommt zurück, aber der Raum ist zu winzig, er konnte nicht um den Tisch herumgehen. Er ist rausgegangen, in den hinteren Flur gegangen und dann habe ich ihn sprechen hören. Ich dachte erst, er telefoniert - bis ich verstand, dass sie zu zweit waren.

Ich hörte, wie er zu einer meiner Kolleginnen sagte: "Frauen töten wir nicht", obwohl im Redaktionsraum ja eine Kollegin schon am Boden lag. Dann Schüsse, draußen. Wir sind aufgestanden - die wenigen Überlebenden. Das ist irreal, Angststarre, man versteht nicht, was geschieht. In Paris, in einer Zeitungsredaktion, wo man Spaß hat. Wir hatten viel Spaß bei 'Charlie Hebdo', wir haben Dinge diskutiert, aber immer mit viel Lachen. Provozieren, sicher, auch das.

Stéphane Charbonnier, Chefredakteur und Zeichner des satirischen Blattes "Charlie Hebdo" (picture alliance / dpa -  Yoan Valat)Stéphane Charbonnier, "Charb", Chefredakteur und Zeichner von "Charlie Hebdo" stand unter Polizeischutz. (picture alliance / dpa - Yoan Valat)Das war eine Bande von Kumpeln, manche älter als andere, Cabu, Wolanski, Honoré, diese wunderbaren Zeichentalente, die auf einmal auf dem Boden liegen. Es war für uns unvorstellbar, dass wir mitten in Paris so attackiert würden, mit schweren Waffen im Redaktionsraum. Charb, unser Chef war da vielleicht klarer. Wir haben das leichter genommen - die Bedrohungen. Er wurde ja bewacht. Der Polizist Franck, der immer dabei war im Hintergrund - jetzt auch tot. Das war ein netter Kerl. Charb wurde 24 Stunden beschützt, aber er war ein genialer Zeichner, absolut frei."

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