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StartseiteSprechstundeMit der Hitze gegen den Krebs02.01.2018

ChemotherapeutikaMit der Hitze gegen den Krebs

Bei der Behandlung von Tumoren im Bauchraum greifen immer mehr Ärzte zu einer Methode, bei der die Zytostatika auf 43 Grad Celsius erhitzt werden. Die Wärme führt dazu, dass die Medikamente tiefer ins Gewebe eindringen können und verbleibende Krebszellen abtöten.

Von Martin Winkelheide

Darstellung von Krebszellen (dpa / picture alliance / CTK Petr Eret)
Die erwärmten Medikamente sollen die Krebszellen im Bauchraum abtöten (dpa / picture alliance / CTK Petr Eret)
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Universitäts-Frauen-Klinik Bonn. Ein großer lichter Operationssaal im zweiten Stock der Klinik.  Es ist kurz vor zehn Uhr am Vormittag.
Die Patientin, sie ist Mitte 70, liegt in Vollnarkose. Oberärztin Dr. Mignon Keyver-Paik setzt den ersten Schnitt. "Wir sind jetzt gerade dabei, den Bauch zu eröffnen." 

Vor drei Jahren ist die Patientin schon einmal in Bonn an Eierstockkrebs operiert worden. Auch damals hatte ein großer Schnitt gemacht werden müssen. Das bedeutet: Da das Bauchfell fehlt, liegen die Organe jetzt anders, als es im Anatomie-Lehrbuch steht. Und die Organe sind zum Teil miteinander verwachsen. "Im Moment sind wir dabei, einzelne Darmschlingen von der vorderen Bauchwand abzulösen, um den Bauch vernünftig eröffnen zu können."

14 Uhr - Die Organe sind freigelegt. Die Ärzte haben auch einen großen Tumor präpariert. Er ist beinahe faustgroß. Er ist verkapselt. Er liegt zwischen Blase und Dickdarm. Die Blase kann gerettet werden.

Jetzt können die Ärzte die Oberfläche der einzelnen Organe im Bauchraum nach kleinen Tumoren absuchen. Der Magen: Entwarnung. Nichts zu sehen. Die Bauchspeicheldrüse: offenbar tumorfrei. Auf dem Dünndarm und dem Dickdarm aber sind außen auf der Wand kleine weiße Punkte zu sehen. Knötchen. Etwa so groß wie Stecknadelköpfe. Kleine Tumore. Prof. Walther Kuhn: "Da fängt es langsam an." 

Es ist kurz nach siebzehn Uhr. Die Operation geht in die achte Stunde. Die Milz musste entfernt werden. Auch einzelne Abschnitte des Dünndarms sind zu stark betroffen. Sie sind herausgeschnitten worden. Ebenso ein Stück Dickdarm. Die verbliebenen Darmteile werden wieder zusammengenäht.  
Noch einmal Kontrolle. Dr. Mignon Keyver-Paik: "Der Tumor ist komplett entfernt, wir haben auch keinen Rest-Tumor im Bauch." 

Nach der Operation – die Chemotherapie. 

Med.-Ingenieur: "Die Patientin bekommt jetzt im Anschluss an die Operation noch eine Spülung mit heißer Chemo. Das heißt: Die Zytostatika werden auf 43 Grad Celsius erhitzt und werden dann in den Bauchraum gespült, um dort eventuell verbleibende Tumorreste im Bauchraum komplett abzutöten." 

Höhere Heilungschancen

Und das funktioniert besser, wenn die Medikamente heiß sind? 

Med.-Ingenieur: "Ja. Zytostatika wirken auf der einen Seite direkt zellabtötend, und die Wärme führt dazu, dass diese Medikamente tiefer ins Gewebe eindringen können. Das heißt also eventuell verbleibende Tumorreste können durch die Hitze von den Medikamentiva durchdrungen werden, so dass wir eine wesentlich höhere Heilungschance beziehungsweise Behandlungschance des Patienten haben." 

Wie tief geht das ins Gewebe rein? 

Med.-Ingenieur: "Bis zu 0,3 Zentimeter, also drei Millimeter ins Gewebe hinein."  

Die Ärzte legen Plastikschläuche in den Bauchraum zwischen die Organe. Zwei Schläuche als Zufluss, drei als Abfluss. Der Bauch wird zugenäht. Provisorisch.  

Kontinuierlich 43 Grad

21 Uhr. Eine Pumpe leitet ein Chemotherapeutikum in den Bauch. Der Bauchraum wird mit dem erwärmten Medikament gespült. 

Med.-Ingenieur: "Die heiße Zytostatika-Lösung wird 90 Minuten lang durch den Bauch gespült. Nach den 90 Minuten wird die Zytostatika-Lösung komplett abgelassen. Das heißt, es verbleiben minimale Reste von Zytostatika noch im Patienten. Aber alles andere, was auch für das Personal giftig sein könnte, wird abgelassen.  

Diese 43 Grad werden über die gesamte Zeit der Spülung aufrecht erhalten, so dass wir kontinuierlich auch diese 43 Grad im Abdomen haben, was auch die Richtlinien erfordern. Verbliebene Tumorzellen, die mit dem Auge nicht zu sehen sind, sollen so abgetötet werden. Die Schläuche werden entfernt. Der Bauch wird erneut genäht. Schicht für Schicht. Zuletzt die oberste Hautschicht.

Es ist kurz vor 23 Uhr. Nach knapp 13 Stunden ist die Operation beendet.   

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