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StartseiteBüchermarktSchreiben für die Toten05.10.2021

Chimamanda Ngozi Adichie: "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben"Schreiben für die Toten

In "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben" erzählt die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie von ihrem Umgang mit dem Tod ihres Vaters. Der Essay führt zu den Wurzeln ihres selbstbewussten Frauseins.

Von Katrin Schumacher

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Chimamanda Ngozi Adichie: "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben" Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover (Cover: S.Fischer Verlag / Foto: picture alliance/dpa/ Britta Pedersen)
Chimamanda Ngozi Adichie ist der Shootingstar der jungen afrikanischen Literatur (Cover: S.Fischer Verlag / Foto: picture alliance/dpa/ Britta Pedersen)

Für wen schreiben wir, wenn wir schreiben? Der amerikanische Kulturphilosoph Robert Harrisson hat es so gefasst: Wir schreiben für die Toten, führen ein unendliches Zwiegespräch fort, schreiben für die, die uns die Sprache und Gesetze gegeben haben, oder schlicht gesagt: die Gesellschaft und das Leben. Ein faszinierender Gedanke, dass die Toten ihre Zelte in unseren Büchern aufschlagen – ein tröstlicher, dass der Tod den Dialog nicht unterbindet. Und dass die Literatur uns die Möglichkeit gibt, weiterzusprechen.

Es ist nicht klar, ob James Nwoye Adichie an dem Corona-Virus gestorben ist, es gab eine Infektion, die sich auf ein jahrelanges Nierenleiden setzte und einen sehr schnellen Tod herbeiführte. Am 10. Juni 2020 stirbt der Vater von Cimamamnda Ngozi Adichie, die Nachricht, wie sie schreibt, eine grausame Entwurzelung, ein Schock.

"Mein Mann versucht mich zu beruhigen: 'Atme langsam, trink Wasser.' Mein Morgenmantel, mein Hauptkleidungsstück während des Lockdowns, liegt als Haufen am Boden."

Die Tage und Wochen nach dem Tod erschreibt sich Chimamanda Adichie aus der Erinnerung. In dem Moment, als sich der Kreislauf langsam wieder fängt, die Phasen des plötzlichen Entsetzens seltener werden, die Atmung wieder beiläufig wird. Der trauernde Körper: bei Adichie steht er im Zentrum der Wahrnehmungen, denen sie schreibend nachspürt.

Trauer und Wut

"Trauer ist ein grausamer Unterricht. Man lernt, wie hart Trauern sein kann, wieviel Wut darin steckt. Man lernt, wie nichtssagend Beileidsbekundungen sein können. Man lernt, wie sehr es bei Trauer um Sprache geht, um das Versagen der Sprache und die Suche nach den richtigen Worten. Warum sind meine Flanken so empfindlich und tun weh? Das kommt vom Weinen, wird mir erklärt. Ich wusste nicht, dass wir mit unseren Muskeln weinen."

Die Trauer als Gewalterfahrung. Die kurzen Kapitel zu Beginn schlagen Wiederhaken in das eigene Erleben. Wie habe ich wann getrauert? Wie trauere ich? Ins Außen, nach Innen, wie gut kann ich die Sprachlosigkeit verstehen, die eine Trauerphase mit sich bringen kann, hab ich nicht selbst einmal lange zu schreiben, zu lesen aufgehört, nachdem sich ein Freund umbrachte?

"Meine Mutter erzählt, dass Witwen zu ihr gekommen sind und ihr erklärt haben, was der Brauch ist. Als erstes wird die Witwe kahl geschoren – und bevor sie weiterreden kann, sagen meine Brüder prompt, das sei lächerlich und würde nicht geschehen. Ich sage, dass niemand Männer kahl schert, wenn ihre Frauen sterben; niemand zwingt Männer, tagelang einfache Gerichte zu essen; niemand erwartet, dass die Körper von Männern Spuren ihres Verlusts aufweisen müssen."

Auch wenn sie die Radikalität der Generation vor sich in Frage stellt, nimmt sich Chimamanda Adichie die Möglichkeit, auf Igbo-Weise zu trauern, in der Weise ihrer nigerianischen Familie, die ihren Schmerz ausstellt und sichtbar macht. Erst langsam kommt sie wieder im Alltag an, Notate helfen ihr.

"Ich schreibe über meinen Vater in der Vergangenheitsform, und ich kann nicht glauben, dass ich über meinen Vater in der Vergangenheitsform schreibe."

Ein präsenter Vater

Es beeindruckt zu lesen, wie präsent James Adichie im Leben und Denken seiner Tochter war und ist, dieser erste nigerianische Professor für Statistik, der selbst als er entführt wird um Lösegeld von seiner berühmten Tochter zu erpressen, den Entführern erst einmal beibringt, ihren Namen richtig auszusprechen. Ein sanftmütiger, witziger Mann voller Gelassenheit, Vater von sechs Kindern, der seiner Tochter vermittelt, dass sie scharfsinnig sein kann, ihr Stolz und Leichtigkeit mitgibt. Chimamanda Adichie beschreibt hier ganz beiläufig ihre feministische Grundschule.

"Oft begrüßte ich ihn mit seinem Titel 'Odelu-Ora Abba', wörtlich übersetzt 'Der, der für unsere Gemeinde schreibt'. Und auch er grüßte mich, und seine Grüße waren eine von Liebe getränkte Litanei der Bestärkung. 'Ome ife ukwu', war die häufigste. 'Die, die große Dinge tut'. Die anderen sind schwer zu übersetzen: 'nwoke neli' ist in etwa 'das Äquivalent vieler Männer' und 'ogbata ogu ebie' bedeutet 'die, deren Eintreffen den Kampf beendet'. Ist er der Grund, warum ich nie Angst hatte, von Männern missbilligt zu werden? Ich denke, ja."

Chimamanda Adichie webt anekdotische Erinnerung, Erleben der Situation im Familienkreis, Beerdigungsszenarien und Lockdownerfahrung in ihren teils nur seitenlangen Kapiteln ineinander. Dreißig Übungen im Loslassen und Festhalten, die Sätze klar und eindringlich, ohne metaphysisches Überborden, nah am weinenden Körper.

"Trauer ist das Glück, geliebt zu haben": der Titel dieses schmalen Essays könnte ebenso heißen: das Glück, geliebt worden zu sein. Der Kern jeder Trauerliteratur, und es fallen einem die Bücher von Joan Didion oder Connie Palmen, Michael Köhlmeier oder aktuell Christian Dittloff ein – der heiße Kern ist die existenzielle Verbindung. Die Unterbrechung und die literarische Wiederaufnahme verändert den oder die Schreibende:

"Beim Schreiben bricht sich eine neue Stimme Bahn, angefüllt mit Nähe, die ich zum Tod empfinde, mit dem Bewusstsein meiner eigenen Sterblichkeit, so fein verflochten, so akut. Eine neue Dringlichkeit. Eine Flüchtigkeit in der Luft. Ich muss jetzt alles schreiben, denn wer weiß, wie lange ich noch leben werde?"

Die Dringlichkeit, die Cimamanda Ngozi Adichie erfährt, ist eine immer wieder beschriebene. Einhergehend mit der verblüffenden Erkenntnis, dass die Literatur das Medium ist, in dem die Toten wiederkommen können, in dem sie sein können und fort: existieren.

Chimamanda Ngozi Adichie: Trauer ist das Glück, geliebt zu haben.
Übersetzt von Anette Grube.
S. Fischer Verlag. 80 Seiten, 16 Euro.

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