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StartseiteForschung aktuellDer Klimasünder erreicht den "Peak Coal"26.07.2016

ChinaDer Klimasünder erreicht den "Peak Coal"

"Peak Oil" - unter diesem Schlagwort wird diskutiert, wie lange die Erdöl-Vorräte noch reichen. Auf jeden Fall: Kohle ist viel mehr da. Entsprechend gibt es kaum Debatten über den "Peak Coal". Doch in China soll der vermeintliche Gipfel der Kohlenutzung kürzlich erreicht worden sein, sagen Forscher.

Von Volker Mrasek

Kohlekraftwerk (dpa/picture-alliance/ Ding Dong)
Kohlekraftwerk im chinesischen Jilin (dpa/picture-alliance/ Ding Dong)
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Das sind einmal überraschend gute Nachrichten aus dem Fernen Osten! China ist zwar nach wie vor der weltgrößte Klimasünder und verbraucht so viel Kohle wie alle anderen Länder zusammen. Doch womöglich hat das bevölkerungsreichste Land der Erde inzwischen Peak Coal erreicht. Was bedeutet: Der Verbrauch von Kohle in China könnte einen Gipfel überschritten haben und nun kontinuierlich zurückgehen.

Diese Einschätzung vertreten chinesische und britische Forscher jetzt in der Fachzeitschrift "Nature Geoscience". Unter ihnen der Ökologe Ye Qi, Professor für Umweltpolitik an der Tsinghua Universität in Peking:

"Ganz offensichtlich war 2013 das Jahr von Peak Coal. Bisher dachte man, dass China erst irgendwann nach 2020 so weit sein würde."

Bis 2013 war Chinas Kohle-Verbrauch von Jahr zu Jahr noch stark gestiegen, meist sogar zweistellig. 2014 aber ging der Kohle-Bedarf erstmals um 2,9 Prozent zurück. Und im vergangenen Jahr noch einmal um 3,6 Prozent - so Qi für die Autoren:

"Dieser Trend hat viel damit zu tun, dass sich das Wirtschaftswachstum Chinas abschwächt. Es ist nicht mehr zweistellig, sondern pendelt sich eher bei sieben, sechs oder sogar nur noch fünf Prozent ein. Dadurch wächst auch der Energiebedarf nicht mehr so stark. Hinzu kommen entscheidende Veränderungen im Energie-Mix. Kohle wird immer mehr durch saubere Technologien ersetzt: durch Wasserkraft, Wind- und Solarenergie. Und das mit sehr hohem Tempo."

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Peking forciert den Ausbau der Erneuerbaren Energien auch deshalb, weil die Luftverschmutzung mittlerweile ein immenses Problem in vielen Ballungsräumen ist. Und das liegt nicht zuletzt an den Feinstaub-, Schwefel- und Stickoxid-Emissionen von Kraftwerken und Schwerindustrie.

Im vergangenen Jahr habe Kohle nur noch einen Anteil von 72 Prozent an der Stromerzeugung in China gehabt. 2007 seien es noch 83 Prozent gewesen, führt Qi aus:

"Das ist ein langfristiger Trend, da bin ich sicher! Der Kohle-Verbrauch wird nicht mehr ein solches Ausmaß erreichen wie in der Vergangenheit, sondern er wird weiter abnehmen."

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, sagt man. Können dann zwei Jahre Kohle-Rückgang in China schon als Trend gelten?

Vorsichtige Zustimmung kommt hier von Michael Grubb. Der Ingenieur und Ökonom ist Professor für Energie- und Umweltpolitik am University College of London und als Experte international hoch angesehen:

"Ich würde auf jeden Fall die nächsten Jahre im Auge behalten. Es könnte sein, dass die Zahlen noch einmal hochgehen oder ein wenig hin-und herspringen. Aber das ist ganz normal, bevor sich ein Trend endgültig bestätigt. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sich das Blatt in China tatsächlich wendet und der Kohle-Verbrauch des Landes zurückgeht."

Chinas CO2-Ausstoß: Höhepunkt innerhalb der nächsten zehn Jahre

Peak Coal bedeute allerdings nicht, dass China nun auch den Gipfel seiner Kohlendioxid-Emissionen überschritten habe. Das werde noch etwas dauern, sagt Grubb. Der Kohle-Bedarf gehe zwar zurück. Bei den anderen fossilen Energieträgern Erdgas und Öl lege China aber weiterhin zu, unter anderem wegen des wachsenden Verkehrs:

"Bei aller Vorsicht würde ich sagen: Chinas CO2-Ausstoß wird innerhalb der nächsten zehn Jahre seinen Höhepunkt erreichen. Und auch das ist viel schneller als vorhergesehen und übertrifft Chinas Zusagen im Klimaschutz-Vertrag von Paris."

Die Forscher sehen darin ein wichtiges Signal für die weiteren internationalen Verhandlungen. Wirtschaftswachstum sei auch ohne steigenden Kohle-Verbrauch möglich. Das demonstriere China zurzeit. Und daran könnten sich auch andere kohlelastige Schwellen- und Entwicklungsländer in Zukunft orientieren. Zum Beipsiel Indien und Südafrika.

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