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StartseiteUmwelt und VerbraucherKakerlaken vernichten tonnenweise Biomüll07.01.2019

China Kakerlaken vernichten tonnenweise Biomüll

Küchenabfälle, verdorbene Lebensmittel, Essensreste: Millionen von Kakerlaken verwerten täglich Tonnen von Biomüll. Mit der Wärme, die die Schaben auf einer Farm im ostchinesischen Jinan erzeugen, wird im Winter Gemüse angebaut. Nach ihrem Tod werden die Tiere zu proteinhaltiger Tiernahrung verarbeitet.

Von Benjamin Eyssel

Kakerlaken auf einer gebutterten Brotscheibe (imago/Steffen Schellhorn)
Kakerlaken fressen gern Brot mit Butter (imago/Steffen Schellhorn)
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Biobots Kontrollierte Kakerlaken

Eine große Halle etwa 40 Kilometer östlich von Jinan, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Shandong. Ein säuerlich stechender Geruch liegt in der Luft. Lastwagen liefern Speisereste von Restaurants aus der Region an. Fleischbrocken, Gemüse, Suppenreste, frittierte Tofustücke. An einem Förderband stehen vier Frauen mit Handschuhen und Mundschutz. Sie sortieren Essstäbchen, Plastikteile und andere Fremdkörper aus. Alles wird fein vermahlen und mit Sägespäne eingedickt. Fertig ist das Futter für die Insekten, erklärt Kakerlaken-Farm-Manager Li Yanrong:

"Die Küchenabfälle in China kommen hauptsächlich aus Restaurants. Sie enthalten viele Fremdstoffe, Wasser, Öl, auch verdorbene Lebensmittel. Die Kakerlaken können alle Küchenabfälle aufessen und machen dabei keinen Dreck."

Kakerlaken fressen tonnenweise Abfälle und dienen später als Kraftfutter

Derzeit leben in einer fußballfeldgroßen Halle nebenan etwa eine Milliarde Kakerlaken. Sie fressen 50 Tonnen Speiseabfälle am Tag, sagt der Manager. In der zweiten Etage über der Halle hat er ein Gewächshaus eingerichtet. Mit der Wärme, die die Tiere erzeugen, wird im Winter Gemüse angebaut. Doch der Hauptnutzen ist ein anderer, erklärt Li Yanrong.

"Zum einen produzieren wir die Kakerlaken selbst, aus denen wir proteinreiches Futter für Hühner, Ente, Schweine und Fische herstellen. Außerdem den Kot der Kakerlaken, der richtig guter organischer Dünger ist."

Schon oben im Gewächshaus, kann man erahnen, wie sehr es unten im Stall riecht. Ein süßlich-miefiger Gestank liegt in der Luft.

Auf einer Treppe geht es nach unten, über einen kleinen Wassergraben mit Fischen drin, an dicken Vorhängen und an einer Art Wasserfall vorbei, all das soll verhindern, dass die Insekten ausbrechen.

Im Stall selbst ist der penetrante Gestank kaum auszuhalten. Es ist stockduster, schwül-heiß und muffig-stickig. Die Insekten geben Sexuallockstoffe ab, so genannte Pheromone, die Menschen als eklig empfinden. Von einem Gang gehen links und rechts Türen ab, hinter denen jeweils mehrere Millionen Schaben leben. Doch auch im Gang huschen die scheuen bis zu vier Zentimeter großen Tiere hin und her.

Regierung subventioniert die sinnvolle Geschäftsidee

Die Kakerlaken leben aber hauptsächlich auf hochkant aufgestellten Brettern. Nach etwa 11 Monaten sterben sie, erklärt der Manager. Dann fallen sie auf den Boden, werden von einem Förderband aufgesammelt, getrocknet und zu proteinreichem Kraftfutter verarbeitet. Pro Halle können so im Jahr 1.000 Tonnen Futter erzeugt werden. Der Manager hofft, noch in diesem Jahr den ersten Gewinn zu machen. Subventionen von der Regierung gibt es auch, denn die Kommunen wissen oft nicht wohin mit den Speiseabfällen.

In China fallen jedes Jahr 400 Millionen Tonnen Lebensmittelabfall an, erklärt Xia Yiwen von Greenpeace in Peking. Nur ein kleiner Teil davon wird kompostiert, verfüttert oder in Biogas umgewandelt. Rund 90 Prozent landet auf Deponien oder wird verbrannt. Keine gute Lösung, findet die Umweltaktivistin:

"Deponien nehmen viel Platz weg. Küchenabfall mit viel Öl und Salz verseucht auch den Boden. Verbrennen ist ein noch größeres Problem. Zum einen werden Ressourcen verbraucht, zum anderen wird die Luft verschmutzt."

Die Greenpeace-Aktivistin will nicht ausschließen, dass auch Kakerlaken ein Teil der Lösung sein können. Doch da bedürfe es weiterer Forschung:

"Die biologische Umwandlung von Küchenabfällen erscheint uns eine sehr gute Methode, die bislang aber noch nicht so viel genutzt wird. Wir brauchen noch Zeit, um die Vorteile und mögliche Probleme zu erforschen."

Auf der Kakerlakenfarm in der Provinz Shandong werden weiter Essensreste zu Brei zermahlen und in den Kakerlakenstall nebenan gepumpt. Manager Li Yanrong betreibt seit Jahren selbst Forschung an Küchenschaben, erzählt er. Auf die Idee habe ihn seine Tochter gebracht, nachdem sie eine Doku über Kakerlaken angeschaut habe.

"Auch Menschnen können Kakerlaken essen"

"Zuerst hatten meine Tochter und ich ein Aquarium im Badezimmer zu Hause. Da haben wir herausgefunden: Kakerlaken können alles aus der Küche fressen: egal ob sauer, süß, scharf, salzig, sogar Servietten."

Li Yanrong hat große Pläne mit seiner Kakerlakenfarm. Drei weitere Ställe werden gerade gebaut. Er will außerdem noch weitere Standorte in China eröffnen. Und er ist überzeugt, dass Kakerlaken nicht nur als Tierfutter taugen:

"Auch Menschen können Kakerlaken essen. Sie gelten aber noch nicht offiziell als Lebensmittel, das muss noch genehmigt werden. Bislang kann man nur in der Apotheke chinesische Medizin kaufen, die aus Kakerlaken hergestellt wird. Wir essen sie selbst auch, sie helfen beispielsweise, wenn man Probleme mit dem Magen hat. Einfach ein paar Schaben in Öl ausbacken und essen."

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