Freitag, 27. Mai 2022

Shanghai im Lockdown
Chinas Versagen

Beruhigt durch die Erfolge in den ersten zwei Jahren der Pandemie habe es die Regierung in Peking versäumt, konsequent eine Impfkampagne für Risikopersonen umzusetzen, kommentiert Volkart Wildermuth. Die Zeche beglichen aktuell die Menschen in Shanghai und demnächst sicher auch in anderen großen Städten Chinas.

Ein Kommentar von Volkart Wildermuth | 18.04.2022

Lockdown in Shanghai A lockdown continues in Shanghai on April 6, 2022, to curb coronavirus infections. PUBLICATIONxINxG
Seit drei Wochen dürfen die Einwohner Shanghais praktisch nicht vor die Tür (IMAGO/Kyodo News)
Shanghai im Lockdown. Seit drei Wochen dürfen die Einwohner praktisch nicht vor die Tür. Die Versorgung mit Lebensmitteln bleibt schwierig. Immer wieder sind im Internet verzweifelte Hilferufe zu sehen. Sie verschwinden schnell, nicht, weil Essen geliefert wurden, sondern, weil die Zensurbörden die Nachrichten unterdrücken. Ähnlich geht es mit Berichten über die katastrophalen Bedingungen in den Quarantänezentren. Und in die werden jeden Tag immer noch um die 20.000 positiv getestete Personen eingeliefert. Der Lockdown konnte die aktuelle Corona-Welle nicht brechen. Bislang haben sich rund 250.000 Personen in Shanghai infiziert. Die Behörden vermelden keine Todesfälle, aber im Internet ist von zahlreichen Opfern in Altersheimen die Rede. Bestätigen lässt sich weder die eine noch die andere Darstellung. 

Omikron bringt Chinas Null-Covid Strategie an die Grenzen

Fest steht aber: Omikron bringt Chinas Null-Covid Strategie an die Grenzen. Zumal auch andere große Städte und Wirtschaftszentren unter Omikron-Ausbrüchen und Lockdowns leiden. Deutsche Banken gehen davon aus, dass China die angepeilten 5,5 Prozent Wachstum wohl nicht erreichen wird. Trotz der Probleme in der Wirtschaft und dem Unmut in der Bevölkerung hält die Regierung aber an Null-Covid fest.
Dafür gibt es durchaus gute Gründe, das zeigt der Blick nach Singapur und Hongkong. Beide Städte haben auf die Null-Covid-Strategie gesetzt und in beiden Städten gelang es nicht, Omikron fernzuhalten. Aber während Singapur zwar einen starken Anstieg der Fallzahlen meldete, gab es dort kaum zusätzliche Todesfälle. Ganz anders in Hongkong. Dort infizierten sich rund 60 Prozent der Bevölkerung, 8.000 Menschen starben, Hongkong hatte zeitweise weltweit die höchste Coronasterblichkeit. Gestorben sind vor allem ungeimpfte, hoch alte Personen.

Für China und Hongkong war Null-Covid auf Dauer angelegt

Das zeigt: der entscheidende Unterschied zwischen Singapur und Hongkong war die Impfkampagne. In Singapur wurde erstens mehr geimpft, vor allem aber gelang es dort, die besonders gefährdeten Alten zu überzeugen. Auf dem Papier hat auch Hongkong mit 80 Prozent eine gute Impfquote. Aber nur ein Viertel der über 80-Jährigen war geimpft. Ein Grund: mutmaßliche Nebenwirkungen der Impfungen, die von offizieller Seite heruntergespielt wurden. Auf der anderen Seite betonte die Regierung Hongkongs, dass die Null-Covid-Strategie das Virus sowieso von der Insel fernhalten würde - warum also sich impfen lassen?

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Singapur hat wie Australien, Neuseeland oder Vietnam, Null-Covid als Übergangsstrategie gesehen, die Sicherheit bis zu einem breiten Impfschutz in der Bevölkerung geben sollten. Für China und Hong-Kong dagegen war Null-Covid auf Dauer angelegt. Es wurde geimpft, aber offenbar nicht mit der nötigen Überzeugungskraft. Und so waren laut der chinesischen Nationalen Gesundheitskommission Mitte März nur etwa die Hälfte der über 80-Jährigen mit zwei Impfdosen geschützt. Den bei den chinesischen Impfstoffen eigentlich nötigen Booster haben noch einmal deutlich weniger Menschen. Der Londoner Thinktank Airfinity hat die Entwicklung in Hongkong auf die Situation in ganz China hochgerechnet und geht im schlechtesten Szenario von deutlich über einer Million Omikron-Toten aus.
So wird es wohl nicht kommen, denn China hat eine Impfkampagne gezielt für Ältere angestoßen. Bis die aber greift, bleibt dem Land im Grunde keine Alternative, als an Null-Covid festzuhalten. Diese Strategie war lange erfolgreich, China ist besser durch die Pandemie gekommen, als etwa Deutschland. Aber in der Omkiron-Welle sind immer härtere Lockdowns nötig, um das Virus wenigstens einzugrenzen. Beruhigt durch die Erfolge in den ersten zwei Jahren der Pandemie hat es die Regierung in Peking versäumt, konsequent eine Impfkampagne für Risikopersonen umzusetzen. Die Zeche begleichen aktuell die Menschen in Shanghai und demnächst sicher auch in anderen großen Städten Chinas. Bis dann hoffentlich die Impfungen greifen und sich auch für China eine Tür hinaus aus der Null-Covid-Strategie öffnet.
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Volkart Wildermuth

Wissenschaftsjournalist
Volkart Wildermuth, geboren 1962 in München. Studium der Biochemie in Tübingen und Berlin. Parallel Radioreporter rund um Tübingen. Nach dem Diplom Volontariat beim WDR. Seitdem freier Wissenschaftsjournalist für das Deutschlandradio und die ARD-Anstalten.