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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNeuer Blick auf Mao Zedong und seine Zeit07.07.2014

Chinesische GeschichteNeuer Blick auf Mao Zedong und seine Zeit

Im Westen gilt er als einer der furchtbarsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, in China wird Mao Zedong nach wie vor verehrt. Eine Biografie und eine Darstellung der Hungersnot, der zwischen 1958 und 1962 rund 55 Millionen Chinesen zum Opfer fielen, beleuchten auf der Basis neu zugänglicher Quellen den "Großen Vorsitzenden" und seine Zeit.

Von Katharina Borchardt

Studenten halten Poträts von Mao Zedong während einer Erinnerungsfeier zum 120. Geburtstag von Mao Zedong. (dpa picture alliance/ Chinafotopress)
Mao Zedong - der ehemalige Machthaber ist in China noch immer präsent. (dpa picture alliance/ Chinafotopress)
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Geschichte: Chinas Hölle auf Erden (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 28.06.2014)

Über Mao Zedong wurde bereits viel geschrieben. Und doch lässt sich immer wieder Neues über ihn und seine Zeit zutage fördern. Dies stellen nun zwei neue Bücher unter Beweis: eine Mao-Biografie und eine Darstellung der chinesischen Hungersnot, die 1958 einsetzte. Zwar korrigieren beide Bücher das Wissen über den Diktator und seine politische Kampagnen nicht grundlegend, aber sie akzentuieren es und unterfüttern es durch ein gründliches Quellenstudium. Denn die Autoren beider Werke hatten Zugang zu bislang verschlossenen Archiven in China und in Russland. Außerdem arbeiten sie inhaltlich sehr fokussiert: Alexander Pantsov und Steven Levine konzentrieren sich in ihrer Biografie auf Maos Verhältnis zu Moskau, während Frank Dikötter in seinem Buch die Auswirkungen der chinesischen Hungersnot auf Provinzebene untersucht.

Da ist zunächst die knapp 1.000 Seiten starke Mao-Biografie von Alexander Pantsov und Steven Levine. Die beiden in den USA lehrenden Historiker konnten bei ihren Recherchen unter anderem auf Dokumente aus dem Parteiarchiv des Zentralkomitees in Moskau zurückgreifen:

Zitat aus "Mao. Die Biografie": "Die Sammlung privater Dokumente zu chinesischen Kommunisten ist besonders interessant. Im Unterschied zu vielen anderen Archivmaterialien wurden sie den meisten Wissenschaftlern auch während des kurzen ideologischen 'Tauwetters' unter Yeltsin vorenthalten. [...] Nur sehr wenige Spezialisten, darunter einer von uns, Alexander V. Pantsov, erhielten Zugang zu diesen Materialien und genießen dieses Privileg aufgrund persönlicher Beziehungen zu Archivaren und Wissenschaftlern im heutigen Russland auch weiterhin." (S. 21f.)

Auch wenn diese Archivalien laut Fußnotenverzeichnis dann doch spärlicher ins Buch eingeflossen sind als angekündigt, gelingt es Pantsov und Levine, die Verquickungen zwischen Moskau und Peking deutlich herauszuarbeiten. Sehr anschaulich stellen sie dar, wie in den 20er-Jahren die ersten kommunistischen Gruppen in China entstehen, denen ein holländischer Kurier Weisungen aus Moskau zuträgt. Später unterstützt Stalin die chinesischen Kommunisten immer wieder mit Geld und Waffen. Vor allem in Mao sieht Stalin einen vielversprechenden jungen Anführer. Er fördert ihn und lässt auch Maos vernachlässigte Kinder in Russland ausbilden. Mit der politischen Erziehung seines Sohnes Anying aber war Mao nicht zufrieden, wie ein sowjetischer Agent in einem der Dokumente notierte, die Pantsov und Levine aufgespürt haben.

Zitat aus "Mao. Die Biografie": "Mao Zedong hielt seinen Sohn für einen 'Dogmatiker', der sich in der Theorie auskannte, aber keine Ahnung vom Leben und den Arbeitsbedingungen in China hatte. Mao Zedong behauptete, sein Sohn sei in der UdSSR verdorben worden, und äußerte seine Unzufriedenheit mit der Erziehung, die er dort erhalten hatte. Damit Mao [An]ying etwas 'über das Leben [in China] lernte', schickte man ihn im April 1946 aufs Land, wo er für einen reichen Bauern namens Wu Ma-you arbeiten sollte." (S. 479)

Mao nicht nur als Politiker, sondern auch als Privatmann

Pantsov und Levine nehmen Mao nicht nur als Politiker unter die Lupe, sondern auch als Privatmann. Es geht in ihrer Biografie also auch um Maos schwierige Beziehung zu seinen Frauen, Geliebten und Kindern. Dass die beiden Autoren dabei eine betont unpolitische Haltung einnehmen, ist ihnen mehrfach vorgeworfen worden. Es erweist sich aber als wohltuend, ein Buch zu lesen, dass nicht mit Schaum vor dem Mund geschrieben wurde.

Ebenso besonnen geht auch der Historiker und Sinologe Frank Dikötter in seinem gut 500 Seiten starken Buch "Maos Großer Hunger" vor. Seinen Berechnungen zufolge starben während der Hungersnot in den Jahren 1958 bis 1962 rund 55 Millionen Chinesen. Diese Zahl basiert auf intensiven Archivrecherchen in Peking sowie in zehn Provinze.

Zitat aus "Maos Großer Hunger": "Für den Zugang zu diesen Archiven gelten strenge Regeln, und noch vor etwa zehn Jahren wäre es unmöglich gewesen, dort Dokumente einzusehen. Aber in den letzten Jahren ist eine wachsende Zahl von Dokumenten, die älter als 30 Jahre sind, für Leser zugänglich gemacht worden, die ein Empfehlungsschreiben vorweisen können. Umfang und Aussagekraft der zugänglichen Dokumente sind von Ort zu Ort unterschiedlich, aber in den meisten Archivsammlungen wird zwischen 'offenen', freigegebenen und 'geschlossenen', geheimen Akten unterschieden. Wirklich heikles Material kann weiterhin nur von hochrangigen Parteimitgliedern eingesehen werden." (S. 441)

Chronologie der Hungerjahre

Diese Akten waren leider auch Dikötter nicht zugänglich. So beruhe sein Buch "auf relativ harmlosem Material", gesteht der Autor ein. Seine wissenschaftliche Redlichkeit ist ihm hoch anzurechnen und schmälert die Bedeutung seines Buches nicht. Denn er hat damit eine Chronologie der Hungerjahre vorgelegt, die aufgrund seines Quellenstudiums absolut verlässlich ist. Dikötter rekonstruiert ausführlich, wie China durch Maos Kampagne namens "Großer Sprung nach vorn" an die Spitze der kommunistischen Länder katapultiert werden und sogar Großbritannien ökonomisch übertrumpfen sollte. Doch eine Vielzahl teils fahrlässiger, teils gewollt mörderischer Aktionen trieb das Land in den Ruin. Frank Dikötter schreibt hier Geschichte nicht neu, festigt allgemein Bekanntes aber mit Zahlen und füllt es mit Geschichten an, auf die er in den Provinzarchiven gestoßen ist. So erzählt er etwa von den unzähligen Kindern, die während der Hungersnot ausgesetzt wurden und von denen man sagte, sie seien "verloren" gegangen. So ging es auch Shi Liuhong:

Zitat aus "Maos Großer Hunger": "Dieser 13-jährige Junge wurde von seiner Mutter aus seinem Heimatdorf in Hujiang über die Berge geführt. Irgendwann schlief er erschöpft und hungrig am Straßenrand ein. Als er aufwachte, war seine Mutter fort. Dies war die übliche Methode, um ein Kind zu 'verlieren'." (S. 330)

Geschichten dieser Art führt Frank Dikötter präzise auf ihre Quellen zurück. Sein Buch liest sich fast kriminalistisch und stellt doch die chinesische Hungersnot auf wissenschaftlich fundierte Weise dar: ihre Gründe, ihren Verlauf und ihre Auswirkungen auf Provinzebene.

Ähnlich steht es mit der ebenfalls gründlich erarbeiteten Mao-Biografie von Alexander Pantsov und Steven Levine. Auch sie haben ein verlässliches, durch neues Archivmaterial angereichertes Werk vorgelegt. Auch wenn alle drei Historiker noch immer nicht auf alle wichtigen Archive zurückgreifen konnten, so haben sie unbekannte Materialien vorstellen können. Darüber hinaus zeichnen sich ihre Bücher durch ihren ruhigen Ton, ihren wissenschaftlichen Anspruch und ihre gute Lesbarkeit aus.

 

Alexander V. Pantsov, Steven I. Levine: Mao.
Die Biographie
S. Fischer Verlag, 992 Seiten, 34,00 Euro
ISBN: 978-3-100-61610-4

Frank Dikötter: Maos Großer Hunger.
Massenmord und Menschenexperiment in China
Klett Cotta Verlag, 526 Seiten, 29,95 Euro
ISBN: 978-3-608-94844-8

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