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StartseiteForschung aktuellStromschläge fürs Gehirn27.02.2015

Chorea Huntington Stromschläge fürs Gehirn

Schon lange implantieren Mediziner Parkinson-Patienten Elektrodendrähte ins Gehirn. Die Stromimpulse der Elektroden können das für diese Krankheit typische Zittern unterdrücken und das Leben der Betroffenen erleichtern. Jetzt erproben Ärzte die Methode auch bei anderen Patienten – mit unerwartet positiven Wirkungen.

Von Kristin Raabe

Elektronenmikroskopische Aufnahme der "verklebten" Moleküle des Huntingtin-Proteins. (dpa / picture alliance / MPG-Gesellschaft_Wanker)
Elektronenmikroskopische Aufnahme der "verklebten" Moleküle des Huntington-Proteins. (dpa / picture alliance / MPG-Gesellschaft_Wanker)
Weiterführende Information

Neurowissenschaften - Parkinson-Mäuse liefern neue Erkenntnisse
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 26.02.2015)

Die Diagnose könnte schlimmer kaum sein: Eine Erbkrankheit, die mit leichten Bewegungsstörungen und Gedächtnisproblemen beginnt, nach wenigen Jahren zum totalen körperlichen und geistigen Verfall führt und schließlich innerhalb von durchschnittlich 15 Jahren zum Tod. Bei der sogenannten Chorea Huntington gehen nach und nach immer mehr Nervenzellen im Gehirn zugrunde. Weil es keine Therapie für diese Krankheit gibt, nutzen Ärzte heute jede Chance, um zumindest die Symptome zu lindern. Der Neurologe Lars Wojtecki wollte einer Gruppe von Huntington-Patienten mehr Kontrolle über ihre Gliedmaßen ermöglichen, indem er ihnen Elektroden ins Gehirn implantierte. Als Zielpunkt für die Elektrodendrähte wählte er das sogenannte Pallidum, einen Teil des Zwischenhirns:

"Das Interessante an unserer Situation ist, dass man primär im sogenannten inneren Pallidum also 4 bis 5 Millimeter tiefer im Gehirn stimuliert, um Überbewegungen wegzubekommen. Und in dieser Studie war eben die Frage, ob eine Stimulation etwas weiter außen, im äußeren Pallidum auch Überbewegungen unterdrücken kann, aber bezüglich der Kognition ein besseres Profil hat."

Lars Wojtecki arbeitet an der Uniklinik Düsseldorf. Mithilfe tiefer Hirnelektroden hat er schon bei einer handvoll Huntingtonpatienten die Bewegungsstörung deutlich lindern können. Ob eine leichte Veränderung des Stimulationsortes im Gehirn bei den Huntingtonpatienten auch die geistige Leistungsfähigkeit verbessern würde, untersuchte der Neurologe zunächst an zwei Patienten mit einem speziellen Test:

"Man muss sich das einfach so vorstellen: Es werden Pfeile auf dem Monitor dargestellt und der Patient muss sagen, zeigt dieser eine Pfeil in dieselbe Richtung wie der daneben liegende Pfeil. Also eine prinzipiell ganz einfache Aufgabe. Die Aufgabe hat aber eine ganz entscheidende Zusatzfunktion. Wir wollten schauen, wie schnell reagieren Patienten, wenn sie einen Fehler gemacht haben. Diese Situation muss man sich folgendermaßen vorstellen, sie machen eine Handlung und merken im Nachhinein, ich habe mich da vertan und dann werden sie automatisch bei der nächsten Handlung langsamer, das nennt sich Post-Error-Slowing. Also die Verlangsamung nach einem Fehler: Das ist das Maß unserer Handlungskontrolle. Also das Gehirn sagt: Stopp, da habe ich etwas falsch gemacht und jetzt vorsichtiger."

Tiefe Hirnstimulation bringt überraschende Ergebnisse

Dieses Verlangsamen nach einem Fehler dient quasi der Kontrolle der eigenen Handlung. Bei Huntington-Patienten funktioniert es nicht mehr. Dadurch machen sie bei diesem Test normalerweise mehr Fehler als gesunde Versuchspersonen. Das änderte sich aber durch die tiefe Hirnstimulation:

"Da war es tatsächlich so, dass die Patienten mit angestelltem Stimulator noch besser waren als gesunde Kontrollen."

Stellte der Neurologe den Stimulator wieder aus, waren die Huntington Patienten in dem Test wieder deutlich schlechter als gesunde Testpersonen. Feuerten die Elektroden im Gehirn wieder ihre Impulse ab, schnitten die Kranken wieder besser ab als die Gesunden. Das hatte es in der Medizin bis dahin noch nicht gegeben. Lars Wojtecki will nun weitere Huntingtonpatienten mit der Methode behandeln. Ihn interessiert vor allem, inwieweit sich die kognitive Verbesserung auch im Alltag der Patienten zeigt.

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