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StartseiteBüchermarktSozialistische Gefühls-Achterbahn19.02.2015

Christa Wolf-TagebücherSozialistische Gefühls-Achterbahn

Immer wieder fuhr die Schriftstellerin Christa Wolf als junge Frau in die Sowjetunion, sie war vom Sozialismus überzeugt, wurde mit jedoch mit jeder Reise kritischer. Ihre jetzt veröffentlichten Moskau-Tagebücher zeigen, warum sie sich schließlich ganz von der sozialistischen Idee abwandte.

Von Uli Hufen

Die Schriftstellerin Christa Wolf im Jahr 1989, hier bei einer Lesung in Leipzig.  (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Die Schriftstellerin Christa Wolf im Jahr 1989, hier bei einer Lesung in Leipzig. (picture-alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)

Klug, ernst, aufmerksam, wissbegierig, zielstrebig, hochambitioniert. Auf eine heute beinahe unvorstellbare Weise früh erwachsen und doch naiv. Es ist fraglos eine erstaunliche junge Frau, die da im Juni 1957 zum ersten Mal in die Sowjetunion reist und Tagebuch führt. Die junge Dame heißt Christa Wolf, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Schriftstellerverbandes der DDR und als solche Teil einer Delegation, die nach Moskau und Armenien reist, um einen Freundschaftsvertrag zwischen dem sowjetischen Schriftstellerverband und dem der DDR zu unterzeichnen. Die Reise dauert drei Wochen und macht Christa Wolf glücklich.

"Ich fahre sehr reich beschenkt nach Hause, voller Dankbarkeit, voller neuer Einsichten, die sich vorbereiten, voller tiefer Gefühle."

"Das Leben, scheint mir, ist hier lebendiger, unmittelbarer als bei uns."

"Es gibt hier keinen Snobismus, in keiner Sache."

"Ein großer Ernst, der an den Sinn des Fleißes glaubt, herrscht überall. Und das ist ja wohl das Wichtigste."

"Ein Entschluss steht fest: Ich werde Russisch lernen!"

Christa Wolf fährt 1957 in die Sowjetunion wie gläubige Katholiken nach Lourdes oder Santiago de Compostela fahren. Sie ist vom Sozialismus überzeugt und verspricht sich von der Reise in das erste und wichtigste sozialistische Land der Welt Inspiration und Erbauung. Ihr Wunsch wird erfüllt. Allerdings ist die Sowjetunion keine schöne Kirche und Christa Wolf zwar überzeugt vom Sozialismus, aber nicht dumm, blind oder unkritisch. Ganz im Gegenteil:

"Leider gibt es wenig, das stimmt, und die Auslagen sind gar nicht verlockend. Kleider sehr altmodisch. (...) Der Geschäftsgeist ist immer noch nicht ausgestorben: Manche Leute verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit, dass sie für andere bei der Kontrolle ihrer Autovoranmeldung Schlange stehen und dafür 3 Rubel verlangen. Sozialistisches Bewusstsein für die Masse ist erst bei weitgehender Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu erreichen. Mit Ideen allein geht es nicht."

Wolfs Tagebücher: mal aus ausführlich, mal stenografisch

Als Christa Wolf im Oktober 1989 zum letzten Mal in Moskau ist, laufen in Leipzig die Montagsdemonstrationen. Christa Wolf lernt von ihren Moskauer Freunden und Kollegen eine bittere Lektion über das Verhältnis von sozialistischem Bewusstsein und Bedürfnisbefriedigung:

"Ich erzähle von den Ereignissen in Berlin - Massenflucht, Oppositionsbewegung, Demonstrationen, Verhaftungen. Boris: Aber was wollen die Leute? (Diese Frage, die sich dann oft wiederholen wird.) Ich: Glasnost! Er: Wir haben Glasnost, aber nichts zu essen. Also tauschen wir doch. (Daran kann man die Leute hier erkennen: Ob sie Glasnost und Demokratie gegen Lebensmittel hergeben würden.)"

Nach dem Oktober 1989 wird Christa Wolf, die 2011 verstarb, nie wieder in die Sowjetunion oder nach Russland reisen. Der Traum, den das Land für die junge Christa Wolf 1957 repräsentierte, war zerstört.

In der Zwischenzeit war Christa Wolf insgesamt zehn Mal in die Sowjetunion gereist und hatte stets Tagebuch geführt. Mal ausführlich, mal stenografisch. Wolfs Mann Gerhard hat die gesammelten Tagebuchnotizen jetzt mit einigen Briefen und anderen Texten zu dem wunderbaren Band "Moskauer Tagebücher, Wer wir sind und wer wir waren" kombiniert. Der Band erzählt die Geschichte einer fortschreitenden Desillusionierung. Er erzählt aber auch von tiefen Freundschaften, von zahllosen fruchtbaren Begegnungen und Diskussionen, von wechselseitiger Achtung, von Verständnis und von Respekt für die jeweils fremde Kultur. Das ist besonders berührend, weil all das Dinge sind, die zwischen Russland und Deutschland gerade verloren zu gehen drohen.

Als Christa Wolf 1963 zusammen mit Brigitte Reimann zum dritten Mal in die Sowjetunion reist, kommt sie zum ersten Mal als Schriftstellerin. Die "Moskauer Novelle" von 1961 hatte sie bekannt gemacht und ihr Ruhm wächst schnell. Bald erscheinen auch die ersten russischen Übersetzungen. Und mit dem wachsenden eigenen Ruhm steigt auch das Kaliber der Personen, die sie in Moskau und auf ihren Reisen kreuz und quer durchs Land kennenlernen darf. Jurij Trifonow und Jefim Etkind, Lew Kopelew, Jewgenij Jewtuschenko, Grigorij Baklanow, Konstantin Simonov - über die Jahre trifft sie mehr oder weniger das gesamte Who-is-who der sowjetischen Literatur. Mal für ein kurzes Gespräch, mal regelmäßig, mal bleibt es geschäftsmäßig und kollegial, mal entstehen langjährige Freundschaften.

Man trinkt Tee, Wein und Wodka, man streitet, diskutiert und tanzt, reist durchs Land, begegnet sich bei Konferenzen und Kongressen. Und immer wieder kommen die wirklich wichtigen Gespräche und Treffen auf eine Frage zurück: Wie hat die gute Literatur auszusehen? Wie muss man schreiben, um die Massen zu erreichen und ihr Bewusstsein zu verändern? Wie kann Literatur helfen, die bessere, sozialistische Welt zu bauen?

Von dem großen Erzähler Jurij Kasakow lernt Wolf, dass die Literatur jedes Thema großzügig oder kleinlich behandeln könne, dass Natur zu Idylle verzerrt werden kann, Liebe zu Liebelei und Trauer zu Sentimentalität. Sie träumt davon, einen Stoff zu finden, der...

"... wirklich national wäre und eine Chance hätte, so in das Volk einzudringen wie "Krieg und Frieden" hier."

Während sich Wolf Weltruhm erschreibt, bricht ihr sozialistischer Traum zusammen

Doch die engagierte Literatur und die guten Absichten und Ideen der Damen und Herren Schriftsteller sind das eine, das Leben ist das andere. Während Christa Wolf sich nach und nach Weltruhm erschreibt, bricht der sozialistische Traum zusammen. Politisch und wirtschaftlich. Von Lew Kopelew und anderen kritischen Geistern in Moskau erfährt sie von den Strafverfahren gegen die Dichter und Schriftsteller Iosif Brodskij, Andrej Sinjawskij und Julij Daniel. Im Juni und Juli 1968 ist Wolf zurück in Moskau und wieder dreht sich jedes Gespräch um einen bedrohten aber demonstrativ furchtlosen Schriftsteller:

"Überall begegneten wir indirekt den Solschenizyn-Manuskripten: Kopelew, Motylowa, Trifonow, Ginsburg, Bunin, Steschenski, sogar Saja sprachen davon, Es gibt zwei "Krebsstation" und ""Der erste Höllenkreis" ...

Die Prager Presse geht von Hand zu Hand."

Der Einmarsch in der Tschechoslowakei im August 1968 erstickt dann auch in Moskau die letzten Anflüge von Tauwetter. Es beginnt die bleierne Zeit der mittleren und späten Breschnew-Jahre. Die Bürger des Landes wollen einfach nichts mehr vom großen gesellschaftlichen Experiment Sozialismus wissen. Je klarer Christa Wolf das wird, um so mehr verlischt ihr Interesse an der Sowjetunion. Die Reisen werden seltener und geschäftsmäßiger, die Tagebuchnotizen kürzer und düsterer. Von einer Reise im Dezember 1981 bleibt nichts als ein verspäteter Flug und unfreundliches Personal in Erinnerung:

"Und so war alles, der Haupteindruck: Der Einzelne ist nicht viel wert."

Als 1985 die Perestroika beginnt, bleibt Christa Wolf auf erstaunliche Weise desinteressiert. Keine Begeisterung, kein Neid, kaum Hoffnung. Es ist, als ahne sie früh, dass der Versuch scheitern wird. 1989 besucht sie Moskau ein letztes Mal. Das Essen im Hotel ist schlecht. Manche Freunde hungern, Bürgerkrieg ist eine Vokabel, die aktuellen Bezug hat, Antisemitismus auch. Viele haben Angst. Überall Verfall, Endzeitstimmung. Bei einem Empfang in der DDR-Botschaft trifft Wolf den SED-Kulturpolitiker Kurt Hager:

"Hager kommt extra durch den ganzen Saal auf mich zu, begrüßt mich: Muss ich jetzt "Sie" zu dir sagen? Ich: Noch nicht. Er: Ich hoffe, nie."

Kurt Hager hat vergessen, dass Christa Wolf keine Genossin mehr ist. Schon im Juni 1989 war sie aus der SED ausgetreten. Alles endet. Aber das Zitat von Goethe, dass der jungen Christa Wolf 1957 beim Anblick des aufstrebenden, sozialistischen Moskau eingefallen war, 1989 kommt es ihr nicht in den Sinn, obwohl es wieder passen würde: "Aufsteigende und verfallende Epochen." Zwei Jahre später sind DDR, Sowjetunion und Sozialismus Geschichte und Christa Wolf geht für lange Zeit nach Kalifornien.

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