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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Irgendwie waren wir auch Träumer"11.03.2020

Christen auf dem Weg zur deutschen Einheit"Irgendwie waren wir auch Träumer"

Nicht nur bei der Friedlichen Revolution, sondern auch in der Phase danach spielten Christen eine wichtige Rolle auf dem Weg zur deutschen Einheit. Vor allem evangelische Theologen gestalteten die politische Entwicklung mit - etwa an Runden Tischen. Aber einige waren auch enttäuscht - im März 1990 - nach den ersten freien Volkskammerwahlen.

Von Anna Marie Goretzki

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Schwarzweißaufnahme von Rainer Eppelmann in einer Gesprächssituation. (imago/Stana)
Der evangelische Theologe und DDR-Oppositionelle Rainer Eppelmann in der konstituierenden Sitzung der Volkskammer in Berlin Ost im April 1990 (imago/Stana)
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"Die Umwelt-Bibliothek hat immer den Anspruch gehabt, basisdemokratisch zu arbeiten. So war unser janzet Denken eben och. Deswegen sind wir nie Parteileute worden, die sich da so einer Parteidoktrin unterwerfen möchten. Sondern wie so eine kleine Bürgerbewegung von unten. Auch wenn es naiv klingt, aber schön aus dem Volk heraus. Also irgendwie, da waren wir auch Träumer."

Kerstin Halbrock sitzt vor ihrem Cappuccino in einem Café im Bürgerpark Pankow. Bei den Erinnerungen an ihren Kampfgeist von damals und an die enttäuschten Hoffnungen steigen ihr Tränen in die Augen.

Von 1987 bis zur Wende war Kerstin Halbrock Aktivistin der Berliner Umwelt-Bibliothek, die in den Gemeinderäumen der Zionskirche untergebracht war. Ein oppositionelles Zentrum und bedeutender Treffpunkt verschiedener Umwelt- und Friedensgruppen der DDR.

 "Ich war richtig überzeugt vom Sozialismus bis zum 14. Lebensjahr", sagt Halbrock. "Über Freunde aus den Nachbarklassen habe ich dann erfahren, ja, da gibt es eine 'Junge Gemeinde' und da werden echt andere Themen als die in den offiziellen Jugendverbänden behandelt. Genau das hat uns als Jugendliche auch interessiert. Von Homosexualität bis Waldsterben. Von daher war das richtig befreiend. Und das waren auch ganz andere Leute. Und das hat mich total fasziniert."

Kerstin Halbrock (geb. Gierke) (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)Die DDR-Aktivistin Kerstin Halbrock (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)

Auch wegen solcher Menschen wie Kerstin Halbrock steht die Mauer heute nicht mehr, kam der DDR-Staat ins Straucheln. Die 49-Jährige hat leicht gewelltes, braunes Haar, trägt eine Brille. Am Nachbartisch steht eine ältere Frau auf, nähert sich Halbrock. Sie habe beim Interview gelauscht und wolle die Chance nutzen, sich bei einer Oppositionellen der DDR persönlich zu bedanken.

Kerstin Halbrock: "Ich bin richtig berührt! Toll! Danke Ihnen!"

Frau: "Ich danke Ihnen auch! Weil Ihnen haben wir das zu verdanken, dass das friedlich über die Bühne gegangen ist. Und ich muss Ihnen sagen, ich hatte damals zwei kleine Kinder und ich habe Schiss gehabt, mich dem anzuschließen. Muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, ja."

"Das war eine kurze Zeit der Freiheit"

Angst, Widerstand zu leisten gegen die Mächtigen in der DDR - die beiden Frauen schwelgen kurz in den Erinnerungen an die Zeit des Mauerfalls, bis sich in ihre Euphorie ein Aber mischt.

Kerstin Halbrock: "Aber das war eine kurze Zeit der Freiheit. Also so in dem Sinne: Das ist jetzt unser Land, genau jetzt können wir anfangen, jetzt geht es los, eigentlich."

Frau: "Das Problem an der Sache war, dass ein in sich festgefügtes Deutschland jetzt die ehemalige DDR übernommen hat, übernehmen musste. Und das war ja einmalig in der Geschichte. Und da sind so viele Dinge gemacht worden, die man vielleicht anders hätte lösen können."

Kerstin Halbrock wollte die Dinge anders lösen. Wie die Monate und das Jahr nach dem Herbst '89 gelaufen sind, damit ist sie nicht zufrieden. Ihre Hoffnungen, das eigene Land und sein Schicksal mit gestalten zu können, hatten sich nicht erfüllt.

"Eigentlich sind wir ziemlich untergegangen mit der Wende", sagt Halbrock. "Wir waren ja ein Vertreter der Bürgerbewegung Neues Forum."

Wunsch nach einer anderen DDR

Sie unterstützte die erste Bürgerrechtsbewegung der DDR, eine "politische Plattform", gegründet im September 1989. Das Ziel: die DDR zu demokratisieren.

"Und die haben ja noch nicht mal die Fünf-Prozent-Hürde gekriegt am 18. März 1990. Das war schon sehr frustrierend. Da haben wir gesehen: Okay, wir haben das zwar jetzt gemacht, aber das Volk steht nicht mehr hinter uns."

Blick auf das Podium beim Gründungstreffen der DDR-Oppositionsgruppe Neues Forum für das Land Mecklenburg-Vorpommern am 3.3. 1990 in Güstrow. (picture alliance/dpa/Fischer)Blick auf das Podium beim Gründungstreffen der DDR-Oppositionsgruppe Neues Forum für das Land Mecklenburg-Vorpommern am 03.03.1990 in Güstrow. (picture alliance/dpa/Fischer)

Das "Neue Forum" hatte sich mit zwei anderen Bürgerrechtsbewegungen zum "Bündnis 90" zusammengeschlossen, anlässlich der ersten - und einzigen - freien und demokratischen Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990. Aber nur 2,9 Prozent der DDR-Bürger gaben diesem Zusammenschluss ihre Stimme. Eine herbe Enttäuschung für Kerstin Halbrock.

Zu den Gewinnern dieser Wahl zählten andere. Rainer Eppelmann zum Beispiel, evangelischer Pfarrer. Er wurde als einer von vier Abgeordneten der Partei "Demokratischer Aufbruch" gewählt. Eppelmann war Gründungsmitglied dieser Partei, ließ sich als Pfarrer beurlauben und stieg ganz in die Politik ein.

"Alles das, was ich gemacht habe, habe ich ja nicht gemacht, weil ich mal Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland werden wollte. Sondern, weil ich für mich selber und meine Kinder eine andere DDR wollte. Ich habe ja nicht mal an deutsche Einheit gedacht, weil ich das für verantwortungslos gehalten hätte", sagt Rainer Eppelmann.

Den Wunsch, in einer anderen DDR zu leben - den hatten sie beide: Kerstin Halbrock und Rainer Eppelmann. Beide kämpften aus dem Umfeld der Kirche heraus für dieses große Ziel - aber mit ganz unterschiedlichen Mitteln.

Blues-Messen machen die Kirche voll

Rainer Eppelmann machte sich vor allem mit den Blues-Messen einen Namen. Die erste Blues-Messe fand im Juni 1979 statt. Der Musiker Günter "Holly" Holwas war auf Eppelmann zugekommen. Holwas, langhaarig, bärtig, mit Jeans und Weste, hatte eine Bitte: Eppelmann möge die Berliner Samariterkirche für Blues-Konzerte öffnen, die Holwas in der DDR nicht geben konnte, weil Musik nordamerikanischen Ursprungs als "unerwünscht" galt. Rainer Eppelmann war damals Kreisjugendpfarrer. Ihn lockte Holwas’ Versprechen, "ihm die Kirche voll zu machen".

"Und darum habe ich ihm den Vorschlag gemacht: Ich kann ihm, was das Konzert angeht, nicht helfen. Wenn Sie sich aber vorstellen können, dass Sie in einem Gottesdienst, den ich inhaltlich gestalte, dazu Blues-Musik spielen, dann können wir Partner werden. Und daraus entstanden dann die Blues-Messen."
 
Eppelmann sah das Risiko. Er wollte die Verantwortung für die Blues-Messen nicht alleine tragen. Und so holte er sich Unterstützung von einem jungen Pfarrer einer Nachbargemeinde.
 
"Da sind wir dann in die Kirche reingegangen und unser erster Eindruck war: ein leichter Schock. In der Kirche standen 150 drin. Das war schon deutlich mehr als die Zahl eines normalen Sonntagsgottesdienstes in der Gemeinde, wenn es nicht Weihnachten oder Konfirmation war. Und die sahen alle aus wie Holly."

Messen werden politischer

Junge Menschen, die für den Blues kamen. Die wenigsten von ihnen, mutmaßt Eppelmann, hatten vorher schon mal eine Kirche von innen gesehen. Anfänglich hatte die Veranstaltung keine explizite politische Botschaft. Das sollte sich aber schnell ändern. Er und sein Kollege, erinnert sich Eppelmann, haben dann die Texte zwischen den Musikeinlagen konzipiert.

Altar der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain im Jahr 2009 (imago stock&people / Bernd Friedel)Volles Gotteshaus: In der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain fanden in den 80er-Jahren die Blues-Messen statt (imago stock&people / Bernd Friedel)

"Mit kleinen Spielszenen aus dem Leben stellten wir das dar und sprachen das laut aus, was viele dachten, aber im Normalfall niemals sagen würden, weil sie sich selber nicht in Gefahr bringen wollten. Was dazu geführt hat, wenn die den Satz hörten oder eine Aussage oder eine Kritik, haben die wild Beifall geklatscht", sagt Eppelmann.

Zunächst reagierte die evangelische Kirche positiv auf die Blues-Messen - wohl auch wegen des offensichtlichen Erfolgs der neuen Veranstaltungsreihe.

Rainer Eppelmann bei einer Blues-Messe:
"Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit euch einen Blues-Gottesdienst zu feiern. Und ich möchte euch grüßen mit der Losung und dem Lehrtext für den heutigen Tag, die von der Herrnhuter Brüdergemeine herausgegeben werden. Beides hat zufälligerweise etwas mit dem Thema dieses Gottesdienstes zu tun: ‚Siehe, ich will sie heilen und gesund machen und will ihnen dauernden Frieden gewähren. Haltet Frieden untereinander.’"

Jugendliche aus der ganzen DDR nehmen teil

Mit den von Messe zu Messe steigenden Teilnehmerzahlen und der mal mehr oder mal weniger versteckten Systemkritik der Lesungen, mehrten sich aber auch die skeptischen Stimmen. Eppelmann verteidigte das Konzept - auch wegen der Missionsidee:

"Wenn die in einer Phase ihres Lebens feststellen, Kirche waren die einzigen, die mir ein Stückchen Luft zum Atmen gegeben haben, die mir ein Stück weit Freiheit gezeigt haben, die mich ein Stück haben, das haben machen lassen, was ich gerne mache und nicht nur das, was der FDJ-Sekretär wollte, dann haben wir mindestens aufgeschlossene Gesprächspartner."

Aus der ganzen DDR reisten Jugendliche an. Wegen des großen Andrangs veranstalteten Eppelmann und Co. die Blues-Messen bald auch in anderen Berliner Kirchen. Mehrere Tausend Menschen kamen zu einzelnen Messen.

"Es war wirklich rammelvoll. Auch die Ränge waren oft voll und die Emporen", sagt Dirk Moldt.

Moldt betritt den Hauptraum der Friedrichshainer Samariterkirche. Er ist Historiker und Autor des Buches "Zwischen Haß und Hoffnung. Die Blues-Messen 1979 bis 1986". Dirk Moldt nahm seit Sommer 1980 regelmäßig an den musikalischen Alternativveranstaltungen teil.

Stasi saß bald auf den Kirchenbänken

Er gibt eine Ansprache von Bernd Schröder wieder. Der war damals Diakon in der Samariterkirche:

"Bei einer der ersten Blues-Messen hat er gesagt: Stellt euch mal vor, ihr wäret jetzt gar nicht hier, sondern ihr wäret in Amerika, in den Südstaaten, und müsstet auf den Baumwollfeldern arbeiten und wie Sklaven, ganz furchtbar. Und ihr seht hinten, ganz hinten, die Züge nach Norden fahren. Und das weckte ganz viele Assoziationen für junge Leute in der DDR. Also die Arbeitspflicht, die bestand, und dann die Vorstellung, mit dem Zug in die Freiheit - das ist dann so wie Westen ein bisschen. Und dann haben sie gesagt: In dieser Situation ist der Blues entstanden, und der Blues ist eben doppeldeutig, was die Texte anbelangt, und wir lassen uns jetzt mal von dem Blues inspirieren, und dann setzte die Musik ein. Und die jungen Leute fühlten sich als Teil einer universellen Freiheitsbewegung, und das war der Knaller."

Die DDR-Jugend als Sklaven - Anspielungen dieser Art fasste das Regime als Provokation auf. Auch die Stasi saß bald auf den Kirchenbänken - und bespitzelte die Veranstaltungen.

Musiker Blues-Messe:
"Dass so viele kommen, darauf waren wir gar nicht vorbereitet. Ich möchte ganz besonders die Leute begrüßen, die heute dienstlich hier sind." (Applaus)

In den Kirchenräumen hörten Jugendliche wie Dirk Moldt Dinge, "die sie sonst nicht zu hören kriegten".

"Dieser Anspruch, aufzubauen, zu ermutigen, zu sagen: Lasst euch nicht unterbuttern, ihr habt Rechte, ihr könnt freie Menschen sein. Nutzt die Freiräume, die ihr habt, und das war enorm wichtig. Und da ging es wirklich nicht um den lieben Gott, sondern es ging darum, Jugendliche zu bestärken."

Umwelt-Bibliothek nimmt Oppositionsarbeit auf

1986 fand die letzte Bluesmesse statt. Im selben Jahr nahmen die Aktivisten der Umwelt-Bibliothek ihre Oppositionsarbeit auf - nur etwa sechs Kilometer nordwestlich in der Kirchengemeinde der Zionskirche. Die Gruppe kämpfte mit ganz anderen Mitteln darum, ihre Ideen zu verwirklichen. Sie wollte politisches Mitspracherecht, Meinungs- und Pressefreiheit. Auch Kerstin Halbrock, damals hieß sie mit Nachnamen noch Gierke, war seit 1987 Mitglied.

Christian Halbrock vor dem Eingang der Zionskirche in Berlin (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)Christian Halbrock, Mitbegründer der Umweltbibliothek, hat die Umweltbibliothek vor dem Eingang der Zionskirche in Berlin (Deutschlandradio / Anna Marie Goretzki)

"Unsere Aufgabe haben wir erst mal gesehen im Öffentlich-Machen der Probleme, die verheimlicht wurden. Das war eigentlich unsere Intention bei der ganzen Sache", sagt Kerstin Halbrock.
 
"Die Fenster waren wirklich wesentlich kleiner. Die waren de facto fast geschlossen. Da war nur so eine Kelleröffnung drin, und da drinnen war eine Metallplatte."

Christian Halbrock, Kerstin Halbrocks Ehemann, hat die Umwelt-Bibliothek mitgegründet. Er weist auf die Metallsprossen vor einem Kellerfenster der Griebenowstraße 16: Hier betrieben er und seine Mitstreiter seit 1986 eine Bibliothek, die mehr war als nur das. Hier druckten sie Zeitungen - auch mindestens eine verbotene -, trafen sich mit anderen Oppositionellen.

Gesprächsgruppen, "Umweltblätter" und zensierte Literatur

Den Vorläufer der eigentlichen Umwelt-Bibliothek hatten Wolfgang Rüddenklau, Carlo Jordan und Christian Halbrock 1983 im Stadtteil Lichtenberg gegründet.

"Und weil es nun partout keine so gute Idee war, gegenüber vom Sitz des Ministers für Staatssicherheit eine Umwelt-Bibliothek zu betreiben, das ganze Karree war ja faktisch dort eingemauert, deswegen fiel dann die Entscheidung: Ja, wir versuchen es an der Zionskirche."

Der damalige Pfarrer, Hans Simon, unterstützte das Vorhaben, indem er die Kellerräume seiner Gemeinde zur Verfügung stellte. Wohl auch, mutmaßt Halbrock, weil Simon als Mitglied der Jungen Gemeinde selbst Erfahrungen mit Repression gemacht hatte.

Zu sehen ist die erste Seite der Zeitschrift Telegraph, Blätter der Umweltbibliothek Berlin, Ausgabe vom 22. Oktober 1989 (Wikimedia Commons / Umweltbibliothek Berlin )Telegraph, Blätter der Umweltbibliothek Berlin, Ausgabe vom 22. Oktober 1989 (Wikimedia Commons / Umweltbibliothek Berlin )

Von da an fanden mehrmals wöchentlich Gesprächsgruppen statt, überregionale Treffen mit anderen Aktivisten - oder es wurden Bücher ausgeliehen: auch zensierte Literatur. Die Kirchenräume wurden, so Halbrock, zu einem Schutzhafen für Andersdenkende.

"Und man hatte eben diese günstige Situation, dass ein Teil der Leute, die zu diesem Protestpotential gehörten, selbst aus kirchlichen Häusern kam, wusste, wie Kirche auch funktionierte", sagt Christian Halbrock.

Stasi-Razzia in der Umwelt-Bibliothek

Über die Grenzen der DDR bekannt wurde die Umwelt-Bbibliothek spätestens durch die Stasi-Razzia im November 1987.

Die Stasi wollte die Aktivisten beim Drucken der illegalen Zeitung "grenzfall" überraschen. Stattdessen vervielfältigten die jungen Menschen jedoch gerade die legalen "Umweltblätter". Im Kassettenrekorder lief, so Christian Halbrock, das Lied "Keine Macht für Niemand". Ironie des Schicksals?

"Reißen wir die Mauern ein, die uns trennen.
Kommt zusammen, Leute. Lernt euch kennen.
Du bist nicht besser als der neben dir.
Keiner hat das Recht, Menschen zu regier’n."
(Ton Steine Scherben: "Keine Macht für Niemand")

Stasi-Mitarbeiter stürmten die Kellerräume, beschlagnahmten die Drucktechnik, nahmen mehrere Aktivisten fest. Christian Halbrock war da schon zu Hause, hörte aber schnell von dem Vorfall.

"Es war klar, dass das ein Riesen-Politikum ist, der Staat dringt in kirchliche Räume ein - da war man der Meinung, das ist das letzte Mal in den 50er-Jahren geschehen", so Christian Halbrock.

Druck auf die SED-Diktatur

Um für die Freilassung der Inhaftierten zu protestieren, organisierte die Umwelt-Bibliothek eine dauerhafte Mahnwache vor der Zionskirche.

Die Aktionen verlagerten sich aus den kirchlichen Räumen nach draußen. Plötzlich sichtbar für jeden. Unterstützung kam aus dem In- und Ausland. Auch Menschen, die vorher weder mit den Regimekritikern noch mit der Kirche sympathisierten, solidarisierten sich, erinnert sich Halbrock.

Ein am 27.11.1987 am Turm der Zions-Kirche angebrachtes Protest-Plakat. Ein Team des ZDF wurde bei Dreharbeiten während dieser Aktion von zivilen Sicherheitsbeamten massiv behindert. (picture alliance/dpa/ZDF)Bei einer Stasi-Razzia im Jahr 1987 wurden Aktivisten der Umwelt-Bibliothek in der Berliner Zionskirche festgenommen (picture alliance/dpa/ZDF)

"Was man sagen kann: dass durch diese Mahnwachen, die hier stattfanden, eine neue Qualität erreicht wurde. Uns ging es darum: Wir wollten aus dem Inneren des Landes heraus Protest generieren, dass dieser Solidaritätseffekt ausgelöst wird."

Mit Erfolg. Wegen des wachsenden Drucks auf den Staat kamen die Verhafteten schließlich frei. Eine Niederlage für die SED-Diktatur.

Christian Halbrock verlässt die Umwelt-Bibliothek im Winter 1989. Kerstin Halbrock engagierte sich noch weiter. Aber auch für sie kamen die Veränderungen, wie sie sagt, "schockierend" schnell.

"Am 4. November ’89 bei der Großdemonstration, da hatten wir echt noch geglaubt: Ja, Mensch, jetzt fangen wir hier an, dieses Land auch für uns zu gestalten. Da entstanden die Runden Tische."

"Dann war er beendet, dieser Traum"

Der zentrale Runde Tisch kam erstmalig am 7. Dezember 1989 zusammen. Er diente als vermittelnde Gesprächsrunde zwischen DDR-Regierung und Opposition. Unter anderem wurde über die freien Wahlen verhandelt, die dann im März 1990 stattfanden, sowie über die vollständige Auflösung der Staatssicherheit.

Versammlung im Januar 1990 am Zentralen Runden Tisch im Konferenzgebäude des Ministerrates der DDR am Schloss Niederschönhausen (heute Schönhausen) in Berlin-Pankow. In der Wendezeit war mit dem Wegbrechen hierarchischer Strukturen ein Machtvakuum in der DDR entstanden. Der Zentrale Runde Tisch, an dem Vertreter von Parteien, der Kirche, gesellschaftlichen Institutionen und der neuen Bürgerbewegung mitarbeiteten, beeinflusste viele Entscheidungen der Übergangsregierung Modrow und erfuhr wegen seiner Bedeutung für das Land ein großes Medieninteresse.  (picture alliance / dpa / Foto: Peer Grimm)Versammlung im Januar 1990 am Zentralen Runden Tisch im Konferenzgebäude des Ministerrates der DDR am Schloss Niederschönhausen in Berlin-Pankow. (picture alliance / dpa / Foto: Peer Grimm)

Den eigentlichen Mauerfall empfand Kerstin Halbrock als Erleichterung. Dennoch platzte für sie und einige ihrer Mitstreiter der Umwelt-Bibliothek spätestens nach der ersten freien Volkskammerwahl ein Traum: die DDR aus dem Inneren heraus zu verändern.

"Schön wäre gewesen - es gab diesen Plan: eine Konföderation zwischen Ost und West erst mal für eine Übergangszeit, sodass wir uns erst einmal sortieren können, vielleicht auch selber gucken können, wie kommen wir jetzt klar mit unserer Geschichte. Bestandsaufnahme: Was ist jetzt übrig von diesem maroden Land? Und dann war es beendet sozusagen, dieser Traum."

"Sorge tragen, dass Deutschland eine Demokratie bleibt"

Kerstin Halbrock fährt ihr politisches Engagement daraufhin zurück. In der Umwelt-Bibliothek, die zum eingetragenen Verein wurde, bekam sie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. 1992 endete die ABM und Kerstin Halbrock ging wieder in den Beruf zurück, in dem sie auch heute noch arbeitet: Krankenschwester.

Der Bürgerrechtler Rainer Eppelmann war schon immer ein politischer Pfarrer. 1990, nach der ersten freien Wahl, macht er die Politik ganz zu seinem Beruf: erst als Volkskammerabgeordneter, dann als Minister für Abrüstung und Verteidigung in der Regierung von Lothar de Maizière, später als Mitglied des deutschen Bundestages für die CDU. 

"Ich träume davon, 93 Jahre alt zu werden", sagt Eppelmann. "Dann kann ich meiner Frau sagen: Ich lebe jetzt ein Jahr länger in einer Demokratie als ich vorher in einer Diktatur leben musste. Dieses Alltägliche ist sowas von kostbar im Vergleich zu dem, wie es auch sein könnte, wenn es nicht Demokratie ist, dass das, glaube ich, unsere Schicksalsaufgabe ist, dafür Sorge zu tragen, dass die Bundesrepublik Deutschland eine Demokratie bleibt."

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