Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteTag für TagKreuzmarsch für den Frieden27.07.2016

Christen im ukrainisch-russischen KonfliktKreuzmarsch für den Frieden

Nichts ist friedlich im Osten der Ukraine. Tief sind auch die Gräben zwischen den verschiedenen orthodoxen Kirchen, die entweder zu Moskau tendieren oder nach Kiew. Jetzt erhitzt ein sogenannter "Kreuzmarsch für den Frieden" die Medien und die Gemüter. Den haben Mitglieder einer orthodoxen Kirche organisiert. Andere Christen lehnen ihn ab.

Von Florian Kellermann

Michaelkloster auf dem Fürstenhügel in Kiew.
Die orthodoxen Kirchen in der Ukraine sind zerstritten - die einen pro Moskau, die anderen pro Kiew. Hier das Michaelkloster auf dem Fürstenhügel in Kiew.
Mehr zum Thema

Nach dem orthodoxen Konzil Was ist zu viel Zeit?

Orthodoxe Christen Was hat das Konzil auf Kreta gebracht?

Konzil gescheitert? "Ein panorthodoxer Schock"

Panorthodoxes Konzil, Teil 3: Gescheitert? Und wenn ja, warum?

Panorthodoxes Konzil auf der Kippe, Teil 2: Politisch-theologische Problemfelder der Orthodoxie

Panorthodoxes Konzil auf der Kippe, Teil 1: Heftige Spannungen zwischen Moskau und Konstantinopel

Konzil der orthodoxen Kirchen 50 Jahre verstrickt in Rivalitäten

Engagement der katholischen Kirche in Russland "Christ sein heißt Mensch sein"

Orthodoxe Kathedrale in Paris Symbol für russische Staatsmacht

Seit Wochen hält ein so genannter "Kreuzmarsch für den Frieden" die Ukraine und Russland in Atem.

Mit umgekehrten Vorzeichen: Die russischen Medien stellen sie als Friedensinitiative dar. In der Ukraine dagegen gilt der Marsch als russische Provokation.

Wie sich die Perspektiven unterscheiden, zeigt sich schon bei den nackten Zahlen: Ukrainische Medien sprechen lediglich von 300 Kirchenmitgliedern, die sich zu Fuß in Swjatohirsk im Osten der Ukraine nach Kiew aufmachten. Den Weg von 600 Kilometern legen sie teilweise aber auch mit Bussen zurück. Ihnen komme eine kleine Gruppe mit 800 orthodoxen Christen aus der Westukraine entgegen, so der ukrainische Geheimdienst. In Kiew ist heute eine große Messe geplant.

1.000 oder 10.000 Pilger?

Ganz anders klingt das in den russischen Medien. Sie zitieren Vertreter der Kirche, etwa Wladimir Moroz, ein Mönch, dessen Kloster auf dem Weg der Pilger liegt:

"Wir schätzen das - je nachdem, wie viele Gläubige an hohen Feiertagen in unsere Kirchen passen. Deshalb wissen wir, dass mehr als 10.000 Menschen unterwegs sind. Das sind mutige Menschen, die bei uns angekommen."

Aufnahmen aus der Vogelperspektive zeigen: Solche Zahlen sich ganz sicher übertrieben. Die Angaben der ukrainischen Behörden sind näher an der Wahrheit.

Der Stein des Anstoßes: Der Friedensmarsch wird von der Orthodoxen Ukrainischen Kirche Moskauer Patriarchats organisiert. Diese ukrainischen Orthodoxen unterstehen der Russischen Orthodoxen Kirche. Und diese ist wiederum eng mit den Politikern im Kreml verbunden. Durch den Marsch aus dem Osten und dem Westen der Ukraine nach Kiew sende Moskau ein klares Signal aus, so der Religionsexperte Oleksandr Sagan:

"Die Organisatoren haben die Losung ausgegeben, der Friedensmarsch solle den Bruderkrieg beenden. Sie bezeichnen den Konflikt in der Ostukraine als Bürgerkrieg - und das ist russische Propaganda."

Denn nicht die Bürger hätten den Konflikt begonnen, so Sagan, sondern Russland, das Spezialkräfte in die Ostukraine entsandte und die Separatisten dort anführt und mit Waffen versorgt.

Unruhen oder Anschläge befürchtet

Außerdem fürchten ukrainische Politiker, der Marsch solle Unruhen in der Ukraine provozieren. Sie warnen davor, jemand könnte Gewalt gegen die Pilger anwenden, um den ukrainischen Staat zu diskreditieren.

Anders der ukrainische Innenminister Arsenij Awakow. Er wies solche Bedenken zurück:

"Wenn die Kirche Moskauer Patriarchats so eine Marsch organisieren will, dann hat sie das Recht dazu. Wenn es unter ihnen merkwürdige Menschen gibt, die das Portrait des russischen Zaren Nikolaus des Zweiten mit sich tragen, von mir aus. Wir werden verhindern, dass jemand die Aktion benutzt, um Unruhen in der Ukraine zu stiften oder gar einen terroristischen Anschlag zu verüben."

Wenn die Pilger heute in Kiew eintreffen, würden 4.500 Einsatzkräfte für ihre Sicherheit sorgen, so der Innenminister.

Der Metropolit der ukrainischen Orthodoxen, die sich dem russischen Patriarchat unterstellen, kann die Aufregung nicht verstehen. Es gehe doch vor allem um die Pilger:

"Der Kreuzmarsch ist ein Bild - ein Bild dafür, dass der Mensch nach dem Himmelreich strebt. Deshalb enden solche Kreuzzüge in Kirchen oder Klöstern, die Sinnbild für die Ewigkeit sind. Sie erinnern an den Weg, den der Mensch ein Leben lang geht und dessen Ziel eben das Himmelreich ist."

Kirchenpolitische Ziele?

Die anderen Kirchen in der Ukraine, die nicht mit Russland verbunden sind, lehnen den Kreuzmarsch dagegen ab. Allen voran die Orthodoxe Ukrainische Kirche Kiewer Patriarchats. Sie hat sich von den russischen Orthodoxen gelöst. Obwohl ihr inzwischen zwei Drittel der orthodoxen Ukrainer angehören, ist sie in der orthodoxen Kirchenwelt nicht anerkannt.

Der Sprecher des Kiewer Patriarchats Zorja Ewstratij vermutet, dass der Friedensmarsch auch kirchenpolitische Ziele verfolgt:

"Die Organisatoren des Kreuzmarsches wollen den anderen orthodoxen Kirchen auf der Welt zeigen, dass die russische orthodoxe Kirche hier in der Ukraine von sehr vielen Menschen unterstützt wird. Sie wollen unterstreichen, dass es unnötig sei, den Ukrainern ein eigenes Patriarchat zuzugestehen."

Beobachter berichten, die Pilger in der Ukraine würden Symbole bei sich tragen, die belegen, dass sie provozieren wollen. Etwa das orange-schwarze St. Georgsband, das nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetischen Soldaten verliehen wurde. Weil es auch die Separatisten im Donezbecken tragen, wurde es für viele Ukrainer zu einem feindlichen Symbol.

Ukrainische Nationalisten reagierten darauf wie auf ein rotes Tuch: Immer wieder blockierten sie die Pilger und beschimpften sie. Vor der heutigen Messe in Kiew wollen sie - zusätzlich zur Polizei - die Pilger überwachen, sagte ihr Sprecher, der sich "Ptach" nennt:

"Wenn ihr für den Frieden beten wollt - betet. Es wäre besser, wenn ihr das an der Frontlinie tun würdet, wo die Granaten fliegen. Hier in Kiew ist Frieden. Wenn ihr den Krieg hierher bringen wollt, wenn es einen Anschlag auf Zivilisten geben sollte, dann Gnade euch Gott, dann werdet ihr Kiew nicht lebend verlassen."

Die Stimmung in der ukrainischen Hauptstadt ist aufgeheizt, die meisten Bewohner werden froh sein, wenn der Friedensmarsch vorüber ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk