Dienstag, 26.03.2019
 
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Christen in Nord- und SüdkoreaNein und Amen

In Südkorea blühen die Kirchen auf, in Nordkorea herrscht offiziell Religionsfreiheit, doch die Religionsgemeinschaften stehen ständig unter Beobachtung. Bunte Bänder mit Gebeten werden von südkoreanischer Seite an den Grenz-Zaun geheftet. Die Wünsche: Wiedervereinigung und Abrüstung.

Von Corinna Mühlstedt

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Schild an der koreanischen Grenze mit den Entfernungen zur südkoreanischen Hauptstadt Seoul und Pjöngjang in Nordkorea, dahinter ein Zug des südkoreanischen Eisenbahnunternehmens Korail. (PA/dpa/Daniel Kalker)
Ein Schild an der innerkoreanischen Grenze zeigt die Entfernung zu den beiden Hauptstädten Seoul und Pjöngjang. (PA/dpa/Daniel Kalker)

"Wir Christen sehnen uns in Nord- und Südkorea nach Frieden und Einheit. Wir bitten die Kirchen in aller Welt um Unterstützung, damit wir die Ketten des Kalten Kriegs abschütteln können, die uns bisher noch gefangen halten." (Lee Hong Jung)  

"Der Dialog auf Augenhöhe, der politische, scheint mir die einzige Möglichkeit, zu einem Frieden zu gelangen. Das habe ich in Nordkorea selber erfahren: Als mir die Partner gegenüber saßen, sind die Türen aufgegangen." (Notker Wolf)

Das Wichtigste für Korea ist jetzt, die Chance zum Frieden zu nutzen und Feindbilder abzubauen - auf beide Seiten. Wenn wir einander begegnen, werden wir feststellen: die jeweils anderen sind auch Menschen und oft sogar Christen. (Peter Prove)

Erfahrungen von drei Korea-Experten: dem Vertreter des koreanischen Kirchenrats, Lee Hong Jung, dem Benediktiner-Abt, Notker Wolf, und dem Direktor für internationale Fragen des Weltkirchenrats, Peter Prove.

Vor mehr als einem halben Jahrhundert endete der Koreakrieg mit einem Waffenstillstand ohne Friedensvertrag.

Seither ist die koreanische Halbinsel geteilt: in die kommunistische Volksrepublik Nordkorea und die von den USA gestützte Republik Südkorea. In beiden Landesteilen lagern gigantische Waffenarsenale.

Atomtestgelände Punggye-ri im Nordosten Nordkoreas (Uncredited/APTN/AP/dpa)Atomtestgelände Punggye-ri im Nordosten Nordkoreas (Uncredited/APTN/AP/dpa)

Als im Sommer 2017 die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA eskalieren, droht der Alptraum eines Atomkriegs wahr zu werden. Im August meldet der Nachrichtensender N-TV:

"Das US-amerikanische Verteidigungsministerium und Präsident Trump warnen Nordkorea nachdrücklich vor allen Aktivitäten, die zum Ende des Regimes und zur Vernichtung seines Volkes führen könnten…"

Südkoreas Politiker stehen zu diesem Zeitpunkt zwischen allen Stühlen. Doch die Kirchen im Land appellieren an die rund 15 Millionen Christen Koreas und rufen die Regierung zur Verantwortung:

Bei Lichter-Demonstrationen und ökumenischen Gebetswachen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul erklingt eines der beliebtesten koreanischen Volkslieder: "Arirang". Es formuliert die Sehnsucht des Volkes nach Versöhnung und Einheit. Auf Flugblättern steht:

"Die Welt muss auf das koreanische Volk hören: Wir sind entschieden gegen einen neuen Krieg auf unserer Halbinsel."

"Als koreanische Christen fühlen wir eine historische Verantwortung, die Spaltung unseres Landes zu überwinden und eine Atomwaffen-freie Zone zu schaffen. Mögen die Kirchen in aller Welt uns helfen, der Stimme des Friedens Gehör zu verschaffen!"

In Südkorea bekennt sich rund ein Drittel der Bevölkerung zu einer christlichen Kirche, knapp 20 Prozent sind Buddhisten. Daneben gibt es zahllose kleinere Religionsgemeinschaften. Die Mehrzahl der Koreaner folgt der Philosophie des Konfuzianismus.

Solidarität des Papstes

Bei ihren Anti-Kriegs-Protesten erhalten Koreas Christen umgehend Unterstützung aus anderen Glaubensgemeinschaften und - nicht zuletzt - von internationalen kirchlichen Einrichtungen:

Von Rom aus versichert Papst Franziskus bei einem interreligiösen Dialogtreffen mit dem "Korean Council of Religious Leaders" im September die Koreaner seiner Solidarität.

"Ich bete beständig, das Gott Korea Frieden und Versöhnung schenke. Möge das Bewusstsein unserer Freundschaft uns stärken, gemeinsam vorwärts zu gehen."

Und der Generalsekretär des Weltkirchenrats in Genf, Olav Fykse Tveith erklärt in einem offenen Brief:

"Angesichts der gefährlichen Situation auf der koreanischen Halbinsel ermahnen wir die internationale Gemeinschaft nachdrücklich, friedliche Lösungen zu suchen. Und wir setzen auf die Kraft der Kirchen, den Dialog zu fördern."

Im April 2018 geschieht, was zuvor unmöglich schien: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und Südkoreas Präsident Moon Jae In treffen sich an der innerkoreanischen Grenze, in Panmunjom, und unterzeichnen eine historische Erklärung:

"Wir verkünden vor 80 Millionen Koreanern und der ganzen Welt, dass es auf der koreanischen Halbinsel keinen Krieg mehr geben wird und eine neue Ära des Friedens beginnt. Wir teilten den festen Willen, die Spaltung Koreas und die Auseinandersetzungen, die ein Relikt des Kalten Kriegs sind, rasch zu beenden. Wir sind entschlossen, ein neues Zeitalter nationaler Versöhnung, des Friedens und des Wohlstands einzuleiten."Die beiden schreiten vor einer blauen Hauswand lächelnd und mit vorgestreckten Händen aufeinander zu. (MAXPPP / Kyodo / dpa)Der südkoreanische Präsiden Moon Jae In (r.) begrüßt am 27.4.2018 den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un an der Grenze im Ort Panmunjeom zu einem Treffen. (MAXPPP / Kyodo / dpa)

Zwei Monate später kommt es in Singapur zu der ersten spektakulären Begegnung zwischen Kim Jong Un und dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Auch sie verläuft positiv. Peter Prove resümiert seitens des Weltkirchenrats:

"Diese politischen Gipfeltreffen von Panmunjom und Singapur haben wir wie Wunder erlebt. Die Erklärungen, die dabei verabschiedet wurden, spiegeln viele Schritte, zu denen die Kirchen die Politik seit Jahrzenten ermutigt haben. Endlich hat man erkannt, dass Dialoge weiter führen als Konflikte."

Ein Blick auf die Geschichte Koreas zeigt, welche Bedeutung das Christentum in dem konfuzianisch geprägten "Land der Morgenstille" hat: Die katholische Kirche erreichte Korea bereits im 18. Jahrhundert von China aus. Im 19. Jahrhundert ließen sich evangelische Missionare aus den USA dort nieder.

Brutale Verfolgung

Bald darauf gründeten deutsche Missionsbenediktiner aus Sankt Ottilien in Korea Klöster. Abt Notker Wolf erinnert sich:

"1909 sind schon die ersten von uns Ottilianern nach Seoul gefahren, das erste Priester-Seminar in Seoul wurde von uns errichtet, auch eine Handwerkerschule wurde begonnen. Aber dann kam die große Überraschung: die Japaner haben Korea 1910 besetzt und haben verboten, dass wir weiter Schulen führen…"

Notker Wolf beim Kongress filmtonart - Tag der Filmmusik zum Auftakt des 32. Filmfests München beim Bayerischen Rundfunk. München, 27.06.2014  (imago / D. Bedrosian)Notker Wolf beim Kongress filmtonart Tag der Filmmusik zum Auftakt des 32 Filmfests München beim (imago / D. Bedrosian)

Angesichts der Bedrohung durch das japanische Militär zogen sich die Missionare in den abgelegenen Norden des Landes zurück - das heutige Nordkorea - und bauten hier neue Gemeinden auf.

Doch der Einmarsch sowjetischer Truppen und der Ausbruch des Korea-Krieg setzten ihrer Arbeit schließlich auch dort ein jähes Ende, weiß der heutige Präses der Missionsbenediktiner, Jeremias Schröder:

"Von 1949 bis 1952 wurden durch die neuen kommunistischen Machthaber unsere Mitbrüder und auch die Schwestern, die mit uns gearbeitet haben, brutal verfolgt. Es sind 38 zu Tode gekommen dabei, zum Teil durch Entbehrungen im Gefängnis, zum Teil durch Hinrichtungen, zum Teil in einem eigenen Konzentrationslager."

Das Schicksal der Benediktiner entspricht dem der meisten Christen Nordkoreas: Viele wurden getötet, andere sind verschollen, manchen gelang die Flucht in den Süden.

Der Koreakrieg war nicht zuletzt eine ideologische Auseinandersetzung zwischen den kommunistischen Regimen Asiens und den USA. Er forderte landesweit etwa 4 Millionen Opfer. 1953 endete er mit einem Waffenstillstand und der Teilung Koreas entlang des 38sten Breitengrades. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht.

Die Gemeinden wachsen

Der Wiederaufbau in dem verwüsteten Land dauerte lange: Bis in die 1980er Jahre rang Südkorea mit Diktaturen. Dann fasste die junge Demokratie Fuß und erlebte ein Wirtschaftswunder. Wolkenkratzer mit bunten Leuchtreklamen schossen wie Pilze aus dem Erdboden, ebenso Kirchen aller Konfessionen. Notker Wolf resümiert:

"Die Kirche Südkoreas ist sehr rasch aufgeblüht und sehr stark geworden, vor allem deshalb weil sie in der Zeit der Diktatur sehr auf Seiten der Verfolgten stand und immer wieder auf die Menschenrechte hingewiesen hat. Die Kirche hat in Südkorea eine enorme Glaubwürdigkeit und das macht sie auch anziehend."

Das gilt für evangelische und katholische Gemeinden gleichermaßen. Ein Drittel der rund 50 Millionen Südkoreaner sind heute Christen. Die Skandale der katholischen Kirche, etwa sexueller Missbrauch von Kindern und die Vertuschung durch Geistliche, sind in Korea kein Thema.

Manche Klöster der Benediktiner zählen Hunderte von Ordensleuten, berichtet Jeremias Schröder:

"Wenn man Korea heute bereist, dann findet man ein wirklich blühendes Christentum vor, was mit großer Inbrunst gelebt wird, in einer sehr überzeugenden Form. Und da ist sehr stark auch das Bewusstsein für die eigene Missionsgeschichte: Das Christentum ist ein Geschenk, und es ist auch ein Auftrag."

Bastion des Kommunismus

Im Gegensatz zu Südkorea schirmt sich das nur etwa 20 Millionen Einwohner zählende Nordkorea seit Jahrzehnten hermetisch gegenüber der Außenwelt ab. Das Land gilt als letzte Bastion eines radikalen Kommunismus.

Von Südkorea aus besuchen regelmäßig Pilgergruppen die Demilitarisierungszone, die sie bis heute vom kommunistischen Norden trennt. Bunte Bänder mit Gebeten werden an den Grenz-Zaun geheftet. Sie drücken die Hoffnung der Koreaner auf eine Wiedervereinigung aus. Der Generalsekretär des südkoreanischen Christenrates, Pfarrer Kim Young Ju, erinnert sich:

"Nach dem Koreakrieg war jede Begegnungen zwischen Nord- und Südkoreanern strikt verboten. Erst ab den 80er Jahren wurde das Eis zwischen unseren beiden Staaten nach und nach gebrochen. Das verdanken wir nicht zuletzt dem internationalen Engagement des Weltkirchenrats in Genf. Er ermöglichte 1986 erstmals ein Treffen zwischen Christen aus Nord- und Südkorea in der Schweiz. Damals haben wir endlich wieder begonnen, miteinander zu reden und zu beten. Das war für uns alle eine unglaubliche Erfahrung und weckte die Sehnsucht nach einer Wiedervereinigung."

In Nordkorea herrscht offiziell Religionsfreiheit, doch religiöse Gemeinschaften dürfen nur unter strengster staatlicher Kontrolle agieren. Peter Prove hat das Land im Auftrag des Weltkirchenrats mehrfach mit Delegationen bereist und ein differenziertes Bild gewonnen:

"In Nordkorea gibt es eine sog. "Christen-Vereinigung", zu der wir regelmäßig Kontakt haben. Sie ist klein und umfasst etwa 12-15000 Christen unterschiedlicher konfessioneller Herkunft. Diese Christen-Vereinigung wurde in den 1980er Jahren von der Familie der Mutter des Diktators Kim Il Sung aufgebaut - einer tief gläubigen Frau. Die Verantwortlichen der Vereinigung können bis heute auf die Unterstützung eines Teils dieser Familie setzen. Dadurch haben sie Rückhalt und sogar politische Bedeutung."

Alles unter Kontrolle

Der 1994 verstorbene Diktator Kim Il Sung gab Nordkorea seine jetzige Identität und wird im ganzen Land zutiefst verehrt. Der aktuelle Machthaber, Kim Jong Un, ist sein Enkel. Die Lage der Christen in Nordkorea sei vor diesem Hintergrund keineswegs hoffnungslos, erklärt Peter Prove:

"Ich wurde schon öfter mit der Behauptung konfrontiert, dass in Nordkorea bis heute alle Christen verfolgt seien. Das stimmt eindeutig nicht. Probleme mit dem Regime gibt es nach unserer Beobachtung für Christen nur dann, wenn sie außerhalb der kontrollierten Bereiche missionarisch aktiv werden."

Nicht zuletzt, erzählt Peter Prove, habe er in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ein kleines protestantisches Seminar besucht und festgestellt, dass es eine einfache, aber solide theologische Ausbildung vermittle. Die katholische Kirche habe im ganzen Land allerdings keine Ausbildungseinrichtung und sei damit in einer viel schwierigeren Situation:

"Wir haben in Nordkorea auch Kontakt zu einer offiziellen "Vereinigung katholischer Christen", aber sie ist winzig und hat nur einige Hundert Mitglieder. Außerdem gibt es landesweit offenbar keinen ordinierten Priester. Doch die Lage ist auch hier nicht hoffnungslos. Wir sind als Weltkirchenrat mit katholischen Gesprächspartnern rund um den Globus im Austausch und helfen so gut es geht."

In Nordkorea leidet das Volk seit Jahren unter einer Hungersnot. Sie ist die Folge der Misswirtschaft des kommunistischen Regimes sowie der Wirtschaftsembargos, mit denen westliche Länder den nordkoreanischen Staat am Ausbau seines Atomprogramms hindern wollen.

Verbindungen nach Taizé

Hilfe für die leidende Bevölkerung kommt oft von internationalen kirchlichen Einrichtungen wie der Caritas oder der Diakonie. Eine Gruppe der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé hat vor einiger Zeit humanitäre Projekte in Nordkorea besucht.

"Es war eindrucksvoll, zu sehen, wie isoliert das Land ist, wie isoliert die Menschen sind und wie dankbar sie für Kontakte sind",

berichtet Bruder Alois. Die Lage, so der Prior von Taizé, habe ihn erschüttert. Es gehe heute vor allem darum, dass der internationalen Gemeinschaft "ein stärkeres Bewusstsein vermittelt wird für diese schwierige und schlimme Situation der Trennung, dass es immer noch keinen Friedensvertrag gibt, dass Menschen auf beiden Seiten – auch Nordkoreaner sagten uns das ganz deutlich – auf eine Wiedervereinigung hoffen und dass das nicht voran kommt."

Die internationale Konföderation der Benediktiner errichtete vor einigen Jahren unter der Federführung von Notker Wolf in einer nordkoreanischen Freihandelszone ein 100-Betten-Krankenhaus. Die südkoreanischen Benediktiner fördern die Klinik bis heute, erzählt Jeremias Schröder:

"Wir besuchen dieses Krankenhaus relativ regelmäßig, liefern Medikamente dorthin und unterstützen den Aufbau und die Entwicklung. Wir sehen das als eine Brücke. Wir schließen nicht aus, dass es auch katholische Christen an einzelnen abgelegenen Orten im Untergrund noch geben könnte, aber zu denen haben wir zunächst keinen Kontakt."

Unterwartete Geste eines Bürgermeisters

Immerhin konnte sich Notker Wolf bei seinem letzten Besuchs in Nordkorea über die unerwartete Geste eines Politikers freuen:

"Der Bürgermeister hat uns ein Abendessen gegeben. Zunächst sagte er bei Tisch: "Vergesst bitte das Beten nicht." - Wir haben dann auch gebetet. Und dann erzählte er uns, dass er mal in Rom war. Und dieser Herr sagte uns: Sie glauben gar nicht, wie sehr wir es zu schätzen wissen, dass Sie gerade zum jetzigen Zeitpunkt kommen, da alle Welt gegen uns ist. Und Sie von der katholischen Kirche, Sie kommen jetzt zu uns und helfen uns."

Drastische Wirtschafts-Boykotte gegen Nordkorea hält Notker Wolf für verfehlt: Politische Fehden dürften nicht auf dem Rücken des Volkes ausgetragen werden, vor allem aber müsse man die Angst jedes Landes um seine Identität respektieren:

"Nordkorea möchte selbstständig sein, möchte voll anerkannt sein, wie jede Nation. Und sie meinen, sie können das nur dadurch, dass sie Atomwaffen erzeugen. Mir wurde 2006 von Leuten der Regierung gesagt: "Hätte Saddam Hussein wirklich die Atombombe gehabt, wäre er nicht von den Amerikanern angegriffen worden." - Sie haben eine fast paranoide Angst vor den Amerikanern, vor einem Angriff. Wenn wir ihnen Identität geben und schenken, ich bin überzeugt, dass wir dann einen friedlicheren Weg finden."

Interessen Russland, Chinas und der USA

Südkoreas Christen sind überzeugt, dass der Frieden zwischen beiden Landesteilen bisher nicht nur an der Haltung kommunistischer Ideologen scheiterte. Ihm standen und stehen auch massive politische Interessen Russlands, Chinas und der USA im Weg, meint der südkoreanische Christenrat in einer Veröffentlichung:

"Die Angriffe der USA 2001 auf Afghanistan und 2003 auf den Irak verstand man in Nordkorea als Warnungen, dass dem eigenen Land Ähnliches widerfahren könnte. Viele Koreaner sind seither sehr besorgt, dass die Zivilisation Koreas durch einen neuen Krieg bedroht oder sogar ausgelöscht werden könnte."

Denn sie wissen: An der atomaren Aufrüstung der Koreanischen Halbinsel verdient die internationale Waffenindustrie Unsummen. Der Generalsekretär des südkoreanischen Christenrates Kim Young Ju betont daher:

"Wir Christen sind uns in Nord- und Südkorea heute einig: Wir wollen der Herrschaft von Gewalt und Waffen auf unserer Halbinsel ein Ende setzen und Wege ausbauen, auf denen wir friedlich zueinander finden."

Eine Ikone für den Diktator

Die politischen Gipfeltreffen in Panmunjom bzw. Singapur öffneten 2018 Türen zu solchen Wegen, meint Peter Prove:

"Diese Treffen haben eine völlig neue Atmosphäre geschaffen. Sie sprechen viele der Forderungen aus, für die wir Christen uns schon seit Jahren einsetzen, die aber lange utopisch schienen: Dazu gehört der Wunsch, möglichst rasch einen Friedensvertrag zwischen beiden Teilen Koreas zu unterzeichnen, um den seit 1950 bestehenden Kriegszustand zu beenden. Ein solcher Vertrag würde Vertrauen schaffen und eine Basis, um weitere Probleme zu lösen."

Zudem gelte es, die Sanktionen gegen Nordkorea zu mildern und die Atomwaffen-Arsenale nicht nur dort abzubauen, sondern auch in Südkorea, ja weltweit, erklärt Peter Prove. Denn wer für sich selbst Sicherheit fordere, müsse sie auch anderen gewähren.

"Wir haben mit einer ökumenischen Delegation des Weltkirchenrats im Frühsommer 2018 nochmals beide Teile Koreas besucht. In Südkorea haben uns Vertreter der Regierung gedankt und gesagt, dass Präsident Moon Jae In sich vom Engagement der Kirchen stark ermutigt fühle. Mit unseren Gesprächspartnern in Nordkorea hatten wir wenig später eine ähnliche Unterhaltung, bei der die Politiker unser Engagement für den Frieden ausdrücklich würdigten."

Zu diesem Anlass habe man - wie in Asien üblich - Geschenke mit den Gesprächspartnern ausgetauscht, erzählt Peter Prove, und eine ebenso überraschende wie symbolhafte Geste erlebt:

"Wir haben dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un eine orthodoxe Ikone mitgebracht, die Christus als "Friedensfürst" zeigt. Wir mussten erklären, dass es sich um eine spirituelle Darstellung handelt, die uns als Christen motiviert, für den Frieden in der Welt zu arbeiten. Und diese Ikone wurde zu unserer Freude als Geschenk für Kim Jong Un akzeptiert."

Fußabdruck des Friedens

Im Juni 2018 konnte eine gemischte Delegation nord- und südkoreanischer Christen zum Weltkirchrats nach Genf reisen, um mit Gästen aus aller Welt dessen 70jähriges Bestehen zu feiern. Der Leiter der nordkoreanischen Delegierten Myong Chol Kang bedankte sich aus diesem Anlass nochmals bei der ökumenischen Bewegung:

"Ihr habt viel dazu beigetragen, dass auf der koreanischen Halbinsel jetzt endlich Frieden Fuß fasst. Die ganze Welt begrüßt diese neue Ära angesichts der immensen Gefahren, die uns noch vor wenigen Monaten bedroht haben. Nun hängt alles davon ab, wie wir die Erklärungen von Panmunjom und Singapur umsetzen. Wir bitten Euch dabei weiterhin um Eure Unterstützung!"

Jugendliche Teilnehmer des asiatischen Jugendtags in Südkorea machen ein "Selfie" mit dem Papst. (AFP/ Osservatore Romano)Jugendliche Teilnehmer des asiatischen Jugendtags in Südkorea machen ein "Selfie" mit dem Papst. (AFP/ Osservatore Romano)

Papst Franziskus besuchte zur gleichen Zeit den Weltkirchenrat und kam mit den Gästen aus Korea ins Gespräch. Vier Monate später reiste Südkoreas Präsident Moon Jae In nach Rom und überbrachte dem Papst eine Botschaft aus Nordkorea. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erklärte kurz darauf im Radio Vatikan:

"Der Präsident Südkoreas hat dem Papst das Interesse des nordkoreanischen Staatsoberhauptes Kim Yong Ju bekundet, ihn in Pjöngjang zu empfangen. Und Papst Franziskus hat seine Bereitschaft zu einem solchen Besuch bestätigt. Nun müssen wir abwarten, wie sich das Ganze formal gestalten lässt. Denn eine Reise dieser Art bedarf einer äußerst gründlichen Planung."

Erzabt Jeremias hat unlängst mit Vertretern der katholischen Kirche in Korea über das Thema gesprochen.  

"Unsere koreanischen Mitbrüder sind stark eingebunden in die Bemühungen der Bischofskonferenz dort, eine Aussöhnung mit dem Norden zu erreichen. Und von daher gibt es jetzt große Freude, dass so viel Bewegung in das Thema gekommen ist. Im Land gibt es große Euphorie. Innerhalb der Kirche Südkoreas ist aber auch klar, dass ein solcher Besuch, sehr ernsthaft vorbereitet werden muss."

Reist Franziskus nach Nordkorea?

Es gelte Sicherheitsfragen und politische Bedenken aller Art abzuwägen, so der Benediktiner. Doch eines stehe fest: Der Wunsch eines kommunistischen Diktators, dessen Regime einst Tausende von Christen ermordet habe, den Papst zu empfangen, sei eine kleine Sensation und eine Chance für den Frieden.  

"Wenn es gelingen sollte, dass Papst Franziskus nach Nordkorea reisen kann, dann macht das natürlich Türen auf. Von Seiten des Papstes ist es ganz klar eine Botschaft des Friedens, der Versöhnung in dieser gespaltenen Halbinsel. Und die Hoffnung, die wir haben, ist, dass ein solcher Besuch auch das Leben der Kirche in Nordkorea wieder frei setzen kann. Unsere koreanischen Mitbrüder wären geradezu begeistert, wenn es die Möglichkeit gäbe, dort wieder mit der Arbeit beginnen zu können."

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