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StartseiteTag für TagVon der evangelischen Kirche in der NS-Zeit im Stich gelassen21.10.2019

Christen jüdischer HerkunftVon der evangelischen Kirche in der NS-Zeit im Stich gelassen

Aus Sicht der Nazis blieben Juden auch nach einer christlichen Taufe Juden. Die Betroffenen wurden erst entrechtet, dann deportiert und ermordet. Die evangelische Kirche setzte sich kaum für diese Christen ein. Erst jetzt wird das Kapitel wissenschaftlich aufgearbeitet.

Von Mechthild Klein

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Die Installation zur Erinnerung an das "Entjudungsinstitut" ist enthüllt. (picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)
Erst jetzt wird wissenschaftlich aufgearbeitet, wie die evangelische Kirche in der NS-Zeit mit konvertierten Juden umging (picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)
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"Für die Nationalsozialisten waren Christen jüdischer Herkunft Juden – sie haben ausschließlich in Rasse-Kategorien gedacht. Und insofern spielte die Taufe überhaupt keine Rolle. Ein Hamburger Gestapo-Beamter hat das mal auf den Punkt gebracht: "Wenn man einen Hund mit Wasser übergießt, bleibt er immer noch ein Hund."

Die Hamburger Historikerin Ursula Büttner forschte viele Jahrzehnte lang über die Verfolgung von Christen jüdischer Herkunft.

"Für die Nationalsozialisten war das Ziel klar: alle Juden aus dem deutschen Volk und Herrschaftsbereich zu entfernen. Es war nicht von Anfang an klar, dass das durch Mord geschehen würde. Aber doch durch Vertreibung, Auswanderung. Und nachdem sich herausgestellt hatte, nach Kriegsbeginn, dass das nicht mehr möglich sein würde, dann durch Mord."

In Nazi-Uniform zum Bischof gewählt

Schätzungen zufolge gab es 120.000 Christen jüdischer Herkunft. Zählt man die Ehepartnerinnen, Partner und Kinder dazu, kommt man auf einige hunderttausende Betroffene. Doch in der evangelischen Kirche fanden die Glaubensbrüder und Schwestern wenig bis keinen Schutz. Weil die Ideologie der Nazis vielfach von Kirchenleitungen und Amtsträgern geteilt wurde. Die "Deutschen Christen" waren eine Organisation in der evangelischen Kirche, die völlig auf Linie mit den Nationalsozialisten war.

Ein glühender Anhänger war zumindest die ersten Jahre auch der Hamburger Landesbischof Franz Trügel. Der Pastor war von Anfang an NSDAP-Mitglied und ließ sich sogar in der Uniform der Nationalsozialisten zum Bischof wählen. Und die "Bekennende Kirche", die sich als Opposition zu den "Deutschen Christen" verstand, schwieg lange zur Verfolgung und Diskriminierung der Juden. Widerstand gab es nur gegen die Diskriminierung und den Ausschluss von Ämtern von Christen jüdischer Herkunft in der eigenen Kirche.

"Sie argumentierten damit, dass das Sakrament der Taufe dadurch verletzt würde. Dieser Widerspruch bezog sich nur auf den Raum der Kirche. Auch die Mitglieder der "Bekennenden Kirche" billigten dem Staat das Recht zu, die Stellung der Juden und Christen jüdischer Herkunft in der Gesellschaft diskriminierend neu zu regeln."

Der Hass lies sich nicht einfach "wegtaufen"

Gemeint ist der Ausschluss aller Juden und Menschen mit jüdischen Großeltern aus dem Beruf und aus dem gesamten öffentlichen und privaten Leben. Das hieß: Kein Zugang zu Kinos, Schwimmbädern oder Theater. Auch in den Schulen wurden Kinder isoliert und herabgewürdigt. Jugendliche erhielten keine qualifizierten Ausbildungsplätze. Freundschaft und Heirat mit Juden oder Christen jüdischer Herkunft wurden untersagt und bestraft.

Warum die Ideologie der Nazis auch von vielen Christen so bereitwillig geteilt wurde, hat verschiedene Gründe. Zwar waren diese Christen jüdischer Herkunft wie auch die Juden schon seit Jahrhunderten assimiliert. Doch die Geschichte des christlichen Antijudaismus in den Kirchen ist alt. Jahrhundertelang gab es Verachtung, Hass und Feindschaft, die sich nicht einfach "wegtaufen" ließen. Menschen jüdischer Herkunft galten weder als richtige Deutsche noch als richtige Christen. Die evangelische Kirche schwieg zu der Verfolgung damals weitgehend.

"Nach dem Beginn der Mordphase ändert es sich schon. Ab 1942 gibt es Eingaben und Synoden der Kirche, die gegen die Ermordung der Juden protestieren und versuchen, Christen jüdischer Herkunft vor der Ermordung und Deportation zu bewahren. Nur das kommt natürlich zu spät. Weil 1942, 1943 waren Deportationen und Mordaktionen ja längst in Gang."

Während Juden und Christen jüdischer Herkunft in den Kriegsgebieten in Osteuropa nach den Worten von Büttner schon viel früher ermordet wurden. Dort begann die massenweise Tötung von Juden gleich nach Kriegsbeginn. Die Nazis sprachen Berufsverbote aus, zogen Vermögen ein, beschlagnahmten Wohnungen. Es breitete sich Armut und Elend unter den Familien der Juden und Christen jüdischer Herkunft aus. 

Heute ist es kaum nachvollziehbar, warum es so wenig Fürsprache für die Juden und für Christen jüdischer Herkunft in den Kirchen gab. Büttner verweist auf die lang gepflegte religiöse Feindschaft, die von den Christen ausging. 

"Es gibt in der Bibel auch Passagen, die im Verlauf der Kirchengeschichte gegen die Juden interpretiert werden konnten. Die evangelische Kirche hat eine lange Tradition der sogenannten Enteignungstheologie. Das bedeutete, dass gesagt wurde: Die Juden haben ihre Erlösung durch Christus verworfen. Die göttlichen Zusagen, die ihnen gegolten haben, sind jetzt von dem alten Bund auf den neuen Bund übergangen. Die Christen sind jetzt das wahre Israel."

Die historische Einsicht kam spät

Die Christen jüdischer Herkunft waren eine schwer traumatisierte Gruppe. Sie mussten auch zusehen, wie ihre Freunde und Verwandten abtransportiert wurden. Vielleicht ahnten sie, dass sie nur aus Zeitmangel nicht deportiert wurden. Doch 1945 änderten die Nazis ihre Politik und auch Christen jüdischer Herkunft sollten getötet werden.

Büttner: "Viele kamen gleich nach Auschwitz, wurden vernichtet. Andere, die zunächst nach Theresienstadt kamen, gründeten dort auch christliche Gemeinden. Am Ende des Krieges gab es wahrscheinlich um die 4000 Christinnen und Christen in Theresienstadt."

Nur rund 2000 Christen jüdischer Herkunft konnten die spät gegründeten christlichen Initiativen zur Flucht ins Ausland verhelfen. Das ist wenig im Vergleich zu ihrer Zahl von 120.000. Die Überlebenden Christen jüdischer Herkunft wurden nach dem Krieg trotz ihrer Verfolgung nicht als Opfer anerkannt, sagt die Historikerin. Sie erhielten auch da keine Unterstützung von der evangelischen Kirche. Heute will sie Verantwortung übernehmen und organisiert Ausstellungen und Vorträge. In diesem Jahr errichtete die evangelische Kirche ein Mahnmal in Eisenach in Thüringen. Dort gründete sie während der NS-Zeit ein sogenanntes "Entjudungsinstitut". Auf der Tafel ist heute zu lesen: "Wir sind in die Irre gegangen..."  

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