Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteTag für Tag"Eine Brücke zu völkischem Denken"05.12.2017

Christen und AfD"Eine Brücke zu völkischem Denken"

In Deutschland gebe es zunehmend Personen, die sich dezidiert christlich verstehen und sich für die AfD und andere neurechte Gruppen engagieren, sagte Sonja Angelika Strube im Dlf. Die vertretenen Positionen sind deutlich radikaler als sie erscheinen, so die Theologin.

Sonja Angelika Strube im Gespräch mit Christiane Florin

Das Bündnis "Demo für Alle" setzt sich unter anderem gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und für eine Familie nach dem klassischen Rollenbild ein. (imago / Markus Heine)
Bei der "Demo für Alle" wird unter anderem gegen die Ehe für Alle protestiert: Auch die Identitäre Bewegung habe für diese Demonstration geworben, sagt Sonja Angelika Strube - distanziert hätten sich die Organisatoren davon bislang nicht (imago / Markus Heine)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Rechtsextremismus und Kirche "Ein internes Problem, nicht nur gesellschaftliches"

Bundestagswahl Der Glaube stimmt mit

Thüringen rechtsaußen Neonazis erobern ein Dorf

Nach dem Konzert in Themar Wie dem Rechtsrock Einhalt gebieten?

Christiane Florin: Was sind linke Christen, was sind rechte Christen?

Sonja Angelika Strube: Ich beschäftige mich mit dem Phänomen, was mir eben seit einigen Jahren im Internet sehr stark aufgefallen ist, dass es Menschen gibt, die sich dezidiert christlich verstehen und zugleich keine Probleme damit haben, zum Beispiel in klassischen, neurechten Medien zu schreiben, Interviews zu geben, auch, sich in Richtung AfD zu engagieren, dafür zu werben. Also das heißt, die also wirklich explizit in rechten Medien und Parteien unterwegs sind und sich gleichzeitig als Christen verstehen.

Christiane Florin: Und linke Christen?

Strube: Da wär jetzt so die Frage, ab wann wär etwas links? Ist es links, wenn man  befreiungstheologisch engagiert ist, ist es links wenn man feministisch-theologisch engagiert ist? Also ich denke mal, aus Sicht bestimmter, sehr rechter Kreise ist das so. Ich wüsste jetzt nicht, dass es eine nennenswerte Zahl an Christen gibt, die sich jetzt beispielsweise in der DKP oder so engagieren. Ich wüsste jetzt im Moment nicht, wie ich da in ähnlicher Weise das trennscharf definieren sollte. Aber es ist auch schlichtweg nicht mein Forschungsgebiet.

Florin: Und warum sind Rechte gefährlicher als Linke?

Strube: Vor allen Dingen, weil rechtem Denken die Auffassung zugrunde liegt, dass unterschiedliche Menschen nicht einfach gleich viel wert sind und gleiche Rechte haben. Das heißt, es wird zwischen Menschen unterschieden, auch hinsichtlich ihrer Rechte, ihrer Menschenwürde. Das ist auch dann schon gefährlich, das wird auch dann schon zur Hetze, wenn es im verbalen Bereich bleibt, wenn man sich vielleicht sehr bieder, bürgerlich in Medien äußert.

Florin: Welche Themen sind zentral?

Strube: Also ich sehe zwei große Themenblöcke, die Brückenfunktionen haben, aus dem politisch rechten Lager in das christlich-konservative Lager hinein. Das eine ist so der große Themenblock, aus deren Sicht formuliert: 'Islamkritik'. Ich denke, es ist häufig auch eine sehr dezidierte Islamfeindschaft, inklusive des Themas Christenverfolgung, also dass Christenverfolgungen beklagt werden, dagegen vorgegangen wird, aber in der Berichterstattung auch gerne so getan wird, als sei es ein Phänomen, dass nur Muslime die Täter sind und nur Christen Opfer sind. Das wäre so der eine Themenbereich. Und der andere Themenbereich, das wäre der Themenbereich Familie, Lebensschutz, Kinderschutz, wo man sehr subtil versucht, Themen aufzugreifen und an Themen anzudocken, die im christlichen Raum, im Raum der Kirchen, auch relevant sind.

Fehlende Distanzierung zur extremen Rechten

Florin: Dazu gehört zum Beispiel die "Demo für Alle". Da gehen also Menschen auf die Straße, um gegen Bildungspläne zu demonstrieren, die ihrer Ansicht nach die "Frühsexualisierung" von Kindern fördern, oder sie gehen gegen die "Ehe für Alle" auf die Straße oder gegen Genderforschung. Nun hat die "Demo für Alle" sich von antisemitischem, rassistischem und extremistischem Gedankengut distanziert, und auch von Personen oder Organisationen, die solches Gedankengut vertreten. Überzeugt Sie das?

Strube: Nicht wirklich. Es überzeugt mich insofern nicht, also das habe ich durchaus zur Kenntnis genommen, dass sie das auf ihrer Homepage schreiben. Ich finde problematisch, dass die "Demo für Alle" von Anfang an so organisiert wurde, dass unter den offiziellen Rednern auch in regelmäßigen Abständen Politiker der AfD und der Jungen Alternative vertreten sind. Man hängt das heute nicht mehr ganz so deutlich an die große Glocke, dass also betreffende Personen in anderer Weise bezeichnet werden, als das ihnen dahinter steht, dass sie von der AfD sind. Daneben stehen Redner aus dem kirchlichen Spektrum, schon auch aus Rändern der Kirche oder Rechtskatholiken, oder rechte Evangelikale würde ich mal so sagen, aber jedenfalls Personen, die sich als Christen verstehen.

Daneben steht ab und zu auch mal der ein oder andere - auch jetzt nicht besonders bekannte -  Vertreter von CDU oder Christdemokraten für das Leben. Auf die Art und Weise wird ganz subtil die AfD dargestellt als eine gutbürgerliche, gutchristliche Stimme, die in diesem Spektrum Christen und Christdemokraten praktisch ebenbürtig anzusiedeln seien. Ich sehe auch bisher nicht, dass die Demo für Alle an irgendeiner Stelle mal beim Namen nennt, gegen wen sie sich abgrenzt. Also zum Beispiel gibt es das Phänomen, dass die Identitäre Bewegung ganz gerne auch mal für die Demo für Alle wirbt, dass sie auch mit Transparenten und auch mit ihren eigenen Aufklebern mitgegangen ist auf verschiedenen Demonstrationen. Ich habe noch nicht wahrgenommen, dass sich die Sprecherinnen der Demo für Alle in irgendeiner Form explizit gegen die Beteiligung der Identitären wendet.

Florin: Wie bedeutend ist dieser rechte Rand beider Kirchen für den Aufstieg der AfD?

Strube: Also ich denke, dass diese Brückenfunktion, die so in Splitterteilen von Personen, die sich als Christen verstehen, zu finden sind, dass die eine Bedeutung haben. Also zum Beispiel im baden-württembergischen, in den sehr pietistischen Regionen rund um Stuttgart herum, dass da hohe Stimmenanteile der AfD sicherlich darauf zurückzuführen sind, dass es da Personen gibt, die eben die AfD als christliche Alternative, jetzt christlicher als die CDU oder so etwas bewerben. Da hat es, glaube ich, schon eine Bedeutung. Ich denke, in anderen, - vor allen Dingen in den östlichen Bundesländern -, da werden diese Bestrebungen nicht so eine große Rolle spielen, weil der Anteil christlicher Personen sehr viel geringer ist an der Gesamtbevölkerung.

Völkisches Denken als "normale Meinung"

Florin: Die AfD ist keine verbotene Partei. Was ist so verwerflich daran, oder Ihrer Ansicht nach so bedenklich daran, wenn sich gerade Christen dort engagieren oder sich dort hingezogen fühlen?

Strube: Die AfD vertritt eine ganze Reihe höchst problematischer Einstellungen, die in Richtung völkisches, rassistisches Denken gehen. Die AfD ist durchaus auch, oder formuliert, durchaus auch immer mal wieder der Auffassung, dass die Art und Weise, wie unsere Demokratie jetzt strukturiert ist, nicht ihren Vorstellungen entspricht, jedenfalls formulieren das einzelne Politiker auch immer mal wieder. Und auf die Art und Weise, also wenn jetzt Personen aus dem christlichen Spektrum die AfD als besonders christlich bewerben, dann bauen sie damit auch solchem völkischen oder antidemokratischen Denken eine Brücke, lassen es als ganz normale Meinung erscheinen. Es erscheint dadurch also viel weniger radikal, als es tatsächlich ist. Und das halte ich für sehr problematisch, weil es zu so einer Normalitätsverschiebung insgesamt führt.

Florin: Nun sagt ja in dem Beitrag vorhin Helmut Matthies, der Chef von Idea, konservative würden, ja, diskriminiert. Er drückt sich so aus, sie würden sogar bestraft. Hat er Recht, wenn er sich so beschwert, wenn er sich so ja auch zum Opfer macht?

Strube: Würde ich durchaus nicht so sehen, nein.

Florin: Warum nicht?

Strube: Es wird in bestimmten Kreisen, auch um Herrn Matthies herum, oder auch die Demo für Alle, gerne behauptet, man würde in seiner Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das, was tatsächlich passiert, ist schlicht und ergreifend, dass es Widerspruch gibt. Dass man seine Meinung offen sagen darf, völlig ungestraft, dass es aber andere Menschen gibt, die dieser Meinung widersprechen. Und das ist keine Einschränkung von Meinungsfreiheit, sondern das ist ein ganz normales, demokratisches Phänomen. Und gerade, wenn man sehr steile Meinungen hat oder Dinge schlecht begründet, gar nicht begründet, einfach mal Behauptungen in den Raum stellt, dann muss man sich nicht wundern, wenn einem widersprochen wird oder wenn auch die Positionen, die jemand vertritt, vielleicht auch widerlegt werden.

Florin: Aber hier geht es ja nicht allein um Widerspruch, hier geht es ja auch um Geldentzug. Idea bekommt kein Geld mehr von der EKD. Das ist wahrscheinlich eine Reaktion darauf - so wird es ja in dem Beitrag auch dargestellt - dass der Kurs von Idea  der EKD nicht passt, dass sie das nicht mit Kirchensteuergeld unterstützen möchte. Müsste es nicht eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung geben, anstatt immer nur zu sagen "bäh" mit denen wollen wir nichts zu tun haben.

Strube: Inhaltliche Auseinandersetzungen müssten dann aber in viel kleineren Details stattfinden. Um ein Beispiel zu nennen: Im Bereich der Demo für Alle oder so. Das was da verschiedene Personen als Gender-Ideologie bezeichnen, Personen aus dem rechtschristlichen Lager. Da wird ganz viel zusammengepackt, was überhaupt nicht zusammengehört, was ganz viele unterschiedliche Themen sind. Wenn man ernsthaft diskutieren wollte, müsste man ganz viele verschiedene Themen einzeln angehen und auf der Basis von Informationen und Fakten, die man einholt, wirklich diskutieren und differenzieren. Die Behauptung, es gäbe eine globale Gender-Ideologie und einen Versuch der Gleichschaltung und so weiter, diese Debatte würde damit komplett entfallen, weil sie einfach überhaupt nicht auf Fakten beruht, sondern einfach mal auf Behauptungen.

Die andere Gefahr, die ich eben auch sehe ist: Ich finde, dass sich die Kirchen überlegen dürfen, ob sie es fördern, wenn bestimmte Teile, bestimmte Medien in ihrem Bereich definitiv Brücken nach rechts schlagen, und das schon sehr lange und sehr geübt. Das empfinde ich nicht als eine Einschränkung von Meinungsfreiheit, sondern es ist dann schon die Freiheit als eine Organisation, die auch bestimmten Werten verpflichtet ist und sich bestimmten Werten freiwillig verpflichtet, zu entscheiden, was sie fördert und was nicht.

Das "Christliche Abendland" als Abgrenzungsbegriff gegen den Islam

Florin: Inwiefern werden denn diese Stimmen - Sie haben ja vorhin das Thema Gender genannt - diese Stimmen, zum Beispiel von Bischöfen erhört? Es ist ja ganz auffallend, dass in offiziellen katholischen Texten, auch in Texten des Papstes sehr pauschal die sogenannte Gender-Ideologie verdammt wird. Also so ganz einflusslos scheint diese Gruppe ja nicht zu sein, auch wenn sie zahlenmäßig sicher eher klein ist.

Strube: In dem Bereich sehe ich auch noch ein Arbeitsfeld, dass in zunehmendem Maße immer noch Bischöfe informiert werden müssen und überzeugt werden müssen, wie problematisch die globale Rede von dieser Gender-Ideologie ist und dass sie eben nicht einfach auf Fakten beruht. Und dass da Dinge zusammengepackt werden, die einfach nicht so zusammengehören.

Florin: Wie erklären Sie sich die Renaissance des Begriffs Christliches Abendland? In einer Gesellschaft, die, den Zahlen nach zu urteilen, nicht unbedingt christlicher wird.

Strube: Also ich sehe da vor allen Dingen einen Versuch, sich abzugrenzen. Einen Versuch, eine sich abgrenzende Identität zu schaffen, vielleicht auch, dass der Begriff Christliches Abendland als Identitätsmarker jetzt auch ein wenig andere, national, nationalistische, also nur auf das Deutschsein begrenzte Identitätsmarker vielleicht auch ein wenig ablöst. Also bei vielen, die den Begriff Christliches Abendland im Munde führen, also gerade im PEGIDA-Umfeld sehe ich nicht, dass sie in irgendeiner Weise christlich verwurzelt sind.

Florin: Sie halten es für einen reinen Kampfbegriff.

Strube: Also vor allen Dingen für einen Abgrenzungsbegriff. Und das wird ja in dem Zusammenhang auch gerne mal auf die Kreuzzüge zurückgegriffen, oder auf die Türkenkriege oder so. Also es wird dann sehr tief in der Geschichte gegraben und bestimmte Auseinandersetzungen, die es vor Jahrhunderten gab, werden noch einmal für sich in Anspruch genommen, um sich abzugrenzen gegen, also im Moment vor allen Dingen Islam und Muslime.

Florin: "Mit Rechten reden" heißt ein derzeit viel diskutiertes Buch. Reden Sie mit Rechten und reden Rechte noch mit Ihnen?

Strube: Da gibt es wenig Kommunikation, muss ich sagen, ja. Also für mich im persönlichen Umgang ist die Frage, kann ich einen Menschen erreichen? Wird es also wirklich ein Gespräch, ein Dialog, dass man miteinander über ein Thema spricht? Oder ist es so, dass einfach bestimmte Schlagworte mir entgegengebracht werden, um die Ohren gehauen werden, wo ich nicht mehr sehe, dass da noch drüber zu reden ist.

Florin: Also es liegt am Gegenüber?

Strube: Es liegt sicherlich auch daran, dass ich jetzt nicht selber offensiv auf Personen aus dem rechten Spektrum zugehe und jetzt von mir aus sage, hier, ich will mit Ihnen diskutieren. Das liegt sicherlich auch ein bisschen daran, dass ich nicht so eine offensive Person bin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk