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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Christian Härtel, Petra Kabus: Das Westpaket. Geschenksendung - keine Handelsware.18.09.2000

Christian Härtel, Petra Kabus: Das Westpaket. Geschenksendung - keine Handelsware.

Ch. Links Verlag Berlin 2000, 240 Seiten, DM 39,80

Es war humane Geste und handfestes Politikum zugleich: das "Päckchen nach drüben". Die offizielle DDR reagierte auf die Millionen westlicher Postsendungen, die alljährlich mit der obligatorischen Aufschrift "Geschenksendung - keine Handelsware" die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates erreichten, äußerst ambivalent: Einerseits barg jedes Päckchen die Gefahr ideologischer Infiltration des Adressaten - und sei es auch nur durch Qualität, Geruch oder bunte Verpackung der West-Waren. Andererseits stopfte die West-Verwandschaft mit ihren Liebesgaben aber auch so manche Versorgungslücke der DDR-Mangelwirtschaft und sorgte damit über die Jahre für eine ökonomische Entlastung , wie sie kein kurzfristiger Milliardenkredit herbeizaubern konnte. Geschichten und Geschichte rund um das Westpaket, dieses obskure Objekt der Begierde, sind nun in einem Buch versammelt, das in dieser Woche auf den Markt kommt. Hören Sie Jens Rosbach über diese Dokumentation des kalten Geschenke-Kriegs.

Jens Roßbach

Umfrage:"Westpaket?/Da bin ich gleich auf die Post und hab`s geholt. Weil da immer was Schönes drinne war./Was ganz besonderes, wie aus dem Garten Eden./Bis abends gewartet, an wen`s adressiert war, wenn`s an die Frau war, bis abends gewartet, Knoten schon vorher gelöst./Nicht aufgerissen./Geruch, angenehmer Geruch. Nach Parfüm, nach Seife./Hauptsächlich die Kinder haben sich gefreut. Kamen sie alle angerannt, dann wurde das ausgewickelt, oh das ist meins! und dann wurde aufgeteilt."

Es war ein regelrechtes Ritual, wenn das -hoffentlich- große und -hoffentlich- schwere Paket geöffnet wurde, zu Ostern oder Weihnachten. Eine Sensation. Für viele fiel dann auch Ostern mit Weihnachten zusammen. Bei all den leckeren Westsachen.

Umfrage:
"Kaffee, Schokolade, Süßigkeiten, Tee."

"Weil das meine Schwester war, da mußte ich das schicken. Waren ja arme Schweine."

Umfrage:
"Nutella/Duschbad, Seife."

"Man hat sich gefreut darüber, daß man denen `ne Freude machen konnte. Sonst kein Hintergedanke dabei."

Umfrage:
"Zigaretten/Blusen, Strumpfhosen"

Das Westpaket ist älter als die DDR. Gleich nach dem Krieg schickten Verwandte aus den Westzonen ihren "Brüdern und Schwestern" in der SBZ Lebensmittel. Caritas und Innere Mission riefen zur Unterstützung auf, später auch das Ministerium für gesamtdeutsche Fragen. Besonders im Kalten Krieg.

Kabus:
"Daß man immer wieder versucht hat von Westseite anzuregen, daß Pakete in den Osten geschickt werden, weist darauf hin, daß das Westpaket überhaupt als Politikum begriffen wurde. In dieser Funktion, daß man den eigenen Staat präsentiert, als einen Staat, der seinen Bürgern was Besseres bieten kann als der Osten und in dem Sinne, daß eben die Kontakte permanent aufrecht erhalten werden."

Noch viel heikler war das Thema für den DDR-Staat, weiß Petra Kabus, Mit-Herausgeberin des Buches "Westpaket. Geschenksendung, keine Handelsware". Während des Kalten Krieges reglementierte Ostberlin streng den Empfang der sogenannten "Fremdpakete": Nur 12 Sendungen durfte jeder DDR-Bürger pro Jahr bekommen, mit höchstens 300 Gramm Schokolade und 50 Gramm Tabak oder Zigaretten.

Kabus:
"Das ist ja ein eigenartiges Phänomen, der Osten hätte ja alles, was der Westen schickt, gut gebrauchen können. Aber gleichzeitig hat man beweisen wollen: Wir schaffen es alleine."

Besonders streng war die Einfuhr von gebrauchten Textilien und Schuhen geregelt. Nur mit einer besonderen "Desinfektionsbescheinigung" wurden sie ins Land gelassen, bis Mitte der 70er Jahre.

Winter:
"Es ist doch eine Tatsache, daß durch getragene, nicht desinfizierte Sachen Krankheitserreger von Seuchen wie Polio oder Spanische Grippe eingeschleppt werden können."

...versuchte ein DDR-Radio-Kommentator die Regelung zu begründen,

Winter:
"Dagegen müssen wir uns aber ganz besonders schützen. Weil wir zum einen poliofrei sind und zum anderen in Westdeutschland, und das ist ja sattsam bekannt, diese Seuche in gefährlichem Maße grassiert. Wir tun, was notwendig ist, wir schützen unsere Bürger vor dem Geschenktod aus der Westzone."

Später dann rechneten die DDR-Ökonomen fest mit den westdeutschen Päckchenpackern, diese fanden, indirekt, Eingang in die 5-Jahr-Pläne.

Kabus:
"Besonders deutlich wird das in der Kaffeekrise 1977. Die DDR muß feststellen, wir können nicht noch mehr Devisen für den Luxusgegenstand ausgeben und prompt nimmt man diese Bestimmung zurück, damals waren es 500 Gramm, die geschickt werden durften. Man erhöht diese Grenze, die Leute durften 1000 Gramm einführen, und ein halbes Jahr später fällt die Regelung überhaupt. Und man freut sich nur, daß sich die Leute auf diese Weise selber versorgen."

Rund 25 Millionen Päckchen und Pakete gingen Jahr für Jahr von West nach Ost, Durchschnitts-Wert pro Paket: fast 200 D-Mark. Gewicht: rund vier Kilogramm. Doch nicht alles, was Gewicht hatte, wog auch schwer in den Augen der Ostdeutschen.

Umfrage:
"Backpulver/Pudding/Reis und Nudeln, das haben wir selber gehabt."

Doch die Ostverwandten schrieben ihren Gönnern häufig nicht, was sie viel lieber geschenkt bekommen hätten.

Umfrage:
"Nein, das haben wir eben nicht gesagt, das war verkehrt. Das haben wir nicht gemacht, weil wir Angst hatten, daß wir keins mehr kriegen./Beim Schulanfang, kann ich mich erinnern, hat meine Schwester geschrieben: Wir brauchen einen Pelikan-Füllfederhalter, weil sie den kannten von der Werbung. Und da haben wir gesagt: Unsere Kinder haben keinen Pelikan, wir nehmen den billigen. Den haben wir dann auch rübergeschickt, den billigeren."

Die Pakete wurden gefilzt. Kamen sie beim Empfänger an, war das Packpapier häufig zerrissen, Tüten zerstochen und Glas zerbrochen. Nur selten zeugte ein dreieckiger Zoll-Stempel von den Kontrollen.

Döinghaus
"Wir müssen uns das wirklich als eine aufwendige Kontrolltätigkeit vorstellen, wie ein Riesenapparat, der also, wenn man sich das vor Augen hält, wahrscheinlich an Orwell und an 1984 erinnert."

Uli Schulte Döinghaus ist einer von 16 Autoren, die für das Buch geschrieben haben. Sein Thema: Zoll und Stasi. Diese Schnüffler nahmen in den Auslands- oder Hauptpostämtern alles heraus, was nicht verschickt werden durfte: Medikamente, Kassetten und Schallplatten, vor allem aber: Zeitungen und politische Bücher, ob Solschenizyn oder Böll.

Döinghaus:
"Es gab die Einrichtung eines sogenannten Literaturoffiziers. Die arme Frau oder der arme Kerl hatte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als unliebsame Bücher zu lesen. Und bei dieser aufwendigen Arbeit des Literierens sind viele eingeschlafen oder dem Suff anheimgefallen. So daß bei Kontrollen immer wieder vorgefunden wurde, daß alle Möglichen am Arbeiten waren, nur die Literaturoffiziere waren nicht dabei. Man hat sie in Wirtshäusern oder wo auch immer vorgefunden."

In den Anfangsjahren der DDR konnte nur stichprobenartig gefilzt werden, später systematisch, mit großen Röntgenapparaten.

Döinghaus:
"Und zwar high-tech. High-tech für kostbare Devisen aus Belgien importiert. Im Bereich des Warschauer Paktes gab es das nicht, so daß es für Devisen importiert werden mußte."

Nicht die Postbeamten kontrollierten, sondern Extra-Zöllner vom Ministerium des Innern. Viele Zöllner waren zusätzlich in eine geheime Kommandostruktur des Ministeriums für Staatssicherheit eingebunden. In Stoßzeiten, wie zu Weihnachten, beim sogenannten "Jahresendverkehr", "JEV", wurden allerdings Postler für Handgriffe mit hinzugezogen. Nach einer Statistik der zuständigen Stasi-Abteilung M nahmen die Kontrolleure allein in den letzten vier Jahren der DDR Waren im Wert von rund 10 Millionen Mark aus den Sendungen sowie 32 Millionen D-Mark aus Paketen und Briefen. Das Geld landete im Staatshaushalt. Die Waren kamen in Spezial-Lager, wie nach Freibrink bei Berlin. Was dann damit geschah, kann das Buch kaum erhellen. Denn für die Recherche wurden nur Akten von DDR-Post und Innenministerium benutzt, in der Gauck-Behörde wurde dazu nicht geforscht. So kann das Buch nur einzelne Indizien über die Verwendung des Raubgutes liefern. Beispiel:

Kabus:
"Diese sehr eigenartige Geschichte, daß, als man die Staatssicherheitszentralen gestürmt hat, Westkassetten gefunden hat, Musikkassetten, die beschlagnahmt worden waren und dann für die Bespitzelung benutzt wurden, um Telefonanrufe mitzuschneiden."

Umfrage:
"Wir brauchen uns ja nischt vormachen, diese Pakete, waren ja auch steuerlich begünstigt im Westen, nich."

...wissen heute die Ostler. Einige Westler mögen das gar nicht gerne hören.

Umfrage:
"Die haben irgendwie nen Schuß, das gibt`s überhaupt nicht. Doch ganz spät, ja Moment die haben recht. Wenn man zur Post ging hatte man `ne Paketkarte ausgefüllt und da war ein Abriß dran. Und den hat man gesammelt und am Jahresende beim Lohnsteuerausgleich eingereicht. Stimmt`s? Vergißt man."

"Das Westpaket. Geschenksendung, keine Handelsware" erinnert nicht nur politische Rahmenbedingungen und Kontrollen, sondern analysiert auch - originellerweise - westdeutsche Merkblätter für den Paketversand wie auch deutsch-deutsche Briefe. Viele Seiten sind allerdings zugetextet mit Zahlen, viele Artikel zum ähnlichen Thema aneinander vorbei geschrieben. Buchstäblich "packend" dagegen: Zuschriften an die Herausgeber, persönliche Erinnerungen aus West und Ost.

"Bei uns waren getragene Sachen drin, von meiner Tante, die trage ich zum Teil heute noch."

Jens Roßbach über Christian Härtel, Petra Kabus: Das Westpaket. Geschenksendung - keine Handelsware. Auch diese Neuerscheinung im Christoph Links Verlag Berlin, 240 Seiten für DM 39,80.

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