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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Ich hatte nie vor, in die Politik zu gehen"30.07.2020

Christine Lieberknecht und die CDU"Ich hatte nie vor, in die Politik zu gehen"

Nach dem Mauerfall machte die Pastorin Christine Lieberknecht Karriere als CDU-Politikerin: Sie war Ministerin, Fraktionschefin, Landtagspräsidentin, schließlich Regierungschefin von Thüringen. Im Dlf spricht sie über Quotenfrauen, Mitläufer, Weggefährten und Kritiker.

Christine Lieberknecht im Gespräch mit Birgit Wentzien

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Christine Lieberknecht steht am 13.12.2014 beim 30. Landesparteitag der CDU Thüringen am Rednerpult  (imago images / Jacob Schröter)
Christine Lieberknecht 2014 beim 30. Landesparteitag der CDU Thüringen (imago images / Jacob Schröter)
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Bis zum Mauerfall war es vor allem das Leben im protestantischen Pfarrhaus, das Christine Lieberknecht prägte. Sie ist die Tochter eines Pastors, wurde selbst Pastorin und hat einen Pastor geheiratet.

Christine Lieberknecht kam 1958 in Weimar zur Welt, der Vater war Pfarrer im Dorf Leutenthal, wo Christine mit den Eltern und drei Geschwistern aufwuchs. Nach dem Abitur studierte sie Theologie in Jena. Anfang der 80er-Jahre trat sie in die Blockpartei CDU ein.

Im September 1989, als Zehntausende Menschen aus der DDR flohen und die Rufe nach Freiheit und Demokratie lauter wurden, unterschrieb sie mit drei anderen CDU-Mitgliedern den "Brief aus Weimar": Es war die Forderung nach Reformen in der DDR und der eigenen Partei.

Erst "Königsmörderin", dann Ministerpräsidentin in Thüringen

Nach der Wiedervereinigung begann für Christine Lieberknecht eine Karriere als Politikerin: Sie stieg auf ins Präsidium der CDU und war die erste Kultusministerin im wiedergegründeten Thüringen. Als Ministerpräsident Josef Duchac wegen seiner DDR-Vergangenheit in die Kritik geriet, legte sie ihr Amt nieder – und drängte Duchac damit zum Rücktritt. Als "Königsmörderin" wurde sie wegen dieser Angelegenheit bezeichnet.

Von 1991 bis 2019 war Christine Lieberknecht Abgeordnete im Thüringer Landtag; sie hatte mehrere Ministerposten inne, im Kabinett von Bernhard Vogel und später von Dieter Althaus. Sie war Parlamentspräsidentin und Fraktionsvorsitzende und schließlich, von 2009 bis 2014, Thüringer Ministerpräsidentin. Christine Lieberknecht lebt mit ihrem Mann in der Nähe von Weimar.

Zwei Monate nach der Thüringer Landtagswahl wird die bisherige Sozialministerin Christine Lieberknecht (CDU) am 30.10.2009 im Landtag in Erfurt von Parlamentspräsidentin Birgit Diezel (l, CDU) als neue Ministerpräsidentin vereidigt.  (picture-alliance/ dpa / Martin Schutt)Christine Lieberknecht (r.) 2009 bei ihrer Vereidigung zur Thüringer Ministerpräsidentin (picture-alliance/ dpa / Martin Schutt)


Birgit Wentzien: Liebe Frau Lieberknecht, wir sitzen in Coronazeiten auf einem Balkon in Erfurt. Sie sind von Ramsla, Ihrer Heimat, hierher gekommen. Unser Kollege Henry Bernhardt ist bei uns, und wir wahren Abstand. "Mädchen, mach den Mund auf!" - Wer hat das gesagt?

Christine Lieberknecht: Das war Helmut Kohl.

Wentzien: Wann?

Lieberknecht: 1991 zum Bundesparteitag in Dresden, als ich für das Präsidium der Bundespartei kandidierte.

Wentzien: Das sollte damals seine Krönungsmesse sein als der Bundeschef dieser Partei. Welche Mädchen waren gemeint, nicht nur Sie waren gemeint?

Lieberknecht: Ja, das war eine schöne Begegnung, wo ich mit Angela Merkel gemeinsam bei Bundeskanzler Helmut Kohl war – und zwar unmittelbar vor den Wahlen auf diesem Parteitag – und er uns noch mal Mut machte und meinte, wir sollten unbefangen, geradeheraus erzählen, wo wir so herkommen, was wir so denken. Und natürlich auch, dass wir uns freuen.

Wentzien: War Widerspruch möglich?

Lieberknecht: Widerspruch war sicher möglich, aber dessen hat es eigentlich gar nicht bedurft, denn es war ja eine positive Ermunterung.

Christine Lieberknecht (Mitte) neben dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der seiner neugewählten Stellvertreterin, der damaligen Frauenministerin Angela Merkel während des Parteitags der CDU am 15. Dezember 1991 im Kulturpalast in Dresden per Handschlag gratuliert.  (picture alliance / dpa / Michael Jung)Christine Lieberknecht (Mitte) beim Parteitag der CDU 1991 neben Helmut Kohl, damals Bundeskanzler, und Angela Merkel, damals Frauenministerin (picture alliance / dpa / Michael Jung)

Wentzien: 1991, Dresden Kulturpalast, Bundesparteitag der CDU. Sie beide, Angela Merkel und Christine Lieberknecht, sollten die weiblichen, frischen, ostdeutschen Gesichter der CDU sein, zu einem Zeitpunkt, wo überall im Osten die männlichen Unionsspitzen, wenn sie nicht schon gefallen waren, sie doch zumindest wankten in den Ländern. Und der Generalsekretär der CDU kam gleich um die Ecke, Volker Rühe hieß der damals, und erklärte: Mit diesen beiden Frauen, Angela Merkel und Christine Lieberknecht, sei die Erneuerung durchgesetzt. Fühlten Sie sich auch mal einen ganz kleinen Moment benutzt?

Lieberknecht: Ich war eigentlich stolz damals darauf, eine solche Rolle spielen zu können, immerhin hatten wir eine friedliebende Zone im Hintergrund und das war auch schon ein ostdeutsches Selbstbewusstsein, was wir mitbrachten, zwar aus dem kleineren und weniger beliebten Deutschland, um es mal aus westlicher Perspektive zu sagen, zu kommen, aber dann doch im richtigen Moment das Richtige getan zu haben, das fanden wir schon ganz gut.

"Wir waren damals schon stolz, in der CDU zu sein"

Wentzien: Aber so ganz bewusst als Frauen gesetzt zu sein, neu, frisch, weiblich, östlich, angesichts einer Misere von Männern, die nicht mehr so ganz aufrecht standen. Das konnte ja auch ein gewisser politischer Zweck gewesen sein.

Lieberknecht: Na ja, als Misere hatten wir damals die Zeit nicht unbedingt empfunden, denn die CDU war ja die Partei, die tatsächlich mit Helmut Kohl nach der Einheit gegriffen hat, sie durchgesetzt hat, in der Bevölkerung gerade im Osten viel Zustimmung fand bei all dem, was zwar dann auch abbröckelte wegen Massenarbeitslosigkeit und dem ganzen tiefen Tal der Tränen, was auch kam. Aber wir waren damals schon stolz, ich zumindest, in der CDU zu sein, obwohl ich auch aus der DDR kommend manchmal auch angefochten war.

Aber es war trotzdem eine Partei, wo ich sagte, ja, das passt, ich bleibe dabei. Und was heißt benutzt, ich meine, dieses Klischee, jung, ostdeutsch, weiblich, das galt ja wahrhaftig nicht nur für die CDU. Und wenn ich unsere heutigen Quotendebatten sehe, dann will ich mal sagen, damit habe ich gelebt, ich habe das für mich nie eingefordert, aber ich bin nüchtern mit der Tatsache umgegangen, dass das schon eine, sagen wir mal, Lücke war, wo es galt, auch reinzuspringen.

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Wentzien: "Mädchen, mach den Mund auf!" - Angela Merkel, Christine Lieberknecht, kannten Sie beide sich vorher schon, hatten Sie mal Begegnungen?

Lieberknecht: Aus den Jahren in der DDR kannten wir uns nicht und auch nicht unmittelbar aus der Zeit 1990, vor der Einheit. Wir hatten dann zwar voneinander gehört, als Angela Merkel stellvertretende Regierungssprecherin war bei Lothar de Maizière, aber es war, glaube ich, auch nicht so wichtig, dass man sich persönlich schon kannte.

Wichtiger war an sich, dass wir uns wechselseitig sehr gut hineinversetzen konnten in, ich sage es mal ein bisschen technisch, die Sozialisation der jeweils anderen, weil die gleich war. Im evangelischen Pfarrhaus, wir waren beide Schülerinnen, Mädchen, die durch die Nischen, die die DDR bot, auch Bildungsabschlüsse erwerben konnten. Das war die Olympiadebewegung, Russischolympiade, Mathematikolympiade. Angela Merkel war zwar da immer einen Schritt weiter und hatte noch bessere Preise. Ich habe eher so auf die Preise der Bezirksebene geschafft, sie war ja damals schon DDR-weit unterwegs mit ihren Leistungen – dass man also durch Leistung durchaus was erreichen konnte.

Wentzien: FDJ?

Lieberknecht: FDJ waren wir auch beide, ja, Freie Deutsche Jugend. Das war der Kompromiss, den ich auch machte ganz bewusst, denn ich war auch ein Gemeinschaftsmensch. Und es war die einzige Jugendvertretung, die es gab, und wenn man da mitmischen wollte, hat man oder habe ich zumindest dann diesen Kompromiss gemacht, den ich für mich auch für vertretbar hielt, zumal ich ihn auch nie widerspruchsfrei ausgeübt habe, sondern schon in meiner Schulzeit so ein bisschen, ja, was Revolutionäres verspürte. Wir wollten ja immer verändern und auch den FDJ verändern.

"Angela Merkel war vielleicht immer noch einen Tick stringenter"

Wentzien: Man hat Sie beide Zeit Ihres politischen Lebens immer verglichen. Wenn Sie jetzt sagen müssen, was Sie beide unterscheidet, was würden Sie antworten?

Lieberknecht: Angela Merkel war vielleicht immer noch einen Tick stringenter, was ganz bewusst auch Machtpolitik betrifft.

Wentzien: Aber Sie nicht?

Lieberknecht: Sagen wir mal, ich habe weniger aktiv Posten angestrebt, sondern ich war eigentlich immer sehr zufrieden und habe mich immer arrangiert als Mannschaftsspielerin mit Positionen, die andere für mich vorgesehen hatten. Das waren die Ministerpräsidenten in den Thüringer Kabinetten, das war Helmut Kohl beispielsweise, der damals sagte, Mädchen, Platz im Präsidium.

Das waren nicht meine eigenen Ideen, aber ich habe das dann gemacht und habe dadurch dann doch Politik aus sehr verschiedenen Perspektiven kennengelernt, was ich heute als einen großen Reichtum empfinde, weil ich nicht verbissen in einer Position, in der ich war, immer schon nach der nächsten schaute, sondern immer voll und ganz versucht habe, auszufüllen, was ich gerade machte.

Blick über den Saal auf das Präsidium während des ersten Bundesparteitags der Christlich-Demokratischen Union (CDU). Vom 20. bis 22. Oktober 1950 hielt die CDU im Odeonsaal der alten Kaiserstadt Goslar ihren ersten Bundesparteitag seit ihrer Gründung 1945 ab. (picture alliance / dpa) (picture alliance / dpa)Geschichte der CDU - Die Weichenstellerin der Bundesrepublik
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Wentzien: Pastorin war dann irgendwie out oder wie muss ich mir das vorstellen?

Lieberknecht: Ich hatte eigentlich überhaupt nie vor, in die Politik zu gehen. Wer in DDR-Zeiten in einem Pfarrhaushalt aufgewachsen ist, wer selbst Theologie studiert, ins Gemeindepfarramt geht, hat im Leben nie die Idee, in die Politik mal zu gehen. Niemand konnte ja ahnen, wie das 1989/1990 läuft. Selbst den Weimarer Brief habe ich ja nicht aus persönlichen Karrieregründen unterschrieben, sondern einfach weil ich auch sagte, es kann so nicht weitergehen.

Wentzien: Das müssen wir erklären, bevor wir erzählen, dass Ihr Mann Martin Lieberknecht auch Pastor ist und sagt: Nie und nimmer gehe ich als Pastor in eine Partei. Wenn ich das tue, geht die Jalousie runter bei allen im Dorf. Also, Weimarer Brief, jetzt sind wir 1991 von Dresden noch mal zwei Jahre zurück, 1989, September, was ist das?

Lieberknecht: Es war vollkommen klar, dass mit den Kommunalwahlen in der DDR am 7. Mai 1989 eine Stimmung entstanden war, es fing an, überall zu knistern.

Blick in ein Wahllokal in Ost-Berlin während der Kommunalwahl am 7. Mai 1989.  (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)Kommunalwahlen in der DDR 1989 (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)

Zum einen diese Fälschung, die nachweisbar, die sich nicht mehr vertuschen ließ. Und zum anderen die Menschen, die alle der DDR den Rücken kehrten, über die Botschaften von Prag, von Budapest. Jeder spürte, das System war an eine Grenze gekommen, es muss etwas passieren, es wird etwas passieren, aber niemand wusste, wie es ausgehen wird.

Und in diese Situation hinein kam der damalige Chefredakteur der Kirchenzeitung "Glaube & Heimat", Gottfried Müller, und sprach mich an, weil er mich kannte als junge Frau, junge Pastorin in der CDU, ob ich mich nicht beteiligen würde an einem Schritt, der auch der CDU mehr Selbstbewusstsein in der DDR vermitteln könnte und der vor allen Dingen deutlich macht, dass die CDU in diesen politischen Debatten Verantwortung wahrnehmen muss, dass wir uns nicht alleine abhängig machen können in diesem nationalen Blockmeer der SED, was ja der CDU im Kern auch wesensfremd war, sondern wir gesellschaftliche Debatten auch in die Partei in der DDR hineinholen müssen.

Und das haben wir formuliert in einem Brief. Und dieser Brief ist dann eigentlich ganz parallel zu den neuen Strömungen, datumsgleich mit dem Neuen Forum, was am 10. September gegründet wurde, ist auch unserer Weimarer Brief mit den Forderungen der CDU erschienen. Und mit Veröffentlichung dieses Briefes stand ich auf einmal auch in der Öffentlichkeit, denn wir waren nur vier Mitglieder, die das damals unterschrieben hatten, und überall galt es zu erklären, galt es Rede und Antwort zu stehen, galt es, für diese Reformbestrebungen in der CDU zu streiten.

"Unser Horizont war das Nächstliegende"

Wentzien: Lassen Sie uns noch einmal aus der Zeit heraus das betrachten. Es gibt einen Menschen, der, glaube ich, wie kaum jemand sonst diese Zeit auch kartographiert hat, wenn man so will, das ist Erhart Neubert. Und der sagt, wenn man den Weimarer Brief aus der Zeit heraus versucht, zu verstehen, dann wollten diejenigen, die ihn aufgesetzt und dann auch unterschrieben haben, das Land dynamisieren, aber nicht, sagen wir mal, verändern im Sinne von: Wir kommen zu einer deutschen Einheit.

Lieberknecht: Das ist richtig! Wir sind angetreten, wenn Sie so wollen, für eine Demokratisierung der DDR – wie übrigens auch die anderen neuen Strömungen. Auch das Neue Forum hat ja nicht die Deutsche Einheit im Blick oder die SDP damals oder Demokratie jetzt, es ging darum, die DDR zu demokratisieren, die CDU in eine gewisse Unabhängigkeit auch zu bringen als eigenständige Partei. Und dafür sind wir angetreten. Dass ein hermetisch abgeriegeltes System mit unglaublich bewachten Grenzen so in sich zusammenfallen würde und es dann auf einmal mit dem 9. November den Fall der Mauer geben wird, haben wir im September wirklich nicht geahnt.

Wentzien: War das naiv?

Lieberknecht: Nein, das war nicht naiv, das war einfach nicht unser Horizont in dem Moment, sondern unser Horizont war das Nächstliegende. Und das hieß, uns nicht abseits der Gesellschaft liegenden Debatten zu stellen, sondern eine Plattform auch für diese gesellschaftlichen Debatten zu liefern.

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Wentzien: Bleiben wir noch mal kurz beim 9. November 1989. Christine Lieberknecht ist mit vielen anderen, auch den Autoren des Briefes aus Weimar, in Berlin an diesem Tag, nämlich in einer Veranstaltung der Ost-CDU im französischen Dom. Und es passiert wieder das, was Sie gerade beschrieben haben. Eine Initiative entsteht, man ist beieinander, und draußen kommt die Wirklichkeit und rollt über diese Entwicklung hinweg. Sie sind dann nicht an die Mauer, sondern Sie sind stante pede nach Hause.

Lieberknecht: Wir kamen aus dem französischen Dom raus ins Freie, ich hatte übrigens im Dom selber noch die Wiedergründung der Länder in der DDR gefordert als Demokratisierung in einem föderalen System, aber an die Einheit habe ich in dem Moment überhaupt nicht gedacht. Und als es so zwischen den Menschen raunte, die Mauer ist offen, konnte ich das erst mal überhaupt nicht einordnen für mich. Und nun hatte ich ja zwei Kinder zu Hause, ich hatte meinen Mann zu Hause, es war ja nicht wie heute, dass wir alle mit Smartphone und ständiger Erreichbarkeit umherliefen. Und als ich in den frühen Morgenstunden in Weimar ankam, holte mein Mann mich am Bahnhof ab und fragte mich ganz entgeistert, ob ich nicht mitgekriegt hätte, was in Berlin los ist. Und ich sagte: Nee. Ja, die Mauer ist gefallen.

Mut zur Veränderung: Chancen vor und nach der Wende

Wentzien: Martin Debes von der Thüringer Allgemeinen ist der Autor einer politischen Biographie über Sie. Und er hat in seinem Buch über Sie eine Unterzeile gewählt, die würde ich gerne vorlesen, die heißt: Christine Lieberknecht – von der Mitläuferin zur Ministerpräsidentin. Sind Sie damit einverstanden?

Lieberknecht: Ja, es ist eine Frage der Interpretation. Der Begriff Mitläufer ist an sich besetzt in einer Weise, wo ich sage, da müsste ich eigentlich Abstand davon nehmen. Aber wenn er gemeint ist in dem Sinne, dass ich mich versucht habe, ja, auch in der DDR einzubringen, Gesellschaft zu verändern, dazu auch Gespräche zu führen mit unserem LPG-Vorsitzenden auf dem Dorf, mit unserem Bürgermeister, mit anderen Vorsitzenden von Massenorganisationen, die es in der DDR gab, weil ich meinte, dass ich die brauche, wenn ich in unserem Dorf eine Idee habe, und deswegen auch in die CDU eingetreten bin, kann man das natürlich schon so deuten, dass ich mich in gewisser Weise auch mit Kompromissen arrangiert hatte.

Der damalige hessische Ministerpräsident Walter Wallmann (l) am 03.12.1989 Weimar neben dem damaligen Eisenacher Oberkirchenrat Martin Kirchner (r), Mitglied des Reformflügels der DDR-CDU und Verfasser des "Briefes aus Weimar". Zwischen beiden stehen (l-r) Gottfried Milde, der damalige hessische CDU-Generalsekretär Franz-Josef Jung und die damalige Pastorin Christine Lieberknecht aus Ramsla bei Weimar. (dpa)Christine Lieberknecht (2.v.r.) im Dezember 1989 in Weimar, u.a. neben dem damaligen Eisenacher Oberkirchenrat Martin Kirchner (r.), Verfasser des "Briefes aus Weimar", und dem damaligen hessischen Ministerpräsident Walter Wallmann (l.) (dpa)

Aber ich betone, ich habe das nie ohne Widerspruch getan, sondern immer getan, weil ich kritisch war. Und mein christlicher Glaube spielt da schon eine große Rolle, weil für mich christlicher Glaube immer Weltveränderung bedeutete. Und ich natürlich guckte, wie kann ich etwas verändern, wie kann ich etwas bessern, bis hin auch zu den ganz praktischen Bauten, die ich ja zu DDR-Zeiten in unseren Kirchen vorgenommen hatte. Immerhin einen Kirchturm, 32 Meter hoch, so hoch habe ich staatlich nie wieder gebaut mit dem Landtag oder auch der Berliner Landesvertretung in Berlin, wo ich mal verantwortlich war, 22,5 Meter drauf, habe ich mir immer gemerkt. Aber da habe ich als blutjunges Mädchen einen ganzen Kirchturm abreißen lassen. Und er ist wieder neu gebaut worden, nämlich in Hottelstedt, das war die Protokollstrecke auch zu DDR-Zeiten von Günther Mittag und Erich Honecker von Erfurt nach Buchenwald.

Und während in den 60er- und 70er-Jahren noch die Doktrin galt, Kirchen weg, was soll der alte Plunder, Pferdestall, Kuhstall, Ende, sind doch die Herren wahrscheinlich ein bisschen im Alter, ein bisschen auch vielleicht dann nach Helsinki mehr Weltoffenheit, wie auch immer, war es ihnen auf einmal peinlich, so einen windschiefen Kirchturm da an der Protokollstrecke zu Buchenwald zu haben. Und ich war junge Pastorin, und da hieß es so ähnlich wie bei Helmut Kohl vom damaligen Bürgermeister: "Mensch, Mädchen, da müssen wir hier was tun!" Und der Bürgermeister besorgte tatsächlich beim LPG-Vorsitzenden, jetzt hören Sie, 100.000 DDR-Mark, für die er zwar als Bürgermeister weder Material kaufen konnte, noch Leute einstellen konnte, aber ich konnte das über die Kirche. Und so haben wir zusammen den Kirchturm in Hottelstedt.

Wentzien: Wir sind in WKW, mittendrin in der sogenannten Weimarer Kirchenwüste. Und aus der Dorfpastorin, nachdem sie 32 Meter hohe Türme gebaut hat, einen Turm. Aus der Dorfpastorin wird die Kultusministerin. Martin Debes, Ihr Biograph, schreibt: Selten, vielleicht nie, in der deutschen Geschichte werden Posten und Mandate derart freihändig vergeben wie bei der Auflösung der DDR im Jahr 1990. Zwei Drittel der Posten gehen an jene, die sich seit der Jahreswende in den Blockparteien oder der SDP irgendwie nach vorne gekämpft haben, das restliche Drittel füllt sich mit Importen aus dem Westen. Die Diskrepanz zwischen der geringen Qualifikation und der Größe der Aufgabe ist enorm.

Das Logo der CDU ist in Berlin an der CDU-Zentrale, dem Konrad-Adenauer-Haus, rot beleuchtet. (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini) (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Politologin Ursula Münch: "Die CDU war immer relativ offen"
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Lieberknecht: Absolut. Martin Debes hat hundertprozentig recht. Deswegen habe ich ja noch kurz vor der Berufung ins Kabinett gesagt, ich gehe in kein Kabinett. Wofür soll ich mit 32 Jahren als Dorfpastorin Verantwortung übernehmen können, das geht eigentlich überhaupt nicht.

Wentzien: Weil man Sie brauchte …

Lieberknecht: Moment! Und gerade im Kultusbereich habe ich damals so ein bisschen spöttisch gedacht, jetzt bin ich so alt wie im Westen gerade mal die Referendare, die ihre erste Stelle antreten, und ich soll hier schon für, weiß nicht, 30.000 Lehrer Verantwortung übernehmen. Und dann sah ich aber, wie alle meinten, unbedingt alle Posten besetzen zu müssen.

Und, ja, in diesem Geist von Gemeinschaft habe ich dann irgendwann gesagt, ich bin auch dabei, obwohl es nie meine Absicht war. Und dazu kam noch, dass ja auch nicht so ganz ohne Häme und ohne Zweifel von den großen Auguren der Feuilletons und Zeitungen geguckt wird, was da im Osten sich so zusammenmischt. Und da hieß es immer, das hält nicht bis Weihnachten. Und die Kabinettsvereinigung war Anfang November. Da habe ich mir mit meinem Mann tief in die Augen gesehen und habe gesagt, den Ausflug kannst du ja mal machen – wie gesagt – bis Weihnachten.

Wentzien: War eine lange Reise.

Lieberknecht: Und daraus sind jetzt fast 30 Jahre geworden.

Wentzien: ich weiß noch einen Grund, Frau Lieberknecht. Man brauchte eine Frau.

Lieberknecht: Das kam auch wieder dazu, sicher.

"Ich war damals nicht Frauenkämpferin"

Wentzien: Sie waren die Quotenfrau des Landeskabinetts.

Lieberknecht: Das kam ganz bestimmt dazu. Die Bezeichnung ist mir eigentlich auch relativ egal. Ich war damals nicht Frauenkämpferin oder Frauenpolitikerin, ganz bestimmt nicht. Aber was ich dann sehr schnell gemerkt habe, ist, doch meinen Posten einzusetzen auch für andere Frauen. Ich habe dann beispielsweise auch in den 90er-Jahren noch, als die CDU den ersten Anlauf für den Quorum nahm, das Quorum, das ja bis heute gilt und was ja heute ja dann noch mal beim nächsten Bundesparteitag wahrscheinlich verschärft wird, zu einer Quote …

Wentzien: Ausgebaut, kann man auch sagen.

Lieberknecht: Ausgebaut, genau. Ja, das klingt freundlicher. … ausgebaut wird, habe ich dann einfach aus Solidarität zu den Frauen gesagt, das habe ich als Frau dann auch mit zu unterstützen und habe das auch gemacht.

Wentzien: Wissen Sie, was Bernhard Vogel damals über Sie sagte?

Lieberknecht: Der hat eine ganze Menge gesagt.

Wentzien: Christine Lieberknecht machte es gut, war willig, fleißig, emsig und verbreitet Charme und sorgt für ein gutes Klima.

Lieberknecht: Na wunderbar!

Wentzien: Wollten Sie das hören so etwas?

Lieberknecht: Ach, das war so! Und mit Bernhard Vogel hatte ich ein gutes Verhältnis.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) (picture alliance / dpa - Michael Reichel) (picture alliance / dpa - Michael Reichel)Buch über Christine Lieberknecht - "Postergirl" der reformerischen CDU?
Christine Lieberknecht wurde oft mit Angela Merkel verglichen – nicht zuletzt wegen ihres zurückhaltenden Regierungsstils. Der Journalist Martin Debes hat 2014 eine Biografie über sie vorgelegt.

Wentzien: 2009, nach dem Desaster der Landtagswahl mit dem Spitzenkandidaten Dieter Althaus und nach dessen Rücktritt, übernehmen die Frauen die CDU, mehrere Frauen. Und Sie rufen Ihren Mann an, den Pastor Martin Lieberknecht, und sagen: Ich setze mir jetzt den Hut auf! Der hat dann zugestimmt, nehme ich an …

Lieberknecht: Das war ein einziger Glücksfall, dass ich ihn auf Anhieb erreichte, denn wir waren in dieser Nacht, als die Entscheidung fiel, ja doch enorm unter Zeitdruck, weil das Ganze machte Sinn, wenn wir es noch öffentlich machen können. Und in dem Moment musste es einfach funktionieren, dass ich meinen Mann tatsächlich erreicht hatte und dann noch mit dieser Botschaft. Ich sag mal hinterher, mein Mann hat es wahrscheinlich eher geahnt als ich.

Da ich eine ziemliche Unabhängigkeit hatte, eigentlich aus meiner Sicht schon alles gewesen war, was man so in der Landespolitik sein kann und ich auch bereit war, einfach mal auf die Oppositionsbank mich zu setzen, habe ich, sagen wir mal, fast spielerisch dann auch gesagt, okay, wir haben den Versuch, es soll an mir nicht scheitern oder ich will nicht schuld sein, wenn wir diesen Versuch gar nicht unternehmen, mit den Sozialdemokraten eine Regierung zustande zu bringen. Und ja, auch in dieser Lockerheit hat es dann ja auch funktioniert. Und mein Mann ahnte offensichtlich, wie übrigens wohl auch eine ganze Reihe von anderen, dass es irgendwie auf mich herauslaufen würde, diese Aufgabe zu übernehmen. Von daher war das Telefonat jetzt auch nicht besonders problematisch.

Wentzien: Bernhard Vogel, der langjährige Ministerpräsident von Thüringen aus dem Westen, prägte dann ein anderes Wort von Ihnen, das darf ich auch noch mal zitieren: Dass sie sich, also Christine Lieberknecht, die Nachfolge von Dieter Althaus sicherte, hätte ich so nicht erwartet. Den Mut muss man erst mal haben.

Lieberknecht: Bernhard Vogel war damals auf einer anderen Schiene und hatte wohl …

Wentzien: Der hatte Sie nicht auf dem Schirm.

Lieberknecht: Nein, er hatte auch mit denen, mit denen er sich beraten hat, zu denen ich damals nicht gehörte, wohl nur noch den Weg in die Opposition im Blick, ja.

Wentzien: Wurde damals übrigens das Wort von der Schwarzen Mamba geprägt?

Lieberknecht: Das weiß ich nicht, ich glaube, das gab es vorher auch schon. Ich habe also nie unmittelbar gehört, dass ich damit angesprochen worden wäre, es wurde mir nur immer wieder zugetragen, aber das ist eigentlich für mich nie von Relevanz gewesen, was die anderen nun gerade für Begriffe prägten.

Starke Frauen und falsche Formate: Lehren für die CDU

Wentzien: Sie haben es schon angesprochen. Wir waren jetzt in Ihrer Vergangenheit und wir schauen jetzt ein bisschen auf die Gegenwart. Im Dezember wird sich Ihre Partei auf dem Bundesparteitag nochmals mit dem Thema Frauenquote beschäftigen. Wird das gelingen?

Lieberknecht: Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Man wird sicher im Vorfeld versuchen, einen Kompromiss, Konditionen für dieses Frauenquorum zu finden, welches am Ende von allen mitgetragen wird. Wie das im Einzelnen ausgestaltet werden wird, kann ich auch noch nicht sagen. Ich sage nur, man kann über eine Frauenquote diskutieren, ganz sicher, man kann auch Beschlüsse fassen, entscheidend ist aber viel mehr, dass man inhaltlich eine Politik macht, die Frauen anspricht, und dass man strukturell in der Parteiarbeit, und zwar von den Ortsverbänden und -vereinigungen in der Partei angefangen, frauenfreundlichere Formate findet. Und Frauen müssen auch Spaß daran haben. Und da scheint mir die CDU doch immer noch eher auch strukturell und inhaltlich männlicher definiert zu sein. Das ist sicher auch eine Notwendigkeit für viele, die man damit ansprechen will, aber bei den Frauen hat man dann halt das Defizit.

Wentzien: Aber machttechnisch geht der Schuss ja nach hinten los, da bräuchte man ja schon die andere Hälfte des Himmels.

Lieberknecht: Na ja, bisher hat die CDU machttechnisch auch gezeigt, dass es so ganz gut ging wie bisher, aber das wird nicht auf Dauer mehr sein können. Dass das Frauentrio sogar an der Spitze der CDU mit Angela Merkel, Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer, die leider den Bettel hingeschmissen hat, was den Bundesvorsitz betrifft, aber jetzt als Verteidigungsministerin. Also, das muss eine Partei erst mal aufbieten: Drei Frauen in absolut bisher fast ausschließlich männlich dominierten Positionen. Ich finde, das ist ein enorm starkes Trio.

Die Kandidaten für den CDU-Vorsitz: Armin Laschet, Norbert Röttgen und Friedrich Merz (v.l.) (dpa / picture alliance / Federico Gambarini /Eventpress Staufenberg / Kay Nietfeld) (dpa / picture alliance / Federico Gambarini /Eventpress Staufenberg / Kay Nietfeld)Ruprecht Polenz: CDU muss an Quotierung arbeiten
Nach den beiden Vorsitzenden Merkel und Kramp-Karrenbauer herrscht Frauenflaute. Frauen seien generell in der Union unterrepräsentiert, sagt CDU-Politiker Ruprecht Polenz.

Wentzien: Eine Starke dieser drei geht, Angela Merkel. Hat ihre Präsenz in der Vergangenheit möglicherweise auch so etwas wie eine größere Frauenbeteiligung verhindert? Das ist so ein bisschen quer gedacht, aber …

Lieberknecht: Ja, ich verstehe das, aber das glaube ich nicht, weil ich viele Frauen kenne, die die CDU gewählt haben wegen Angela Merkel, die nicht typische CDU-Wählerinnen waren. Und von daher hat Angela Merkel, auch wenn das jetzt in der breiten Mitgliedschaft nicht so sichtbar ist, auch wenn es in den Mandaten leider nicht so sichtbar ist, da gibt es noch eine eigene Geschichte, erzähle ich gleich, aber Angela Merkel hat auch für die Frauen in der CDU wichtige Signale gesetzt. Und ich weiß, sie ist von vielen Frauen auch befördert worden, gewählt worden, unterstützt worden – und am Ende waren es auch in entscheidenden Krisensituationen, die Angela Merkel ja auch durchstehen musste, nicht zuletzt die Frauenorganisationen und Frauen, auf die sich Angela Merkel verlassen konnte. Und ich kann es am Beispiel Thüringens machen: Wir haben eine Landtagsfraktion, die ja um ein Drittel dezimiert ist durch die letzten Wahlen.

Wentzien: Mit wenig Frauen …

Lieberknecht: Zwei Frauen. Das geht natürlich als Repräsentation einer Volkspartei gar nicht, ist aber nicht das Ergebnis einer falschen Listenaufstellung. Die Liste ist erstmals für diese Landtagswahl 2019 paritätisch aufgestellt worden. Jeder zweite Platz, wenn Sie so wollen, wir hatten eine Quote auf der Liste. Und es gab auch eine ganze Reihe von Frauen, die in ihrem Wahlkreis nominiert worden sind, aber die Wähler haben sie nicht gewählt. Die Wähler haben sozusagen die alten Haudegen, die auch die gesellschaftlichen Ereignisse reichlich besucht hatten, die schon über Jahre im Landtag sind, wiedergewählt. Und wirklich junge, toughe Frauen – sozusagen als Newcomer oder die gerade eine Legislatur hinter sich hatten – konnten sich in diesem Wettbewerb der Direktkandidaten vor Ort meistens leider gegen die AfD nicht durchsetzen und sind draußen geblieben.

"Der real-pragmatische Kurs von Ramelow ist einer, mit dem man umgehen kann"

Wentzien: Ich habe noch eine Perspektivfrage, die auch die Bundespartei betrifft, die CDU, die ja immer argumentiert, auch im dritten Jahrzehnt nach der Revolution, wir brauchen oder wir leben oder wir sollten uns orientieren an einer Hufeisentheorie. Das ist ja für Thüringen ein wichtiges Muster, ein politisches Muster, und meint eine identische Abgrenzung von den Rändern links wie rechts, um die Mitte zu kräftigen und zu haben. Sie sagen, Frau Lieberknecht, auch nach dem, was hier in Thüringen in allerjüngster Zeit passiert ist, liebe Bundespartei, sorry, diese Beschlüsse sind für uns echt daneben. Ich fasse sehr kurz, wie sich das gehört, zusammen. Wann springt Ihre Partei in Thüringen über den Schatten und beispielsweise praktiziert auch legal nach vorne auf der Vorderbühne das, was sie jetzt tut, nämlich eine Koalition, ein Zusammengehen mit Links.

Lieberknecht: Ich will es mal differenziert betrachten, weil mir diese Differenzierung wichtig ist. Ich stehe zu dem, was man antitotalitären Grundkonsens auch des Grundgesetzes nennt. Die CDU hat mit Extremisten nach links und nach rechts nichts gemein. Das will auch dieser Beschluss wohl abbilden. Aber neben dem Beschluss und einer Grundpositionierung der Partei, die ich für richtig halte, gilt es aber auch realpolitisch konkrete Gegebenheiten in den Blick zu nehmen und vor allen Dingen dem Verfassungsrecht vor Ort Rechnung zu tragen. Und das Verfassungsrecht vor Ort setzt eben in den Landesverfassungen, setzt in den Geschäftsordnungen der Parlamente bestimmte Aufgaben, die erledigt werden müssen.

Dazu gehören mitunter Zweidrittelmehrheiten, wo die CDU überhaupt nicht daran vorbeikommt, mit Parteien, die eine entsprechende Stärke haben wie die Linke beispielsweise bei uns und dann auf der anderen Seite die AfD, die beide zusammen eine Mehrheit haben, muss die CDU sich positionieren. Und da ist der real-pragmatische Kurs von Bodo Ramelow einer, mit dem man umgehen kann, wo man ganz klar – wie es jetzt auch die CDU macht – in einer konstruktiven Opposition sagt, jawohl, wir sind bereit, im Interesse des Landes Kompromisse auszuloten, gemeinsam zu tragen und aber ganz klar zu sagen, wo es menschenverachtend wird und wo antisemitisches oder rechtsextremes Gedankengut in die Parlamente getragen wird von der AfD, zu sagen: Hier machen wir einen Punkt, da geht es nicht weiter.

Thüringens CDU-Fraktionschef Mike Mohring steht links vor vielen Mikrofonen von Journalisten und hält eine rote Mappe in der Hand (imago / Karina Hessland) (imago / Karina Hessland)CDU in Thüringen - Eine Neuwahl "wäre die bessere Lösung gewesen"
Für die thüringische CDU werde sich durch die Unterstützung der linken Landesregierung die Situation nun weiter verschärfen, so der Politologe André Brodocz. Denn der Landesverband sei weiter gespalten.

Wentzien: Jetzt Butter bei die Fische. Landtagswahl 2021, soll Ihre Partei springen oder nicht?

Lieberknecht: Erst mal soll sie ein ordentliches Wahlergebnis hinlegen, dann können wir über die Koalitionsbildung reden.

Wentzien: Und Sie würden eine CDU-Linke-Regierung nicht ausschließen?

Lieberknecht: Ich würde sie nicht ausschließen.

Kirche und Corona: Erwartungen an die Theologie

Wentzien: Die Pastorin Christine Lieberknecht hat ihrer Kirche in Coronazeiten gerade die Leviten gelesen – und zwar mächtig gewaltig. An Pfingsten war es in diesem Jahr, ich zitiere Sie, Frau Lieberknecht: Die Kirche hat in dieser Zeit Hunderttausende Menschen alleingelassen, Kranke, Einsame, Alte, Sterbende, ja, das ist unmenschlich. Dabei hätte es nach dem Infektionsschutzgesetz auch ein Recht für Geistliche auf die Begleitung von Sterbenden gegeben. Nicht nur der Erfurter Kirchenkreis hat diese Kritik und dieses Levitenlesen zurückgewiesen, auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, die Deutsche Bischofskonferenz, der Theologe Peter Dabrock, unter anderem lange Jahre Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, und mit der Frage an Sie: Woher will Christine Lieberknecht das wissen. Woher wissen Sie das?

Lieberknecht: Zum einen ist natürlich Seelsorge betrieben worden, das stelle ich überhaupt nicht in Abrede. Aber man muss sich ja nur mal die Zahlen ansehen im Bundesamt für Statistik, dann weiß man, wie viele Menschen einsam – auch in dieser Zeit – in Heimen, in Krankenhäusern gestorben sind. Etwa 2000 am Tag, das können Sie hochrechnen, und wenn Sie sehen, wie viele Heime tatsächlich geschlossen waren, dass Pfarrer wirklich alles in Bewegung setzen mussten, um zum Beispiel Sterbende zu begleiten. Und es ging ja nicht nur um die Pfarrer, es geht ja auch um Familienangehörige.

Kirchenbesucher mit gefalteten Händen zwischen Kirchenbänken (picture alliance/dpa/Christoph Schmidt) (picture alliance/dpa/Christoph Schmidt)Kann Religion in der Coronakrise helfen?
Die Politikwissenschaftlerin Carolin Hillenbrand untersucht, wie Religion und der Bewältigung der Coronakrise zusammenhängen. Aktuell vermute man, dass eine Glaubensbeziehung vielen Menschen helfe, gut durch die Krise zu kommen.

Ich sage ja, die Kirche kann nicht überall sein, aber dass es kein öffentliches Wort gab, was so durchschlagend war, dass man in diesem Land wirklich darüber diskutiert hätte, dass es ein Zustand ist, wenn Menschen im hohen Alter, hochbetagt ins Krankenhaus kommen, dass dann eine radikale Isolation ist, auch kein Familienangehöriger mehr zu diesem Sterbenden gehen kann, das ist mir wirklich vielfach zugetragen worden und da bin ich ja bei Weitem nicht die Einzige. Ich habe es vielleicht besonders pointiert formuliert, aber der Fakt als solcher stimmt. Und dazu habe ich mir die Zahlen auch angesehen.

Wenn man sagt, schlecht recherchiert, ist das absolut nicht wahr, das ist eine Abwehrreaktion. Und da wundere ich mich schon ein bisschen, was habe ich mir als Politikerin von den Kirchen alles vorwerfen lassen müssen mit Blick auf mangelnden Klimaschutz, mit Blick auf die Frage von nationaler Verteidigung, Stichwort Bundeswehr, mit Blick auf Kohleausstieg oder früher Atomausstieg. Nie bin ich auf die Idee gekommen, jetzt aufzuzählen, was ich doch alles bitteschön mache, um dem entgegenzuwirken, sondern ich habe es immer als eine Problemanzeige genommen, über die man jetzt aber auch mal richtig debattieren muss. Und die Reaktion der leitenden Geistlichen, die sofort gesagt haben, unmöglich, schlecht recherchiert, geht überhaupt nicht, wir haben doch – und dann werden diese einzelnen Schritte aufgezählt, das war für mich doch ein bisschen verwunderlich.

In den ersten Wochen "eine relativ einseitige wissenschaftlichen Sicht"

Wentzien: Steckt also hinter Ihrer Kritik zu Coronazeiten mehr? Steckt da möglicherweise auch Kritik an der eigenen Kirche und deren Repräsentanten drin?

Lieberknecht: Ich stehe zur, ich sage mal, Relevanz von Theologie in unserer und für unsere Gesellschaft. Und dass die Debatten gerade in den ersten Wochen und Monaten von Corona fast ausschließlich bestimmt waren von Virologen, Infektiologen, Epidemiologen, also einer relativ einseitigen wissenschaftlichen Sicht, und es der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war, der als Erster laut, deutlich und vernehmbar mal gesagt hat, dass es ja auch Abwägungsprozesse gibt zum Beispiel zwischen den Freiheitsrechten des Einzelnen und dem Lebensschutz, das hätte ich mir auch von einem Theologen, von leitenden Geistlichen gewünscht. Und es hätte ja Plattformen gegeben, auf denen man das machen kann.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wentzien: Also hat sich Kirche zu klein gemacht in dieser aktuellen Entwicklung?

Lieberknecht: Ich finde, in Fragen, wo die Menschen wirklich stärker als sonst mal an die Grenzen des Lebens gewiesen waren, ein bisschen auch den Tod vor Augen, war eigentlich, und ich finde, ist immer noch, eine klassische Kompetenz von Geistlichen, von Kirche. Und da das öffentliche Wort zu machen, steht überhaupt nicht in Abrede, dass es einzelne Seelsorger selbstverständlich getan haben, dass sich da auch Seelsorger wirklich die Hacken abgelaufen sind, aber es geht um diese öffentliche Theologie und das öffentliche Wort in unserer Gesellschaft, was scheinbar für eine ganz große Mehrheit nicht mehr relevant erschien.

Erfolge und Erkenntnisse: Abschied aus der Politik

Wentzien: Auf der aktuellen politischen Strecke gab es noch einmal einen Ruf, der Sie ereilte, Frau Lieberknecht. Das war im Februar diesen Jahres, als es wirklich ein Desaster, glaube ich, zu betrachten gab im Landtag. Und auch unser Landeskorrespondent in Thüringen Tag und Nacht vier Wochen lang beschäftigt war. Im Februar 2020, AfD, CDU und FDP votierten zusammen für den FDPler Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten. Und danach, in der Folge dieser Ereignisse, stand, nehme ich mal an, Ihr Handy nicht mehr still. Und Bodo Ramelow unter anderem bat Sie, doch Übergangsministerpräsidentin zu sein. Ihre CDU, ich fasse es wie immer kurz und viel zu knapp zusammen, wollte das nicht, so muss man es, glaube ich, sagen. Und Sie waren, glaube ich, 24 knapp in Charge, wenn man so will, dann haben Sie gesagt: Nicht mit mir, ich bin raus. War das eine Niederlage?

Lieberknecht: Ich habe mich zur Verfügung gestellt für den Fall, dass die Verhandelnden sich einig werden. Was ich aber nicht wollte, ist, dass im Grunde um meine Person dann ein Feilschen beginnt, wie viel man da noch draufsatteln kann. Diese 70 Tage bis zur Neuwahl wären ein klar beschriebener Auftrag gewesen, das hätte ich gemacht. Aber es gab auch gute Gründe, ich will das gar nicht in Abrede stellen, nicht für so schnelle Neuwahlen zu sein.

Das ist durchaus legitim, denn die Abgeordneten sind gewählt, nur sie selbst können das Parlament wieder auflösen, das wäre auch nicht meine Sache gewesen, sondern das muss das Parlament tun. Und in dem Moment, wo es darüber so entschiedene Meinungsverschiedenheiten noch gibt oder damals gab, habe ich gesagt: Wenn ihr jetzt die Neuwahlen nicht wollt, dann geht das nur mit der Linken, dann könnt ihr das nur mit Bodo Ramelow machen, dafür stehe ich nicht zur Verfügung.

Das war eine ganz klare Aussage, die aber einschloss, dass ich einen klar begrenzten Übergang, wenn es denn von allen so mitgetragen worden wäre, gemacht hätte – auch nicht leichten Herzens, das wäre alles andere als eine leichte Aufgabe geworden. Aber ich hätte mich dem, wie man so sagt, klingt ein bisschen pathetisch, vielleicht aus staatspolitischen Gründen nicht verweigert. Deswegen habe ich gesagt okay, aber nicht mehr. Und vor allen Dingen jetzt nicht ein politisches Feilschen, was ich nun wirklich nicht mehr gebraucht habe.

Wentzien: Aus dieser Zeit wird von Ihnen ein Wort zitiert, das heißt: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.

Lieberknecht: Ja, das ist ein schönes Bibelwort.

Bodo Ramelow (Die Linke) erhält nach seiner Wahl zum neuen Ministerpräsidenten des Landes Thüringen am 05.12.2014 im Landtag in Erfurt (Thüringen) die Glückwünsche der scheidenden Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU).  (picture alliance / dpa / Martin Schutt)Bodo Ramelow (Die Linke) nach seiner Wahl zum neuen Ministerpräsidenten des Landes Thüringen am 05.12.2014 neben der scheidenden Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Wentzien: War das auf diese Situation gemünzt und waren mit den Schlangen die eigenen Parteigänger gemeint?

Lieberknecht: Nein, das ist einfach eine biblische Zuschreibung von Tieren, wie es sie ja in der Bibel mehrfach gibt und vorkommt, und von daher fand ich es einfach schön. Man muss klug sein, jawohl, das war eigentlich auf die Zusammenarbeit auch zwischen CDU und Linker, wenn man Kompromisse schließen muss, gemeint, dass man genau wissen muss … Oder sagen wir mal so, weil man den anderen kennt, weil ich weiß, dass die Linke natürlich ein Programm hat, mit dem sie Gesellschaft verändern möchte und zwar auch nicht nur grundgesetzkonform, um es mal vorsichtig zu sagen. Weil ich das alles weiß, kann ich in dem Wissen darum aber partiell doch genau das, was jetzt notwendig ist, trotzdem vereinbaren.

"Ich kann immerhin in den Spiegel gucken"

Wentzien: Das ist eine Aussicht für die Landtagswahl im nächsten Jahr beispielsweise. Angela Merkel wird sich verabschieden, auch Sie gehen oder sind gegangen aus der Politik – mit dem Unterschied, würde ich jetzt zusammenfassend als letzte Frage an Sie richten: Angela versucht, selbstbestimmt zu gehen, Sie wurden gegangen. Warum, Frau Lieberknecht, ist das Abschiednehmen in der Politik so schwer und warum gelingt es nicht so?

Lieberknecht: Nein, für mich war das eigentlich nicht schwer, sondern ich habe mich zur Verfügung gestellt 2009 für das Amt der Ministerpräsidentin. Damals ist eine Koalition geglückt, die auch damals schon hätte anders laufen können, und zwar gegen die CDU. Wenn man so will, habe ich der CDU im Land noch mal fünf Jahre Ministerpräsidentenamt ermöglicht. Und dass dann die SPD in ihrer Situation nicht noch mal bereit war für die Koalition, war eine Entscheidung der SPD.

Ich kann immerhin in den Spiegel gucken, ich habe bei den Landtagswahlen zugelegt. Die CDU hatte am Ende vier Mandate mehr nach der Wahl 2014 als nach der Wahl 2009. Ich hatte immerhin zwei Prozent, das ist nicht viel, aber schauen Sie mal die Wahlergebnisse der CDU, wo überhaupt noch gewonnen wurde in dieser Zeit, da haben wir noch zwei Prozent gewonnen. Und dass dann der Koalitionspartner sozusagen abhanden gekommen war, gab eine Situation, an der mit Sicherheit nicht die Spitzen der damaligen Koalition, Christoph Matschie und ich, schuld waren, sondern es war eine Gesamtgemengelage, wo wir dann auch einfach nicht mehr die Kraft hatten, das noch zu ändern.

Wentzien: Hätten Sie sich einen anderen Abschied als den, den Sie genommen haben, gewünscht?

Lieberknecht: Das ist jetzt eine sehr theoretische Frage. Ich fand eigentlich die letzten fünf Jahren sozusagen auch zum Abtrainieren als Abgeordnete im Thüringer Landtag, auch in der Opposition noch mal eine Perspektive, die ich bis dahin nicht hatte. Ich habe noch vieles im Wahlkreis gemacht, wo auch nach wie vor sehr viel Entgegenkommen war, und meine Ehrenämter, die auch nicht weniger geworden sind, ausgefüllt. Von daher bin ich gut beschäftigt und einfach froh und dankbar, dass ich diese Jahre in der Politik so erleben durfte, mitgestalten durfte, aber jetzt auch andere Prioritäten setzen kann.

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