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StartseiteTag für TagDer Brückenbau zwischen Kirchen und Kanzlerin02.02.2017

Christliche PolitikDer Brückenbau zwischen Kirchen und Kanzlerin

Pfarrerstochter, evangelisch, geschieden: Die katholische Kirche hatte starke Vorbehalte, als Angela Merkel ihr Amt antrat. Jetzt loben Bischöfe die Kanzlerin wegen ihrer Flüchtlingspolitik. Hilfe für die Bedrängten sei ein uraltes kirchliches Motiv, sagt die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Aber auch der Deal mit Erdogan sei christlich.

Ursula Münch im Gespräch mit Christiane Florin

(APB Tutzing)
Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing (APB Tutzing)
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Christiane Florin: Es ist auffallend, dass das Wort christlich in der politischen Auseinandersetzung eine Renaissance erlebt, nachdem die Frage nach dem C in der CDU lange etwas altbacken klang. Wer bestimmt denn nun, was christlich ist?

Ursula Münch: Naja, es bestimmt niemand hoheitlich - das geht gar nicht, wir sind eine pluralistische Gesellschaft, da kann man nicht klar festlegen, was man darunter versteht, aber selbstverständlich wirken diejenigen, die da doch schon eine deutliche Auslegungsautorität haben - also sprich die Kirchen - natürlich sehr stark, wirken in die Öffentlichkeit hinein, das gehört zu den Aufgaben, das ist ein gutes Recht der Kirchen, hineinzuwirken in den öffentlichen Bereich und auch damit ihr Bild und ihr Verständnis von christlichem Umgang miteinander und durchaus auch von christlicher Politik mit hinein zu tragen. Das muss aber dann die Gesellschaft nicht unbedingt alles so annehmen, darüber wird dann ja auch durchaus kontrovers diskutiert. Die Kirchen leisten einen Beitrag dazu, zu der Diskussion, aber viel mehr dann eigentlich auch nicht.

"Abgrenzung - eine neue, nicht christliche Tendenz"

Florin: Hat christlich vor allem mit Religionszugehörigkeit, mit einem Glaubensbekenntnis zu tun oder ist es in jüngster Zeit eher ein diffuser Ausweis der Identität?

Münch: Ich halte Ihre Frage für sehr berechtigt. Ich habe den Eindruck, dass es zur Zeit tatsächlich dieses Wiederbesinnen oder noch stärkere Besinnen auf christlich und nichtchristlich - dass das durchaus auch mit Abgrenzungsfragen zu tun hat. Man versucht sich einerseits gegenüber den Nichtchristen zu unterscheiden, man versucht sich vor allem auch gegenüber dem Islam zu unterscheiden, was jetzt weniger die christlichen Kirchen in Deutschland tun, die jetzt zum Teil auch eher wieder Verbindungslinien zum Islam herstellen.

Es grenzen sich gegenüber dem Islam zum Beispiel diejenigen ab, die das Wort des "christlichen Abendlandes" im Mund führen, wie zum Beispiel Anhänger von Pegida, also da gibt es ganz unterschiedliche Motive und das ist natürlich auch manchmal schwierig, dann das auseinander zu sortieren: Wer meint jetzt eigentlich was und vor allem, warum auf einmal diese Abgrenzung? Aber das ist eine neue Tendenz, die wir nicht nur in der Bundesrepublik feststellen, dass man dazu neigt, sich selbst dadurch - sich die Zugehörigkeit von sich selbst in einer Gruppe - dadurch zu definieren, dass man sich zunächst mal versucht, von anderen abzugrenzen. Das ist eigentlich nicht christlich.

"Es wäre klüger, genau hinzuschauen"

Florin: Angela Merkel hat vor einigen Wochen ihre Partei ermahnt, christliche Weihnachtslieder zu singen und im September 2015, also auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, hat sie gesagt, wer Angst vor dem Islam habe, solle sich erstmal mit den eigenen christlichen Wurzeln beschäftigen, in den Gottesdienst gehen, sich informieren, was Pfingsten ist. Wie wirkt das auf diejenigen, die Angst um das "christliche Abendland" haben?

Münch: Es wird ihnen vermutlich nicht die Leute in die Kirchen und zum Absingen von Kirchenliedern treiben, es wirkt vielleicht ein wenig, ja, ein wenig herablassend, weil im Grunde die Kanzlerin natürlich, verständlicherweise aus ihrer Reaktion heraus, dazu auffordert, das Wort christlich nicht ständig im Mund zu führen, ohne es selbst auch zu leben, ich glaube, sie möchte auf diesen Punkt aufmerksam machen. Das kann man nachvollziehen.

Gleichzeitig setzt sie sich vielleicht über etwas hinweg, was im Grunde unter dieser Kontroverse, wie christlich ist jetzt jemand und ist die Flüchtlingspolitik christlich, steckt. Sie setzt sich ein bisschen darüber hinweg, dass die Leute oder ein Teil der Bevölkerung doch auch Ängste hat - sei es um Konflikte, um Wettbewerb, um Arbeitsplätze, die Überfremdung, die vermeintliche oder tatsächliche, um Wohnungen. Es sind wohlmeinende Empfehlungen, vielleicht sogar ein bisschen Belehrungen. Klüger wäre es vermutlich, jetzt nicht nur zum Absingen von Weihnachtsliedern aufzufordern, sondern sich genau anzuschauen, was treibt jetzt eigentlich die Leute vor Ort, in den Kommunen um, warum helfen die einen und unterstützen zum Beispiel Flüchtlingsarbeit und warum wehren sich die anderen dagegen und sagen, wir wollen nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen. Also da wäre es klüger meines Erachtens, es sich präzise anzuschauen und von diesen abstrakten Gegenüberstellungen wegzugehen.

"Zukunftsängste, die nichts mit Flüchtlingen zu tun haben"

Florin: Und was meinen Sie, was treibt die Menschen um? Was würde die Kanzlerin da finden, wenn sie denn fragte?

Münch: Je näher man dann vor Ort tätig ist und das auf sich einwirken lässt - und das ist etwas, was der Kanzlerin nicht unbedingt neigt ... wozu sie nicht unbedingt neigt, dieses vor Ort herauszuspüren, was die Leute umtreibt, dann wäre es tatsächlich diese Furcht vor einem Verlust von kultureller Identität, auch den kann man dann ja nochmal runterbrechen, die AfD versucht sich den zu Nutze zu machen, zu diesem Freund-Feind-Denken aufzurufen, aber im Grunde, wenn man es sich dann genauer anschaut, sind es dann zum Teil Zukunftsängste, die nicht mit Flüchtlingen zu tun haben, sondern die Ängste, dass man vielleicht im Zeitalter von Welthandel, im Zeitalter vor allem auch von Digitalisierung, dass einem etwas verloren geht, nämlich das Vertraute, die Heimat, so wie man sie kennt.

Im Grunde müsste man sich meines Erachtens die Politik - die Kommunalpolitik, die Landespolitik und natürlich auch die Kirchen - sich noch intensiver mit dem, ganz konkret vor Ort auseinandersetzen.

"Es ist ein Brückenbau"

Florin: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz - wir haben es eben gehört - lobt die Kanzlerin in den höchsten Tönen, vor einer Woche sprach Angela Merkel bei einem Empfang des Bistums Würzburg. Gegen die Pfarrerstochter, evangelisch, geschieden, gab es früher starke Vorbehalte in der katholischen Kirche. Womit erklären Sie sich, dass ihr jetzt Kardinäle zu Füßen liegen?

Münch: Zu Füßen liegen sie ihr jetzt nicht. Aber diese Sympathien und dieser große Respekt, ich glaube, den hat sie sich dadurch erworben, dass sie sich vor allem im Sommer und im Herbst 2015 entschieden hat, von humanitären Überlegungen geleitet, sich auch unbequem zu machen und sich für eine Politik zu entscheiden, die von den Kirchen und von den Kirchenführern, als eine menschliche, als eine christliche, als eine humanitäre Politik gesehen wird, aus gutem Recht, und dass sie sich - Merkel - da nicht unbedingt nach der Mehrheit gerichtet hat,  und nicht ihr Fähnchen nach dem Wind gerichtet hat. Das wird ihr hoch angerechnet, weil das Grundverständnis der Kirchen darin besteht, bedrängten Menschen, Menschen, die auf der Flucht sind, zu helfen, das ist ein ganz altes, eines vielleicht der ältesten Motive christlicher Kirchen, das zu tun. Im Grunde sieht man da eine Brücke zwischen diesem christlichen Auftrag, dem Auftrag der Kirchen, dieses Helfen der Verfolgten und der aktuellen Politik - zumindest der Politik der Kanzlerin aus dem Jahr 2015 - im Grunde ist es ein Brückenbau.          

"Christlich, mit Blick auf die gesamtdeutsche Gesellschaft"

Florin: Angela Merkel reist heute in die Türkei, das erinnert an den Deal mit Erdogan in der Flüchtlingspolitik. Ist dieses Abkommen auch noch Ausdruck christlicher Verantwortung?

Münch: Naja, christliche Verantwortung bezieht sich ja nicht nur darauf, den aktuell in Deutschland ankommenden Flüchtlingen zu helfen, man könnte ja auch so interpretieren, christliche Verantwortung bezieht sich immer auch darauf, insgesamt das Wohl einer Gesellschaft vor Augen zu haben, das Wohl der gesamten bundesdeutschen Gesellschaft vor Augen zu haben und da sind sich inzwischen alle einig, dass natürlich auch die Zuwanderung von Flüchtlingen eingeschränkt werden soll, das ist der eine Punkt mit Blick auf die gesamtdeutsche Gesellschaft, also insofern kann man das auch wieder als christlich darstellen.

Und vor allem geht es ja auch darum, man hat auch eine Verantwortung als Politik gegenüber den künftigen Flüchtlingen - gegenüber denjenigen, die unter Umständen ihr Leben riskieren bei der Überfahrt, in schlechten Booten, übers Mittelmeer und die unter Umständen ihr Leben nicht nur riskieren, sondern verlieren -, keine falschen Signale auszusenden und zu versuchen, den Menschen vor Ort zu helfen, aber eben auf einer menschenwürdigen Grundlage, das kann auch christliche Politik sein und ist vor allem auch eine Politik der Humanität, insofern auch da wieder ein Balanceakt - warum nicht - auch das kann es sein, sofern es nicht nur zur Abschreckung von Menschen führt und sofern man sie sich nur vom Hals halten möchte.

Florin: Sagt Ursula Münch, mit ihr habe ich über das C in der aktuellen Politik gesprochen. Frau Münch, danke für das Gespräch.

Münch: Gern geschehen, Frau Florin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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