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StartseiteBüchermarktDer Mensch hat zu leben, zu arbeiten und zu verschwinden 09.07.2020

Christoph Meckel: "Eine Tür aus Glas, weit offen"Der Mensch hat zu leben, zu arbeiten und zu verschwinden

Der im Januar verstorbene Dichter und Grafiker Christoph Meckel war ein leidenschaftlicher Verfechter der Autonomie der Kunst und ein genialischer Einzelgänger. Ein posthum veröffentlichter Band mit Texten aus vier Jahrzehnten zeigt die ungeheuer vielfältige Schaffenskraft des Malerpoeten.

Von Jörg Magenau

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Christoph Meckel und der Gedichtband „Eine Tür aus Glas, weit offen" (Foto: dpa/Julian Stratenschulte, Buchcover: Hanser Verlag)
Vermächtnis eines großen Poeten: Der posthum erschienene Prosaband von Christoph Meckel (Foto: dpa/Julian Stratenschulte, Buchcover: Hanser Verlag)
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Das Leben steckt voller Gelegenheiten. Man muss sie nur ergreifen. Gelegenheitsarbeiten sind deshalb nichts Anrüchiges, sondern direkte Reaktionen auf eigene oder von außen kommende Ansprüche. In diesem Sinne ist im Prosaband "Eine Tür aus Glas, weit offen" auch tatsächlich schon der ganze Autor Christoph Meckel enthalten, auch wenn darin nur sogenannte Gelegenheits- oder Gebrauchstexte versammelt sind: Dankesreden, Rezensionen, Porträts, Laudationes und autobiografische Skizzen.

Kurz vor seinem Tod im Januar 2020 hat Christoph Meckel die Texte noch selbst zusammengestellt, gemeinsam mit dem Herausgeber, seinem langjährigen Lektor Wolfgang Matz. Nun liest sich dieses Buch unverhofft wie ein Vermächtnis. Und die titelgebende "Tür aus Glas" steht tatsächlich weit offen. Auch nachts und im Regen, oder wenn Meckel davon schreibt, dass er zur Post oder zum Bäcker geht.

Dichter? Zeichner? Erzähler? Meckel passte in keine Schublade  

Die "Tür aus Glas" war die Tür von Meckels Haus in einem Dorf in der Auvergne, wo er vor allem im Sommer lebte. Und es scheint so, als wäre der Dichter und Zeichner und freundliche Einzelgänger genau von hier aus zu begreifen. Die durchsichtige Tür markierte zwar die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt, doch sie ermöglichte eben auch die Durchsicht und den gleichzeitigen Einblick in beide getrennte Welten. Auf diese Weise erzählt sie sowohl vom Weggehen als auch vom Nachhausekommen. Genau hier, mit dem Blick zur durchsichtigen "Tür aus Glas", stand Meckels Arbeitstisch, an dem er schrieb:

"In meiner Abwesenheit tritt niemand ein. Es ist nicht dasselbe, wenn ich zu Hause bin. In der offenen Tür tauchen Leute auf, vertraute und unbekannte, erwünschte und falsche, Gesichter und Mäntel im Gegenlicht, ein Uhrenhändler im Wagen aus Marseille, ein Nachbar, der Honig bringt, um erzählen zu können, ein vom Bergweg abgeirrter Tourist. (…) Es ist ein Raum, in dem gearbeitet wird. Die Türe öffnet sich in dichtes Laub, ich atme und schlafe im Baum, in Geräusch und Schatten des Baumes, in seinem Duft."

Dieser Raum, mit Tür und Blick nach außen, ist das Zentrum der Welterkundungen für den Dichter Christoph Meckel. Von hier aus startet er seine Exkursionen und seine Selbsterforschung. So zurückhaltend er zeitlebens mit autobiografischen Äußerungen war, so erkennbar wird er, wenn er über andere, ihm nahestehende Künstler schrieb. Seine Porträts über die Maler Peter Ackermann und Günter Schöllkopf oder über den Schriftsteller Nicolas Born boten ihm willkommene Anlässe, für die Unabhängigkeit des künstlerischen Schaffens und für die Unerbittlichkeit poetischen Denkens einzutreten. Ein hohes Künstlerideal. Spannungsreiche Nähe wird vor allem in den Texten über jüdische Freunde und Bekannte spürbar, mit denen Christoph Meckel sein eigenes Verhältnis zur deutschen Schreckensgeschichte immer wieder neu auslotet.

Bewusst schrieb er als Deutscher über jüdische Schicksale 

So gehören die Porträts über Jean Amery oder den Maler Naftali Bezem oder über Monsieur Bernstein, einen Holocaust-Überlebenden aus seinem französischen Dorf, zu den Höhepunkten des Bandes. Diese Annäherung an ein jüdisches Schicksal beginnt Meckel mit einem grundsätzlichen, programmatischen Bekenntnis:

"Kann man über einen Menschen schreiben? Ich glaube nicht. Der Mensch ist in seinem Dasein kein Gegenstand. Er ist es im Ermessen der Bürokratie, als Knochen unter der Erde, als Opfer der Macht. (…) Vom Menschen kann man zu berichten versuchen, von seiner Gegenwart und seinem Fall. Ein Mensch, der mit seiner Epoche zusammenstößt, in Konflikt gerät auf exemplarische Weise, offensiv, passiv, erscheint zuletzt als Fall."

Als Erzähler bleibt Christoph Meckel zurückhaltend. Da beschränkt er sich aufs Einsammeln von Indizien. Er ist ein bildhafter Autor, dem es eher um Stimmungen geht als um Handlung. Zum Geschichtenerzähler wird er vor allem dann, wenn sich auch der Grafiker einmischt. So sind dem Bericht über das Überleben des "Monsieur Bernstein" sieben Zeichenblätter beigegeben, auf denen Meckel Deportation, Gewalt, Erschießungen in strichmännchenhafter Vereinfachung – und gerade deshalb eindrucksvoll – zeigt. Es sind Darstellungen nackter Brutalität, die ohne jedes Pathos auskommen, ohne jeden Genuss-Schauder, der darin bestünde, die menschlichen Abgründe zu zeigen, um sich damit selbst umso sicherer auf der Seite des Guten zu verorten.

Bevorzugter Standpunkt: Das Dazwischen

Christoph Meckel aber stand immer dazwischen. Als Deutscher konnte er sich nie in Sicherheit wiegen, obwohl er in Frankreich einen Standpunkt von außerhalb einnahm. Er war ein nichtdeutscher Deutscher, der aber auch im Breisgau und in West-Berlin lebte – und der das frei vagabundierende Unterwegsseins liebte. Sein bevorzugter Aufenthaltsort war der Zwischenraum und die Zwischenzeit. Sich selbst bezeichnete er, Jahrgang 1935, als Vertreter einer "verschonten Generation". Zu jung, um noch in den Krieg zu müssen, aufgewachsen und geprägt in der Wirtschaftswunder-Ära, mit den Schrecken der NS-Zeit im Nacken – und vor sich die ökologische Katastrophe, die aber erst für die nächste Generation existentiell bedrohlich werden würde.

Als Lyriker und Grafiker bewegte er sich ebenfalls so entschieden im Zwischenraum zwischen zwei Künsten, dass er sogar behauptete, seine Biografie als Schriftsteller und die als Grafiker verliefen unterschiedlich: so, als wären der Maler und der Dichter zwei verschiedene Personen. Vor allem aber – und auch dazu gibt es einen Text – arbeitete er in gehöriger Distanz zum Literaturbetrieb, mit einem emphatischen Verhältnis zur Poesie und voller Skepsis gegenüber einer auf bloße Kommunikation reduzierten Sprache.

Der Künstler, sagte Meckel, will immer das Absolute und scheitert daran. Insofern bleibt für ihn alles – das Leben ebenso wie die Kunst – zwangsläufig Fragment. Lyrik war für ihn das Stückwerk, das zwischen dem erstrebten Unmöglichen und dem Scheitern daran als Bruchstück übrigbleibt. Genau da, in diesem Fragment-haften, das immer auch um die Vergänglichkeit und Unabgeschlossenheit des Lebens weiß, richtete Christoph Meckel sich ein. Sein Essay über das Fragmentarische ist deshalb der zentrale Text des Bandes. Darin heißt es gleich zu Beginn:

"Wer das Fragmentarische zu fassen versucht, wird zwangsläufig fragmentarisch bleiben, denn er stellt im Verlauf seines Schreibens fest, dass eigentlich alles Bruchstück ist. Er betritt einen Boden, auf dem keine Gewissheit zu erhalten ist. Leben, Materie und was daraus gemacht wird – alles Bruchstück, Veränderung, Übergang, Wechsel und Metamorphose, alles Anlass für Innovation. Fast alles Formgewordene verfällt der Zeit, wird Scherbe, Restbestand, Verrott, Ramsch, Trümmerfeld oder Stoff des Vergessens."

Der Künstler muss aufs Ganze gehen - und scheitern

Und doch muss der Künstler, wenn er es ernst meint, den Kampf gegen Formlosigkeit und Vergessen aufnehmen. Er kann gar nicht anders. Für Meckel gilt eben auch:

"Ohne den Hunger nach Totalität bleibt dichterische Sprache unerheblich. Ohne lebenslangen Sturz ins Unmögliche bleibt der Autor Statist."

Auf diese Weise verbinden sich bei Meckel Sanftheit und Radikalität, Sinnlichkeit und Denken, Bild und Sprache. Als Künstler wollte er keine Kompromisse machen und zog es vor, in Distanz zum Betrieb zu bleiben. Er misstraute allem Meinungshaften, Selbstdarstellerischen, Inszenierten und Eitlen.

"Ich bin überzeugt, dass ein Mensch, der Sprache macht, unabhängig von Bejahung oder Verneinung, echtem oder falschem Beifall, Anerkennung oder Aberkennung seiner Sache zu leben, zu arbeiten und zu verschwinden hat."

Härter, schonungsloser lässt sich ein künstlerisches Credo nicht formulieren: Mach dein Ding, halt die Klappe und tritt rechtzeitig ab. Das ist eine bemerkenswerte Haltung. Deshalb ist alles, was Christoph Meckel über sich selbst hätte sagen können, in seiner Dichtung und seinen Bildern zu finden. Darüber hinaus gab es für diesen entschiedenen Künstler nichts zu sagen. Was einmal aus Sprache gemacht worden ist, gehört sich selbst, also uns allen, die wir lesen und schauen können, aber nicht mehr dem Autor. Davon war Christoph Meckel bis zum Schluss überzeugt.

Christoph Meckel: "Eine Tür aus Glas, weit offen. Gesammelte Prosa"
Herausgegeben von Wolfgang Matz
Carl Hanser Verlag, München. 288 Seiten, 25 Euro.

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