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StartseiteAls stünde die Zeit still …"Es war eine existenzielle Situation"08.05.2005

Christoph und Klaus von Dohnanyi zum Kriegsende"Es war eine existenzielle Situation"

Im April 1943 erlebten die Brüder Christoph und Klaus von Dohnanyi, wie die Gestapo ihre Eltern nacheinander verhafteten. Der Vater, ein Widerstandskämpfer, sollte das KZ nicht überleben. Die Mutter wurde bald aus der Gefangenschaft entlassen und erzog ihre Kinder nach humanistischen Grundsätzen.

Von Käthe Jowanowitsch und Stephanie Rapp

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Bruder des weltbekannten Dirigenten Christoph von Dohnanyi: der Regierungsberater Klaus von Dohnanyi, SPD. (picture alliance / Geisler-Fotopress)
Bruder des weltbekannten Dirigenten Christoph von Dohnanyi: der Regierungsberater Klaus von Dohnanyi, SPD. (picture alliance / Geisler-Fotopress)
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"Ich war noch ganz kurz eingezogen in einem sogenannten Arbeitsdienstbataillon. Wir hatten holländische Gewehre mit deutscher Munition oder umgekehrt, das weiß ich nicht mehr genau. Auf jeden Fall konnten wir mit den Gewehren gar nicht schießen. Und dann wurde versucht, uns noch im Einsatz gegen die Sowjetarmee in Richtung Berlin zu bewegen. Da wurden ja Kinder in den Krieg geschickt, die haben nur nach ihrer Mutter gerufen und so was. Diese Erinnerung, die lässt mich auch nicht los, wie diese Kinder eigentlich da sozusagen in einen Wahnsinn getrieben wurden."

Klaus von Dohnanyi, Jahrgang 1928, Sohn des Widerstandskämpfers Hans von Dohnanyi und Neffe von Dietrich Bonhoeffer, war seit Anfang 1945 im Reichsarbeitsdienst. Sein Bruder Christoph, ein Jahr jünger als Klaus, blieb mit Mutter und Schwester im elterlichen Haus in Sacrow bei Berlin:

"Ich persönlich habe eigentlich nur eine große Angst gehabt, und das wahrscheinlich, weil ich einigermaßen musikalisch bin. Da war diese Stalin-Orgel, die es gab. Wenn diese Dinger losgingen, dann hatten Sie ein Geräusch in der Luft, was man bis dahin nicht kannte. Sie hatten mehrere Raketen, ich glaube neun Raketen, die gleichzeitig abgeschossen wurden, und das gab ein furchtbares Geräusch. Und das hat mir also Angst eingeflößt, aber sonst – muss ich ehrlich sagen – habe ich eigentlich als Kind vor dem Geschehen keine Angst gehabt."

Als stünde die Zeit still ... Das Bild zeigt das zerstörte Nürnberg, Text: 8. Mai 1945, (imago images / Everett Collection) (imago images / Everett Collection)

Miterleben, wie die Mutter von der Gestapo abtransportiert wurde

Beide Söhne hatten zwei Jahre zuvor, im April 1943, miterlebt, wie die Gestapo ihre Mutter zu Hause abholte. Am selben Tag waren der Vater und Dietrich Bonhoeffer verhaftet worden. Hans von Dohnanyi hatte seit 1939 eng mit General Oster zusammengearbeitet, einer Schlüsselfigur des Widerstandes im Heer gegen Hitler. Bevor die Mutter vier Wochen später nach Hause zurückkehren durfte, schrieb sie ihren Kindern aus dem Gefängnis:

"Tragt keinen Hass im Herzen gegen die Macht, die uns dies angetan hat. Verbittert Eure jungen Seelen nicht. Das rächt sich und nimmt euch das Schönste, was es gibt, das Vertrauen."

Unbeeindruckt von Repression und Gewalt des NS-Regimes hielt Christine von Dohnanyi an ihren humanistischen Überzeugungen fest.

Christoph von Dohnanyi: "Wenn irgendwo ein jüdischer älterer Herr die Straße fegen musste und bewacht wurde von irgendeinem Menschen, der vielleicht gar kein Nazi war, aber der dazu abgestellt war, hat meine Mutter einfach gesagt: Geh hin und hilf ihm. Und wenn der dann widersprochen hat und gesagt hat "Gnädige Frau, das ist nicht erlaubt", dann hat meine Mutter gesagt: "Meine Kinder sind erzogen, älteren Herren zu helfen."

"Die Russen haben sich uns gegenüber sehr anständig benommen"

Im Frühjahr 1945 war der Kontakt der Familie zum älteren Sohn Klaus abgebrochen. Während der 16-Jährige die sowjetische Armee bei Nauen auf ihrem Vormarsch nach Berlin stoppen sollte, war der 15-jährige Christoph Zeuge, als die ersten Rotarmisten den Stadtrand der Reichshauptstadt erreichten:

"Das war nicht so ein Ankommen, so direkt: Jetzt sind die Russen da. Das war ein langsames Hin und Her. Es waren ja leider Gottes immer noch Befehle da an die deutsche Armee, zu kämpfen, und viele Leute sind gestorben. Es war ein paar Tage von richtiger Frontlinie, und wir waren mehr oder weniger im Keller und ab und zu nur draußen. Die Russen haben sich eigentlich – bis darauf, dass manche zu viel getrunken hatten – uns gegenüber sehr anständig benommen, aber wir hatten großes Glück, weil wir einen russischen Offizier hatten, und diesem wurde klar gemacht, dass unsere Familie eben doch unter der Nazi-Herrschaft sehr gelitten hat und mein Vater noch im KZ war und viele andere aus der Familie auch."

Radio-Meldung über Hitlers Selbstmord: "Aus dem Führerhauptquartier wird gemeldet, dass unser Führer Adolf Hitler heute Nachmittag in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen ist."

Klaus von Dohnanyi: "Wir haben ziemlich unmittelbar an dem Tag, an dem Hitler sich umgebracht hatte, haben wir das auch erfahren über den Rundfunk und wussten das also. Und wir wurden in einem Karré versammelt, und der Arbeitsdienstführer erklärte uns, dass nun das Ende des Krieges wohl gekommen sei und verabschiedete uns mit einem dreifachen Siegheil auf den Führer, der inzwischen aber schon mehrere Tage tot war. Also alles eine sehr absurde Situation."

Lernen aus existentiellen Situationen

Klaus von Dohnanyi machte sich auf den Weg nach Westen und geriet für 24 Stunden in kanadische Gefangenschaft. In Sacrow übernahm Christoph eine Beschützerrolle und musste mit ansehen, wie der Freudentaumel der Sowjetsoldaten in Aggression umschlug:

"Wir hatten so einen Schrank, den hatten wir auf Speckschwarten gestellt, und so konnten wir immer, wenn wir Russen hörten, im Haus unten, konnten wir meine Schwester und meine Cousine verstecken. Wir schoben dann den Schrank vor einen kleinen eingebauten Schrank, und so ist denen auch nichts passiert."

Von den Kanadiern freigelassen, hatte Klaus von Dohnanyi nur ein Ziel: Er wollte seine Familie wiederfinden, von der er seit Monaten keine Nachricht hatte:

"Es war eine existenzielle Situation, in der man wirklich auf sich selbst gestellt war, wirklich mit den Dingen nur alleine fertig werden konnte. Und das hat auch etwas Befriedigendes, ja, wenn man dann damit fertig wird, und wenn man sein Fahrrad irgendwie eben so intakt hält, dass man trotzdem die Kilometer fahren kann, und dass man irgendwo unterkommt und mit Leuten reden muss, damit sie einen aufnehmen oder so etwas, damit man was zu essen kriegt. Also eine existenzielle Situation, etwas, was ich als Erfahrung auch nicht missen möchte."

Im Herbst 1945 traf Klaus in Frankfurt am Main seine Mutter und die Geschwister wieder, die von den Amerikanern nach Hessen gebracht worden waren. Erst jetzt erfuhren sie mit Gewissheit, dass der Vater - ebenso wie der Onkel Dietrich Bonhoeffer – am 9. April 1945 in einem Konzentrationslager ermordet worden war. In einem demokratischen Deutschland setzte Klaus von Dohnanyi als Politiker den Weg seines Vaters fort. Christoph von Dohnanyi machte als Dirigent eine Weltkarriere. Dem Vermächtnis der Familie fühlen sich beide zeitlebens verpflichtet.

Klaus von Dohnanyi: "Ich glaube, was mir besonders wichtig ist weiterzugeben, ist: die eigene Verantwortung für das, was um einen herum geschieht. Und dass man sich daher auch nicht lösen darf von den Umständen, in denen man lebt. Also, das ist eigentlich das, was ich versuche: die eigene Verantwortung und das Leben in der eigenen Verantwortung deutlich zu machen. Ich weiß nicht, ob mir das mit meinen Kindern gelungen ist."

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