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StartseiteBüchermarktEin Dandy findet zu sich selbst04.09.2019

Christopher Isherwood "Die Welt am Abend"Ein Dandy findet zu sich selbst

Mit seiner literarischen Vorlage zum Musical “Cabaret“ wurde der englisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood hierzulande bekannt. Bereits 1954 erschien sein stilistisch eleganter Roman “Die Welt am Abend“, eine Suche nach der eigenen sexuellen Identität. Nun liegt er auf Deutsch vor

Von Bettina Baltschev

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Chistopher Isherwood: "Die Welt am Abend" und im Hintergrund die Berliner Skyline 1935 (Buchcover Hoffmann & Campe / Hintergrund: imago/Arkivi)
Auch dieser Roman für diesen Roman spielen seine eigenen ausschweifenden Erfahrungen im Berliner Nachtleben der 1930er Jahre eine Rolle: "Die Welt am Abend" von Christopher Isherwood (Buchcover Hoffmann & Campe / Hintergrund: imago/Arkivi)
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Es mag uns kaum noch erstaunen, wie weit das Spektrum geschlechtlicher Identität heute ist, wie frei man zumindest in der westlichen Welt lieben kann. Dabei waren die überlieferten Rollenzuschreibungen noch vor wenigen Jahrzehnten so starr, dass   es Mut kostete, sich von diesen Rollen zu emanzipieren. Christopher Isherwoods Roman "Die Welt am Abend" aus dem Jahr 1954 handelt von solch einer Emanzipation, die sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Stephen Monk, ein junger Dandy, steht Anfang der 1940er Jahre gelangweilt auf einer Party, als er erfährt, dass seine Frau Jane ihn betrügt. Eine für ihn nicht sehr überraschende Einsicht, die er dennoch zum Anlass nimmt, zu seiner Tante Sarah zu fliehen. Von einem Laster angefahren, bricht sich Stephen Monk den Oberschenkel und muss über Wochen das Bett hüten. Jedoch wird er liebevoll umsorgt von Sarah und von Gerda Mannheim, einer aus Nazi-Deutschland geflüchteten Jüdin.

"Wenn Sarah hereinkam, um Guten Morgen zu sagen, hatte ich das Frühstück beendet und lag auf die Kissen gestützt da, gewaschen, rasiert und gekämmt; der vorbildlich keimfreie Invalide. Gesicht und Hals betupfte ich mit dem stärksten Rasierwasser, das Gerda in der Apotheke finden konnte. Es wurde mit den Worten ‚viril, herb, erfrischend wie eine Meeresbrise, maskulin wie eine Bruyèrepfeife‘ beworben. Der herbe Duft hielt nicht lange vor; doch auf dem Höhepunkt seiner Wirkung hätte er den Geruch eines Stinktiers überlagert."

Keine Flucht vor sich selbst

Warum Isherwood seinen Protagonisten ans Bett fesselt, ist leicht durchschaubar. Es ist die einzige Position, in der Stephen Monk seinem größten Widersacher nicht entfliehen kann, sich selbst. Denn unter der dicken Schicht Ironie und Weltgewandtheit liegen Gefühle verschüttet, die sich der Dandy nicht eingestehen will. Weshalb er sich zunächst darauf beschränkt, seine Erinnerungen und die Briefe seiner ersten, früh verstorbenen Frau Elisabeth zu sortieren.

"Eine englische Schriftstellerin namens Elizabeth Rydal. Vielleicht haben Sie von ihr gehört? Sie ist ziemlich berühmt." "Rydal? Nein, ich glaube nicht … Was hat sie geschrieben?" "Erzählungen. Romane. Der bekannteste heißt Die Welt am Abend." "Die Welt am Abend? Die Welt am Abend  … Komisch – das war auch der Name einer kommunistischen Zeitung in Berlin. Bevor Hitler an die Macht kam."

Elisabeth Rydal ist mondän, elegant und klug, genauso wie Stephen Monk es selbst gern wäre. Um einiges jünger als sie, kann er gar nicht glauben, dass sie sich für ihn interessieren könnte. Doch sie will ihn sogar heiraten. Was Christopher Isherwood mit einer Szene illustriert, bei dem ein geschulter Psychosomatiker bereits hellhörig wird.

"Auf die bevorstehende Zeremonie reagierten wir beide mit einer heftigen Grippe, die unseren Hals so wund machte, dass wir kaum schlucken konnten. Am Morgen der Hochzeit waren wir so krank, dass Sarah uns anflehte, sie zu verschieben. Natürlich lehnten wir ab. ‚Auch wenn es wahrscheinlich unser Todesstoß sein wird‘, sagte Elizabeth. ‚Ach, Liebling – was für eine perfekte Anzeige in der Times: Mr und Mrs Monk feierten einen sehr stillen Liebestod, keiner von ihnen konnte auch nur eine Note singen!’

Chronik der homosexuellen Emanzipation

Ein paar gemeinsame Jahre sind Stephen mit Elisabeth gegönnt, in denen sie viel reisen und Stephen sexuellen Abenteuern nicht abgeneigt ist. Er schläft mit Frauen, die ihm nichts bedeuten und mit einem jungen Mann, von dem Stephen zunächst glauben will, er sei nur ein guter Freund: Michael Drummond. Eher beiläufig erfahren wir nun, dass Stephen schon als Student homosexuelle Erfahrungen gemacht hat und dass er sich in den 1920ern ins Nachtleben der deutschen Hauptstadt gestürzt hat, bei dessen Beschreibung man unwillkürlich an "Babylon Berlin" denken muss.

"Für einen entlaufenen Puritaner war die Stadt ein passenderer Zufluchtsort als Paris, weil sie das Laster anerkannte und mit humorloser preußischer Gründlichkeit in all seinen Formen kultivierte. In Berlin reichte es nicht aus, nur Sex zu wollen; man musste sich spezialisieren: eine halbwüchsige Jungfrau, eine siebzigjährige Alte, ein Mädchen mit Peitsche und hohen Stiefeln, einen Transvestiten, einen Polizisten, einen Pagen oder einen Hund verlangen."

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Christopher Isherwood auch mit "Die Welt am Abend" seinem Sujet treu bleibt. Er ist der Chronist der homosexuellen Emanzipation im 20. Jahrhundert, ihm ist keine Variante sexueller Identität fremd und auch nicht deren hartnäckige Verdrängungsmechanismen. Das war so in "Leb wohl Berlin", das war so in "Der Einzelgänger" - vor einigen Jahren verfilmt als "A Single Man" - und in diesem feingliedrigen und eleganten Roman ist es nicht anders. Dabei geht Christopher Isherwood sehr subtil vor, vieles wird nur angedeutet und dadurch umso bedeutungsvoller.

Ein schreibender Gentleman

Politisch positioniert sich Christopher Isherwood jedoch sehr deutlich und klar antifaschistisch, sei es durch die Figur der aus Deutschland geflüchteten Gerda, sei es durch Stephens Geliebten Michael Drummond, der am Kampf der internationalen Brigaden in Spanien teilnimmt. Von all dem erzählt uns der Dandy durchaus unterhaltsam, während sowohl sein Oberschenkelknochen als auch sein verletztes Ego langsam heilen. Am Ende muss Stephen Monk sich eingestehen, dass er vor seiner zweiten Frau Jane nicht geflüchtet ist, weil sie ihn betrogen hat. Er ist geflüchtet vor seinen eigenen Gefühlen, seinem Selbsthass, diesem Morast, wie er es nennt. In einem Brief an Jane, in dem er in die Scheidung einwilligt, schreibt er schließlich: 

"Noch versuche ich nicht, mir zu erklären, was mit mir vorgeht. Ich bin nur dankbar. Es ist eine Art Wunder. Deshalb kann ich aufrichtig sagen: Ich hoffe, dass Du glücklich bist, wo immer Du Dich gerade aufhältst. Denn ich bin glücklich, und in gewisser Weise glaube ich, dass ich es niemals zuvor gewesen bin, in meinem ganzen Leben nicht. Es ist  ganz anders als die Art und Weise, wie ich mit Elizabeth glücklich war. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich frei."

Es mag für einen englischen Schriftsteller eine wenig originelle Bezeichnung sein, aber auf Christopher Isherwood trifft sie ohne Abstriche zu: Er ist ein schreibender Gentleman. Und vielleicht liest man "Die Welt am Abend" auch deshalb so gern, weil man angesichts des verbalen Getöses, das uns gerade aus der englischsprachigen Welt erreicht, die kluge, selbstironische Stimme eines Gentleman schmerzlich vermisst.

Christopher Isherwood: "Die Welt am Abend"
Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Verlag Hoffmann & Campe, Hamburg, 384 Seiten, 24 Euro

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