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Cixous: "Meine Homère ist tot…"Kein normales Trauerbuch

Dekonstruktion, weibliches Schreiben, Theater: In dem Buch der französischen Autorin Hélène Cixous’ "Meine Homère ist tot…" geht es um das Sterben ihrer Mutter. Der Text zeigt aber auch, welche Möglichkeiten die Sprache bietet, wenn man sie nur lässt.

Von Tobias Lehmkuhl

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Die französische Essayistin und Philosophin Hélène Cixous (afp / Fred Dufour)
Der helle Blick ins Schwarze: Hélène Cixous hat zeitgleich zur Östereicherin Friederike Mayröcker eine ganz eigene, spezifisch weibliche Stimme entwickelt (afp / Fred Dufour)
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Nicht Hélène Cixous, die Tochter, hat dieses Buch geschrieben, sondern Eve Cixous, die Mutter. So heißt es zumindest zu Beginn von "Meine Homère ist tot…", und zweifellos geht dieser Text ganz und gar von Eve aus, ist auf sie gerichtet. Sie habe das Buch nur "abgeschrieben", behauptet Hélène, die von ihrer Mutter einst wegen ihrer "Schreibwut" gescholten wurde. Aber wer ist hier überhaupt die Mutter? Die 103-Jährige, die sich nicht mehr bewegen und kaum sprechen kann? Oder die 76-Jährige, die neben ihrem Bett sitzt, schreibt, und ihr mit einer Spritze Wasser in den Mund tröpfelt?

Die Rollen sind nicht vertauscht, sie werden nur beide von beiden ausgefüllt: Mutter und Tochter, Tochter und Mutter. Die eine Autorin, die sich ihr Leben lang mit Fragen der Herkunft beschäftigt hat, die andere Hebamme von Beruf. Tatsächlich finden sich in "Meine Homère ist tot…" auch Auszüge aus den Notizheften, in denen sich die junge Eve vor mehr als einem halben Jahrhundert Gedanken über ihren Beruf gemacht hat, sie, die Jüdin, die aus Deutschland früh nach London und Paris und schließlich nach Algerien emigriert ist, wo sie bis Anfang der Siebzigerjahre anderen dabei geholfen hat, Kinder auf die Welt zu bringen.

"In der Früh, als wir Eve auf den Topf setzen, heben wir ihren Körperblock auf, Roro ruft: ‚Oh, sie mir hat (sic!) Pipi auf den Fuß gemacht!‘. Währenddessen ich, hinter dem schwer zusammengesunkenen Körper stehend in der rechten Hand ein wohlgeformtes Stück Kot halte. Ein weiteres schaut heraus, das ich entgegennehme, ganz wie man ein Neugeborenes herausholt. Eine große Heiterkeit erfasst uns, schüttelt uns, da sind wir alle drei, Pieta Pipikacka, Handlungsdarstellerinnen des äußersten Endes fleischlichen Lebens."

Kein Buch über den Tod, sondern über das Sterben

Man hört, das ist kein normales Trauerbuch, so es denn normale Trauerbücher überhaupt gibt. Es ist ebenfalls, auch wenn es auf über zweihundert Seiten den Tod Eves am 1. Juli 2013 umkreist, kein Buch über den Tod, sondern eines über das Sterben. Entstanden zwar aus dem Schock des Ablebens, ist es doch vor allem auch ein Buch über das Glück, dieses lange Dahinscheiden begleitet zu haben.

Die Beziehung von Hélène und Eve war über Jahrzehnte lang überaus eng, eine Beziehung, die über die von Mutter und Tochter hinausging, die auch Freundschaft umfasste ebenso wie Liebe, die Liebe zwischen zwei Geliebten mehr als die zwischen Mutter und Tochter. Als Dokument einer Phase der Auflösung hat es selbst etwas Ungeordnetes. Mal erweckt es den Anschein eines Tagebuchs, dann den eines poetischen Textes, einer Beschwörung und ja, eines Trauergesangs.

"Ich beschließe dich nach Arcachon zu bringen. In einem großen Mercedes Vivo, zum Meer hinunterfahren schlafend unter den Eichen aufwachen oder nicht aufwachen. Weiterträumen, dass du in der Barke Mercedes Vivo hinunterfährst, ich an deiner rechten Seite wie ein großer müder Fisch der sich der Strömung anvertraut. Ich werde dich im Schlaf entführen, meine alte Nymphe, ich werde meinem Wunsche gehorchen von dir die du ich bist nicht durch die Angst vor dem Tod die schon Tod selbst ist getrennt zu sein. Lass uns gemeinsam fliehen, meine alte Galatea, bewegungslos davongetragen."

Entwicklung eines speziell weiblichen Schreibens

Mit Spiegelungen zu arbeiten, im Ich stets auch das Andere zu sehen, in den Worten vor allem auch andere Wörter zu hören - so leicht und gesanglich Cixous’ Prosa auch klingt, so schwer ist sie ins Deutsche zu übertragen. Wie es Claudia Simma gelungen ist, die vielen Anklänge hörbar zu machen, all das, was mitschwingt, wie sie dank einer ganz eigenen Interpunktion dem Text einen Rhythmus verleiht, der ihn unter Spannung hält, ist mehr als bewundernswert. Kleine grafische Kleckse markieren dabei als "Tränen" die Stellen, an denen das weibliche Genus des Französischen nicht ins Deutsche gerettet werden konnte - geht es bei Cixous doch seit jeher auch um die Entwicklung eines speziell weiblichen Schreibens. Die Tränen erinnern dabei an die Tränen, von denen das Werk Friederike Mayröckers durchtränkt ist, einer Autorin, die zeitgleich eine ganz eigene, spezifisch weibliche Stimme entwickelt hat.

Tagebuch, Poesie, philosophischer Essay: "Meine Homère ist tot…" ist nicht zuletzt auch ein dramatischer Text. Man begegnet in ihm immer wieder der Theaterautorin Hélène Cixous. Einerseits in den eingestreuten Dialogen zwischen Mutter und Tochter, andererseits in der Gesamtanlage des Textes, seinem Grundgestus: Er ist kein Monolog einer Trauernden, nicht das Bewältigungsbuch einer Hinterbliebenen. "Meine Homère ist tot…" ist ein durch und durch dialogisches Buch, eins, das dialogisch auf den Leser ausgerichtet ist, das aber auch den steten Gespräch mit der Verstorbenen über deren Tod hinaus fortführt.

"Also, ich wollte sagen: vielleicht ist das Buch, das ich schreiben muss, der Feuerwall, das Feld für den kommenden Weizen, die Sammlung der Wunden, von Lécriture schon geschrieben, von ihr der Mitfühlenden, um mich vor dem Hunger zu schützen der sich für diesen Sommer, été, angekündigt hat? Hat Eve vielleicht das Picknick vorbereitet? Und dieses Buch ist voll mit ihren strahlenden Schönheiten und ihren Rezepten."

Hélène Cixous: "Meine Homère ist tot…".
Aus dem Französischen von Claudia Simma.
Passagen Verlag, Wien, 204 Seiten, 24,90 Euro.

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