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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturSymptome eines politischen Systemfehlers07.11.2016

Clinton und TrumpSymptome eines politischen Systemfehlers

Zwei deutschsprachige Journalisten geben Navigationshilfe durch das Dickicht der amerikanischen Präsidentschaftswahlen: Dorothea Hahn von der "taz" hat eine Biografie von Hillary Clinton geschrieben, der möglicherweise ersten Präsidentin der USA. Und Walter Niederberger vom Schweizer "Tages-Anzeiger" seziert die US-Gesellschaft, die Donald Trump hervorgebracht hat.

Von Katja Ridderbusch

Auf einem CNN Übertragungswagen sind die Porträts von Hillary Clinton (l.) und Donald Trump (r.) zu sehen. (imago)
Die Ankündigungen der beiden US-Wahlkämpfer Donald Trump und Hillary Clinton klangen zuletzt nicht mehr wie Versprechen, sondern wie düstere Drohungen. (imago)
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"They say you get the leaders you deserve. Now here's what I think America deserves."

Es heißt, ein Land bekomme die Führer, die es verdiene, sagt Frank Underwood, der fiktive Präsident in der TV-Serie "House of Cards". Das klingt wie ein bitterböser Kommentar zum Showdown im US-Präsidentschaftswahlkampf, wo die Ankündigungen der beiden Wahlkämpfer Donald Trump und Hillary Clinton zuletzt nicht mehr wie Versprechen klangen, sondern wie düstere Drohungen.

Auch Walter Niederberger, US-Korrespondent des Schweizer "Tages-Anzeiger", zitiert "House of Cards" in seinem Buch "Trumpland" und betont zugleich, dass die Realität des Wahljahres 2016 die Fiktion längst überholt habe:

"Diese Wahl kommt einem vor wie eine Satire fast auf das System selber. Es ist beinahe surreal. Ich glaube, diese Wahl wird in die Geschichtsbücher eingehen als die merkwürdigste und die unberechenbarste und die chaotischste Wahl."

Anschwellender Unmut in den USA

Aus der Flut der Amerika-Bücher, die in diesem Jahr erschienen sind, ragen besonders zwei heraus. Weil sie, wenngleich in unterschiedlicher Weise, Licht in das hysterische Halbdunkel bringen, das den Wahlkampf bestimmt. Das eine ist die Hillary-Clinton-Biografie von Dorothea Hahn, "taz"-Korrespondentin in New York. Das andere ist Niederbergers USA-Analyse "Trumpland", ein Blick ins Innere der Gesellschaft, die Donald Trump hervorgebracht hat.

Für Niederberger ist Trump, ebenso wie Hillary Clinton, Personifizierung eines schweren politischen Systemfehlers. Er schreibt:

"Es wäre fahrlässig, seine Attraktivität als Ausmister eines verstockten politischen Systems zu unterschätzen. [...] Dies ist keine Wahl zwischen den besten Kandidaten ihrer Parteien. Es ist die Wahl zwischen zwei Kandidaten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zu vermeiden waren."

Niederberger, der seit 2002 in den USA lebt, hat den anschwellenden Unmut, der sich seit der Wirtschaftskrise im Land ausbreitete, hautnah miterlebt: "Die große Rezession von 2009 hat sehr viele Verlierer zurückgelassen. Das hat zu einem Mix geführt von Unruhe, Verärgerung, Frustration - und es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand kommt und das Vakuum ausnützt."

US-Republikaner auf dem Pfad zur Selbstzerstörung

Trump und die Republikaner: Das ist eines der stärksten Kapitel in Niederbergers Buch. Der Autor schlüsselt auf, wie sich die Partei auf den Pfad zu ihrer Selbstzerstörung begab - und zwar seit Beginn der Präsidentschaft von Barack Obama. Walter Niederberger:

"Ich habe gesehen, dass von Seiten der Republikanischen Partei immer mehr auf Abbruch gearbeitet wurde. Man hat alles unternommen, um die Regierung Obama zu destabilisieren und diese destruktive Haltung hat sich jetzt insofern gerächt, als sie von einem vertreten wird, der weder Republikaner ist noch wirklich konservativ ist noch ihre Interessen vertritt noch in der Lage wäre, dieses Land zu führen. Für die Partei ist das ein totales Debakel."

"Trumpland": Walter Niederbergers Analyse zeichnet mit lässiger und zugleich pointierter Feder das groteske Sittengemälde einer sozial und politisch tief zerrissenen Gesellschaft. Als besonders befremdlich empfindet der Autor, dass die globalen Folgen der Präsidentschaftswahl in den USA kaum thematisiert würden:

"Das fällt mir immer wieder auf, wie wenig man über die Grenzen hinausschaut und sieht, wie wichtig diese Wahl für den Rest der Welt ist. Diese Wahl ist fast wie eine Provinzposse, wie ein Schauspiel in irgendeinem Dorftheater. Aber es geht um mehr, es geht um die Weltbühne."

Kampf um Clintons Seele

Dorothea Hahn widmet sich Hillary Clinton in Form einer klassischen Biografie. Ihr Buch mit dem schlichten Titel "Hillary" lebt von Annäherungen und Beobachtungen, von Ortsbesuchen und Gesprächen mit Weggefährten.

Die Autorin erzählt von Clintons Kindheit und Jugend im kleinbürgerlichen Vorstadtidyll von Chicago, wo der erzkonservative Vater und ein weltoffener Methodistenpriester um ihre Seele kämpften.

"Diese Bereitschaft, Gegensätzliches für vereinbar zu halten, [...] ist ein früher Hinweis auf Hillarys späteren Spagat zwischen Konservativen und Fortschrittlichen, den sie in jedem neuen Wahlkampf und in jedem neuen Amt vollführte."

Der Kunstgriff der Autorin: Eingewoben in die Biografie arbeitet Hahn die Verhaltensmuster heraus, die zu Leitmotiven in Clintons Leben wurden. So galt sie im College bei vielen als opportunistische Streberin - unter anderem, weil sie lange Zeit zwischen den politischen Lagern rochierte.

Und auch eine andere Eigenschaft zeigt sich früh: ihr brennender Ehrgeiz. Die Biografin beschreibt Clintons Reaktion auf ihre Wahl zur Präsidentin der Studentenvertretung:

"Einem Schulfreund schrieb sie: 'Ich genieße Wahlgewinne als spürbaren Ausdruck von Respekt und Zuneigung.' Spätestens ab diesem Zeitpunkt waren ihre Mitstudentinnen überzeugt, dass sie das Zeug zu Führungspositionen in Washington habe, vielleicht sogar zur Präsidentin."

Doppelmoral: Ein weiteres Verhaltensmuster, das sich durch Clintons politisches Leben zieht. Zum Beispiel, wenn sie sich von Wall-Street-Firmen für ihre Auftritte üppig entlohnen ließ - und zugleich öffentlich die Gier der Banken geißelte.

"In Sonntagsreden und [...] in Wahlkämpfen griff sie zu ihren alten moralischen Appellen und holte zur Kritik am Profitdenken aus. Der Spagat zwischen Systemkritik und der Arbeit für das System ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen", schreibt Hahn.

Das mag einer der Gründe sein, warum viele Amerikaner Clinton schlichtweg nicht mögen. Im Wahlkampf 2008 brachte der damalige Kandidat Barack Obama dieses Gefühl auf den Punkt, als er bei einem TV-Duell in einer Mischung aus Spott und Herablassung sagte: "I think you're likeable enough." "Hillary, Du bist sympathisch genug." Und tatsächlich wirke Clinton in der Öffentlichkeit oft gekünstelt, wenig authentisch und steif, schreibt Hahn. Das kontrastiere mit den Eindrücken vieler Menschen, die privat mit ihr zu tun hätten und von einer durchaus warmherzigen Person berichteten.

Respekt vor der möglichen ersten US-Präsidentin

Dorothea Hahn verbirgt nicht ihren Respekt gegenüber der Frau, in deren Lebensgeschichte sie eingetaucht ist: "Hillary ist an dem Etappenziel angekommen, auf das sie Jahrzehnte hingearbeitet hat. Sie hat es geschafft, als erste Frau von einer der beiden großen Parteien für die Präsidentschaft der USA nominiert zu werden."

Doch der Respekt trübt nicht den Blick der Biografin, ganz im Gegenteil. Die Analyse ist nüchtern, glasklar und faktendicht, eine wohltuend gelassene Stimme im schrillen Wahlkampfgetöse.

Beide Autoren, Walter Niederberger und Dorothea Hahn, sind froh, wenn der Wahlkampf vorbei ist, sagen sie. Vielleicht, weil er bizarrer war als jede Fiktion, noch beunruhigender als der Werbespot von TV-Präsident Frank Underwood in "House of Cards":

"I think America deserves Frank Underwood. And in your heart you know I'm right."

Walter Niederberger: "TRUMPLAND - Donald Trump und die USA. Porträt einer gespaltenen Nation"
Verlag Orell Füssli, Zürich 2016. 224 Seiten, 17,95 Euro.

Dorothea Hahn: "Hillary. Ein Leben im Zentrum der Macht"
C.H. Beck Verlag, München 2016. 288 Seiten, 18,95 Euro.

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