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StartseiteCorso"Das Leiden am Älterwerden, das unterscheidet uns nicht"30.06.2017

Comic-Autor Ralf König"Das Leiden am Älterwerden, das unterscheidet uns nicht"

Ralf König, Comiczeichner und "Chronist der Schwulenbewegung", stellt sich dem Alter. 30 Jahre nach dem Erscheinen seines legendären Comics "Der bewegte Mann", der auch verfilmt wurde, erscheint "Herbst in der Hose". Ralf König im Corsogespräch über Heiratsanträge, Andropause bei hetero- und homosexuellen Männern, Ehe für alle und Wilhelm Busch.

Ralf König im Corsogespräch mit Ulrich Biermann

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Ulrich Biermann: Glühen, Schimmern, Leuchten. Es wir der Tag kommen, da glüht, schimmert, leuchtet nichts mehr. Wir müssen es den jungen Menschen sagen Ralf König, denen mit den Topwerten beim Hormonspiegel. Es kommt die Zeit, da ist Sex nur noch eine Randerscheinung im Leben. Wie wollen wir es nennen? Diese Zeit?

Ralf König: Die Zeit während der Wechseljahre? Die heißen einfach mal Andropause. Das hat die Wissenschaft ja nun so entschieden.

Biermann: Sie nennen es Andropause?

König: Die Frauen haben die Meno- und wir haben die Andro. Und ich finde, dazu muss man sich äußern. Ich finde, da herrscht ein auffälliges Schweigen in der Männerwelt zu diesem Phänomen.

Wir haben noch länger mit Ralf König gesprochen – Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Biermann: Ein Glück, dass Sie sich jetzt geäußert haben! Ralf König, studierter Künstler, Comicautor. Er bescherte uns das "Kondom des Grauens" und den "bewegten Mann" oder "Pretty Baby" vor 30 Jahren. Ein Riesenerfolg auch als Verfilmung. Aber wir sind jetzt drei Jahrzehnte weiter, auch im Lebenszyklus. Und dann: "Herbst in der Hose". Andropause. "Herbst in der Hose", Ihr neuer Comic. Worum geht's? Um Paul Niemöser, der wird älter. Brille, Bauch und viel Hypochondrie?

"Das ging mir zu nah. Zu nah in die Unterhose!"

König: Auf jeden Fall. Paul ist Hypochonder. Das teile ich auch mit ihm. Und es war sehr, sehr schwierig, dieses Buch zu machen, weil: Ich musste ja recherchieren. Ich musste ins Internet und gucken, was denn da so auf uns zu kommt, auf uns Männer. Denn wir weisen das ja bisher von uns. Die Frauen haben die Menopause, ne? Und da bedauern wir sie ein bisschen, aber wir haben das ja nicht. Wir können ja Sex haben bis ins hohe Alter. Diese ganzen Mythen und Mären, die da so sind, ich fand das auch komisch, und deshalb bin ich da auch ran. Aber natürlich ist es auch bitter. Ich sehe ja an mir selber, ich werde jetzt 57 im August, und natürlich ändert sich da einiges. Und nicht zum Vorteil. Und dann ins Internet zu gehen mit hypochondrischer Neigung und zu lesen, dass ... Das Älterwerden wird ja als Krankheit gehandelt. Man kann ja Hormone nehmen, Pillen schlucken, und dann geht es einem ja wieder besser. So. Das ist ja auch schon absurd. Und unter diesen Symptomen, die da standen, war dann eben auch diese Verringerung des Hodenvolumens. Und das hat mich total fertig gemacht. Da habe ich das Buch zum ersten Mal in die Schublade geschoben und mir gedacht: Jetzt mache ich erst mal was anderes. Weil das war ... Das ging mir zu nah. Zu nah in die Unterhose!

"Das Leiden an diesem Älterwerden, das unterscheidet uns nicht"

Biermann: Scherzen Sie jetzt oder stimmt dieses Klischee, dass Schwule mit dem Älterwerden mehr Probleme haben als Heteros?

König: Ich glaube nicht, dass sie mehr Probleme haben. Ich glaube Heteros, wenn sie denn in diesen Gang der Lebensdinge so reinschlittern und heiraten und Kinder großziehen, dann haben sie vielleicht ein paar Jahre etwas anderes zu tun, als so sehr auf sich zu achten und auf ihre Attraktivität. Oder keine Ahnung. Auch heterosexuelle Männer sind nicht mehr in den 60er Jahren. Also die sind auch eitel und gekränkt und fühlen sich gedemütigt, wenn das körperlich irgendwie nicht mehr alles so ist, wie das mal war. Ich glaube, das Leiden an diesem Älterwerden, das unterscheidet uns nicht.

Wohl ist es so, dass viele Schwule - ja auch nicht alle, aber ich rede mal von mir und von meinem Freundeskreis - wir haben die Sexualität einfach über die Jahre sehr genossen. Da war einfach viel los. Und dann so festzustellen, dass jetzt nicht mehr so viel los ist, dass man in die Kneipe geht und keiner guckt mehr, weil man eben nicht mehr attraktiv ist. Das ist dann vielleicht ein bisschen bitter. Vielleicht ziehen sich heterosexuelle Männer dann eher aus dem Markt zurück, sage ich mal.

Die Verfilmung von Ralf Königs "Der bewegte Mann" mit Joachim Krol, Rufus Beck, Til Schweiger und Katja Riemann (von links) (imago stock&people/TBM UnitedArchives)Die Verfilmung von Ralf Königs "Der bewegte Mann" mit Joachim Krol, Rufus Beck, Til Schweiger und Katja Riemann (von links) (imago stock&people/TBM UnitedArchives)

Biermann: Können Sie sich eine Verfilmung vorstellen? Til Schweiger, Joachim Król, Rufus Beck? Oder passt das nicht? Ich meine, Andropause bei Til Schweiger - unvorstellbar, oder?

König: Das ist unvorstellbar. Nein, Til Schweiger würde so eine Rolle auch nicht spielen. Joachim Król könnte ich mir vorstellen. Mit dem habe ich mich neulich noch getroffen in dem Zusammenhang 30 Jahre "bewegter Mann". Ich glaube, der hat diese Selbstironie. Der könnte so etwas machen.

"Es ist eine Ehe. Und ich würde es jetzt tun."

Biermann: 30 Jahre "Der bewegte Mann" - heute an einem historischen Tag. Wir haben Glück gehabt, als wir das geplant haben. Heute Morgen Abstimmung im Bundestag: Die Ehe für alle ist durch. War das für Sie noch wichtig?

König: Ja, durchaus. Es war ja ein bisschen absehbar. Und leider ist es so unschön gekommen: Dieses Gerangel und Angela Merkel hat einen Versprecher gemacht und dann waren sie alle immens aufgeregt. Und die SPD sprang sofort drauf. Man hätte es sich ein bisschen gelassener und romantischer vorgestellt, dass wir nun heiraten dürfen. Aber nein, ich finde es schon wichtig. Es ist so ein Grundwert. Und das macht ja auch etwas in der Gesellschaft, wenn einfach auch von höchster Stelle, vom Grundgesetz her akzeptiert wird, dass es sich um Liebe handelt und um die Fürsorge, die man für den anderen in der Zukunft eingehen will. Das finde ich schon auch eine sehr wichtige Sache. Als es damals los ging mit der Schröder-Regierung und Volker Beck wollte heiraten ... Noch da habe ich mich nicht interessiert. Das fand ich damals noch komisch: Wieso sollen wir denn jetzt auch heiraten?

Biermann: Das ist ja auch ein sehr, sehr bürgerliches Konstrukt, die Ehe.

König: Genau. Und so war ich auch damals noch drauf. Ich dachte: Sollen die Heteros doch heiraten. Was haben wir denn damit zu tun? Aber inzwischen hat sich das geändert. Ich habe sogar meinen Freund gestern noch in Berlin gefragt, ob wir es tun sollen. Wir hatten das vorher schon mal romantisch in Barcelona mit Kniefall und so. Aber gemacht haben wir es nicht. Aber jetzt, wo es durch ist, habe ich das Gefühl, es ist jetzt auch eine hundertprozentige Sache. Es ist nicht nur so eine Partnerschaft, sondern es ist genau das: Es ist eine Ehe. Und ich würde es jetzt tun.

"Die haben keinen älteren Preisträger mehr gefunden"

Biermann: Sie werden für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet mit dem Wilhelm-Busch-Preis. Das ist ja schön, aber gibt es da nicht auch eine Stimme in Ihnen, die sagt: Bitte? Lebenswerk? Ich bin noch nicht fertig. Ich wollte noch ein bisschen was machen.

König: Das hatte ich bei meinem ersten Lebenswerkpreis in Erlangen beim Comic-Salon. Da bekam ich den Max-und-Moritz-Preis schon. Das ist jetzt schon wieder drei Jahre her, oder so. Da fand ich das komisch. Da dachte ich sogar: Die haben keinen älteren Preisträger mehr gefunden. Die Comic-Zeichner sind ja spärlich gesät in diesem Land. Und da musste ich halt ran, weil ich der Älteste bin.

Jetzt finde ich das eine große Auszeichnung, muss ich sagen. Da ich wirklich wegen Wilhelm Busch damals als kleines Kind anfing zu zeichnen. In meinem elterlichen Wohnzimmer war dieser Schrank mit Simmel und Konsalik und dazwischen war Wilhelm Busch. Und ich konnte noch nicht lesen, aber ich habe das verstanden. Also diese Bildabfolge war ja natürlich zu verstehen. Ich habe mich köstlich amüsiert und fand das super. Und fand das faszinierend, eine Geschichte zu verstehen. Und dann habe ich angefangen zu zeichnen. Und deswegen ist jetzt so ein Wilhelm-Busch-Preis tatsächlich etwas, was mich ein bisschen rührt. Ich finde das toll. Das macht mir Spaß. Außerdem gibt es 10.000 Euro! Ich habe noch nie einen dotierten Preis bekommen, da bin ich auch irgendwie nicht ganz abgeneigt.

"Alternde Schwule, die auf dem Sofa sitzen und jammern"

Biermann: Aber hat es nicht auch einen Makel, Lebenswerk? Der war wichtig, aber ob er noch mal wichtig werden wird, ist zu fragen. Können Sie noch mal an den Erfolg von "Der bewegte Mann" anschließen? Oder wollen Sie das gar nicht?

König: Das ist unwahrscheinlich. Aber das hat so viele Gründe. Die Leute lesen erstens sowieso nicht so viele Comics in diesem Land. Zweitens gibt es inzwischen das Internet. Man sieht ja die Nasen nur noch am Smartphone kleben. Also dieses Buch-Kaufen und –Lesen, das hat ja einen schweren Stand, wissen wir ja alle. Dann bin ich mit dem, was ich früher gemacht habe in den 80ern und 90ern, war ich - ohne, dass ich das wusste oder wollte - so dieser "Chronist der Schwulenbewegung", wird immer gesagt. Damals haben sich viele Schwule - die ja noch nichts zu lachen hatten, oder wenig - haben sich damit identifiziert. Die Zeiten sind natürlich auch vorbei. Also mit der Homo-Ehe jetzt vielleicht noch vorbeier. Ich weiß nicht, vielleicht ist "Herbst in der Hose" ja jetzt noch mal so ein Thema, was eine bestimmte Generation, die die Bücher damals toll fand, jetzt auch wieder toll findet. Das wäre ja schön. Ich habe nichts dagegen. Aber ich spekuliere auf so etwas nicht. Ich habe gerade bei diesem Buch überhaupt nicht mit einem Erfolg gerechnet. Das war die große Frage in meinem Hinterkopf: Wen interessiert das, was du da gerade tust? Alternde Schwule, die auf dem Sofa sitzen und jammern.

Biermann: "Herbst in der Hose" von Ralf König. Sein neuer Comic erscheint gerade bei Rowohlt zum Preis von 22,95 Euro. Danke für das Gespräch!

König: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Ralf König: Herbst in der Hose. Rowohlt 2017, 176 Seiten gebunden, EUR 22,95.

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