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StartseiteCorso"Eigentlich ein Fall für den deutschen Jugendschutz"21.06.2018

Computerspiele-Plattform"Eigentlich ein Fall für den deutschen Jugendschutz"

Hitler-Strategiespiele und Amok-Ego-Shooter: Die Computerspiele-Plattform Steam will umstrittene Games in Zukunft nur in Ausnahmefällen entfernen. Die User sollen spielen, was sie wollen. In der Steam-Community gebe es Hassgruppen, warnte der Kulturwissenschaftler Christian Huberts im Dlf.

Christian Huberts im Gespräch mit Sören Brinkmann

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Ein junger Mann sitzt vor seinem Computer und spielt ein Computerspiel. (dpa / picture alliance / Peter Steffen )
Ein junger Mann sitzt vor seinem Computer und spielt ein Computerspiel. (dpa / picture alliance / Peter Steffen )
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Sören Brinkmann: Wenn man am PC Computerspiele spielt, dann ist für viele "Steam" eine der beliebtesten Plattformen - hier kann man online Spiele kaufen, sich in einem eigenen sozialen Netzwerk austauschen oder über Spieleinhalte chatten. Alles, was es zum Zocken so braucht. Und dass man hier alles bekommt, kann man jetzt wirklich fast wörtlich nehmen. Denn der Betreiber der Internetplattform "Steam" hat vor ein paar Wochen angekündigt: Alles was nicht gegen das Gesetz verstößt oder bloßes "trolling" ist, soll angeboten werden. Das heißt also auch Spiele mit kritischem Inhalt oder die aus Sicht der meisten Menschen doch ziemlich geschmacklos daherkommen, können über die Plattform gekauft und gespielt werden. Beispiel: In einem Ego-Shooter können die Spieler unter anderem in die Rolle eines Schulamokläufers schlüpfen. Oder – in einem anderen Spiel - als Adolf Hitler ihre nationalsozialistische Welt planen. "Steam" möchte die Entscheidung, was gespielt wird, lieber den Usern überlassen - mit einem neuen offenen "everything goes"-Ansatz. Und über die möglichen Konsequenzen dieses Schrittes spreche ich mit dem Kulturwissenschaftler Christian Huberts. Guten Tag.

Christian Huberts: Hallo.

Brinkmann: Herr Huberts, wenn wir uns die bisherige Praxis anschauen: Wie hat "Steam" seine Inhalte denn bislang kuratiert und kontrolliert und was ändert sich jetzt? 

Huberts: Zunächst muss man wissen, dass der Steam-Katalog mittlerweile pro Woche um mehr als hundert neue Titel anwächst - eine große, kuratorische Aufgabe für die Plattform. Dadurch rutschen immer wieder Spiele durch die vorhandenen Kontrollen, die in der Gaming-Community für Debatten sorgen, "Active Shooter" etwa. Erst nach negativer Berichterstattung hat Steam den Titel wieder entfernt. Die Öffnung von Steam für alle Inhalte ist als eigennütziger Schritt zu werten. Statt Geld in die gründlichere Kuration der Inhalte zu investieren, zieht sich der Mutterkonzern Valve hier einfach aus der Verantwortung. Der Kunde soll bald über Filterfunktionen selbst entscheiden können, was er sehen möchte und was nicht.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

Brinkmann: Aus den Augen, aus dem Sinn, sozusagen?

Huberts: Genau, eine Praxis, für die Steam immer wieder in der Kritik steht, etwa auch wenn es um rechtsextreme Community-Gruppen geht. Valve möchte keine zahlenden Kunden verprellen und verschanzt sich hinter der vermeintlich unauflösbaren Subjektivität der Bewertung von Inhalten. Als wäre ein Computerspiel über einvernehmlichen Sex zwischen Männern genauso problematisch wie ein Shooter, bei dem man auf Homosexuelle schießen soll.

Brinkmann: Und bei rechtsextremen Inhalten verfährt Steam ähnlich?

Huberts: Den Eindruck muss man haben. In der Steam-Community finden sich einige nationalistische, antisemitische, antifeministische und sonstige Hassgruppen, die nur gelöscht werden, wenn Journalisten explizit und öffentlichkeitswirksam auf sie hinweisen. Die Gruppe "Anti-Refugee Club" zum Beispiel, in der sich sowohl der Attentäter vom Olympiaeinkaufszentrum in München, als auch William Atchinson, der spätere Amokläufer an der Aztec High School in New Mexico, vernetzt haben. Auch deutsche Neonazis präsentieren sich offen in ihren Profilen mit Führereid, Fotos von der Waffen-SS und in der Szene etablierten Codes und Symbolen. Sie organisieren sich zum Beispiel in einer Steam-Gruppe der als rechtsextremistisch geltenden Identitären Bewegung. Man muss aber dazu sagen, dass diese offensichtlich rechtsextremistischen Inhalte und Nutzer vergleichsweise selten sind. Größer ist die Anzahl derjenigen, die NS-Symbole und -Rhetorik benutzen, um zu provozieren. So genannte "shitposter" oder auch "Trolle" haben es sich zur Aufgabe gemacht, insbesondere Menschen aus dem links-politischen Spektrum zu "triggern", ohne das dahinter zwingend eine kohärente Ideologie steckt.

Brinkmann: Das klingt dann aus ihrer Sicht, Herr Huberts, nach rechten Trollgruppen?

Huberts: Ja, genau. Reconquista Germanica bezeichnet sich selbst als "Vereinigung von Gamern" und wirbt auch auf Steam um neue Mitglieder. Nicht primär mit rechter Ideologie, sondern mit dem Versprechen auf geselligen Austausch und Spaß. 

Reaktionäre Computerspiele

Brinkmann: Kommen wir nochmal auf die Spiele, die auf Steam vertrieben werden. Besteht nun ein Risiko, dass auch rechtsextreme Computerspiele veröffentlicht werden? 

Huberts: Valve haben nach wie vor ein Interesse daran, ihr Image nicht völlig zu ruinieren. Offensichtlich rechtsextreme Computerspiele werden also voraussichtlich als illegal oder Getrolle gewertet werden und von der Plattform verbannt. Aber bereits jetzt gibt es Beispiele, die sich in Grenzbereichen bewegen. Das polnische Spiel "IS Defense" etwa beschwört die gewaltsame Verteidigung Europas vor den muslimischen Massen und ist damit anschlussfähig an die Invasions-Rhetorik der Identitären Bewegung. Gerade historische Titel eignen sich als rechte Projektionsfläche. Die Modding-Community liefert auch immer Möglichkeiten zur alternativen Geschichtsschreibung und hilft da etwas nach. Für "Civilization VI" gibt es etwa die beliebte Mod "Der Fuhrer", die das NS-Regime mit Adolf Hitler an der Spitze spielbar macht. Auch hier sah Steam bislang keine Notwendigkeit zum Handeln. Eigentlich ein Fall für den deutschen Jugendschutz.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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