Mittwoch, 27.05.2020
 
Seit 02:57 Uhr Sternzeit
StartseiteCorsoMusikgewordenes Coming-out04.04.2015

Conor O'BrienMusikgewordenes Coming-out

Hinter dem Pseudonym Villagers steckt der Ire Conor O'Brien. Schon auf seinen ersten beiden Alben hat er gezeigt, dass in ihm nicht nur ein feinfühliger Songwriter steckt, sondern auch ein packender Storyteller. Auf seinem neuen Album erzählt er jetzt seine ganz eigene Geschichte: „Darling Arithmetic" ist das musikgewordene Coming-out des 32-Jährigen.

Von Bernd Lechler

Der irische Musiker Conor J. O'Brien (picture-alliance / dpa / Rich Gilligan)
Der irische Musiker Conor J. O'Brien (picture-alliance / dpa / Rich Gilligan)

Vielleicht wäre Conor O'Brien bei seinem detailverliebten Songwriting, seinen komplexen Arrangements geblieben, hätte er nicht den neorealistischen Filmklassiker "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948 gesehen.

"In dem Film wird einem sein Fahrrad geklaut. Das ist der Plot, passt in einen Satz, aber am Ende hab ich geheult! Da dachte ich: Okay, vielleicht genügt für einen Song auch mal nur eine Idee, statt gleich 20 unterbringen zu wollen."

Und vielleicht hätte er als Texter weiter auf fantasievolle Metaphern vertraut - wäre er nicht mit seinem schwermütigen amerikanischen Kollegen John Grant aufgetreten, der seinerseits meist sehr direkt auf den Punkt kommt .

"Nach den Auftritten mit ihm war ich immer ganz beseelt - und das wollte ich in meine Songs mitnehmen."

Auf jeden Fall beginnt das Album nun mit schlichten Country-Akkorden und einem Lied übers Mutig-Sein, "Courage".

"Im Song heißt es: ‚Ich hab ein bisschen gebraucht, um ich zu sein.' Das meint eine Offenheit, nach außen, über sich selbst. Die Repression hinter sich lassen. Ich hab zum ersten Mal über Sexualität geschrieben, und auch das brauchte Mut. Bizarrerweise, heute noch."

Aus dem Leben eines schwulen Künstlers

Denn auch das erzählt "Darling Arithmetic": Geschichten aus dem Leben eines schwulen Künstlers, der, so sagt der 32-Jährige, auch schon um sein Leben rennen musste. In "Hot Scary Summer" scheitert eine Liebe, weil das homophobe Umfeld sie nicht akzeptiert. Der Song "Little Bigot" wendet sich versöhnlich an Doppelmoralisten – inspiriert nicht zuletzt von der Begegnung mit einer Taxifahrerin, die den Sänger wegen seiner Homosexualität als Opfer des Teufels beschimpfte, bevor sie das Auto anhielt und sich ein zweistündiges, zunehmend persönliches Gespräch entwickelte:

"Sie gestand mir praktisch, dass sie lesbisch sei. Ein total irres Erlebnis. Irgendwann haben wir uns umarmt! Ich hab ihr ein paar Bars empfohlen - dann kippte es wieder, sie warf mich raus, schimpfte mich ‚ekelhaft'. Ich ging nach Hause und dachte: Wow, da muss ich ein paar Songs draus machen."

Gesagt, getan. Wobei dieses wunderbare Album nun keineswegs ein Manifest für eine exklusive Zielgruppe sein soll:

"Ich wollte etwas Universelles über Beziehungen und die Liebe schaffen, deswegen sind diese Dinge nur angedeutet. Nur zwischendurch sollte anklingen, dass meine Liebe immer auch verboten und ein Problem war."

Aufnahme im Stall

Conor O'Brien hat "Darling Arithmetic" ganz allein im umgebauten Stall eines alten Bauernhofs aufgenommen, den er mit fünf anderen bewohnt, hat Gitarren, Bass, Keyboards gespielt, auch die Drums selbst dazugetupft, und er war auch sein eigener Produzent. Nur gelegentlich holte er in der WG-Küche eine Zweitmeinung ein, ansonsten ist das Album ein Alleingang. Von einem Musiker, der offenbar genau weiß, was er will.

"Manchmal will man zunächst an bestimmten Dingen festhalten. Nicht, weil sie besonders gut wären, sondern weil man schon so viel Arbeit reingesteckt hat. Sowas ist problematisch. Man lässt diese Sachen am besten ein paar Wochen ruhen und hört sie sich dann noch mal mit frischen Ohren an. Mit einem Produzenten wäre das Album wahrscheinlich schneller fertig gewesen, aber davon hätte es nicht profitiert. Jetzt klingt es nach einer ganz eigenen Welt. Ganz anders als das, was man zurzeit sonst überall hört. Das gefällt mir."

Zurückhaltend arrangiert

Zu Recht. Und es ist bemerkenswert, dass er seine Songs dafür nicht opulenter oder vertrackter gestalten musste. Gerade durch das zurückhaltende Arrangement glänzt sein feinfühliges Songwriting mehr denn je. Die persönlicheren, offeneren Texte sind nicht weniger poetisch als auf den ersten beiden Patten, aber sie sind jetzt deutlich bewegender. Bei den ersten Konzerten wussten das offenbar auch die Fans zu schätzen:

"Am ersten Abend war es echt komisch. Am zweiten nur noch ein bisschen, und nach vier Songs hat's geklickt. Da hatte ich das Publikum hinter mir, es wurde ein kollektives Erlebnis, trotz dieser ganzen persönlichen Texte. Ich konnte hinterher nicht aufhören zu lächeln. Und das kommt selten vor."

 

Conor O'Brien ist im Mai als Villagers auf Tour.

10.05.2015 Heidelberg, Karlstorbahnhof
12.05.2015 Hamburg, Kulturkirche Altona
13.05.2015 Köln, Gebäude 9
14.05.2015 Berlin, Babylon-Mitte

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk