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StartseiteCorsoBöses im Garten England07.03.2020

Cornershop mit "England is a Garden"Böses im Garten England

In der gängigen Popgeschichtsschreibung werden Cornershop als sogenanntes One-Hit-Wonder geführt. Dabei war die multikulturelle Punk-Band immer mehr, nicht nur unter klanglichen Gesichtspunkten. In der heutigen Brexit-Ära liefern Cornershop musikalische Ermutigung für Niedergeschlagene.

Von Robert Rotifer

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Mann mit Gitarre vor einem Mikrofon (www.imago-images.de (Mary Evans AF Archive Graham Whitby Boot))
Tjinder Singh von Cornershop (www.imago-images.de (Mary Evans AF Archive Graham Whitby Boot))
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Man kann es sich heute kaum mehr vorstellen, aber es gab einmal eine Zeit gegen Ende der Neunzigerjahre, da sprachen die Leute viel von Cool Britannia und London als Inbegriff einer multikulturellen Metropole. Und dieser Song von Cornershop war der ideale Soundtrack dazu.

"Brimful of Asha", ein Song über die Erinnerungen eines in Wolverhampton aufgewachsenen Kindes indischer Einwanderer an die Platten der Bollywood-Sängerin Asha Bhosle. Sie wurden auf dem familieneigenen Plattenspieler abgespielt – ein herzerwärmendes Bild. Und im beschleunigten Remix von Fatboy Slim konnte man auch noch dazu tanzen.

Dabei bemerkte das weiße britische Publikum nicht, wieviel Wehmut in dem von Sänger Tjinder Singh geschriebenen Text steckte. Der Traum, den Asha Bhosles Stimme da am Leben hielt, war der von einer fernen Heimat, weit weg vom feindseligen England, in das Singh 1968 hineingeboren worden wurde.

Flüsse aus Blut

"Wenn man an Wolverhampton zur Zeit meiner Geburt zurückdenkt, da war man 1968 plötzlich mit Enoch Powell und seinen Hassreden konfrontiert, über Flüsse aus Blut, die bald durch das Land fließen würden, und auch mit Arbeitern, die die Einwanderer loswerden wollten. Das war immer der Hintergrund davon, worum es in der Musik geht."

Ganz zu Beginn ihrer Karriere hatten Cornershop diese politischen Botschaften noch nicht in Melodien zum Mitsummen verpackt.

Eine Kampfansage namens "England's Dreaming" aus dem Jahr 1992, als Tjinder Singhs Kindheitserinnerungen noch nicht den Schleier der Verklärung trugen.

"Meine Mutter arbeitete in der Fabrik, mein Vater war ein Lehrer, und jeder Tag war ein rassistischer Tag. Es war normal für uns, zusammengeschlagen zu werden. So war das einfach."

In jüngeren Jahren tendierte die Musik von Cornershop zusehends zu Tracks voller Samples und Gastsängerinnen. Es ist wohl kein Zufall, dass es Tjinder Singh im aktuellen politischen Klima wieder zurück zu Gitarre und Mikrofon zieht.

Das neue Album "England is a Garden" beginnt mit dem Lied "Saint Marie Under Canon". Es ist, wie bei Tjinder Singhs üblich, voller historischer und kultureller Referenzen.

"Der Song befasst sich mit den Schlachten des Empire bis hin zur modernen Kriegführung, aber es geht auch um Plünderungen wie etwa der Elgin Marbles aus Griechenland oder von Rubinen aus Indien. Und dann erklärt der Refrain, dass das immer religiös gerechtfertigt wurde. Man bittet um Segen, weil viel Scheiße gebaut wurde."

Leidenschaftlicher Anti-Brexit-Aktivist

In seinem privaten Leben ist der mit einer Französin verheiratete Tjinder Singh ein leidenschaftlicher Anti-Brexit-Aktivist. Er hatte in den letzten Jahren also genug Grund zum Zorn, der musikalisch verarbeitet werden wollte. Trotzdem ist "England is a Garden" ein lebensbejahendes Album geworden, das seinem Titel nicht bloß mit Sarkasmus begegnet.

Es ist durchaus auch eine Liebeserklärung an ein Land, das sich tragisch verlaufen hat. An den Garten England, in dessen verwilderten Büschen wohl auch der eine oder andere Fuchs auf Opfer lauert.

"Füchse wären schon in Ordnung, ich denke mehr an so Dinge wie umgekippte Einkaufswagen. Andererseits ist England tatsächlich ein Garten. Man vergisst oft, wie pittoresk es sein kann. Aber darunter liegen Dinge, die diese Schönheit bedrohen. Ich glaube, Brexit wird den Boden Englands umpflügen, und ich weiß nicht, ob wir von dort je zurückkommen."

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