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Startseite@mediasresExperten unterstützen Lokalzeitungen21.09.2020

Corona-AufklärungExperten unterstützen Lokalzeitungen

Bereits vor Corona sind Medizinjournalisten mit der Plattform Medwatch angetreten, um vermeintlichen Wunderheilern und fragwürdigen Therapieversprechen mit recherchierten Fakten zu begegnen. In der Pandemie ist ihre Arbeit nun auch bei Tageszeitungen gefragt.

Von Annika Schneider

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Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin läuft auf der Corona-Station im Städtischen Klinikum Dresden in Schutzausrüstung hinter einer Scheibe an der ein Achtungssymbol mit einem stilisierten Cornavirus angebracht ist vorbei.  (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB)
Aerosole, Luftreinigung, Warn-App: Zum Thema Corona gibt es viele Fragen (picture alliance/Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB)
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Normalerweise suchen die Gründer von Medwatch online – in sozialen Netzwerken und Foren – nach falschen Informationen aus der Medizin und nach gefährlichen Gesundheitsmythen, um diese zu entlarven. Doch neuerdings beschäftigen sie sich auch mit den Anliegen von Lokalzeitungslesern – und zwar mit denen der "Berliner Zeitung" und der "Westdeutschen Zeitung". Die beiden Regionalblätter haben ihre Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, Fragen zur Corona-Pandemie zu stellen. Das Medwatch-Team liefert die Antworten, die wiederum in den Print- und Online-Ausgaben der Zeitungen erscheinen. Medwatch-Journalistin Nicola Kuhrt erklärt das Projekt so:

"Die Idee dahinter ist tatsächlich, dass man dann Menschen erreicht, die nicht so wie wir immer im Netz unterwegs sind. Das ist natürlich auch eine Generationenfrage. Und ich sehe zum Beispiel auch bei meinen Eltern, dass da ganz andere Informationen unterwegs sind. Und wir finden, dass wir dadurch einfach viel mehr Menschen erreichen können."

  (picture alliance/Federico Gambarini/dpa) (picture alliance/Federico Gambarini/dpa)Berichten über Coronastudien: Überprüfen statt Verkünden
Gerade in der Coronakrise müssten Journalistinnen und Journalisten Studienergebnisse mit Vorsicht veröffentlichen, fordert Journalismusforscher Holger Wormer. Ihre Aufgabe sei es auch, Ergebnisse einzuordnen.

Die Print-Abonnenten der "Westdeutschen Zeitung" aus Wuppertal sind im Schnitt 63 Jahre alt. Die meisten gehören somit zur Risikogruppe – umso wichtiger also, dass sie valide Informationen bekommen. Am Wochenende erschienen in dem Blatt die ersten Antworten auf Corona-Fragen der Leserinnen und Leser. Ellen Schröder, Chefin vom Dienst, hat die Zuschriften sortiert:

"Zum Thema Aerosole gibt es sehr viele Fragen, zum Thema Grippeschutzimpfung: Darf ich mich jetzt oder soll ich mich jetzt sogar grippeschutzimpfen lassen? Wiederholende Fragen sind zum Thema Luftreinigung mit Hochspannungselektrofilter. Dann gibt’s Fragen zum Corona-Test: Also wie läuft das, welche Unterschiede gibt es – Rachenabstrich, Nasenabstrich? Wie viele Tests muss man machen, damit man auch wirklich ein endgültiges Ergebnis hat? Es gibt Fragen zur Warn-App – wie die funktioniert, wie man die einsetzt."

In vielen Zeitungen keine Wissenschaftsseite mehr

Bei den Antworten hilft Medwatch. Das Gründer-Duo hat das Fachwissen und die Kontakte, um auch komplexe Fragen zu klären. Denn in vielen Lokalzeitungen gebe es keine eigene Wissenschaftsseite mehr, sagt Nicola Kuhrt. Bei der "Berliner Zeitung", der zweiten Kooperationspartnerin, gibt es das Ressort durchaus. Trotzdem freut sich Wissenschaftsredakteurin Anne Brüning über die externe Unterstützung. In der Pandemiezeit gebe es so viel Arbeit, dass sie sich gerne geklont hätte, sagt sie. Sie beobachtet, dass die Fragen von unterschiedlichen Lesertypen kommen:

"Die einen, die einfach jetzt so ein großes Mitteilungsbedürfnis entwickelt haben im Laufe der Zeit. Die sich wirklich umfassend Gedanken machen und eigentlich das so als Gelegenheit nutzen, um uns auch ausführlich zu schreiben. Es gibt natürlich auch die Gruppe, die so eine ablehnende Haltung haben so Richtung Corona-Leugnung und so und sagen, wir sind einfach nur Teil der Drosten-Pharma-RKI-Connection und so. Die sind auch eifrig am Schreiben, muss ich sagen. Im Frühjahr war einfach ganz viel nur informieren, auch in kleinen Häppchen vielleicht. Jetzt sind es schon größere Zusammenhänge oft."

  (picture alliance / ZB) (picture alliance / ZB)Weniger Klicks für Impfgegner
In vielen sozialen Netzwerken sind Falschinformationen zu Impfungen prominent platziert. Google, Facebook, Pinterest und YouTube wollen dagegen auch in Deutschland vorgehen. Ziel sei es, die Reichweite einzuschränken, sagte Hinnerk Feldwisch-Drentrup von der Organisation MedWatch im Dlf.

Im Gespräch mit weiteren Zeitungen

Ob die Maßnahmen gegen die Pandemie am Ende mehr Schaden anrichten könnten als Covid-19 selbst, ist eine der Fragen, die in der "Berliner Zeitung" beantwortet wurden. Regionalzeitungen hätten die Chance, Menschen anders zu erreichen als überregionale Medien wie die "Tagesschau", sagt Lothar Leuschen, Chefredakteur der "Westdeutschen Zeitung". Doch der Dialog mit den Leserinnen und Lesern ist in der aktuellen Debatte nicht immer einfach:

"Es gibt schon Leute, die kritisieren das Regelwerk und halten es für übertrieben. Das halte ich für berechtigt, das kann man tun, darf man hinterfragen. Das müssen wir auch tun, auch das gehört zu unseren Aufgaben als Journalisten. Wir haben aber auch Leute, die sich weigern, sich in irgendeiner Form einbinden lassen zu wollen in so etwas und uns einfach dann negieren. Die Erfahrung, die wir gemacht haben, das kann ich auch persönlich von mir sagen aus mehreren Gesprächen, aus mehreren längeren Gesprächen auch, ist, dass diese Menschen auch gar nicht beraten und überzeugt werden möchten. Und dann sind wir sehr leicht auch Teil der Lügenpresse, das geht uns ganz genauso wie anderen Medien. Wir gehen dazu über, das dann zu ignorieren."

Anne Brüning von der "Berliner Zeitung" hofft, mit der Aktion zumindest diejenigen zu erreichen, die Argumentationshilfe brauchen, um Falschmeldungen im Bekanntenkreis etwas entgegensetzen zu können. Und das bald vielleicht auch in anderen Regionen – Medwatch sei mit zwei weiteren Zeitungen im Gespräch, sagt Nicola Kuhrt.

*Finanziert wird die Zusammenarbeit von der Robert-Bosch-Stiftung.

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