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StartseiteKommentare und Themen der WocheAufhören in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken27.06.2020

Corona-Ausbruch in NRWAufhören in Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken

Auch künftig werde es Corona-Ausbrüche wie in Warendorf und Gütersloh geben, kommentiert Vivien Leue. Nur mit dem Finger wie im aktuellen Fall auf NRW-Ministerpräsident Laschet und Fleischproduzent Tönnies zu zeigen, sei aber falsch. Dazu sei das Thema zu komplex.

Von Vivien Leue

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NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gibt eine Pressekonferenz zur Lage COVID-19 Corona-Pandemie Coronavirus COVID-19-Pandemie Epidemie Corona-Ausbruch in Tönnies Fleischerei Pressekonferenz zum Ausbruchsherd bei Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG Zerlegeungsbetrieb Fleischwerk Schlachtbetrieb Fleischverarbeitung Fleischprodukte Schweineschlachtung Mundschutz Maske Gütersloh Nordrhein-Westfalen NRW Deutschland Germany *** NRW Prime Minister Armin Laschet gives a press conference on the situation COVID 19 Corona Pandemic Coronavirus COVID 19 Pandemic Epidemic Corona outbreak in Tönnies Butchery Press conference on the outbreak at Tönnies Lebensmittel GmbH Co KG Cutting plant Fleischwerk Schlachtbetrieb Fleischverarbeitung Fleischprod Copyright: xAchimxDuwentästerx (imago images / teamwork)
Es gehe nicht um die Frage, ob Armin Laschet am Ende als Held oder Verlierer dastehe, kommentiert Vivien Leue im Dlf (imago images / teamwork)
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Was für Emotionen! Wut, Enttäuschung, Hoffnung, ja auch Häme und Schadenfreude sind dabei. Dazu die persönlichen Schicksale der Handelnden aus Politik und Wirtschaft. Der Corona-Ausbruch in Gütersloh, er hat alle Zutaten einer guten Story. Und jetzt, da die großen Bühnen im Lande noch weitestgehend geschlossen sind – blickt Deutschland gespannt auf jene Region, in der sich aktuell der bisher größte Einzelausbruch des Coronavirus in der Bundesrepublik abspielt.

Und natürlich sticht die Zögerlichkeit einer der Hauptakteure ins Auge – NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der ungewollte Chef der Lockerungs-Fraktion, ließ sich Zeit mit der Entscheidung zum erneuten Lockdown – zu viel Zeit? Wie wirkt sich das alles jetzt auf seine Kanzler-Ambitionen aus? Allein diese Story birgt noch Spannung für viele Folgen!

Außerdem ist da dieser unfassbar reiche und offenbar ruchlose Unternehmer Clemens Tönnies. Lässt über Sub- und Sub-sub-Unternehmen tausende Wander-Arbeiter aus Ost- und Südosteuropa kommen, damit sie unter schwerster körperlicher Arbeit und zu niedrigem Lohn unsere Grillsteaks produzieren. Wenn wir das nur gewusst hätten.

Wer muss es am Ende ausbaden? Die Arbeiter, die jetzt mit Zukunftssorgen in Quarantäne sitzen. Und die anderen Menschen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf, die sich so sehr auf ihren Urlaub gefreut hatten und nun vielerorts zu unerwünschten Reisenden erklärt wurden.

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Gute Story – aber sollten wir uns nicht die Zeit nehmen, tiefer zu blicken? Verlassen wir doch die Bühne und schauen auf die Fakten:

Punkt 1 – Armin Laschet, der Lockerer. Ist er das wirklich? Es brauche die besten, nicht die härtesten Maßnahmen – das ist seit Beginn der Pandemie sein Mantra. Schon im März setzte er sich unter den Länderchefs mit der Idee der Kontaktbeschränkungen durch, statt einen rigiden Lockdown zu verhängen, wie ihn andere europäische Länder hatten. So konnten wir trotz der Maßnahmen noch joggen gehen, Radtouren mit der Familie unternehmen, mit der Freundin auf der Parkbank sitzen. Dennoch hat Deutschland es geschafft, die Corona-Fallzahlen auf ein bemerkenswert niedriges Niveau zu drücken.

Während dieser Maßnahmen hat Laschet vielleicht häufiger als andere dafür plädiert, den Menschen in der Pandemie nicht zu viel zuzumuten. Hat auf die Themen häusliche Gewalt und Bildungsgerechtigkeit sowie die wirtschaftlichen Folgen hingewiesen. Wenn jetzt Kinderpsychologen Alarm schlagen, die Gewalttaten in Familien steigen, genauso wie die Anträge auf Hartz IV und Wirtschaftshilfen – hat er dann nicht auch in diesen Punkten recht gehabt?

Und nun der Tönnies-Ausbruch. Aktuell sieht es tatsächlich so aus, als habe sich das Virus weit weniger in der Rest-Bevölkerung verbreitet, als anfänglich befürchtet. Die Zahlen könnten Laschets Zögern im Nachhinein rechtfertigen, riskant war es dennoch.

Kritik an Tönnies ist berechtigt

Kommen wir zu Punkt 2 – Clemens Tönnies, der Gigant der Schweinezerlegung. Er ist der größte Fleischproduzent in Deutschland – aber seien wir ehrlich: die prekären Verhältnisse seiner Arbeiter finden wir auch bei anderen Fleischfabriken und darüber hinaus, unter den Spargelbauern zum Beispiel. Tönnies ist ein Unternehmer, der die Vorgaben der Gesetze und des Marktes so weit ausnutzt wie möglich. Ist er dafür zu kritisieren? Definitiv. Ob Tönnies auch Gesetze gebrochen hat, werden Gerichte klären müssen.

Der Zeigefinger muss aber auch auf die Gesetzgeber und auf uns Verbraucher gerichtet werden. Die Politik muss dafür sorgen, dass die gesetzlichen Leitplanken enger gesetzt werden und wir, dass Billig-Lebensmittel zum No-Go werden. 

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Tönnies-Corona-Ausbruch könnte Chance für Wander-Arbeiter bedeuten

Punkt 3 – Die Leidtragenden. Für die Arbeiter der Fleischindustrie könnte der aktuelle Corona-Ausbruch am Ende doch auch eine Chance bedeuten. Werkverträge sollen bald der Vergangenheit angehören und die Kommunen werden hoffentlich in Zukunft doch etwas genauer hinschauen, wo und wie die Wander-Arbeiter untergebracht sind.

Für die Menschen der Kreise Gütersloh und Warendorf ist die aktuelle Situation natürlich nicht schönzureden. Weiten wir den Blick, dann ist allerdings klar: Dieser Ausbruch wird nicht der einzige bleiben – ob in Flüchtlingsunterkünften, anderen Fabriken oder bei größeren Ansammlungen wie Demonstrationen, Virologen warnen seit langem vor sogenannten Clustern.

Es braucht einen gemeinsamen Umgang mit Corona-Ausbrüchen

Die Verantwortlichen sollten jetzt schnellstens gemeinsame Wege erarbeiten, wie mit solchen Ausbrüchen umgegangen wird – und welche Regeln für Menschen aus diesen Gebieten gelten.

Noch ist das Ende dieser Story Gütersloh nicht absehbar, zu viele Wendungen könnten noch kommen, Fallzahlen steigen, Akteure stürzen. Wird Laschet am Ende als Held oder als Verlierer da stehen? Vielleicht sollten wir aufhören, in diesen Schwarz-Weiß-Kategorien zu denken, an dieser Aufregungsökonomie teilzunehmen. Das Thema ist zu komplex, um es so sehr zu vereinfachen. Aber letztlich gilt das ja für viele Bereiche, auch außerhalb von Corona.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

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