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StartseiteKommentare und Themen der WocheWir dürfen das billige Fleisch nicht mehr akzeptieren17.06.2020

Corona-Ausbruch in Tönnies-FabrikWir dürfen das billige Fleisch nicht mehr akzeptieren

Der Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies in NRW zeigt erneut: Die Corona-Hotspots in den Fleischbetrieben bedrohen auch diejenigen, die mit der Industrie gar nichts zu tun haben, kommentiert Vivien Leue. Spätestens jetzt dürfen wir über die Umstände, die solch hohe Ansteckungsraten begünstigen, nicht länger hinwegsehen.

Von Vivien Leue

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Nordrhein-Westfalen, Rheda-Wiedenbrück: Ein Lastwagen verlässt das Werksgelände von Tönnies. (David Inderlied/dpa)
Zweifelhaftes Verdienst von Tönnies: Güterloh muss erneut in den Lockdown (David Inderlied/dpa)
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Das Wetter ist warm, die Grillsaison längst eröffnet, spätestens am Wochenende kommen wieder millionenfach Nackensteaks und Fleischspieße auf den Teller. Lecker, oder? Gut, das ist jetzt vielleicht ein bisschen zynisch, vor dem Hintergrund des erneuten massenhaften Corona-Ausbruchs in der Fleischindustrie. Aber es ist auch wirklich mühsam, zum wiederholten Male daran erinnern zu müssen: Billiges Fleisch gibt es nicht ohne erbärmliche Produktionsbedingungen.

Skandale sind in der Fleischbranche nicht neu

Ob Bakterien in der Wurst oder Salmonellen im Schweineschnitzel – Skandale gab es in der Fleischindustrie auch vor Corona. Jetzt aber zeigt sich überdeutlich: Vor allem die Mitarbeiter der Branche zahlen den Preis für die Billigprodukte. Hunderte Corona-Infizierte zählt aktuell der Fleischproduzent Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Bei Westfleisch in Coesfeld waren es Mitte Mai ähnlich viele. Wer die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Arbeiter kennt, den verwundert das nicht.

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?
Beim Fleischhersteller Tönnies in NRW wurden 400 von 500 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Die hohe Zahl Infizierter in Schlachthöfen generell lenkt den Fokus auf die dortigen Arbeitsbedingungen. Warum häufen sich die Fälle dort?

In den Regionen Münsterland und Ostwestfalen arbeiten tausende Menschen in den Großschlachtereien: Tagsüber schlachten, zerlegen und verpacken sie nah beieinander das Fleisch, abends teilen sie sich mit mehreren anderen Arbeitern ein Zimmer, am Wochenende fahren viele zu ihren Familien nach Ost- und Südosteuropa.

NRW-Arbeitsminister: Kultur des Wegsehens

Seien wir ehrlich: die meisten von uns haben das alles schon mal gehört, aber wirklich interessiert hat es uns nicht. Soll doch die Politik sich darum kümmern, dass Gesetzte – auch zum Arbeitsschutz – eingehalten werden. Es gebe in dem Bereich eine „Kultur des Wegsehens“, sagte NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann jüngst.

Spätestens jetzt dürfen wir aber nicht mehr wegsehen und wir dürfen das billige Fleisch auch so nicht mehr akzeptieren. Die Corona-Hotspots in den Fleischbetrieben, sie bedrohen ganz akut auch diejenigen, die mit der Industrie gar nichts zu tun haben. Die Menschen, die drumherum wohnen, beim Bäcker in der Schlange hinter dem Werkarbeiter stehen, ihm oder ihr im Bus begegnen, im Supermarkt.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Nein, es ist nicht der Werkarbeiter schuld, dass er sich im Betrieb oder seiner Gemeinschaftsunterkunft angesteckt hat. Es sind die Umstände zu kritisieren, die solch hohe Ansteckungsraten begünstigen.

Auch der Verbraucher ist gefragt

Sie müssen verändert werden – auf Dauer. Der erste massenhafte Corona-Ausbruch bei Westfleisch in Coesfeld Mitte Mai hat zu einer erstaunlich schnellen politischen Reaktion geführt: Das Bundeskabinett hat Ende Mai das weitgehende Aus für Werkverträge in der Fleischindustrie beschlossen. Ab kommendem Jahr können die Großbetriebe die Verantwortung also nicht mehr an Subunternehmer abgeben.

Wie wäre es nun mit einer konzertierten Reaktion des Lebensmittelhandels? Mindestpreise für Fleischerzeuger? Können wir da mithelfen, als Gesellschaft? Und einfach mal auf das dritte Grillsteak am Abend verzichten? Dann hätte der erneute massenhafte Corona-Ausbruch vielleicht am Ende wieder etwas bewirkt.

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