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StartseiteForschung aktuellVirologe: Fehlende Qualitätskontrolle bei Bürgertests11.10.2021

Corona-BekämpfungVirologe: Fehlende Qualitätskontrolle bei Bürgertests

Corona-Schnelltests gelten als wichtiger Baustein, um die Pandemie in Schach zu halten. Innerhalb von fünfzehn Minuten sollen sie zeigen, ob jemand infektiös ist. Die Rolle der kostenlosen Bürgertests sei jedoch überbewertet, erklärte der Virologe Oliver Keppler im Dlf. Denn es habe an deren Durchführung gemangelt.

Oliver Keppler im Gespräch mit Kathrin Kühn

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Eine Frau lässt sich in einem Corona-Schnelltest-Zentrum mit einem Nasenabstrich auf das Coronavirus testen. (picture alliance / Daniel Reinhardt)
Welche Rolle spielen Corona-Schnelltests beim Kampf gegen das Virus? (picture alliance / Daniel Reinhardt)
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Ein kurzer Abstrich im Rachenraum, einer in der Nase: So sollen Antigen-Schnelltests auf SARS-CoV-2 anzeigen, ob eine Person so viele Viren auf den Schleimhäuten beherbergt, dass sie andere anstecken könnte. Bisher wurden die Kosten für die Tests vom Bund übernommen. Doch zukünftig werden die Schnelltests in den Fällen, wo eine Impfung möglich wäre, aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Manche Fachleute befürchten, dass damit weniger Infektionen erkannt werden.

Doch der Virologe Oliver Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität in München sagte im Deutschlandfunk, der Beitrag der Schnelltests als Baustein in der Pandemie-Bekämpfung sei überbewertet worden. In der entscheidenden Frühphase einer Infektion liefere der Nachweis oft falsch-negative Resultate, könne eine Infektion also nicht verlässlich erkennen. Dadurch entstehe ein Gefühl von falscher Sicherheit. In vielen Testzentren habe es zudem an geschultem Fachpersonal und einer Qualitätskontrolle gemangelt. "Die Geschichten, die man aus Testzentren hört, lassen einem teilweise die Haare zu Berge stehen."

Der Virologe plädiert dafür, dass die Tests in Zukunft beispielweise in Apotheken oder in Arztpraxen durchgeführt werden sollen. Keppler verweist außerdem auf Zahlen, wonach in der ersten pandemischen Welle nur 0,05 Prozent der durchgeführten Bürgertests positiv gewesen seien.

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Das Interview im Wortlaut

Kathrin Kühn: Genau bis heute gab es sie, die kostenlosen Bürgertests, überall, also Schnelltests in den öffentlichen Teststationen. Der Bund finanziert das nur noch für diejenigen, die sich nicht impfen lassen können. Manche Schlagzeile dazu ist groß und die Diskussion teils hitzig. Und da ist es durchaus wichtig, einmal zu klären, wie wichtig das überhaupt ist, was da jetzt wegfällt. Verlieren wir damit einen wichtigen Baustein in der Strategie zur Pandemiebewältigung? Darüber möchte ich jetzt sprechen mit Professor Dr. Oliver Keppler, dem Leiter der Virologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Herr Keppler, Sie verfolgen das Thema Schnelltests in der Corona-Strategie quasi, seit es die Tests gibt, auch die Studienlage dazu. Und auf dieser Basis: Welche Rolle spielen die Schnelltests in den öffentlichen Teststationen aktuell überhaupt in der Pandemie?

Oliver Keppler: Nach zirka einem Jahr Erfahrungen mit diesen Tests muss man aus virologisch-medizinischer Sicht eine ernüchternde Bilanz ziehen. Also als Beispiel: In der Höhe der dritten pandemischen Welle waren nur zirka sieben Prozent der gesamten positiv gemeldeten Testergebnisse auf Antigen-Schnellteste zurückzuführen. Also insgesamt waren nur 0,05 Prozent der durchgeführten Antigen-Schnelltests überhaupt positiv. Der Steuerzahler hat 11.000 Euro Aufwand bezahlt für einen positiv per PCR bestätigten Test, das ist schon eine sehr geringe Quote. Das leistet keinen großen Beitrag – mit diesen Zahlen kann das jeder sehen – zur Pandemiebewältigung. Gerade in der ansteckenden Frühphase einer Infektion ist dieser Test oft falsch-negativ. Neuere Studien gehen davon aus, dass nur 20 bis 50 Prozent der Positiven in dieser oft sehr hoch ansteckenden Frühphase überhaupt erkannt werden durch diese Tests. Also, das Risiko der falschen Sicherheit ist natürlich nicht das, was wir brauchen zur Pandemiekontrolle. Mein Eindruck ist, dass in den letzten Wochen eigentlich die Test-Frequenz schon abgenommen hat. Das liegt natürlich auch daran, dass die Impfquote eben schon deutlich angestiegen ist und weniger Menschen sich auch testen lassen müssen.

"Kostenloses Testen für wichtige Gruppen weiterhin möglich"

Kühn: Das bedeutet, es gibt ja die Annahme, dass, wenn es jetzt kostenpflichtig wird für diejenigen, die nicht geimpft sind, obwohl sich impfen lassen könnten, dass dann eben weniger das nutzen. Unter dem Strich: Verlieren wir hier einen wichtigen Baustein gerade?

Keppler: Aus meiner Sicht nicht. Man muss das natürlich immer dann in retrospect beurteilen. In der Pandemie haben wir häufig schon Überraschungen erlebt. Aber ich glaube nicht, dass sich jetzt auch so viele Menschen wirklich testen lassen müssen regelmäßig, außer sie wollen natürlich über die 3G-Regelung Zugang zu gewissen Veranstaltungen haben. Und an dieser Stelle wird man auch sicherlich asymptomatische Infektionen erkennen. Aber man muss ja auch sagen: Das kostenlose Testen ist ja für wichtige Gruppen weiterhin möglich. Die Schwangeren, die 12- bis 17-Jährigen haben noch eine Übergangsfrist bis Ende des Jahres bei einem Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion. Also, wenn man symptomatisch ist, kann man sich weiter kostenlos testen lassen, bei Beendigung von Quarantäne oder Kontakt zu Corona-Erkrankten. Das sind also alles Ausnahmen, die natürlich auch weiterhin vom Gesundheitssystem getragen werden, die Kosten. Also, es ist eine kleine Gruppe, die hier jetzt selber die Kosten tragen müsste.

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Schnelltests "schon immer für nicht so relevant gehalten"

Kühn: Dann ist es aber ja spannend zu schauen: Wo machen Schnelltests denn Sinn jetzt mit Blick auf den Herbst und den Winter?

Keppler: In der Tat: Ich habe dieses Testprinzip ja schon immer für nicht so relevant erachtet, um wirklich Sicherheit in der Pandemie zu bekommen. Das eine ist natürlich, ein negatives Testergebnis zu haben, was einem Zugang ermöglicht. Das andere ist, wirklich zu wissen, ob man infiziert ist oder nicht. Und da muss man sagen, hinsichtlich der Test-Zuverlässigkeit ist beispielsweise die PCR pro getesteter Person tausend- bis zehntausendmal empfindlicher. Hier kann man auch, ich sag mal, bei einem nicht optimalen Abstrich oder auch, wenn die Symptomatik noch in einem sehr frühen Stadium ist, also die Infektion noch kaum erkannt werden kann mit einem Antigen-Schnelltest, würde die PCR das detektieren. Also, die Zuverlässigkeit der PCR ist hier deutlich höher einzuordnen. Und ob jetzt mehr oder weniger Test mit Antigenschnelltesten in Deutschland mit der jetzigen Impfrate wirklich einen Unterschied macht für die pandemische Kontrolle, wage ich zu bezweifeln.

Beim Testen mehr "auf die Qualität achten" 

Kühn: Jetzt sagen sie schon selbst "optimaler Abstrich". Mit Blick auf die Testzentren: Läuft oder ist da alles optimal gelaufen?

Keppler: Aus meiner Sicht nicht. Ich meine, auch hier wurde schnell eine Infrastruktur aufgebaut im Medizinsektor. Und dann hat man sehr vielen Leuten auch die Möglichkeit gegeben, Testzentren zu betreiben, die einfach keine Profis im Medizinsektor waren. Und das wäre ganz klar mein Appell, dass das in Zukunft jetzt mit weniger Testzentren, dass darauf mehr geachtet wird und auch mehr kontrolliert wird. Ich meine, die Geschichten, die man aus Testzentren hört, lassen einem teilweise die Haare zu Berge stehen: falsche Abstriche, verwechselte Proben, keine Supervision durch geschultes Personal. Oft nur ein kurzer Online-Lehrgang, und dann geht es schon los. Ungenügende Qualitätssicherung, der billigste Test wird genommen, der eben leider auch wirklich schlecht manchmal ist. Also, das sind alles Themen, die wir ernst nehmen müssen. Weil ansonsten geht es hier wirklich nur um negatives Testen und nicht um richtiges Testen, also bitte auf die Qualität achten. Nur so kann das Ganze überhaupt Sinn machen.

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Kühn: Dann ist es jetzt ja so, dass teils Kommunen in die Bresche springen und die Schnelltests jetzt selbst finanzieren, wo der Bund raus ist. Abschließend: Damit haben diese Kommunen ja die Chance, auch etwas anders zu organisieren. Worauf sollten sie da auf Basis Ihres Wissens achten, wenn sie jetzt die Fäden in der Hand halten?

Keppler: Ich denke, es ist wirklich wichtig, dass Profis im Medizinsektor, also beispielsweise Apotheken oder eben auch Testzentren, die von Ärzten betrieben werden, wo die Supervision stattfindet, dass hier die Chance für qualitativ hochwertiges Testen – denn das ist ja wirklich ein Prozess, der wirklich beginnt auch mit der Qualität des Abstrichs und endet mit der Testdurchführung und der Ergebnismitteilung – das sollte in die Hände von Profis kommen. Darauf sollten die Kommunen achten. Dann ist es sicherlich toll, wenn sie eben dann diese Kosten auch übernehmen wollen, die der Bund eben jetzt nicht mehr tragen will. Nach einem Jahr kostenloser Tests halte ich das auch für nachvollziehbar, dass hier der Steuerzahler eben nicht mehr die Entscheidung des Einzelnen, sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht impfen zu lassen, finanziell weitertragen soll. Ich denke, das ist ein vernünftiger Schritt. Wenn die Kommunen das ändern wollen, ist es ja prima. Aber ich glaube, hier sollte man auf Qualität achten, dass die Abstrichzentren und die Testzentren auch wirklich einen guten Job machen und wirklich einen positiven Beitrag zum Erkennen des Infektionsgeschehens und eben Pandemiekontrolle leisten können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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