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Startseite@mediasresWaschen, beten, zweifeln30.03.2020

Corona-Berichterstattung in der TürkeiWaschen, beten, zweifeln

Die Türkei wurde erst relativ spät vom Corona-Virus heimgesucht. Inzwischen kennen die Medien aber nur noch dieses eine Thema. Da die meisten großen Medien als regierungsnah gelten, geben sie die Sichtweise des Staates wieder. Alternative Medien und Experten haben daran Zweifel.

Von Christian Buttkereit

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Recep Tayyip Erdogan spricht zu Mitgliedern der Regierungspartei AKP während eines Treffens im Hauptquartier der Partei.  (Pool Turkish Presidency/AP/dpa news)
Staatspräsident Erdogan selbst setzt auf die rituelle Waschung vor dem Gebet auch in Krisenzeiten (Pool Turkish Presidency/AP/dpa news)
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Seit die Türkei nun auch offiziell vom Corona-Virus heimgesucht wurde, hat sich die Berichterstattung etwas versachlicht. Statt überwiegend sensationsbetont auf die Situation in anderen Ländern zu schauen, übertragen viele Fernsehsender die Pressekonferenzen von Gesundheitsminister Fahrettin Koca live.

Viele Medien räumen der Verhaltenshinweise der Regierung viel Platz ein und ergänzen sie um eigene Tipps. So sei das traditionelle, Kolonya genannte, Kölnisch Wasser mit seinen 80 Prozent Alkohol ein geeignetes Mittel, die Hände von Viren zu befreien. Staatspräsident Erdogan selbst hatte die rituelle Waschung vor dem Gebet auch in Krisenzeiten gepriesen.

"Wenn wir fünfmal am Tag unsere Hände, unser Gesicht, unsere Arme, unseren Kopf und unsere Füße waschen, dann haben wir nicht nur islamisch, sondern auch medizinisch die beste Reinigung vorgenommen."

Zeitung wird in Schutzhülle verkauft

Die Zeitung Sözcü macht sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Leser und bietet eine ganz praktische Lösung an. Sie erscheint nun in einer nahezu unbedruckten Doppelseite. Wer diese Schutzhülle wegschmeißt, findet darin eine höchstwahrscheinlich virenfreie Zeitung vor.

Regierungsnahe Blätter wie die Türkiye nutzen die Krise, um etwa zu berichten, dass sich die türkische Regierung vorbildlich um die älteren Leute kümmere – ganz im Gegenteil zu Europa. Kritik am türkischen Krisenmanagement findet sich in oppositionellen Medien. Beim Fernsehsender Oda-TV kam etwa der Co-Vorsitzende der prokurdischen Partei HDP, Mithat Sancar, zu Wort:

"Wir fordern Transparenz, aber die Regierung hat sich für Verdunkelung entschieden. Hinweise des angesehenen türkischen Ärzteverbandes machen deutlich, dass zum Beispiel Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger regelrecht ihrem Schicksal überlassen werden."

Schmaler Grat für Berichterstatter

Tatsächlich gibt es bisher keine Informationen, wie viele Krankenhausmitarbeiter selbst infiziert oder welche Regionen vom Corona-Virus besonders betroffen sind. Nur, dass der ehemalige Fußball-Nationaltrainer und amtierende Galatasaray-Coach Fatih Terim und zwei seiner Mitarbeiter positiv getestet wurden, das weiß dank entsprechender Schlagzeilen inzwischen jeder in der Türkei. Der Gesundheitsminister reagiert auf die Kritik ausweichend: "Die Infektionen konzentrieren sich nicht auf einen bestimmten Landesteil, eine bestimmte Region, sondern landesweit gibt es fast überall Fälle."

Wer zu viel nachfragt oder die Behörden kritisiert, bewegt sich auf einem schmalen Grat. Denn die Regierung hat klargemacht: Wer in sozialen Netzwerken Panik verbreitet, wird strafrechtlich verfolgt. Natürlich lässt sich nicht jeder davon abschrecken. So wird etwa kritisiert, dass zu wenig getestet werde. Viele Nutzer sozialer Medien fordern die Regierung aber auch zu weitreichenderen Maßnahmen auf, wie etwa zu einer allgemeinen Ausganssperre.

Virologe verlässt TV-Studio

Natürlich wird auch im Fernsehen leidenschaftlich diskutiert. Auf den meisten Kanälen gibt es allabendlich Talkrunden zu Corona. Deren Besetzung führt allerdings schon mal zu Kritik, auch unter den Teilnehmern. Dem Virologen Mehmet Ceyhan platzte im Programm von Habertürk der Kragen angesichts der Qualifikation der anderen Studiogäste:

"Hier werden so viele Unwahrheiten in die Welt gesetzt, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es zu korrigieren. Ich finde es nicht richtig, sich mit einem aus den Zeitungen erworbenen Wissensstand hier ins Studio zu setzen und wie ein Experte aufzutreten."

Der Professor zog für sich die Konsequenzen und verließ während der Livesendung  das Studio.

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