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StartseiteKommentare und Themen der WocheLasst uns endlich über eine Homeoffice-Pflicht sprechen08.01.2021

Corona-BeschlüsseLasst uns endlich über eine Homeoffice-Pflicht sprechen

Während der Präsenzunterricht in den meisten Ländern jetzt wieder flächendeckend ausfällt, begnügt man sich gegenüber Unternehmen mit windelweichen Appellen. Das ist eine empörend falsche Prioritätensetzung, meint Sandra Schulz. Denn der einzige Rohstoff, den wir haben, sei Bildung.

Ein Kommentar von Sandra Schulz

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Zwei Arbeitnehmer mit Mundschutz, die während der Pandemie im Büro am Schreibtisch arbeiten. (Getty Images / Digital Vision / Luis Alvarez)
Homeoffice-Möglichkeiten in der Wirtschaft - in den Unternehmen ist da noch viel Luft nach oben, meint Sandra Schulz (Getty Images / Digital Vision / Luis Alvarez)
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Das ist nur, weil die Erwachsenen mal wieder finden, dass Kinder nicht so wichtig sind. So messerscharf hat in dieser Woche die siebenjährige Sophia in Köln die Lage analysiert, als sie erfahren hat, dass sie im Januar nicht zur Schule gehen wird, weil in Nordrhein-Westfalen jetzt wieder Lernen auf Distanz angesagt ist.

Im Frühjahr haben Familien die Erfahrung gemacht, dass nach dem Shutdown Autohäuser öffneten, Spielplätze aber noch mit Flatterband abgesperrt waren. Und auch jetzt wieder haben die Familien, speziell die Kinder und Jugendlichen, wieder das Nachsehen, wenn es um ihre Interessen geht, in Abwägung mit den Interessen der Unternehmen.

Eine junge Frau sitzt vor zwei Bildschirmen im Dämmerlicht zuhause bei der Arbeit. (imago / Mathieux Thomasset) (imago / Mathieux Thomasset)Mehr Homeoffice in Unternehmen
Lockdown für Schulen, Museen, Vereine und Gastronomie – aber was ist eigentlich mit Unternehmen? Nach der Verlängerung des Lockdowns wird auch von der Wirtschaft gefordert, mehr Homeoffice-Arbeit zu ermöglichen.

Natürlich leiden seit Ende des Jahres viele Selbständige und Einzelhändler, weil ihre Geschäfte als erste dichtgemacht wurden.

Präsenzarbeit in Büros wichtiger als Präsenzunterricht

Aber die Präsenzarbeit in den Büros wird einfach für wichtiger gehalten, als Präsenzunterricht. Die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag hat heute im Interview hier im Deutschlandfunk auf die Frage nach einer Homeoffice-Pflicht gesagt, das sei eine weitere Eskalationsstufe, jetzt werde es erst einmal mit den Schulen versucht. Das ist eine empörend falsche Prioritätensetzung.

Während der Präsenzunterricht in den meisten Ländern jetzt wieder flächendeckend ausfällt, begnügt man sich gegenüber den Unternehmen mit weiteren windelweichen Appellen, das Homeoffice doch bitte, bitte, wo möglich auszubauen.

Stühle auf dem Tisch - leeres Klassenzimmer der 2. Klasse einer Grundschule , geschlossen aufgrund Coronavirus Pandemie *** Chairs on the table empty classroom of the 2 class of a primary school, closed due to coronavirus pandemic MR:N (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)KMK-Präsidentin zu Schulschließungen
In welcher Reihenfolge können Schüler, wenn es die lokalen Corona-Infektionszahlen erlauben, wieder in die Schule gehen? Dazu hat das Kultusministerkonferenz einen Stufenplan vorgelegt. 

Das ist individuell bitter für Schulkinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter, weil absehbar ihre persönlichen Chancen gestutzt werden. Das ifo-institut sprach nach dem Frühjahrsshutdown sogar von absehbaren Einbußen beim späteren Lebenseinkommen. Und damit ist noch nichts gesagt über die Hölle, die manche Kinder von überforderten Eltern im Frühjahr erlebt haben und jetzt vielleicht wieder erleben.

Das falsche Prioritätensetzung ist auch gesellschaftlich bitter, weil unser zukünftiger Wohlstand absehbar keine andere Basis haben wird als gut ausgebildete junge Leute.

60 Prozent der Bürojobs werden aus dem Homeoffice gemacht - und der Rest?

Warum umschiffen die Corona Manager- und Managerinnen die Diskussion um eine Homeoffice-Pflicht eigentlich so weiträumig? In den Unternehmen ist da noch viel Luft nach oben. Zahlen der Initiative D21 aus dem Dezember zeigen, dass 60 Prozent der Bürojobs jetzt aus dem Homeoffice gemacht werden. Und was ist mit den anderen 40 Prozent? Warum ist hier die Anwesenheit im Büro wichtiger als die Anwesenheit von Erstklässlern in der Schule? Was ist mit den massenhaften Kontakten, die in diesen Büros stattfinden – und in Bussen und Bahnen, mit denen die Menschen nach wie vor zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause fahren?

Das ist kein Plädoyer für einen Radikalschlag, natürlich muss es klug formulierte Ausnahmeregeln einer Homeoffice-Pflicht geben. Aber Appelle reichen einfach nicht mehr. Wie oft muss das noch gesagt werden: Bildung ist der einzige Rohstoff, den wir haben. Nehmen wir die Jüngeren endlich ernst – wir werden ihre Solidarität noch brauchen.

Sandra Schulz, Zeitfunk-Redakteurin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sandra Schulz, Zeitfunk-Redakteurin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sandra Schulz, geboren in Berlin, Studium der Rechtswissenschaften (zweites Staatsexamen) in Berlin, Santiago de Chile und San Diego. Volontariat beim Deutschlandradio. Referentin in der Programmdirektion. Reporterin/Moderatorin bei Deutschlandradio und Rundfunk Berlin-Brandenburg. Redakteurin/Moderatorin in der Abteilung "Aktuelles". Korrespondenteneinsätze im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio, auf Parteitagen, bei Infratest-dimap.

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