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StartseiteTag für TagMeditation als Protestform04.06.2020

Corona-DemonstrationenMeditation als Protestform

Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen sieht man sie inzwischen in vielen deutschen Städten: Menschen, die öffentlich meditieren. Etwa "für das Grundgesetz" und "gegen Impfzwang", wie sie selbst sagen. Andere Meditationslehrende kritisieren diese Praxis.

Von Christian Röther

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Teilnehmerinnen einer Demonstration der Corona-Kritiker meditieren vor dem Alten Rathaus in Göttingen (imago images / spfimages)
Wie hier in Göttingen, protestieren in vielen deutschen Städten Menschen mit Meditation gegen die Corona-Beschränkungen (imago images / spfimages)
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Sie haben eine kleine Buddha-Figur auf das Grundgesetz gestellt. Und wie der Buddha sitzen sie auch selbst einfach nur da. Augen zu, Mundschutz auf. Mal sind es eine Handvoll Meditierende, mal ein paar Dutzend, in Berlin wohl auch schon mehrere Hundert.

Sie saßen auch schon in Stuttgart oder Leipzig, Schweinfurt oder Lüdenscheid. Und in vielen anderen deutschen Städten: Menschen, die stumm gegen die Corona-Beschränkungen protestieren. 

"Ich sitze – und das mache ich auch absichtlich – im Meditationssitz, weil ich mir einfach denke, dass die Meditation die einzige Möglichkeit ist, um ja eigentlich in Zukunft viele Menschen zu erreichen. Immer mehr Menschen zu erreichen über den friedlichen Protest, über den friedlichen Widerstand", sagt Kai Stuht in seinem YouTube-Kanal.

Meditation gegen "Ignoranz der Politik"

Stuht ist Fotograf und Künstler. Und er ist der Initiator dieser Corona-Meditationen. Er nennt sie "Ignorance Meditation", denn sie solle sich gegen die "Ignoranz der Politik" richten, aber auch gegen die Ignoranz in jedem Einzelnen. Das erklärt mir Kai Stuht am Telefon. Ich darf das Gespräch nicht mitschneiden, sondern nur daraus zitieren.

Nur einem Live-Interview hätte Stuht zugestimmt, denn er vertraut vielen Medien offenbar nicht. Umso mehr spricht er in seinem eigenen YouTube-Kanal. Auch darüber, warum er sich für Meditation als Protestform entschieden hat:

"Demonstrationen kann man kapern. Mit ganz wenigen Leuten kann man Demonstrationen von einer guten Intention zu einer schlechten führen. Und wer aber sitzt und keinerlei Message bei sich trägt, sondern einfach nur das starke Bild von vielen meditierenden Menschen, die in sich gekehrt einfach meditieren, da ist keine Angriffsfläche."

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"Bitte bringt einen Zollstock mit"

Sich unangreifbar machen – deshalb sollen die Meditierenden auch den Corona-Mindestabstand einhalten:

"Bitte bringt einen Zollstock mit. Messt das bitte aus, sodass es keinen Ärger gibt."

Meditation statt Eskalation. Am Telefon sagt mir Kai Stuht, er wolle "Widerstand neuinterpretieren". Meditation als politischer Protest – mehrere Politikwissenschaftlerinnen und Protestforscher wollen sich dazu noch nicht äußern. Diese stumme Form der Meinungsäußerung ist wohl tatsächlich etwas Neues.

Er wolle damit Gewalt auf Demonstrationen verhindern, so Stuht. Seine weiteren Ziele erklärt er bei YouTube:

"Da ist das Hauptziel natürlich, dass wir nicht geimpft werden wollen. Und dass das Grundgesetz natürlich so in den Status-Quo zurückgeführt wird, wie es vorher war."

"Moslems, die einen Teppich mitbringen"

Zugleich will Stuht das Grundgesetz aber auch ändern: und zwar von einer repräsentativen zu einer direkten Demokratie. Er sei für "Bürgerparlamente", sagt er mir, denn die derzeitige Politik sei "hierarchisch und ideenlos".

Stuht spricht sich auch gegen eine Maskenpflicht aus, und er ist gegen angeblich drohende Zwangsimpfungen. Dass verpflichtende Corona-Impfungen geplant seien, wird von der Politik zwar dementiert, Stuht setzt dennoch auf spirituellen Protest:

"Wir hoffen auch, dass Christen kommen, die beten. Oder auch gerne Moslems, die einen Teppich mitbringen. Umso mehr es praktisch in diese allgemeine Spiritualität geht, ist das im Grunde genommen ein starkes Zeichen. Und auch ein Zeichen gegen rechts. Und auch ein Zeichen gegen extrem links."

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Kooperation mit Ken Jebsen

Was er mache, sei "kein esoterischer Quatsch", sagt mir Stuht. Und in seinen Videos betont er immer wieder: Mit politischen Extremen wolle er nichts zu tun haben, und auch nicht mit Verschwörungstheoretikern.

Allerdings kooperiert er bei seinen Meditationen mit dem erfolgreichen YouTuber Ken Jebsen. Der befeuert seit Jahren auch Verschwörungsmythen. In einem Video kritisieren Jebsen und Stuht dann auch gemeinsam Bill Gates – und bedienen damit ein Feindbild, das weit verbreitet ist unter den selbsternannten "Corona-Rebellen".

"Ich finde das sehr irritierend"

Was halten andere Meditationslehrende davon, dass bei den Corona-Protesten öffentlich meditiert wird?

"Ich finde das sehr irritierend, denn der Sinn von Meditation ist ja zunächst mal, dass man einen Umgang findet mit der eigenen inneren Welt, mit den eigenen automatischen Reaktionen, mit schwierigen Gefühlen, die entstehen", sagt Günter Hudasch.

Er ist Vorsitzender des Verbandes der Achtsamkeitslehrenden:

"Was wir eigentlich ja wollen: Wir bemerken, was die Situation – von außen oder von innen getriggert – in uns auslöst. Das können schwierige Gefühle sein. Das können schwierige Gedanken sein, Körperempfindungen. Und was wir dann tun ist: Wir beobachten die. Und dann treffen wir eine möglichst gut reflektierte, ruhige Entscheidung: Was ist heilsam für mich und für meine Umgebung?"

"Die Ruhe bewahren"

Denn bei Meditation gehe es um Vernunft, so Günter Hudasch:

"Also: Gibt es was zu tun? Oder gibt es eher nur die Ruhe zu bewahren?"

Der Meditationslehrer spricht sich mit Blick auf Corona für Letzteres aus: die Ruhe bewahren. Denn momentan könne niemand sicher sagen, was richtig sei und was falsch, weil das neuartige Virus eben noch kaum erforscht sei:

"Das Nicht-Genau-Wissen ist tatsächlich ein Teil in der Meditation, bei dem man dann eher einen guten Umgang findet mit dem Nichtwissen und die Ruhe behält. Und jetzt öffentlich zu protestieren und damit Meditation dafür zu nutzen, finde ich sehr merkwürdig."

"Klügere Wege finden, die weniger Schaden anrichten"

Dabei könne Meditation durchaus auch eine Form des politischen Protests sein - ähnlich wie Friedensgebete, meint der Vorsitzende des Verbandes der Achtsamkeitslehrenden:

"Ich kann mir Kriegszeiten vorstellen, wo man sich mit vielen Leuten auf die Straße setzt und dafür auf der Straße sitzt, dass man die Ruhe bewahrt. Und nicht in Reaktivität geht. Und nicht zum Beispiel in kriegerische Auseinandersetzung, weil man gekränkt ist, beleidigt ist, sich zurückgesetzt fühlt. Sondern versucht, klügere Wege zu finden, die weniger Schaden anrichten."

"Hier werden schwierige Gefühle verstärkt"

Das könne Günter Hudasch bei den öffentlichen Corona-Meditation aber nicht erkennen. Im Gegenteil:

"Hier werden ja quasi schwierige Gefühle verstärkt."

Da widerspricht Kai Stuht, der die Corona-Meditationen erfunden hat: Er wolle damit dazu beitragen, Konflikte zu überwinden.

Bleibt also abzuwarten, als was sich die "Ignorance Meditation" am Ende erweisen wird: tatsächlich als neue Protestform, die Ignoranz überwindet – oder doch bloß als Meditation der Ignoranten.

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