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StartseiteKultur heute"Die Suche nach Schuldigen hat eine lange Geschichte"01.03.2020

Corona-Epidemie"Die Suche nach Schuldigen hat eine lange Geschichte"

Beim Ausbruch von Epidemien suchen Menschen oft nach einem Sündenbock - das sei auch schon früher so gewesen, meint die Historikerin Andrea Wiegeshoff im Dlf. Auch Reaktionen wie Angst oder Panik habe es zum Beispiel beim Wiederaufleben der Pest im 19. Jahrhundert gegeben.

Andrea Wiegeshoff im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Das Foto zeigt einen gelben Zettel mit der Aufschrift "Krisenstab". (dpa-Bildfunk / Roberto Pfeil)
Der Umgang mit dem Corona-Virus - aus dem Blick einer Historikerin (dpa-Bildfunk / Roberto Pfeil)
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Hamsterkäufe, Mundschutzbestellungen und Streit um das letzte Desinfektionsmittel im Supermarkt: Die Corona-Epidemie löst bei manchen Menschen große Ängste aus. Angst und Panik - das seien Reaktionen, die Menschen auch schon früher im Angesicht von unbekannten Epidemien gezeigt hätten, berichtet die Historikerin Andrea Wiegeshoff im Deutschlandfunk. Wiegeshoff beschäftigt sich an der Uni Marburg speziell mit dem Thema Seuchenbekämpfung aus historischer Perspektive.

Auch bei wieder auftretenden Krankheiten zeigten Menschen diese Emotionen, so Wiegeshoff. Im späten 19. Jahrhundert sei zum Beispiel die Pest noch einmal pandemisch ausgebrochen und habe auch den europäischen Kontinent betroffen - das habe massive Angstreaktionen ausgelöst, weil diese Krankheit der "Schrecken des europäischen Mittelalters" gewesen sei.

Suche nach dem Sündenbock

Die Suche nach einem Schuldigen bei Krankheitsausbrüchen habe "leider eine sehr lange Geschichte", so Wiegeshoff. Die Epidemien seien dabei aber nicht unbedingt Auslöser für soziale Spannungen, die es vorher nicht gegeben habe, sondern Seuchenängste würden sich mit anderen Vorbehalten verbinden. 

Im Fall des Corona-Viruses werde zum Teil die ethnische Zugehörigkeit von Menschen mit der Idee gleichgesetzt, ein "Erregerreservoir" zu sein - vermehrt berichten chinesische oder asiatisch-aussehende Menschen über Diskriminierung wegen der Krankheit. Dieses Motiv reiche ebenfalls ins 19. Jahrhundert zurück, als noch einmal die Pest ausgebrochen sei. In den USA zum Beispiel seien damals chinesische Arbeiter für die Einschleppung von Seuchen verantwortlich gemacht worden - was sich aber mit der Sorge um Arbeitsplätze und Überfremdung verbunden habe.

Im Mittelalter sei Krankheit dagegen oft als "göttliche Strafe" gesehen worden. Insofern sei ein Lösungsansatz gewesen, vermeintlich moralisch verwerfliche Personen auszusondern und im schlimmsten Fall zu töten: "eine moralisch-spirituelle Reinigung, um Gott versöhnlich zu stimmen".

Quarantäne schon lange bekannt

Viele der Maßnahmen, die wir heute gegen Epidemien anwenden, haben laut Wiegeshoff ebenfalls schon eine lange Geschichte. Dazu gehöre zum Beispiel die Quarantäne - sie gehe schon zurück auf die Pest-Pandemie im europäischen Mittelalter. Die Isolierung von Erkrankten sei auch von Leprakranken bekannt.

Allerdings seien solche Isolierungen damals nicht versucht worden, weil man das Prinzip von Erregern und Ansteckung gekannt habe. Dieses Konzept sei sehr modern und erst aus dem 19. Jahrhundert näher bekannt, so Wiegeshoff. Stattdessen habe man zum Beispiel versuchen wollen, die Luft rein zu halten, oder im Beispiel der Judenprogrome im Mittelalter, die "moralische Verschmutzung durch Andersgläubige" beheben zu wollen.

Großangelegte Quarantäne-Maßnahmen demonstrierten auch staatliche Handlungsfähigkeit, meint Wiegeshoff - die Abschottung ganzer Städte in China zum Beispiel erscheine wie eine Demonstration, dass der Staat in dieser Krise reagieren könne.

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