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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Regeln sind einfach – mit ihnen zu leben, ist es nicht09.04.2020

Corona-ExitDie Regeln sind einfach – mit ihnen zu leben, ist es nicht

Sollte sich die Corona-Situation nach Ostern nicht verbessern, müsse die Rückkehr in die Normalität nochmal verschoben werden, kommentiert Marcus Pindur. Die Beschränkungen um zwei Wochen zu verlängern, das ginge – aber nach zwei Monaten erneut Ausgangssperren zu verhängen, das würde viele überfordern.

Von Marcus Pindur

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 Ein Piktogramm weisst an der Tür vom Standesamt im Rathaus von Greifswald auf den Verzicht des Händeschütteln hin. In der einstigen DDR war das Symbol des Händedrucks das Parteisignet der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands SED. Greifswald *** A pictogram on the door of the registry office in Greifswald town hall indicates that shaking hands is not allowed In the former GDR, the symbol of the handshake was the party logo of the Socialist Unity Party of Germany SED Greifswald Copyright: FrankxHormannx/xnordlicht (www.imago-images.de)
Dass dieser Zustand eines halben gesellschaftlichen Stillstands nur ein vorübergehender sein kann, dass war von vornherein klar, kommentiert Marcus Pindur (www.imago-images.de)
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Vor wenigen Wochen noch beeilten sich viele Politiker, ihren Tatendrang durch die Forderung nach möglichst weiten Ausgangssperren zu beweisen. Dann, kaum waren die Kontaktsperren eingeführt, begann bereits der Chor derjenigen anzuschwellen, die über eine Lockerung reden wollten. Weder das eine noch das andere war und ist falsch. Wer die Dynamik einer solchen Pandemie begreifen will, der muss Komplexität und Zweideutigkeit aushalten können. Zunächst einmal musste die Wachstumsrate der Neuinfektionen gebrochen werden.

Klage über angebliche Denkverbote aus der Luft gegriffen

Das geschah durch das Handeln der Bundesregierung - und der Bürger. Die Regeln sind einfach – mit ihnen zu leben, ist es nicht: Abstand halten, Kontakte minimieren, auch zu geliebten Familienmitgliedern, Risikogruppen isolieren. Viele Arbeitnehmer versuchen, unter widrigen Bedingungen den Laden am Laufen zu halten. Viele Arbeitgeber zeigen Verständnis und halten ihren Mitarbeitern die Stange.  

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Dass dieser Zustand eines halben gesellschaftlichen Stillstands nur ein vorübergehender sein kann, dass war von vornherein klar. Insofern ist die Klage über die angeblichen Denk- und Debattenverbote ziemlich aus der Luft gegriffen. Auch die Ungereimtheiten der Ausgangssperren – wer darf wo mit wem in welchem Abstand auf einer Decke im Park sitzen – diese Ungereimtheiten sind Nebenwidersprüche.

Ein Radfahrer mit Atemschutzmasker am Rheinboulevard in Köln. (picture alliance / Geisler Fotopress) (picture alliance / Geisler Fotopress)Corona-Pandemie - Wie Deutschland zur Normalität zurückkehren könnte
Noch mindestens bis zum 20. April befindet sich Deutschland im Corona-Stillstand. Doch bereits jetzt planen die Fachleute den Ausstieg. Welche Szenarien für den Exit spielen dabei eine Rolle? Wann kann die Rückkehr zur Normalität beginnen – und welche Risiken sind damit verbunden?

Die Bundeskanzlerin hat heute gesagt, was für sie in erster Linie handlungsleitend ist: Das deutsche Gesundheitssystem so zu schützen, dass Ärzte möglichst vielen Menschen das Leben retten können. Das ist richtig. Und das wurde höchstwahrscheinlich erreicht, soweit man das durch den Nebel der Pandemie-Daten erahnen kann.

Das Puzzle zusammensetzen

Sollte es nach Ostern noch nicht erreicht sein, dann muss die Rückkehr in die Normalität nochmal verschoben werden – so schwer es fällt. Jetzt die Beschränkungen um eine oder auch zwei Wochen zu verlängern, das ginge – nach einem oder zwei Monaten erneut Ausgangssperren zu verhängen, das würde viele überfordern. Bleibt die Frage, wann wir mit vorsichtigen Schritten wieder zurück in die Realität finden können. Bundeskanzlerin Merkel ließ heute erstmals eine solche Perspektive erkennen. Sollte sich der positive Trend verfestigen, dann will sie nicht nur auf den Rat der Virologen und Epidemiologen zurückgreifen, sondern auch auf den der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

Die Kanzlerin muss in der kommenden Woche, gemeinsam mit den Ministerpräsidenten, das Puzzle von Daten, Annahmen und Prioritäten zusammensetzen und zu einer Entscheidung kommen. Die Fakten, also die Anzahl der Toten, die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems und die weitgehende Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger legen nahe, dass Bundeskanzlerin Merkel bisher die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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