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StartseiteInterview"Die Menschen insgesamt sensibilisieren"20.02.2021

Corona-Hotspots im Norden"Die Menschen insgesamt sensibilisieren"

Er nehme die Stagnation der Corona-Zahlen sehr ernst, sagte Wolfgang Buschmann über seinen Kreis Schleswig-Flensburg, der den derzeitigen Hotspot der Stadt Flensburg quasi umrahmt. Eine Ausbreitung des Infektionsgeschehens auf seinen Kreis sollte mit den jetzigen Maßnahmen aber zu verhindern sein.

Wolfgang Buschmann im Gespräch mit Philipp May

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Verschärfte Corona-Maßnahmen in Flensburg (picture alliance/dpa/Frank Molter)
In Flensburg gelten zunächst für eine Woche nächtliche Ausgangsbeschränkungen, um die Ausbreitung von Corona-Mutanten zu stoppen (picture alliance/dpa/Frank Molter)
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In Flensburg werden nach Angaben von Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD) fast nur noch Corona-Infektionen mit der zunächst in England aufgetretenen Variante B.1.1.7 festgestellt. In den vergangenen Tagen seien in 80 Fällen Mutanten nachgewiesen worden, sagte Lange am Freitag. Für die Einwohner gelten wegen der hohen Zahl an Ansteckungen in der Stadt von Samstag an zunächst für eine Woche nächtliche Ausgangsbeschränkungen. Zudem sind private Treffen vorerst untersagt. Dänemark schließt aufgrund der Corona-Situation in Flensburg mehrere kleinere Grenzübergänge nach Deutschland.

Ein Polizeiauto steht in der Nacht an einer roten Ampel.    (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt) (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Deutschland im Schwebezustand
Grundschulen und Kitas sollen wieder öffnen, Friseure ab dem 1. März wieder arbeiten dürfen, Gastronomen und Hoteliers hoffen auf baldige Lockerungen: Experten sind jedoch besorgt über die sich schnell ausbreitenden Virus-Mutationen und erneut steigende Infektionszahlen.

Britische Mutation auch im Kreis Schleswig-Flensburg

Man habe nun auch im Kreis Schleswig-Flensburg zunehmend mit der britische Mutation zu tun. Warum sich die britische Variante ausbreite, sei hochspekulativ, sagte der Landrat des Kreises Schleswig-Flensburg, im Dlf. Es habe ein auffälliges Geschehen über die Grenze zu Dänemark hinweg zum Jahreswechsel gegeben, so Buschmann. Ab diesem Zeitpunkt habe das Infektionsgeschehen einen neuen Anschub erhalten.

Es sei sehr genau abzuwägen, wann eine Ausgangssperre verhältnismäßig sei. In einem Flächenkreis wie Schleswig-Flensburg sei ein solche Maßnahme schwer vermittelbar und würde vermutlich kaum Wirkung zeigen. Buschmann appellierte an die Vernunft der Bürgerinnen und Bürger.

Im Infektionszimmer für Covid-19-Patienten auf der Interdisziplinären internistischen Intensivtherapiestation (ITS) der Universitätsmedizin Rostock pflegt Uta Kautz einen Patienten im künstlichen Koma. Für die Mitarbeiter auf der Intensivstation ist nicht nur der psychische Druck groß, sondern auch die körperliche Belastung bei der Versorgung der Patienten. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Bernd Wüstneck) (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Bernd Wüstneck)Intensivmediziner:"Wir befürchten deutlichen Anstieg der Patientenzahl"
Trotz sinkender Infektionszahlen wurde der Lockdown verlängert. Richtig so, findet der Intensivmediziner Christian Karagiannidis. Denn man müsse damit rechnen, dass wegen der britischen Mutante die Patientenzahlen auf den Intensivstationen deutlich steigen, sagte er im Dlf.

Philipp May: Ist das schon die dritte Welle bei Ihnen?

Wolfgang Buschmann: Na ja, ich will jetzt nicht so weit gehen, in Wellen das Problem, das wir hier oben tatsächlich haben, zu bezeichnen. Aber ich nehme die relativ hohe Stagnation, die wir im Moment bei einem Wert, der immer zwischen 60 und 80 schwankt – Sie sagten es eben, heute liegen wir bei 78 –, das nehme ich schon sehr ernst. Daraus nun eine Welle zu erkennen, das würde mir ein Stück zu weit gehen, aber wir sollten alles daransetzen, damit daraus keine Welle wird.

May: Wie groß ist denn der Anteil bei Ihnen der britischen Variante? In Flensburg ist das ja schon die dominierende Variante, ist das bei Ihnen auch schon so?

Buschmann: Es ist ja so, dass wir jetzt alle Neuinfektionen, die einen PCR-Test auch abgelegt haben, natürlich auf die Variante über das Robert Koch-Institut prüfen lassen. Wir haben jetzt zunehmend, ich glaube, im Moment liegen wir um und bei 55 erkannten britischen Mutationen, so nenne ich sie einfach mal ganz lax, mit steigender Tendenz, dass gerade diese Variante auf dem Vormarsch ist. Das können wir hier sehr gut erkennen.

Anteil der Mutanten etwa bei über zehn Prozent im Flächenkreis

May: Wenn Sie sagen, 55 erkannte Mutationen, was ist das dann in Prozent, im Vergleich zu der Wildvariante, wie sie jetzt mittlerweile genannt wird.

Buschmann: Schwer zu sagen, weil wir wissen ja de facto gar nicht, wie stark die Wildvariante insgesamt vertreten ist. Wenn Sie damit jetzt das Testgeschehen, das sich bei uns abbildet, und daraus dann ja die Infektionen respektive die Mutanten ableiten lassen, dann kann ich Ihnen das so genau in Prozenten nicht sagen. Ich weiß nur, dass wir jetzt ganz aktuell noch positiv haben rund 400, genau sind es 395. Na ja, und wenn Sie davon rund 50 ins Verhältnis setzen, dann sind wir über 10 Prozent.

May: Wissen Sie, warum sich die Mutation ausgerechnet da oben im Norden bei Ihnen in und um Flensburg so stark ausgebreitet hat?

Buschmann: Hochspekulativ, aber wir können ja versuchen zurückzurechnen, wann wir einen Anstieg der Infektionen hatten. Und das war in der Tat im Zusammenhang auch mit dem Jahreswechsel und ein, zwei Wochen danach. Da ist ein auffälliges Geschehen über die deutsch-dänische Grenze hinweg durch Familienfeiern in Dänemark, an denen auch viele Deutsche teilgenommen haben beziehungsweise in Deutschland lebende Menschen teilgenommen haben, Großfamilienverbände. Ab diesem Zeitpunkt, so kann man sagen, hat vor allen Dingen auch in der Stadt Flensburg das Infektionsgeschehen neuen Anschub erhalten.

Ausgangssperren: "Eine Frage der Verhältnismäßigkeit"

May: Glauben Sie, es ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis es eine ähnliche Inzidenz gibt wie dann eben in Flensburg? Sie haben keine Ausgangssperre in Schleswig-Flensburg, im Umland?

Buschmann: Nein. Es ist ja auch immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Wir liegen in Flensburg jetzt bei 191. Da macht das durchaus Sinn, aber in einem Flächenkreis wie dem von Schleswig-Flensburg, da ist es schwer vermittelbar, wenn ich, ich sag' mal, im flachen Land sage, ihr dürft abends nach 21 Uhr nicht mehr vor die Tür gehen. Das muss man schon sehr genau abwägen, wann so ein harter Eingriff auch verhältnismäßig bleibt und als Mittel überhaupt Wirkung zeigt.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

May: Dennoch müssen wir konstatieren, Sie sind jetzt genauso wie alle anderen seit Monaten im Lockdown. Und Sie haben es gerade ja erklärt, seit Dezember, seit Ende Dezember, seit Weihnachten gehen die Fallzahlen hoch und nicht mehr runter. Muss man dann nicht zu dem Schluss kommen, der Lockdown, so wie er jetzt ist, hat bei Ihnen gar nichts mehr gebracht?

Buschmann: Na, nun muss man sehen, dass wir gerade auch im Wechsel von Januar auf Februar zwei größere Infektionsereignisse hatten in Alten- und Pflegeheimen, die in Bezug auf die Inzidenz dann noch einen ordentlichen Schub nach vorne brachten. Das kann man nun vielleicht nicht unbedingt mit den Wirkungen des Lockdowns insgesamt vergleichen und zum Wert und Maßstab nehmen. Aber insgesamt kann ich sagen, ja, Sie haben insofern recht, alldieweil es im Moment nach wie vor es stärker denn je gilt, dass wir uns auf das erinnern und daran festhalten, was uns eigentlich nur hilft: Das ist die Mund-Nasen-Bedeckung und Disziplin im Umgang mit dem Besuch von Veranstaltungen, bei Einkäufen, das Treffen von Menschen.

"Aufschub der Lockerung mit Landesregierung vereinbart"

May: Also Sie glauben tatsächlich noch, mit den jetzigen Mitteln, mit den jetzigen Maßnahmen kann man ein Überschwappen der hohen Infektionszahlen von Flensburg auf die Nachbarkreise verhindern?

Buschmann: Ja, ich glaube das. Ich glaube das, wenn wir die Menschen insgesamt sensibilisieren, auch natürlich und insbesondere in Schleswig-Holstein, wenn sich nämlich das Ausbruchsgeschehen von Norden Richtung Süden fortsetzen soll, dann geht das ja nur über die Nachbarkreise im Süden. Wir tun ja auch alles schon dafür, dass wir sensibilisieren, indem wir offen auch darüber diskutieren und berichten, was hier im Norden passiert, um alle Menschen stärker zu sensibilisieren als noch vorher, nämlich sich diszipliniert zu verhalten und mit Mund-Nasen-Bedeckung durch die Welt zu gehen.

May: Aber jetzt sollen eigentlich bei Ihnen die Schulen wieder öffnen ab Montag, also es wird ja eher gelockert.

Buschmann: Wir haben allerdings bei uns in Schleswig-Flensburg zusammen mit der Landesregierung noch einen weiteren Aufschub der Lockerung vereinbaren können, das heißt, wir haben weiterhin Distanzunterricht und nur eine Notbetreuung in den Kitas bis einschließlich 28. Februar - mit Verlängerungsoption. Das heißt, wir sind noch nicht auf dem Weg zur Normalität, wie sie in anderen Kreisen jetzt gelebt werden wird ab Montag.

May: Herr Buschmann, Sie haben gerade schon gesagt, Sie glauben, der Eintrag der Virusvariante kommt aus Dänemark, dort ist die Mutation schon die vorherrschende Variante. Können Sie nachvollziehen, warum jetzt ausgerechnet Dänemark einige Grenzübergänge wegen der Virusvariante nach Deutschland abgeriegelt hat? Ist das mit Ihnen abgesprochen?

Buschmann: Nein, solche Absprachen erfolgen gemeinhin auch auf anderer Ebene als auf Landkreisebene, aber wir jedenfalls haben jetzt insofern reagiert, alldieweil wir jetzt, auch ich, über eine Allgemeinverfügung auf der Grundlage von Bundesgesetzen – ich allein kann die Grenze ja nicht dichtmachen – verfügt habe, dass jetzt auch Einreisende aus Dänemark einen entsprechenden Test vorzulegen haben, der nicht älter sein darf als 72 Stunden. Sodass wir auch im Austausch der Grenzpendler über die Grenze, also im Austausch von Menschen diesseits und jenseits der Grenze, die Verkehre reglementieren und nicht unbedingt attraktiv machen.

Keine Abriegelung der Landkreise

May: Nationale Grenzen, das ist ja nur das eine, es klang auch gerade im Beitrag schon durch. Es geht ja auch jetzt um Grenzen von Landkreisen, die Sorge eben oder die Befürchtung von Landkreisen mit niedrigen Inzidenzen, dass dann dementsprechend es regelrecht einen Tourismus gibt aus Landkreisen mit höheren Inzidenzen, weil man da dann mehr darf. Wie machen Sie das? Flensburg, haben wir gesagt, Richtung 200, Sie gehen Richtung 100, der Kreis Dithmarschen, an den Sie ja auch grenzen im Süden, liegt bei 20 oder unter 20 sogar. Kommt es da dann auch irgendwann zu gegenseitigen Abriegelungen beziehungsweise hier geht es nur weiter mit Test oder Ähnliches?

Buschmann: Nein, das kann ich nicht erkennen. Wir könnten das auch gar nicht durchhalten. Wir könnten das auch nicht, ich sag' mal, reglementieren beziehungsweise sanktionieren, wenn es Übertritte von einem Kreis in den nächsten gebe. Wir müssen verstärkt auf die Menschen hoffen, dass sie eben sich diszipliniert verhalten. Anders wird es nicht gehen.

May: Glauben Sie an Lockerungen, wie auch immer die aussehen werden bis Ostern?

Buschmann: Ja, natürlich glaube ich daran, aber ob mein Glaube uns dann weiterhilft, das lass' ich mal dahinstehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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