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StartseiteForschung aktuellForscher: Re-Infektion eines Hongkongers vorerst nicht besorgniserregend25.08.2020

Corona-ImmunitätForscher: Re-Infektion eines Hongkongers vorerst nicht besorgniserregend

Meldungen aus Hongkong schüren Ängste vor der Möglichkeit einer Corona-Zweitinfektion. Dortige Forscher haben demnach zum ersten Mal einen Fall dokumentiert, bei dem sich ein Patient erneut mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 angesteckt hat. Für sichere Bewertungen ist es allerdings zu früh.

Von Michael Lange

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Menschen mit Mund-Nasen-Schutz auf einer Geschäftsmeile in Hongkong (dpa/Sputnik/Miguel Сandеla)
Auch aus Belgien und den Niederlanden gibt es noch unbestätigte Berichte über sogenannte Reinfektionen (dpa/Sputnik/Miguel Сandеla)
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Was ist über Hongkonger Patienten, der sich angeblich zum zweiten Mal infiziert hat, bekannt?

Ärzte der Universitätsklinik in Hongkong haben berichtet, dass ein 33jähriger Mann aus Hongkong bereits im März positiv auf SARS CoV-2 getestet wurde. Er klagte über Halsschmerzen, Husten und etwas Fieber. Aber die Symptome blieben schwach und er wurde schnell wieder gesund. Nach der Infektion wurde er zweimal negativ getestet. Dann untersuchten die Ärzte sein Blut auf Antikörper gegen das Virus, fanden aber keine Antikörper. Das kommt bei milden Krankheitsverläufen öfters vor. Als der Mann vor kurzem von einem Spanien-Urlaub nach Hongkong zurückkehrte, wurde er erneut positiv getestet. Zum zweiten Mal im Abstand von über vier Monaten. Bei dieser zweiten Infektion wurden keinerlei Symptome beobachtet.

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Ob Corona-Genesene Monate, Jahre oder nur Wochen vor einer erneuten Ansteckung geschützt sind, ist noch unklar. Trotzdem lassen sich schon Konsequenzen aus den bisherigen Erkenntnissen ziehen.

Ist bekannt, ob der Mann sich wirklich zweimal angesteckt hat? Es könnte ja auch ein Wiederaufflammen der ersten Infektion gewesen sein.

Die Ärzte aus Hongkong haben nach eigenen Angaben beide Male die Viren isoliert und genetisch untersucht. Das Ergebnis war eindeutig: Es handelte sich um zwei unterschiedliche Virusstämme. Demnach hat sich der Mann zweimal infiziert. Dennoch muss man vorsichtig sein bei der Interpretation, schließlich handelt es sich um einen Einzelfall. Bei Millionen anderer Infizierter kam es nicht zu einer Zweitinfektion.

Möglicherweise ist es aber doch kein Einzelfall. Kurz nach der Meldung aus Hongkong berichteten Virologen aus Belgien und in Niederlanden über zwei weitere Fälle einer zweiten Infektion. Dazu gibt es noch keine nachprüfbaren Daten. Die Informationen stammen aus Radiointerviews im belgischen und im niederländischen Rundfunk. In den Niederlanden hatte sich demnach ein Patient mit einem geschwächten Immunsystem zum zweiten Mal infiziert. Das Beispiel aus Belgien ähnelt anscheinend dem zweifach Infizierten aus Hongkong.

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Bad Feilnbach war im Frühjahr Corona-Hotspot. Einer RKI-Studie zufolge sind bei 40 Prozent der Infizierten keine Antikörper mehr nachweisbar. Ob man daraus eine geringe Immunitätsdauer ableiten könne, sei ungewiss, sagte Projektleiterin Santos-Hövener im Dlf.

Wie werden diese Einzelfälle in der Fachwelt aufgenommen? Müssen die Virologen jetzt umdenken, was einen dauerhaften Immunschutz angeht?

Nein. Zum einen sind es nach wie vor Einzelfälle, die zunächst sorgfältig untersucht werden müssen. Zum anderen stehen sie keinesfalls im Widerspruch zu früheren Ergebnissen. Gerade bei Virusinfektionen der Lunge ist es nichts Besonderes, wenn das gleiche oder ein ähnliches Virus später noch einmal den gleichen Patienten befällt.

Die Virologin Akiko Iwasaki von der Yale-University erklärte gegenüber der New York Times: "Die zweite Infektion ist ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch." Nach der ersten Infektion erfolgt eine schwache Reaktion des Immunsystems. Die Antikörper verschwinden wieder aus dem Blut und können eine zweite Infektion nicht verhindern. Die Erinnerung an die erste Infektion bleibt aber im Immungedächtnis der T-Zellen erhalten. Dieses Immungedächtnis in den weißen Blutzellen kann die zweite Infektion zwar nicht verhindern, aber es hilft bei der Virusabwehr und verhindert schlimme Symptome. Deshalb verläuft die zweite Infektion milder als die erste. Genau so war es beim zweifach infizierten Patienten aus Hongkong. 

Ist der mangelnde Immunschutz verantwortlich für die zweite Infektion, oder kann es sein, dass die Viren sich so stark verändert haben, dass das Immunsystem die Viren nicht mehr erkennt?

Beides könnte zusammenspielen. Dass der Immunschutz auch nach einer Infektion oder auch nach einer Impfung nicht zu 100 Prozent schützt, ist nichts Neues – und wurde bei vielen Krankheiten beobachtet. Auch die Dauer des Schutzes ist oft begrenzt. Ob auch Mutationen des Virus eine Rolle spielen, ist noch unklar. Das hängt davon ab, wie stark sich die beiden Virusstämme unterscheiden. Hier sind weitere Forschungen unbedingt notwendig.

Falls sich die Informationen bestätigen und weitere Reinfektionen auftreten, was bedeutet das für die Idee von einem Immunitätspass?

Ein Immunitätspass macht wenig Sinn, denn wir wissen nicht, wie gut der Immunschutz nach einer Infektion wirklich ist. Unklar war und ist außerdem, wie lange ein solcher Immunschutz anhält. Die gleichen Argumente sprechen auch gegen Planspiele einer Herdenimmunität. Es könnte sein, dass eine Herdenimmunität nur wenige Monate anhält. Viele epidemiologische Daten sprechen gegen dieses Konzept – unabhängig davon, wie oft es zu Zweitinfektionen kommt oder nicht.

Könnte das gleiche auch für zukünftige Impfungen gelten, so dass nach der Impfung erneut Infektionen auftreten?

Wie lange ein Impfschutz anhält und wie sicher er überhaupt ist, wissen wir erst nach Abschluss von Phase 3-Studien mit über 10.000 Probanden über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Und selbst danach können wir nicht sicher sein, wie lange der Impfschutz wirkt. Es bleibt dabei: Wir müssen das Virus weiter bekämpfen und abwarten.

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