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StartseiteKommentare und Themen der WocheSpitzentreffen ersetzen keine Strategie01.02.2021

Corona-Impfgipfel in BerlinSpitzentreffen ersetzen keine Strategie

Die unterschiedlichen Herausforderungen der Pandemie verlangten mehr als einen Impfgipfel, kommentiert Johannes Kuhn. Ständige Planung und Vorausschau seien gefragt. Daran habe es hierzulande in den vergangenen Monaten aber häufiger gemangelt.

Ein Kommentar von Johannes Kuhn

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Ein Polizeifahrzeug steht vor dem beleuchteten Bundeskanzleramt (picture alliance/dpa/ Dorothée Barth)
Nach wochenlangen Problemen bei der Lieferung von Corona-Impfstoff sind Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder am Montag (01.02.20)zu einem Impfgipfel zusammengekommen (picture alliance/dpa/ Dorothée Barth)

Die beste Nachricht des Impfgipfels sickerte schon vor den Gesprächen durch: Die Bundesregierung rechnet damit, dass Deutschland im zweiten Quartal 77 Millionen Impfdosen bekommt, im Sommer sogar 126 Millionen. Ein Versprechen ist das wohlgemerkt nicht: Zulassung, Produktion und Lieferung verlaufen nicht immer wie geplant, wie die vergangenen Wochen zeigen.

  (Imago Images | Zuma Wire) (Imago Images | Zuma Wire)Impfstoff-Produktion - ​"Aus jeder Herstellungsstätte muss dieselbe Qualität geliefert werden" Dass AstraZeneca Probleme habe, den Corona-Impfstoff in ausreichenden Mengen zu produzieren, verwundere ihn nicht, sagte Andreas Neubert vom Biopharmakonzern IDT im Dlf. Im Vordergrund stehe die gleichbleibende Qualität aller Chargen.

Während die Impfkurve im Frühjahr endlich steiler ansteigen könnte, droht dann womöglich woanders Knappheit: Nämlich beim Vertrauen der Bevölkerung. Denn eine Impfquote, die derzeit zwischen 1,8 Prozent in Niedersachsen und 3,5 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern liegt, die ist nicht nur im Vergleich mit Israel oder Großbritannien ziemlich dürftig. Verantwortung wurde in den vergangenen Tagen selten übernommen, aber gerne zugewiesen. Der EU-Kommission, dem Koalitionspartner, föderaler Fehlplanung, der Pharma-Branche oder auch unabwägbaren Produktionsentwicklungen.

Fröhliches Schwarze-Peter-Spiel in Sachen Verantwortung

All das hat seine Berechtigung, und es ist auch noch zu früh für ein endgültiges Urteil, wem welche Verantwortung zukommt. Aber das fröhliche Schwarze-Peter-Spiel hinterlässt den Eindruck, dass es in dieser unangenehmen Phase von Lockdown und Impfstau an politischer Verantwortungsbereitschaft fehlt. Und auch ein Impfgipfel kann strategische Planung nicht ersetzen. Die fehlt hierzulande insgesamt, man fährt auf Sicht. Als Bund und Länder zuletzt die Corona-Maßnahmen verschärften und nach einer Langfrist-Strategie gefragt wurden, antworteten sie schlicht: die Impfung der Bevölkerung. Wer sonst nichts anzubieten hat, muss sich nicht wundern, bei Problemen doppelt Minuspunkte zu kassieren.

  (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht Die EU-Behörde EMA hat bisher drei Stoffe zugelassen – von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca. Wie sie wirken und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.

Die strategischen Versäumnisse der bisherigen Corona-Politik sind bekannt: Stufenpläne für Öffnungen, Sommer-Vorbereitungen auf ein Corona-Schulwesen, Bevölkerungsstichproben, funktionierende und flächendeckende Schnelltest-Strategien, detaillierte wissenschaftliche Studien zu Übertragungswegen. All das wurde nicht oder nur schleppend angegangen. Das sollte sich beim Impfen nicht wiederholen: Denn erste Laborstudien deuten darauf hin, dass sich die Impfstoff-Wirkung bei der südafrikanischen Corona-Variante verringert. Doch es gibt angesichts ständiger Virus-Veränderungen auch Szenarien, in denen Impf-Auffrischungen alleine nicht genügen würden. Die Gefahr einer Mutante, die Resistenzen entwickelt, ist real.

Es liegt nicht nur an der Unberechenbarkeit des Virus

Eine vorausschauende Impf-Strategie muss dagegen gewappnet sein. Konkret heißt das: Schnelle Zulassungsprozesse für leicht veränderte Impfstoffe. Optimierte Liefer-, Produktions- und Verteilungssysteme, um schnell und ausreichend nachzuimpfen - also auch in den nächsten Jahren Produktionskapazitäten, Impfzentren und Freiwillige, die kurzfristig aktivierbar sind.

Das alles braucht mehr als einen Impfgipfel, nämlich ständige Planung und Vorausschau. Daran mangelte es hierzulande in den vergangenen Monaten häufiger. Und die Unberechenbarkeit des Corona-Virus ist dafür nicht der einzige Grund. 

Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Johannes Kuhn (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Johannes Kuhn, Jahrgang 1979, hat Anglistik und Germanistik in Würzburg und Jyväskylä studiert. Nach der Volontärsausbildung an der Berliner Journalisten-Schule (BJS) arbeitete er zunächst als Redakteur bei ZEIT Online in Hamburg und Berlin. Danach gut zehn Jahre für die "Süddeutsche Zeitung" (Online und Print) tätig, unter anderem zwischen 2014 und 2019 als freier Korrespondent im Westen der USA. Seit Sommer 2019 freier Korrespondent im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios. Schwerpunktthemen: Digitalpolitik und gesellschaftliche Digitalisierung sowie die Partei Die Linke.

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