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Corona-ImpfreihenfolgenWenn die Vordrängelei System hat, muss die Kommunalaufsicht her

Bußgelder bei Verstößen gegen die Corona-Impfreihenfolge seien der falsche Weg, kommentiert Niklas Ottersbach. Eine Strafandrohung erhöhe die Unsicherheit in den Impfzentren und Impfstoffreste landeten im Zweifel sofort im Müll. Es brauche echte Transparenz und einen Plan für Impfstoffreste.

Ein Kommentar von Niklas Ottersbach

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Ein Mann geht an einer blauen Wand vorbei, auf der eine stilisierte Spritze abgebildet ist. (picture alliance / KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)
Es sei eine Frage des Anstands, sich des privilegierten Zugangs zum knappen Impfstoff bewusst zu werden, kommentiert Niklas Ottersbach (picture alliance / KEYSTONE / ALEXANDRA WEY)
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Erst kommt das Impfen, dann die Moral. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man auf die Verstöße gegen die Impfreihenfolge in Deutschland guckt. Nach dpa-Recherchen ist das in 9 von 16 Bundesländern geschehen. Wir reden hier also von einem flächendeckenden Problem.

Nicht falsch verstehen: ich bin schon für pragmatische Lösungen, wenn ein paar aufgezogene Spritzen mit Corona-Impfstoff übrigbleiben. Aber dass in diesen Fällen ausgerechnet diejenigen zugreifen, die einen privilegierten Zugang haben, hat ein Geschmäckle. Zumal es ja viele Landkreise schaffen für genau solche Fälle Listen mit über 80-Jährigen anzulegen. Es ist also kein Naturgesetz, dass der Bürgermeister abends in die Spritze stolpert.

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer. Eine Krankenschwester im UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, zieht die Subsatnz aus einem Gläschen in eine Spritze. Zu sehen ist nur ihre mit einem blauen Handschuh geschützte Hand. (dpa/AP/Hector Amezcua) (dpa/AP/Hector Amezcua)Was Sie über die Corona-Impfung wissen müssen
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Und jetzt kommen wir aus meiner Sicht zum viel größeren Problem: Der Umgang mit der Krise. Es wäre ja etwas ganz anderes, wenn ein Landrat, der sich vorzeitig impfen lässt, damit an die Öffentlichkeit geht und sagt: "Leute, ich habe das jetzt hier gemacht, weil der Impfstoff sonst verfallen wäre. Wir überlegen, wie wir das besser organisieren."

Eine Frage des Anstands

Stattdessen wird erst verheimlicht und dann gemauert. Gut zu besichtigen derzeit in Halle an der Saale: Dort hat sich der Oberbürgermeister vorabimpfen lassen. Erst war das für ihn Privatsache, dann nannte er kritische Nachfragen eine "Hexenjagd". Die entscheidenden Fragen nach dem System der Vorab-Impfung lässt er ins Leere laufen. Das ist der eigentliche Skandal.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Und die Konsequenz? Bußgelder halte ich für den falschen Weg. Denn eine Strafandrohung erhöht die Unsicherheit in den Impfzentren. Dann landet der Impfstoffrest im Zweifel sofort im Müll. Nein, es geht um echte Transparenz. Wer wird wann angerufen wenn Impfstoff über ist? Und wenn die Vordrängelei System hat, dann muss die Kommunalaufsicht her. Genau das wird übrigens gerade in Sachsen-Anhalt geprüft.

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Und für die anderen Fälle: Da ist es eben eine Frage des Anstands, sich zumindest des privilegierten Zugangs zum knappen Impfstoff bewusst zu werden. Kommen dann vom Politiker nur Phrasen – und hier gendere ich bewusst nicht, denn es sind ja überwiegend Männer die sich vordrängeln – ja dann hilft nur noch eins: die Antwort an der Wahlurne geben.

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