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StartseiteForschung aktuellImpfrisiken im Faktencheck19.11.2020

Corona-ImpfstoffImpfrisiken im Faktencheck

Mehrere Hersteller haben vielversprechende RNA-Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 vorgelegt, die jetzt auf Zulassung warten. Aber wie sieht es mit Nebenwirkungen aus? Und was bedeutet es, dass dem Körper dabei Bestandteile von Virus-Erbgut gespritzt werden? Ein Überblick, was die Forschung bislang weiß.

Christine Westerhaus im Gespräch mit Christiane Knoll

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RNA, Illustration (imago images / Science Photo Library)
Erste Corona-Impfstoffe funktionieren über sogenannte Messenger-RNA, Bruchteile von Viruserbgut (imago images / Science Photo Library)
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Viele klassische Impfstoffe funktionieren über eine Injektion abgeschwächter Erreger(-teile). Erste Impfstoffe gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 arbeiten dagegen mit Messenger-RNA (Boten-Genmaterial), also mit Teilen von Virus-Erbgut. Der Körper wird dazu gebracht, selbst Virusproteine herzustellen. Mit ihrer Hilfe erlernt das Immunsystem eine Immunantwort, ohne den Verheerungen einer Viruserkrankung ausgesetzt zu sein.

Eine Krankenschwester bereitet eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff-Kandidaten von Moderna vor. (dpa / AP Photo / Hans Pennink) (dpa / AP Photo / Hans Pennink)Wie mRNA-Impfstoffe funktionieren und wirken Eine 95-prozentige Wirksamkeit versprechen Biontech/Pfizer und Moderna für die von ihnen entwickelten Corona-Impfstoffe. Beide Vakzine basieren auf mRNA. Was dieses Impfstoffkonzept attraktiv macht und welche Risiken damit verbunden sind – ein Überblick.

Virus-Erbgut im Körper - manche Menschen verunsichert diese Vorstellung. Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass das menschliche Erbgut dadurch verändert wird, die Frage nach der Sicherheit der Impfstoffe ist natürlich relevant. Und seltene Autoimmun-Wechselwirkungen können nicht vollständig ausgeschlossen werden. Hier der Faktencheck.


Landet die m-RNA aus dem Corona-Impfstoff in unserem Erbgut?

Nein. Die m-RNA enthält nur die Bauanleitung für bestimmte Viruseiweiße. Die Körperzellen nutzen diese Vorlage dann, um Virusproteine herzustellen. Die RNA gelangt gar nicht erst in den Zellkern, wo die Erbsubstanz der Körperzellen liegt. Der Zellkern ist durch eine eigene Membran von der Zelle abgetrennt. Diese kann die RNA nicht von sich aus durchdringen.

Die Zellen des menschlichen Körpers können eine RNA nicht in eine DNA umwandeln. Bestimmte Viren können das zwar, aber dem menschlichen Körper fehlen die Enzyme, die dazu nötig wären. Mehrere Forscher sagen, es ist ausgeschlossen, dass sich die bei der Impfung verabreichte RNA in das menschliche Erbgut einbauen könnte. 

Könnte die gespritzte m-RNA andere Zellen beeinflussen?

Auch das halten Forscher für ausgeschlossen. Das passiert mit körpereigener RNA im Übrigen auch nicht. Der Körper produziert ständig m-RNA für jedes Protein, das er gerade braucht. Diese Bauanleitungen werden von den Zellen dann relativ schnell wieder abgebaut.

Das passiert auch mit den RNA-Molekülen, die bei einer Impfung gegeben werden. Diese sind ziemlich instabil. Das ist wohl auch der Grund, warum diese Impfstoffe bei sehr tiefen Temperaturen gelagert werden müssen. Der Impfstoff der Firma Biontech beispielsweise muss bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Wettlauf um den Corona-Impfstoff
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Bisher wurden nur leichte Nebenwirkungen beobachtet, Rötungen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen, leichtes Fieber. Welche könnten darüber hinaus auftreten?

Bislang gibt es keine Erfahrungen mit RNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten. Der Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von der Berliner Charité sagt, dass Autoimmunreaktionen des Körpers bei Impfungen grundsätzlich ein Problem sein können. Autoimmunreaktionen sind quasi Angriffe des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen; der Körper greift sich selbst an, weil er körpereigene Strukturen für Fremdkörper hält, die er bekämpfen muss.

Dieses Phänomen kann auftreten, wenn bestimmte Virusproteine oder auch Bestandteile in bestimmten Impfstoffen zufällig eine sehr ähnliche molekulare Struktur haben wie ein körpereigener Rezeptor oder Ähnliches. Wenn jemand mit solchen ähnlichen Eiweißen geimpft wird, kann es passieren, dass das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen scharfgemacht wird. Der Körper greift dann nicht nur das Virus, sondern auch sich selber an. Das will man natürlich unbedingt vermeiden.

RNA-Impfstoffe sind hier aber nicht per se gefährlicher als beispielsweise Impfungen, bei denen Virusproteine oder abgestorbene Viren verabreicht werden. Autoimmunreaktionen können ganz allgemein bei Impfungen nicht ganz ausgeschlossen werden. Auch bei Virusinfektionen selbst können sie vorkommen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Kann man Autoimmun-Wechselwirkungen vorhersagen?

Leider nicht. Das kann man eigentlich nur durch klinische Studien mit sehr vielen Teilnehmern und sehr lange Beobachtungszeiträume herausfinden.

Man muss dazu sagen, dass solche Nebenwirkungen extrem selten sind. Bei der Schweinegrippe hat der Impfstoff Pandemrix bei Menschen mit einem sehr speziellen genetischen Merkmal zu Narkolepsie geführt, einer Art Schlafkrankheit. Bei etwa 60 Millionen weltweit verabreichten Impfstoffdosen gab es etwa 1.300 Fälle, in denen Menschen eine Narkolepsie entwickelt haben.

Das heißt, selbst wenn man 100.000 Menschen vorher getestet hätte, wäre diese Nebenwirkung möglicherweise nicht aufgefallen. Sie trat zudem zeitversetzt auf. Manche Menschen haben erst Jahre später einen Zusammenhang zwischen ihrer Müdigkeit und der Impfung hergestellt.

Die Zulassungsbehörden verlangen eine Nachbeobachtungszeit von zwei Monaten. Müsste die nicht viel länger sein?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Natürlich wäre es für die Sicherheit des Impfstoffs immer besser, wenn man mehr Menschen testet und länger nach der Impfung beobachtet, um mögliche Nebenwirkungen besser ausschließen zu können. Doch das würde bedeuten, dass es länger dauern würde, bis die allgemeine Bevölkerung geimpft werden kann.

Hier sagen Medizinerinnen und Mediziner, dass das Risiko eines schweren COVID-19-Verlaufs oder bleibender Organschäden höher ist als die Gefahr, dass die Impfung zu schweren, bislang in Studien nicht aufgetretenen Nebenwirkungen führt. Das muss man gegeneinander abwägen.

Eines sollte nach Ansicht des Impfstoffforschers Leif-Erik Sander ganz klar diskutiert werden: Sollte man Kinder und Jugendliche impfen? Da eine Infektion mit SARS-CoV-2 bei ihnen meist harmlos verläuft, sollte da abgewogen werden.

Anmerkung der Redaktion: Für dieses Kollegengespräch hat die Autorin mit Prof. Leif Erik Sander von der Charité in Berlin und Prof. Carlos Guzman vom HZI in Braunschweig gesprochen.

Weitere Quellen:

http://www.charite-inflab.de/sander-lab/

https://www.helmholtz-hzi.de/en/research/research-topics/immune-response/vaccinology-and-applied-microbiology/carlos-a-guzman/

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/warum-mrna-impfstoffe-nicht-das-erbgut-veraendern-121972/

https://www.presseportal.de/pm/133833/4600371

https://stm.sciencemag.org/content/7/294/294ra105

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