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StartseiteInterviewVirologin Addo: Nicht genügend Herstellungskapazitäten16.06.2020

Corona-ImpfstoffVirologin Addo: Nicht genügend Herstellungskapazitäten

Bei der Impfstoff-Entwicklung gegen das Coronavirus habe sich wahnsinnig viel getan, sagte die Virologin Marylyn Addo im Dlf. Wenn ein wirksamer Impfstoff gefunden werde, müsse er in großen Mengen hergestellt werden. Doch dazu fehlten die Herstellungskapazitäten.

Marylyn Addo im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Die Leiterin der Infektiologie, Professor Dr. Marylyn Addo, spricht während einer Pressekonferenz am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg.   (picture-alliance/dpa-Pool/Ulrich Perrey)
Die Hamburger Virologin Marylyn Addo hat sich optimistisch über die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus gezeigt. (picture-alliance/dpa-Pool/Ulrich Perrey)
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Trotz Corona-App, trotz sinkender Infektionszahlen – die Pandemie ist nicht besiegt, weder in Deutschland, noch im Rest der Welt. Entwarnung wird es erst geben, wenn ein Impfstoff entwickelt und flächendeckend zur Verfügung steht. Weltweit wird deshalb mit großem Aufwand geforscht, auch in Deutschland. Auch die Virologin Marylyn Addo forscht an einem Impfstoff. Sie ist Leiterin der Sektion Infektiologie am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.

Stefan Heinlein: Wir haben uns Anfang März bereits hier im Deutschlandfunk unterhalten über die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes. Damals haben Sie gesagt, frühestens Ende 2021 werde der flächendeckende Einsatz möglich sein. Bleibt es bei Ihrer Einschätzung, mindestens 18 Monate müssen wir noch warten, bis es einen Impfstoff gibt?

Marylyn Addo: Da ist vor allem das Wort flächendeckend das Geheimnis. Momentan sind ja über 100 Konsortien unterwegs, die an einem Impfstoff forschen. Davon sind ungefähr zehn schon in der klinischen Prüfung und da hat sich wahnsinnig viel schon getan. Es gibt schon die ersten Ergebnisse aus klinischen Prüfungen an Menschen, wo gezeigt wurde, dass einige Impfstoffe gut verträglich sind und auch Antikörper-Antworten induzieren. Jetzt kommt ja der große nächste Schritt, in dem getestet werden muss, wirkt der Impfstoff oder schützt der vor Infektionen, sind diejenigen, die geimpft sind, geschützt vor der Infektion. Diese Art von Daten erwarten wir in der zweiten Hälfte des Jahres von den ersten Impfstoff-Kandidaten. Wenn dieser Beweis geführt ist, dass einer von diesen Impfstoffen einen guten Schutz zeigt, dann kann eine Notfall-Zulassung vielleicht schon früher erfolgen, Ende des Jahres oder Anfang 2021. Aber wenn wir sagen flächendeckend, heißt das ja Millionen von Dosen für viele, viele Bürger in Deutschland und in der Welt, und da sind einfach die Herstellungskapazitäten oft limitierend. Daher denke ich schon, zweite Hälfte des Jahres.

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Früh mit der Konstruktion von Impfstoff-Kandidaten begonnen

Heinlein: Es geht wahnsinnig gut voran, Frau Professor Addo, haben Sie gesagt. Das klingt sehr optimistisch. Geht es schneller, geht es besser voran, als Sie noch vor drei Monaten gehofft hatten?

Addo: Ja, das Tempo ist wirklich erstaunlich. Ich glaube, da sind sich alle Wissenschaftler einig. So schnell ist es noch nie gegangen. Das ist mehreren Gründen geschuldet. Zum einen wurde die Virus-Sequenz ja sehr früh veröffentlicht. Es konnte sehr früh begonnen werden mit der Konstruktion von Impfstoff-Kandidaten. Jetzt sind diese schon so früh wie März in der klinischen Prüfung gewesen, von quasi der Entdeckung eines Erregers bis zum ersten Test am Menschen in drei Monaten. Das hat es einfach noch nicht gegeben bisher.

"Keiner kann realistisch sagen: Wir werden einen Impfstoff haben"

Heinlein: Es gibt aber auch Stimmen Ihrer Kollegen, die sagen, möglicherweise werde es niemals einen effektiven Impfstoff gegen das Corona-Virus geben. Warum sind Sie optimistischer?

Addo: Ich habe bisher ja auch gesagt, dass die Impfstoff-Entwicklung so schnell vorangeschritten ist wie noch nie, und ich bin auch weiterhin optimistisch. Aber dennoch gibt es in der Biomedizin nie Garantien. 100 Prozent, wir werden einen Impfstoff haben, das kann keiner realistisch sagen.

Es gibt aber jetzt schon die ersten Daten dazu, dass zumindest die Impfstoffe, die getestet werden, bisher verträglich sind, und auch das, was wir machen wollen, Antikörper-Antworten oder Immun-Antworten auch induzieren. Ob diese jetzt schützen, das wird der große Beweis sein, der geführt werden muss, und daran werden sich diese Impfstoffe messen müssen.

Versuch: Mit dem Impfstoff quasi die Natur nachzubilden

Heinlein: Es gibt ja Plagen der Menschheit wie Aids, Tuberkulose oder Malaria, da schaffen es die Forscher seit Jahrzehnten nicht, einen effektiven Impfstoff zu entwickeln. Könnte es tatsächlich bei Corona ähnlich sein?

Addo: Wir haben natürlich für diese ganz schwierigen Erkrankungen noch keine Impfstoffe. Das sind die härtesten Nüsse, die wir als Wissenschaftler knacken müssen. Aber man muss ja sagen: Wir versuchen, mit einem Impfstoff quasi die Natur nachzubilden. Wenn ein Corona-Infizierter infiziert ist, sind es ungefähr 14 Tage und bei den meisten heilt dann die Infektion aus. Das ist ja für HIV, also Aids ganz anders. Wenn jemand mit HIV infiziert wird, dann gibt es keine natürliche Immunität. Insofern können wir da der Natur nichts versuchen nachzumachen, weil es das in der Natur nicht gibt, und das macht es natürlich ungleich schwieriger. Bei HIV kommt noch dazu, dass das Virus das Immunsystem betrifft. Das kann man, glaube ich, nicht eins zu eins vergleichen. Ich würde das eher vergleichen mit dem Grippe-Impfstoff. Für respiratorische Erreger haben wir bisher noch nicht so viele gute Impfstoffe gemacht, außer dem Grippe-Impfstoff, und der ist natürlich nicht so wirksam wie zum Beispiel ein Masern-Impfstoff. Vielleicht müssen wir uns auf so was einstellen.

SARS-CoV-2 ist "ein ganz anderes Virus als das Grippevirus"

Heinlein: Könnte es sein, dass wie bei der Grippe der Impfstoff jedes Jahr neu angepasst werden muss?

Addo: Nein, das meinte ich damit nicht. Da sind sich die Wissenschaftler momentan auch einig, dass das momentan nicht abzusehen ist für Corona, dass wir so einen saisonalen Impfstoff brauchen. Das ist ein ganz anderes Virus als das Grippe-Virus, das wirklich von Saison zu Saison sich neu zusammensetzt, und dann muss man dem hinterherentwickeln. Das ist für das neue Corona-Virus nicht vorgesehen. Man muss natürlich die Mutation beobachten, aber das wird anders sein.

Nicht genug Herstellungskapazitäten

Heinlein: In einigen deutschen Medien – ich weiß nicht, ob Sie es heute schon gelesen haben – lautet die Schlagzeile ganz vorne "Dramatischer Wettlauf um den Corona-Impfstoff". Frau Professor Addo, wie hart ist tatsächlich der internationale Wettlauf um die Entwicklung eines Impfstoffes?

Addo: Ich sagte ja schon, es sind sehr, sehr viele Konsortien unterwegs. Meine Wahrnehmung ist, dass für den wissenschaftlichen Aspekt kein großer Konkurrenzkampf ist und dass man versucht, da einen Wettbewerb zu entwickeln. Aber was, glaube ich, natürlich immer limitierend ist: Sie wissen, dass in der Welt nicht genug Herstellungskapazitäten momentan zur Verfügung stehen. Auch wenn wir einen Impfstoff gefunden haben, der wirkt, dann muss der ja zu großen Mengen hergestellt werden, und diese Herstellungskapazitäten, das ist ein bisschen ein Ressourcenkampf, der geführt wird. Aber der wird auf einer anderen Ebene geführt und es ist wichtig, dass man sich damit beschäftigt und dass man versucht, eine faire Verteilung der Herstellungskapazitäten, aber auch später eine faire Verteilung des Impfstoffs zu gewährleisten.

Heinlein: In der Wissenschaft, so verstehe ich Sie richtig, gibt es keine so harte Konkurrenz, sondern eher eine gegenseitige Befruchtung. Aber dennoch für die Pharma-Unternehmen ist der Corona-Impfstoff ja ein riesen-, ein Milliarden-Geschäft.

Addo: Das muss sich zeigen. Momentan gehen die Entwickler natürlich große Risiken ein, weil es werden Herstellungskapazitäten quasi schon freigemacht für Konstrukte, wo man nicht weiß, ob die überhaupt jemals wirken, oder ob sie nicht vielleicht doch nicht verträglich sind. Sicherlich ist die Perzeption, dass es ein großer Markt sein wird, wenn die Welt tatsächlich versorgt werden muss, aber bis dahin ist noch ein weiter Weg. Wir wissen noch nicht, ob wir das Produkt haben, und insofern ist der Weg auch für die Pharmaindustrie meiner Meinung nach momentan mit vielen Risiken auch behaftet.

"Arbeiten so gut und so schnell, wie es geht"

Heinlein: Spüren Sie den Druck als Wissenschaftlerin, die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und der Politik, es muss jetzt rasch gehen bei der Entwicklung eines Impfstoffes?

Addo: Ja, den Druck und diese Aufmerksamkeit, den spürt man natürlich schon. Damals war das bei Ebola ähnlich. Ich finde es jetzt vielleicht noch ein bisschen intensiver, weil damals Ebola ja nicht Deutschland betroffen hat. Aber genauso wie damals fokussieren wir uns eigentlich im Team und mit den Kollegen auf die Arbeit. Wir arbeiten so gut und so schnell, wie es geht, und darauf fokussieren wir uns.

Addo: Lockerung der Maßnahmen sind richtig

Heinlein: Aber die Beschränkungen durch die Politik werden jetzt gelockert, obwohl noch kein Impfstoff zur Verfügung steht. Halten Sie diese Entscheidung der Politik für richtig, oder macht Ihnen das Magenschmerzen als Wissenschaftlerin?

Addo: Nein! Ich halte das für richtig. Wir haben ja beobachtet, wie sich die Infektionszahlen entwickeln, und das derzeitige Infektionsgeschehen gibt das genauso her, dass wir jetzt Maßnahmen lockern können. Wir haben ja auch die "erste Welle" ohne Impfstoff gemeistert und auch weitere Situationen werden wir, glaube ich, auch jetzt noch besser bewältigen können, weil wir mehr testen, weil wir den Feind jetzt schon ein bisschen besser kennengelernt haben. Auch so müssen wir auch mit Impfstoff – wir wissen ja gar nicht, wie gut der Impfstoff am Ende sein wird – weiter an Therapien arbeiten, das Testen aufrecht erhalten. Momentan müssen die Bürger auch noch die Maßnahmen, die bestehen, weiter umsetzen. Das ist, glaube ich, wichtig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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