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StartseiteKommentare und Themen der WocheVom Mangel zum Makel28.02.2021

Corona-Impfstoff von AstraZenecaVom Mangel zum Makel

Noch im Januar wurde über Lieferschwierigkeiten von AstraZeneca debattiert, nun lagern über eine Million Dosen ungenutzt in den Depots. Die Länder werden ihre Impfverordnungen anpassen müssen, kommentiert Nadine Lindner. Vertrauen und Geduld der Bürger dürften nicht überstrapaziert werden.

Ein Kommentar von Nadine Lindner

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Ein Flaschchen des Covid-19-Impfstoffes von AstraZeneca wird aus der Verpackung genommen. Madrid, 27.02.2021. (IMAGO / PA Images / Isabel Infantes)
Wirksamer Impfstoff mit schlechtem Ruf: das Covid-19-Vakzin von AstraZeneca (IMAGO / PA Images / Isabel Infantes)
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Beobachter haben die aktuelle Situation rund um die Corona-Impfstofflieferungen mit einer Flasche Ketchup beschrieben. Erst kommt gar nichts und dann alles auf einmal.

Das Beispiel soll angesichts von mehreren Zehntausend Toten und vielen Erkrankten in Deutschland nicht zu banal oder vereinfachend klingen. Aber es veranschaulicht das Dilemma rund um das Impfen vielleicht doch ganz gut. Denn in beiden Fällen gibt es einen Punkt, an dem Dinge sehr schnell umschlagen können. Zuerst kommt fast nichts - dann alles auf einmal. Und beides bringt Probleme mit sich.

Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage 

In der Bewältigung der Corona-Pandemie zeigt sich immer wieder mit welcher Geschwindigkeit sich Umstände verändern können. Das war unter anderem bei den steigenden Infektionszahlen im Herbst der Fall. Nun kommt es wieder beim Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage von Impfstoffen, speziell bei AstraZeneca.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)AstraZeneca-Impfstoff - Was über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist 
Der Impfstoff von AstraZeneca steht in der Kritik. Menschen lassen sich nicht impfen, obwohl sie an der Reihe wären. Sie fürchten, dass der Impfstoff sie nicht ausreichend schützt. Warum das ein Irrtum ist.

Erst gab es mehr Nachfrage, jetzt überraschend schnell mehr Angebot. Die Arbeitsteilung bleibt vorerst: Der Bund kümmert sich um die Beschaffung der Impfstoffe, die Länder sind für die Organisation der Zentren und die Terminvergabe zuständig. Bund und Länder erleben nun wie schnell sich die Dinge ändern können – wie schnell es vom Mangel zum Makel kommen kann.

Länder müssen Impfverordnungen anpassen

Noch im Januar wurden heftige Debatten über die Bestellpolitik der Europäischen Union und die Lieferschwierigkeiten von AstraZeneca geführt, nun – ziemlich genau einen Monat später – lagern über eine Million Dosen noch ungenutzt in den Depots der Länder. Davon sind nur einige als Reserve für die Zweitimpfung gedacht, ein anderer Teil muss noch an die örtlichen Impfzentren weiterverteilt werden. Doch einige werden von Impfberechtigten verschmäht. 

Impfzentrum Schönefeld, 15.02.2021: Impfung mit Covid19 Biontech-Pfizer-Impfstoff im Impfzentrums im Terminal 5 des BER Flughafens Schönefeld Brandenburg Deutschland (IMAGO / Jochen Eckel) (IMAGO / Jochen Eckel)Seltenen Impfrisiken auf der Spur 
Weltweit werden Milliarden von Menschen gegen das Coronavirus geimpft. Sind den Zulassungsstudien möglicherweise extrem seltene Nebenwirkungen durchgerutscht? Was tun die Behörden, um sie zu entdecken – wenn es sie denn gibt?

Was bleibt nun zu tun? Flexibel und pragmatisch in den Entscheidungen bleiben und diese gut kommunizieren. Die Länder werden – am besten mit einer Absprache, die auch hält - ihre Impfverordnungen anpassen müssen. Und das sicherlich nicht nur dieses eine Mal. Es ist gut möglich, dass in wenigen Wochen oder Monaten erneut nachgesteuert werden muss.

Für eine völlige Aufhebung der Impfreihenfolge bei AstraZeneca, so wie sie dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder vorschwebt, ist es jetzt aber noch zu früh. Denn allein die ersten drei Prioritätengruppen umfassen laut RKI gut 20 Millionen Menschen.

Vertrauen der Bürger nicht verspielen

Doch die Betonung liegt auf jetzt; die strenge Reglementierung kann in wenigen Wochen obsolet sein, zumindest bei AstraZeneca, der trotz aller Experten-Beteuerungen Akzeptanzprobleme hat. Die Länder müssen jetzt ihre Impfverordnungen anpassen und die Vergabe lockern, flexibilisieren, aber nicht chaotisieren.

Ein Blick nach Baden-Württemberg zeigt, wie es nicht laufen sollte. Dort beklagt die Opposition, dass in den vergangenen Tagen so viele unterschiedliche Dokumente zur Impfpriorisierung kursierten, dass noch nicht mal die Mitarbeiter der Telefon-Hotlines auskunftsfähig waren.

Vertrauen und Geduld der Bürger sind zwei sehr kostbare Güter, sie sollten bei der Impfpriorisierung nicht überstrapaziert werden, zumal in Zeiten, in denen die Nerven bei vielen ohnehin blank liegen.

Nadine Lindner, Deutschlandradio Hauptstadtstudio, Juli 2019 (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner - Dlf-Korrespondentin im Hauptstadtstudio Berlin (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Nadine Lindner, Jahrgang 1980, studierte Politikwissenschaft, Afrikanistik und Journalistik in Leipzig und Lissabon. Nach Stationen beim Ausbildungssender der Universität Leipzig mephisto 97.6, der "FAZ" und dem MDR folgte ein Volontariat beim Deutschlandradio. Von 2013 bis 2015 war sie Landeskorrespondentin im Studio Sachsen. Heute arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio und ist für die AfD sowie für die Verkehrspolitik zuständig.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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