Kommentare und Themen der Woche 09.11.2020

Corona-Impfstoff von Biontech Noch viele Unklarheiten bei der WirksamkeitVon Michael Lange

Beitrag hören Illustration eines Impfstoffs gegen Covid-19, der von Pfizer und dem Mainzer Unternehmen Biontech entwickelt wird. (Pictura alliance: PIXSELL)Unklar sei auch, wie der Impfstoff bei älteren Menschen und bei den sogenannten Risikogruppen wirke, so Michael Lange (Pictura alliance: PIXSELL)

Angeblich 90 Prozent Wirksamkeit und das bei einer Gruppe von mehr als 40.000 Probanden: Der Impfstoff von Biontech könnte ein Erfolg werden, kommentiert Michael Lange – und warnt zugleich vor verfrühter Euphorie. Beispielsweise wisse noch niemand, wie lange der Impfstoff-Kandidat schütze.

Pharmakonzerne und Biotechnologie-Unternehmen jubeln gerne, wenn es um die Präsentation neuer Produkte geht. Aber noch nie schlugen die Wellen so hoch, wie derzeit bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Covid-19. Sorgt die Corona-Pandemie sonst nur für Negativschlagzeilen, so sind die Impfstoffentwickler jetzt die großen die Heilsbringer. Wie Ritter in schimmernder Rüstung stellen sie sich dem bösen Virus entgegen. Alle Welt wartet auf ihre Erfolge.

Ein Patient erhält in den USA eine Injektion eines COVID-19- Impfstoffes (AFP / Chandan Khanna) (AFP / Chandan Khanna)Gesundheit und Gewinne - Das Rennen um den Corona-Impfstoff 
Mehr als 200 Firmen forschen weltweit an einem Impfstoff gegen COVID-19. Die Fortschritte bei der Entwicklung einer Impfung haben längst auch eine geopolitische Dimension erreicht.

Bislang waren die Jubelmeldungen meist unbegründet. Sie trieben die Börsenkurse in die Höhe, mehr nicht. Aber diesmal scheint es anders. Eine Pressemitteilung des Mainzer Unternehmens Biontech spricht von einer Wirksamkeit eines Impfkandidaten von 90 Prozent. Viele Fachleute hatten nicht damit gerechnet. Vorsichtig warnten sie, dass eine Wirksamkeit von 70 Prozent schon als Erfolg zu betrachten sei.

Unklar: Schützt der Impfstoff auch Menschen aus der Risikogruppe?

Und jetzt: 90 Prozent und das bei einer großen Gruppe von mehr als 40.000 Probanden – wie es aussieht bei vertretbaren Nebenwirkungen. Wenn sich das bestätigt, ist das ein Erfolg.

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Rolf Hömke vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen zeigte sich Angesichts des Impfstoff-Erfolges von Biontech und Pfitzer im Dlf erleichtert. Es gebe zudem auch andere Firmen, die ähnlich weit seien.

Da vergisst man gern das Kleingedruckte. Noch weiß niemand, wie lange der Impfstoff schützt. Die Daten sind noch frisch und stammen aus den ersten Wochen nach der Impfung. Ein guter Impfstoff sollte wenigstens ein Jahr schützen. Ob das so ist, lässt sich nicht sicher sagen, bevor der Impfstoff ein Jahr im Einsatz ist.

Auch ist unklar, wie der Impfstoff bei älteren Menschen wirkt und bei den sogenannten Risikogruppen mit Vorerkrankungen. Werden auch sie geschützt? Müssen sie Nebenwirkungen fürchten? Hier fehlen Informationen. Dabei sollten doch gerade die Älteren und besonders COVID-19-gefährdeten Personen zuerst geimpft werden. So hat es eine Expertengruppe aus Deutschem Ethikrat, Ständiger Impfkommission und Wissenschaftsakademie Leopoldina empfohlen. Denn eines ist klar: Nicht alle bekommen den ersehnten Impfstoff sofort. 

Eine Spritze steckt in einem Fläschchen mit der Aufschrift "Coronavirus-Impfstoff" und (picture alliance / Igor Golovniov) (picture alliance / Igor Golovniov)Warum es so lange dauert, einen Impfstoff zu entwickeln
Die Entwicklung eines Impfstoffs ist ein komplexer, langwieriger Prozess. Unter dem Druck der aktuellen COVID-19-Pandemie soll nun alles etwas schneller gehen.

Weitere Forschungen sind dringend notwendig. Die Erfolgsmeldungen der Firmen müssen von den Zulassungsbehörden sorgfältig und unabhängig überprüft werden. Dann könnte es sein, dass noch in diesem Jahr die Zulassung erfolgen wird, und nächstes Jahr könnten die ersten Impfstoffe zur Verfügung stehen. Das Mainzer Unternehmens Biontech hat gute Chancen, dabei zu sein.

Die Nachricht von heute stimmt jedenfalls optimistisch. Aber sie ist kein Grund, die Vorsichtsmaßnahmen zu lockern. Sie bietet die Aussicht auf mögliche Verbesserungen im nächsten Jahr. Darauf dürfen wir hoffen, aber wir dürfen uns darauf nicht verlassen. Es wird Monate dauern bis die Mehrheit der Bevölkerung einen wirksamen Impfstoff erhält. Und dann beginnt ein neues Kapitel im Kampf gegen das Virus.

Intensivstation, Pflegepersonal, Pflegekraft, Intensivpflege, Corona, Covid-19, Krankenhaus (dpa) (dpa)Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer: Noch viele offene Fragen
Das Zwischenergebnis der Impfstoff-Studie von Biontech und Pfizer klinge "fantastisch", sagte der Virologe Herbert Pfister im Dlf. Es gebe aber noch einige offen Fragen. Das gilt auch für mögliche Impfszenarien.

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