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StartseiteThemaImpfrisiken im Faktencheck22.01.2021

Corona-ImpfstoffeImpfrisiken im Faktencheck

Die Europäische Arzneimittelaufsicht EMA hat grünes Licht für den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer gegeben. Die Nebenwirkungen seien gering im Vergleich zu den Vorteilen. Welche Nebenwirkungen sind bekannt und was sollten Betroffene tun? Und wie überwacht die EMA den Impfprozess? Ein Überblick.

RNA, Illustration (imago images / Science Photo Library)
Erste Corona-Impfstoffe funktionieren über sogenannte Messenger-RNA, Bruchteile von Viruserbgut (imago images / Science Photo Library)
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Am 27. Dezember 2020 haben auch in Deutschland die Impfungen begonnen. Wer wann geimpft werden darf, steht fest, doch manch einer zweifelt: Wie steht es um Nebenwirkungen?

Manche Unsicherheiten kommen auch daher, dass einige der bisher entwickelten Impfstoffe mit einer neuen Technologie arbeiten, mit Messenger-RNA (Boten-Genmaterial), also mit Teilen von Virus-Erbgut. Der Körper wird dazu gebracht, selbst Virusproteine herzustellen. Mit ihrer Hilfe erlernt das Immunsystem eine Immunantwort, ohne den Verheerungen einer Viruserkrankung ausgesetzt zu sein. Viele klassische Impfstoffe funktionieren dagegen über eine Injektion abgeschwächter Erreger(-teile). 

Virus-Erbgut im Körper – manche Menschen verunsichert diese Vorstellung. Auch wenn es keine Hinweise darauf gibt, dass das menschliche Erbgut dadurch verändert wird. Wir geben den Überblick zum Stand der Wissenschaft.


Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

In den klinischen Phase-3-Studien traten bei sehr vielen Menschen Schmerzen an der Einstichstelle auf. Sehr viele Menschen heißt in diesem Fall 66 bis 83 Prozent der Teilnehmenden. Auch Müdigkeit und Kopfschmerzen waren recht häufig ebenso wie Schüttelfrost oder Muskelschmerzen. Und auch mit Fieber muss man rechnen, dies trat bei elf Prozent der Älteren und 16 Prozent der jüngeren Impflinge auf. Das sind alles Nebenwirkungen, die bei anderen Impfungen auch vorkommen. Das ist also normal.

Wichtig zu wissen: Einige der nun entwickeltende Impfstoffe müssen zweifach gespritzt werden, um wirkungsvoll zu helfen. Wer lediglich normale Nebenwirkungen hat, sollte sich auch die zweite Impfung abholen. Ohne diese Auffrischung ist der Impfschutz nicht gewährleistet. Wer hier unsicher ist, sollte aber natürlich ärztlichen Rat suchen.

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer. Eine Krankenschwester im UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, zieht die Subsatnz aus einem Gläschen in eine Spritze. Zu sehen ist nur ihre mit einem blauen Handschuh geschützte Hand. (dpa/AP/Hector Amezcua) (dpa/AP/Hector Amezcua)Was Sie über die Corona-Impfung in Deutschland wissen müssen
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Was sollte man bei ungewöhnlichen Nebenwirkungen tun?

Ungewöhnliche Nebenwirkungen sollte man seinem Hausarzt melden. Als ungewöhnlich gelten hier alle Nebenwirkungen, die bei der Impfung normalerweise nicht auftreten. Die Meldung beim Hausarzt ist wichtig, denn dieser gibt die Information an das Paul-Ehrlich-Institut weiter. Dort werden sie dann systematisch erfasst und bewertet.

Bewertet heißt: es werden auch die Vorerkrankungen des Impflings analysiert und geschaut, ob es hier möglicherweise einen Zusammenhang gibt. Also wenn jemand unter Bluthochdruck leidet und kurz nach einer Impfung eine Komplikation auftritt, die das Herz-Kreislauf-System betrifft, dann wäre die Bewertung eine andere, als wenn das bei einer Person ohne Vorerkrankung auftritt.

Das Paul-Ehrlich-Institut gibt dann all diese Informationen an die Europäische Arzneimittelaufsicht EMA. Und bei der EMA laufen dann aus ganz Europa Daten ein, die in einer zentralen Datenbank gesammelt werden. Und falls es bei bestimmten Gesundheitsbeschwerden tatsächlich einen statistisch signifikanten Zusammenhang zur Impfung gibt, würden diese Nebenwirkungen dadurch sehr schnell erfasst.

Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit, Nebenwirkungen über ein Online-Portal zu melden. Unter: https://nebenwirkungen.bund.de

Welche seltenen Nebenwirkungen sind denkbar?

Bislang gibt es keine Erfahrungen mit mRNA-Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten. Der Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von der Berliner Charité sagt, dass Autoimmunreaktionen des Körpers bei Impfungen grundsätzlich ein Problem sein können – solche Nebenwirkungen sind aber äußerst selten. Autoimmunreaktionen sind quasi Angriffe des Immunsystems gegen körpereigene Strukturen; der Körper greift sich selbst an, weil er körpereigene Strukturen für Fremdkörper hält, die er bekämpfen muss.

Vorhersagen kann man solche Reaktionen leider nicht. Das liegt eben genau daran, dass sie so selten auftreten. Erst durch klinische Studien mit sehr vielen Teilnehmern und sehr langen Beobachtungszeiträumen kann man Zusammenhänge herausfinden.

Bei der Schweinegrippe hat der Impfstoff Pandemrix bei Menschen mit einem sehr speziellen genetischen Merkmal zu Narkolepsie geführt, einer Art Schlafkrankheit. Bei etwa 60 Millionen weltweit verabreichten Impfstoffdosen gab es etwa 1.300 Fälle, in denen Menschen eine Narkolepsie entwickelt haben.

Das heißt, selbst wenn man 100.000 Menschen vorher getestet hätte, wäre diese Nebenwirkung möglicherweise nicht aufgefallen. Sie trat zudem zeitversetzt auf. Manche Menschen haben erst Jahre später einen Zusammenhang zwischen ihrer Müdigkeit und der Impfung hergestellt. 

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Autoimmunreaktionen können auftreten, wenn bestimmte Virusproteine oder auch Bestandteile in bestimmten Impfstoffen zufällig eine sehr ähnliche molekulare Struktur haben wie ein körpereigener Rezeptor oder Ähnliches. Wenn jemand mit solchen ähnlichen Eiweißen geimpft wird, kann es passieren, dass das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen scharfgemacht wird. Der Körper greift dann nicht nur das Virus, sondern auch sich selber an. Das will man natürlich unbedingt vermeiden.

mRNA-Impfstoffe sind hier aber nicht per se gefährlicher als beispielsweise Impfungen, bei denen Virusproteine oder abgestorbene Viren verabreicht werden. Autoimmunreaktionen können ganz allgemein bei Impfungen nicht ganz ausgeschlossen werden. Aber auch bei Virusinfektionen selbst können sie vorkommen.

Wie würde über neue Nebenwirkungen informiert?

Zunächst mal würde die EMA, also die Europäische Arzneimittelbehörde mit den Herstellern kommunizieren. Die Hersteller wiederum verschicken dann so genannte "Rote-Hand-Briefe" an Ärzte. Das sind Dringlichkeits-Briefe, in denen Ärzte und Patienten vor bestimmten Nebenwirkungen gewarnt werden.

Gleichzeitig würden diese Informationen auch auf der Homepage des Paul-Ehrlich Instituts veröffentlicht und auch auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Und natürlich würden auch die Medien die Öffentlichkeit unverzüglich über solche Zusammenhänge informieren.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Dass Nebenwirkungen nicht kommuniziert oder übersehen werden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Denn Impfstoffe und deren Hersteller standen wohl noch nie unter derart genauer Beobachtung.

Gleichzeitig laufen zudem auch die klinischen Studien weiter. Also die Probanden, die im Rahmen der Wirksamkeitsprüfung geimpft wurden, werden natürlich weiter beobachtet. Und sollten hier zeitverzögert Komplikationen auftreten, die auf die Impfung zurückgeführt werden können, werden diese Informationen sofort weitergegeben.

Landet die RNA aus dem Corona-Impfstoff in unserem Erbgut?

Nein. Die mRNA enthält nur die Bauanleitung für bestimmte Viruseiweiße. Die Körperzellen nutzen diese Vorlage dann, um Virusproteine herzustellen. Die mRNA gelangt gar nicht erst in den Zellkern, wo die Erbsubstanz der Körperzellen liegt. Der Zellkern ist durch eine eigene Membran von der Zelle abgetrennt. Diese kann die mRNA nicht von sich aus durchdringen.

Die Zellen des menschlichen Körpers können eine mRNA nicht in eine DNA umwandeln. Bestimmte Viren können das zwar, aber dem menschlichen Körper fehlen die Enzyme, die dazu nötig wären. Mehrere Forscher sagen, es ist ausgeschlossen, dass sich die bei der Impfung verabreichte RNA in das menschliche Erbgut einbauen könnte.

Im Vordergrund ist eine Spritze zu sehen, die mit einer Flüssigkeit zum Teil gefüllt ist und ein Tropfen hängt an der Nadelspitze. Im unscharfen Hintergrund stehen mehrere Ampullen. (imago images / Thomas Imo/ photothek.net) (imago images / Thomas Imo/ photothek.net)Impfrisiken durch mRNA im Faktencheck
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Könnte die gespritzte mRNA andere Zellen beeinflussen?

Auch das halten Forscher für ausgeschlossen. Das passiert mit körpereigener mRNA im Übrigen auch nicht. Der Körper produziert ständig mRNA für jedes Protein, das er gerade braucht. Diese Bauanleitungen werden von den Zellen dann relativ schnell wieder abgebaut.

Das passiert auch mit den mRNA-Molekülen, die bei einer Impfung gegeben werden. Diese sind ziemlich instabil. Das ist wohl auch der Grund, warum diese Impfstoffe bei sehr tiefen Temperaturen gelagert werden müssen. Der Impfstoff der Firma Biontech beispielsweise muss bei minus 70 Grad Celsius gelagert werden.

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Wie viele Menschen wären aktuell bereit, sich impfen zu lassen?

Die Zahl ist in den vergangenen Monaten etwas gesunken, auf derzeit 49 Prozent. Und die Untersuchung, aus der dieser Wert hervorgeht, zeigt auch, dass bei vielen Menschen immer noch eine große Unsicherheit existiert, beispielsweise über die Sicherheit der neuen mRNA-Methode. Experten schätzen, dass erst bei einer Schutzquote von bis zu 70 Prozent eine Herdenimmunität gegeben wäre.

Herdenimmunität wäre aber natürlich nur erreichbar, wenn Menschen nach der Impfung nicht mehr infektiös wären. Das gilt als sehr wahrscheinlich, ist aber noch nicht wissenschaftlich abgesichert. Die Aufnahme und Weitergabe von Viren werde aber deutlich reduziert, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Über die zunehmende Zahl an geimpften Menschen, dürfte diese Frage bald zu beantworten sein.

Gibt es mittlerweile ein klareres Bild über Häufung und Ausmaß von Nebenwirkungen?

Beim Paul-Ehrlich-Institut können Ärzte aber auch geimpfte Personen alles mitteilen, was ihnen nach der Impfung an Beschwerden auffällt. Bis zum 10. Januar 2021 gab es 325 Verdachtsmeldungen. Das meiste war zu erwarten: Kopfweh, Schmerzen an der Einstichstelle, Fieber. Die Impfung ist hier heftiger als etwa die Grippeimpfung. Aber diese akuten Symptome verschwinden schnell wieder. Sieben Todesfälle in den Stunden und Tagen nach einer Impfung wurden gemeldet. Wenn man sich die Altersstruktur der Geimpften anguckt, lag das im üblichen Rahmen und hat nichts mit der Impfung zu tun.

Das gilt auch für die meisten anderen schwerwiegenden Reaktionen. Ausnahme: der anaphylaktischen Schock. Da gibt es bislang sechs Fälle, etwa einer pro 100.000 Impfungen. Das entspricht den internationalen Erfahrungen. Deshalb sollen die geimpften Personen ja noch 15, 30 Minuten unter Beobachtung stehen, damit die Ärzte eingreifen können. Unterm Strich sehen die Experten bislang keine besorgniserregenden Befunde. Die Erfahrungen zeigen: Die Meldungen funktionieren.

Eine App, die immer wieder aktiv nach Beschwerden fragt, wird schon von 13.000 Geimpften verwendet. Also wenn es problematische Nebenwirkungen geben sollten, fällt das schnell auf. Aktuell spricht aber alles für die Impfung.

Quellen: Christine Westerhaus/Christiane Knoll/Ralf Krauter/ Volkart Wildermuth

(Anmerkung der Redaktion: Die Autorin hat für diesen Beitrag mit Prof. Leif Erik Sander von der Charité in Berlin und Prof. Carlos Guzman vom HZI in Braunschweig gesprochen und zahlreiche weitere Quellen ausgewertet.)

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