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StartseiteKommentare und Themen der WocheMal wieder: Familien zuletzt27.05.2021

Corona-ImpfstrategieMal wieder: Familien zuletzt

Die Debatte über das Impfen von Kinder und Jugendlichen zeigt einmal mehr: Die Familien stehen nicht im Fokus der Pandemie-Politik, kommentiert Sina Fröhndrich. Vor dem Kinderimpfen sollte es um das Elternimpfen gehen. Denn so könnten alle besser geschützt werden - auch die unter Zwölfjährigen.

Ein Kommentar von Sina Fröhndrich

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ILLUSTRATION - Ein kleines Maedchen geht am 17.07.2020 in Weyhe mit ihrer Mutter und ihrer Oma spazieren (gestellte Szene). Foto: Christin Klose (picture alliance / dpa-tmn / Christin Klose)
Kinder durch Impfung zu schützen, ist nur eine Möglichkeit, gibt Sina Fröhndrich zu bedenken. Man könnte das Risiko einer Ansteckung auch durch die Kokon-Strategie reduzieren. (picture alliance / dpa-tmn / Christin Klose)
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Jetzt soll es also auch für Kinder und Jugendliche endlich losgehen – schon im Juni, mit dem Ende der Priorisierung, könnten die ersten von ihnen geimpft werden.

Fast gewinnt man den Eindruck: Endlich geht es in dieser Pandemie wirklich um die Jüngeren. Doch der Eindruck täuscht. Denn zum einen sind sich auch Bund und Länder im Klaren darüber, dass es eher unwahrscheinlich ist, dass bereits kurzfristig, also wirklich schon im Juni, Termine verfügbar sein werden für Kinder und Jugendliche.

Und zum anderen fällt eine Altersgruppe im Moment völlig unter den Tisch: Die unter Zwölfjährigen, Kanzlerin Merkel erwähnte sie zwar nach dem Bund-Länder-Treffen – und verwies auf den noch fehlenden Impfstoff für die Kleinsten. Doch, wie sie trotzdem geschützt werden könnten, das ließ die Kanzlerin offen.

Dabei gibt es längst eine Strategie, um alle Kinder zu schützen – trotz fehlenden Impfstoffs: Es ist der Weg über die Eltern. Je besser die Eltern geschützt sind, desto höher ist auch der Schutz der Kinder.

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Der Virologe Christian Drosten verwies kürzlich auf Erkenntnisse aus Großbritannien: Auch dank Erwachsenenimpfung und Testung in den Schulen infizierten sich dort im Frühjahr weit weniger Kinder als noch im Spätherbst. Sein Fazit: "Die Impfung der Erwachsenen könnte den Ping-Pong-Effekt zwischen Schulen und Haushalten unterbrechen."

Kontaktpersonen impfen

Doch in Deutschland spielen wir lieber weiter Ping-Pong: Bildungsministerin Anja Karliczek* denkt sogar darüber nach, Kinder gemeinsam in der Schule zu impfen. Super Idee: vielleicht in der Aula? Auf dem Schulhof? Impfung als Happening – ohne Begleitung, ohne die Eltern. Es ist wenig empathisch, vor allem Jüngere allein zu lassen. Wer das vorschlägt, nimmt Kinder und Familien nicht ernst.

Da hätte sich Karliczek eher für die Kokon-Strategie einsetzen sollen, die auch die jüngst zurückgetretene Familienministerin Franziska Giffey schon auf dem Schirm hatte.

Dieses Prinzip wird längst angewandt: Schwangere wurden geschützt, indem Kontaktpersonen geimpft wurden. Gepflegte wurden geschützt, indem pflegende Angehörige priorisiert wurden. Diese Strategie sollte auch bei Familien verfolgt werden. Statt über Kinderimpfung zu diskutieren, brauchen Mütter und Väter endlich ein Impfangebot – natürlich erst, wenn Menschen mit Risiko eines hatten.

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Um auch das klar zu sagen: Natürlich sollte es ein Impfangebot für Kinder geben, wenn ein Impfstoff zugelassen und nachweislich sicher ist. Doch vor dem Kinderimpfen sollte es um das Elternimpfen gehen. Eltern sind schon wegen ihres Alters gefährdeter. Werden sie geimpft, schützt das nicht nur sie, sondern auch ihre Kinder. Denn wenn Kinder von geimpften Erwachsenen umgeben sind, sind sie sicher wie in einem Kokon - und zwar alle Kinder.

Fokus auf Familien

Der Fokus muss sich auf die Familien richten - auf Mütter und Väter, die noch nicht geimpft sind – auch deswegen, weil Eltern systemrelevant sind. Denn wenn sie, wenn sich Alleinerziehende infizieren und krankheitsbedingt ausfallen, wer übernimmt dann? Das Jugendamt?

German Health Minister Jens Spahn arrives for the weekly cabinet meeting of the German government at the chancellery in Berlin, Germany, Wednesday, May 26, 2021. (AP Photo/Markus Schreiber, Pool) (picture alliance / AP / Markus Schreiber) (picture alliance / AP / Markus Schreiber)Spahn macht es sich zu einfach
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Aber: Die Systemrelevanz von Müttern und Vätern, ihre Care-Arbeit, hat keinen Preis, sie ist zwar unverzichtbar, aber monetär wertlos, nicht abgebildet im Bruttoinlandsprodukt – und deswegen auch nicht sichtbar.

Und so zeigt die Debatte über das Impfen von Kinder und Jugendlichen eines deutlich: Nicht Familien zuerst, sondern Familien – mal wieder - zuletzt.

Sina Fröhndrich, Dlf-Wirtschaftsredakteurin (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Redakteurin in der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Vor ihrem Volontariat beim Deutschlandradio hat sie beim Lokalradio der Universität Leipzig mephisto 97.6, MDR Info, MDR Sputnik und DRadio Wissen gearbeitet.

*) Korrekturhinweis: Wir haben in der schriftlichen Fassung die Ressortbezeichnung von Anja Karliczek korrigiert. In der Radiofassung ist uns ein redaktionelles Versehen unterlaufen. 

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