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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Krise mit vier Ebenen15.10.2020

Corona in DeutschlandEine Krise mit vier Ebenen

Als wankelmütigste Größe in der Bewältigung der Pandemie habe sich die Bevölkerung erwiesen, kommentiert Stephan Detjen. Die Erfolge im Frühjahr und der Geldregen aus den Hilfspaketen haben im Sommer für zu viel Partylaune gesorgt. Jetzt kommen der Kater und der dunkle Winter. Das wird der eigentliche Test.

Von Stephan Detjen

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Im Bild Menschen in der Hohe Straße, in Köln, wo aufgrund des engen Abstandes zwischen den Passanten Maskenpflicht gilt. (imago images)
Wer meint, vor allem Politiker stünden nun auf dem Prüfstand, gebe sich einer bequemen Illusion hin, kommentiert Stephan Detjen (imago images)
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Der Umgang mit der Pandemie spielt sich auf vier Ebenen ab, die in unterschiedlicher Weise ihre jeweiligen Stärken und Schwächen zeigen. Die erste und bedeutsamste Ebene ist nach wie vor das Gesundheitswesen von Hausärzten über Laboratorien und Ämter bis hin zur Intensivmedizin in den Krankenhäusern. Von Beginn an war Deutschland hier besser aufgestellt als die meisten anderen Länder weltweit. Das System ist in den vergangenen Monaten technisch und personell weiter gestärkt worden. Dass aber trotz Unterstützung durch Soldaten der Bundeswehr die Gesundheitsämter an die Grenze ihrer Nachverfolgungskapazitäten kommen, ist jetzt eines der beunruhigendsten Alarmsignale. Es lenkt den Blick auf die zweite, die politische Ebene.

Blick in den Flur einer Intensivstation. An der Eingangstür hängt ein STOP-Schild. (dpa/ Sebastian Kahnert) (dpa/ Sebastian Kahnert) Intensivmediziner zu Corona-Maßnahmen - "Es wird ein sehr spannender Winter"
Eine nationale Corona-Strategie sei wichtig, sagte Uwe Janssens, Präsident der Vereinigung der Deutschen Intensivmediziner, im Dlf. Über die bisherige "sektorale Vorgehensweise" seien er und andere Mediziner unglücklich gewesen. Das Virus habe, wenn es auf die Intensivstation gelange, "nach wie vor seinen Schrecken".

Bei aller notorischen Kritik darf man auch mit Blick darauf einmal anmerken, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern politisch solide aufgestellt ist. Weder im Bund, noch in Ländern oder Kommunen sitzen irre Populisten oder skrupellose Autokraten in Regierungen und Rathäusern. Dennoch entstand gleich im Frühjahr der Eindruck, dass vor allem Ministerpräsidenten die Stunde der Not ausnutzen, um sich persönlich in Szene zu setzen. Das blieb indes nicht die alles andere überlagernde Wahrnehmung. Im Gegenteil: der Politik wurde in den letzten Monaten ein wachsendes Vertrauen entgegengebracht. Fundamentalopposition oder gar populistische Realitätsverweigerung haben sich nicht ausgezahlt. Die Corona-Demonstrationen im Sommer aber haben einen Eindruck davon vermittelt, welche destruktiven Dynamiken auch hierzulande schnell entstehen können.

Nicht nur politische, sondern auch rechtliche Rahmenbedingungen klaffen auseinander

Als Stärke und Schwachpunkt zugleich hat sich in dieser Krise die föderale Verfassungsordnung erwiesen. Das ist auch gestern beim Spitzentreffen im Kanzleramt wieder deutlich geworden. Einerseits erlauben dezentrale Strukturen eine feine und an örtliche Gegebenheiten angepasste Steuerung. Zugleich aber droht der Eindruck föderaler Zersplitterung und Uneinigkeit das Vertrauen in die Politik massiv zu erschüttern. Das liegt nicht einmal allein an einzelnen Akteuren. Die Ministerpräsidenten waren gestern einig in ihrer Besorgnis und den Bekundungen, entschlossen zu handeln. Aber nicht nur politische, sondern auch rechtliche Rahmenbedingungen klaffen zwischen den Ländern auseinander. Das spiegelte sich auch heute wieder in Gerichtsurteilen, die gerade erst beschlossenen Maßnahmen wie das Beherbergungsverbot für einzelne Länder aufheben. Das befördert bundesweit Zweifel und Kritik.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
Je mehr zugleich der Handlungsdruck durch die neue Dynamik der Pandemie steigt, desto brüchiger dürfte in den nächsten Monaten die Akzeptanz der politischen Gegenmaßnahmen werden. Das ist die vierte Ebene der Krise. Als die unzuverlässigste und wankelmütigste Größe im Spiel der Kräfte hat sich die Bevölkerung erwiesen. Die schnellen Erfolge im Frühjahr, Geldregen aus gigantischen Hilfspaketen, der Sommer haben für zu viel Partylaune gesorgt. Jetzt kommen der Kater und der dunkle Winter. Das wird der eigentliche Test. Wer meint, vor allem Politiker stünden dabei auf dem Prüfstand, gibt sich der nächsten bequemen Illusion hin.

Stephan Detjen  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen (Deutschlandradio / Bettina Straub)Stephan Detjen, Chefkorrespondent von Deutschlandradio. Studierte Geschichtswissenschaft und Jura an den Universitäten München, Aix-en-Provence sowie an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer. Rechtsreferendariat in Bayern und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 beim Deutschlandradio, zunächst als rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Ab 1999 zunächst politischer Korrespondent in Berlin, dann Abteilungsleiter bei Deutschlandradio Kultur. 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunk in Köln. Seitdem Leiter des Hauptstadtstudios Berlin sowie des Studios Brüssel.

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