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StartseiteKommentare und Themen der WocheTrump hat bereits vorgesorgt04.10.2020

Corona-Infektion des US-Präsidenten Trump hat bereits vorgesorgt

US-Präsident Donald Trump wisse, dass sein schlechtes Corona-Management ihn verwundbar gemacht hat, kommentiert Marcus Pindur. Aber er und sein Wahlkampfteam hätten auf mehreren anderen Fronten vorgesorgt. Weder Trump noch die republikanische Partei müssten diese Wahl bereits verloren geben.

Von Marcus Pindur

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US-Präsident Trump geht eine Hecke entlang. Er trägt eine Maske. (Consolidated News Photos)
Trump weiß, dass das Corona-Management seine offene Flanke im Wahlkampf ist, kommentiert Marcus Pindur (Consolidated News Photos)
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Die Infektion eines amerikanischen Präsidenten mit einem gefährlichen Virus ist in jedem Fall eine aufsehenerregende Meldung. Sie ist im Falle Trumps noch aufsehenerregender weil der Präsident die Existenz und Gefährlichkeit des Coronavirus bei jeder sich bietenden Gelegenheit verleugnet oder heruntergespielt hat. Das Ganze sei ein Schwindel der Demokraten, Corona werde von selbst verschwinden, es sei nur eine leichte Grippe.

209.000 Amerikaner sind bis heute mit oder am Coronavirus gestorben. Wie viele von ihnen noch leben könnten, wenn ihr Präsident COVID-19 ernstgenommen hätte, kann man nicht sagen. Man kann aber sagen, dass die USA im Vergleich zur Einwohnerzahl circa sieben Mal mehr Tote durch die Pandemie zu beklagen haben als Deutschland.

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Die offene Flanke im Wahlkampf

Trump weiß, dass das Corona-Management seine offene Flanke im Wahlkampf ist. Und darum haben er und sein Team bis zum Schluss so getan, als sei das Virus kein echtes Problem. Wenn aber selbst der Präsident an dem Virus erkrankt, dann könnte das eine Vertrauenskrise bei den Wählern auslösen.

Das würde erklären, warum das Weiße Haus die Infektion Trumps zwei Tage zu spät bekannt gab, wenn man dem ersten Statement seines Arztes im Walter-Reed-Krankenhaus glauben schenkt. Dieses erste Statement wurde natürlich widerrufen, aber die Verheimlichungstaktik würde so nahtlos in den steten Strom von Lügen und Desinformation aus dem Weißen Haus passen, dass zumindest große Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Dementis bestehen.

Am Mittwoch absolvierte Trump einen Wahlkampf-Auftritt mit tausenden Anhängern. Am Donnerstag flog er zu einem Treffen mit republikanischen Wahlkampfspendern nach New Jersey.

Sollte all dies stattgefunden haben, obwohl Trump bereits positiv getestet worden war, dann wäre das frappierend. Das würde bedeuten, dass Trump in vollem Bewusstsein die Gesundheit seiner Umgebung auf's Spiel gesetzt hätte. Eine Verantwortungslosigkeit, die bei diesem Präsidenten nicht überrascht, aber dennoch empörend ist.

Das Bild zeigt die amerikanische Flagge, Dossier zur US-Wahl 2020  (picture alliance / Wolfram Steinberg) Alle Beiträge zu US-Wahl in unserem Dossier (picture alliance / Wolfram Steinberg)

Maßnahmen unterhalb des Radars der großen Politik

Elf Mitarbeiter und Berater, unter ihnen drei Senatoren und seine Frau Melania, sind mittlerweile positiv getestet worden. Die Veranstaltungen fanden in geschlossenen Räumen, ohne Mindestabstand und ohne Maskenpflicht statt. Trump hat es geschafft, dass die Einhaltung von Mindeststandards bei der Pandemiebekämpfung so politisiert ist, dass kaum ein bekennender Republikaner eine Mund-Nasen-Maske tragen würde.

Wegen dieser atemberaubenden politischen Polarisierung, die Trump nicht erfunden, aber stets befeuert hat, wird ihn sein Verhalten auch bei seinen eingeschworenen Anhängern keine Stimmen kosten. Man kann aber darauf hoffen, dass Wähler der Mitte, die noch erreichbar sind, ihre Schlüsse aus Trumps Corona-Komplex ziehen.

Die Trump-Kampagne selbst ist viel weiter. In vielen von Republikanern beherrschten Bundesstaaten sind praktische, legale und bürokratische Hindernisse in Kraft, die die Wahlbeteiligung traditionell demokratischer Wählergruppen nach unten drücken sollen. Die Anforderungen an den Identitätsnachweis der Wähler wurden erhöht. Die Zahl der offiziellen Briefkästen zur Abgabe von Briefwahlunterlagen wurde verringert. In traditionell demokratischen Bezirken wurde die Zahl der Wahllokale verringert. Alles Maßnahmen unterhalb des Radars der großen Politik. Die Briefwahl, die von vielen Millionen Amerikanern wegen Corona genutzt werden wird, eröffnet aufgrund langer Auszählungszeiten und anderer Komplikationen die Möglichkeit von Wahlrechtsklagen. Darauf setzt Trump, deshalb auch der Versuch einer überstürzten Neubesetzung des Sitzes der verstorbenen Supreme-Court-Richterin Bader Ginsburg.

Trump weiß, dass sein schlechtes Corona-Management ihn verwundbar gemacht hat. Er hat vertuscht und verleugnet, wo immer es ging – und das ist mit seiner eigenen Infektion so offensichtlich geworden, wie es nur geht. Aber er und sein Wahlkampfteam haben auf mehreren anderen Fronten vorgesorgt. Weder Trump noch die republikanische Partei müssen diese Wahl bereits verloren geben.

Marcus Pindur, Korrespondent in Washington (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Marcus Pindur hat Geschichte, Politische Wissenschaften, Nordamerikastudien und Judaistik an der Freien Universität Berlin und der Tulane University in New Orleans studiert. Er war Stipendiat der Fulbright-Stiftung, der FU Berlin sowie des German Marshall Fund. 1997 bis 1998 arbeitete er als Politischer Referent im US-Repräsentantenhaus. Pindur war ARD-Hörfunkkorrespondent in Brüssel, bevor er 2005 zum Deutschlandradio wechselte. Von 2012 bis 2016 war er Korrespondent für Deutschlandradio in Washington, D.C. Seit Anfang 2019 ist er Deutschlandfunk-Korrespondent für Sicherheitspolitik.

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